SpreeSee-Feldzug im neuen „Volkspark“ Tempelhof


Bei Reportagen in freier Natur steht die Hinterland erprobte Chloe der Chlorophyll scheuen Maya immer zur Seite. Aber was heute der Bergidyll verwöhnten Chloe zugemutet wurde, ist schlimmer als jeder Rollator-Blues in Brandenburg.

Der neue Auftrag: Das alte Gelände des stillgelegten Flughafens Tempelhof wurde für 60 Mio. Euro für das Volk zum größten Park Berlins umgewandelt. Bitte einen Bericht zur Eröffnung!

Ich lasse Maya mal in Ruhe arbeiten und dokumentiere hier die Gegendarstellung.

11.15 Uhr S-Bahn-Haltestelle Tempelhof

Chloe fuhr direkt nach ihrer Wohnungsbesichtigung – wie mit Maya ausgemacht! – zum Schlachtfeld. Zuvor hatte sie sich noch brav über das Projekt informiert und erhoffte zumindest einem ordentlichen Protest beiwohnen zu dürfen. Der Blog „Autonome Republik Tempelhof“ hatte zur Eröffnung die “Reclaim Tempelhof! Nehmen wir uns die Stadt zurück?!” Aktion angekündigt.

Auf dem Weg zum Parkeingang stolperte Chloe noch über eine unglaubliche Werbung.

Discount-Tod !

Ihre Laune verschlechterte sich nach dieser pietätlosen Momentaufnahme von Minute zu Minute. Als sie den Park betrat, erschlug sie auf Anhieb auch noch die Trostlosigkeit der Flugfeldsteppe: Flach wie eine Flunder lagen Wiese und Asphalt vor ihr. So stelle ich mir Atomtestgelände vor…. Der erste Gedanke: „Was ist mit den 60 Millionen Euro passiert? Hier wurde nicht ein einziger Baum oder Busch gepflanzt. Die männliche Hornbrillen Boheme ätzt sich doch im Sommer auf diesem leeren Feld die Glatze wech!“ Mein zweiter Gedanke: „Ich muss sofort Maya finden. Die wollte ja seit 9 Uhr schon hier sein. Die Arme! Ob ich mir ernsthafte Sorgen machen muss? Vielleicht wurde sie bereits von einer dieser Fahrradrikschas entführt…“

Chloe ruft Maya an. Es hebt niemand ab. Chloe macht sich nun auf die verzweifelte Suche nach ihrer Genossin. An der S-Bahn-Haltestelle hatte sie netterweise gleich einen Parkplan bekommen. Um mich zu orientieren, falte ich die Karte also auf und wundere mich: „Wo bin ich nur? Warum zeigt mir kein blauer Punkt meine Position an?“ Plötzlich fällt mir ein, dass das Papier ist, was ich in meinen Händen halte, und kein Bildschirm mit GPS-Ortung. Ich halte kurz Inne und mache mir zur Abwechslung Sorgen um mich: Ist meine Wahrnehmung iPhone geschädigt?

Im Stechschritt läuft Chloe an Dritte-Titte-Spiegelreflex-Touristen vorbei, die Löwenzahn abfotografieren. An ihr sausen Rentner auf Inlinern vorbei. Das Feld ist zu weit, um es alleine zu Fuß abzustecken. Kurz bevor sich Chloe dazu entschließt, ein Fahrrad zu mieten, klingelt zum Glück ihr Handy.

Maya: „Hi.“

Chloe: „Wo steckst Du? Es ist soooo schlimm hier. Lass uns ganz schnell treffen und abhauen.“

Maya leise: „Ich bin noch zu Hause…“

Chloe entsetzt: „Das ist nicht Dein Ernst!“

Maya völlig gelassen: „Doch. Ich bin aber in einer halben Stunde da.“

Chloe verzweifelt: „Was soll ich bis dahin hier machen?“

Maya: „Ist es so schlimm?“

Chloe: „Es ist schrecklich. Die haben hier rein gar nix gestaltet! Nicht einen einzigen Baum gepflanzt!!“

Maya: „Chloe! Das kommt doch alles 2017 zur IGA!“

Chloe: „Es ist 2010! Was suche ich dann hier? Warum eröffnen die die Scheiße, wenn noch nichts fertig ist?“

Maya: „Geh ins Flughafengebäude rein und warte auf mich. Ich bin wirklich in 30 Minuten da.“

Chloe schüttelt den Kopf über Maya. Aber dieser Frau kann sie doch immer wieder alles verzeihen. Nach gefühlten drei Kilometern und an etlichen Zäunen entlang ist Chloe auf der anderen Seite im Flughafengebäude angelangt. Im Gebäude befindet sich jedoch kein Café. Also muss sie doch wieder raus in die Kälte und auf einer Bierbank auf Maya warten.

SMS Chloe an Maya: „Ich sitze direkt am Flughafengebäude bei den ekligen Fressbuden.“

SMS Maya an Chloe: „Das klingt irgendwie ein bisschen negativ…bis gleich“

SMS Chloe an Maya: „Dann lieber Brandenburg! Aber wir werden auch das hier gemeinsam schön laufen… Auf die quatschenden Reporter!“

Chloe hat Kopfschmerzen. Also beschließt sie doch noch was zu Trinken an einer dieser Fressbuden zu kaufen, um die Ibuprofen herunterschlucken zu können. Ich setze mich ganz alleine an eine Bierbank und warte und warte und warte. Derweil beobachte ich zwei Männer, die zwei Mal an mir vorbeilaufen. Plötzlich steuern sie direkt auf meinen Tisch zu und setzen sich neben mich hin.

Nachdem sie sitzen fragt der Mann mit der Kamera: „Ist hier noch frei?“

Ich werfe einen vernichtenden „Siehst Du nicht, dass ich meine Kopfhörer im Ohr habe und nicht angesprochen werden will“-Blick rüber und nicke.

Als ich Maya die Treppe zur Passkontrolle herunter laufen sehe, atme ich erleichtert auf.

Chloe: „Also wie Du das für Deine Leser schönschreiben willst, bleibt mir ein Rätsel!“

Maya: „Ganz langsam. Jetzt lass uns mal den Parkplan studieren.“

Maya und Chloe brühten über den Karten.

Sitznachbar mit Kamera: „Ach, schreibt Ihr auch?“

Chloe und Maya nicken.

Sitznachbar mit Kamera: „Dann sind wir ja Kollegen! Ich arbeite für die B.Z.“

Maya und Chloe: „Uiuiui.“

Sitznachbar mit Kamera: „Seid Ihr aus Westdeutschland?“

Chloe nickt genervt.

Sitznachbar mit Kamera: „Und wo aus Westdeutschland?“

Schweigen.

Sitznachbar mit Kamera: „Wollt Ihr es mir nicht verraten?“

Chloe – die Ibuprofen wirken noch nicht – schmollt: „Wir sind Schwabenkinder.“

Sitznachbar mit Kamera: „Ach ja – Die Schwaben wohnen ja gerne in Mitte oder im Prenzlauer Berg. Wie gefällt Euch die neue Parkanlage?“

Chloe unverblümt: „Das ist so bitter, so schäbig, so trostlos!“

Sitznachbar mit Kamera: „Ich finde auch, dass die Leute dem Ganzen fernbleiben müssen. Sie sollten lieber zu Hause bleiben und auf dem Balkon ein Glas Wein trinken!“

Mayas und Chloes satirische Seelen fühlen sich angenehm berührt und zaubern ein Grinsen auf die Lippen.

Kollege von Sitznachbar mit Kamera stößt hinzu: „Macht Ihr auch was zum Muttertag?“

Maya: „Warum Muttertag? Es geht doch um das Tempelhofer Feld!“

Kollege von Sitznachbar mit Kamera: „Wir berichten unter dem Aufmacher ‚Die Mutter aller Flughäfen’.“

Chloe: „Viel Spaß dabei! Also wer seine Mutter wirklich liebt, der…“

Chloe spielt den Ball an Maya weiter und die fügt wie immer zuverlässig die Pointe blitzschnell ein.

Maya: „… der bringt sie nicht hierher!“

Sitznachbar mit Kamera: „Also wir ziehen jetzt los. Wollt Ihr uns begleiten?“

Maya und Chloe geben nonverbal zu verstehen, dass nicht.

Was jetzt folgt ist mehr als amüsant und für allein diese zwei Minuten hat sich der ganze Ausflug dann doch wieder, wie immer, gelohnt.

Eine alte Oma setzt sich zu uns an den Tisch und schüttelt den Kopf.

Oma vorwurfsvoll: „So einen Mann kann man doch nicht einfach so ausschlagen! Der sah unglaublich gut aus. Und ach, war der nett!“

Maya und ich sind völlig vor den Kopf gestoßen.

Hinter Maya dreht sich plötzlich ein Mann um und fügt hinzu: „Entschuldigung, dass ich mich einmische. Aber das war alles so interessant, da musste ich einfach zuhören. Ich kann nur bestätigen, der Herr war wirklich eine gute Partie!“

Oma über Maya und Chloe hinweg zu dem Mann bestätigend: „Ja, so etwas lässt man doch nicht einfach davon ziehen!“

Mir fehlen immer noch die Worte. Maya macht zumindest den Mund auf und piepst Schulter zuckend hervor: „Ich habe schon jemanden.“

Oma: „Ja, dann. Da kann man nichts machen.“

Mann: „Da haben Sie Recht, so toll war er nun auch nicht, dass man DAS ändern müsste.“

Aber irgendwie packt Maya auf einmal das Stockholm-Syndrom und sie zeigt demonstrativ mit dem Finger auf mich: „Aber sie, Chloe, sie ist Single. Vielleicht hättest Du zugreifen sollen.“

Plötzlich starren mich alle vorwurfsvoll an. Ich kann einfach nicht mehr und muss ob der ganzen Situationskomik laut lachen.

Maya und ich wandern dann tatsächlich – immer wieder überkommen uns Lachkrämpfe ob des leidenschaftlichen Einschreitens der Oma – noch übers Feld. Wir machen uns so unsere Gedanken.

Maya: „Da lerne ich mal jemanden von der B.Z. kennen und nutze das nicht aus! Der hätte vielleicht einen Job für mich gehabt! Das Boulevard ist doch mein heimlicher Lebenstraum…“

Chloe: „Für Dich wäre ich mit dem auch ins Bett.“

Maya: „Du musst nicht mit jemandem schlafen, damit ich einen Auftrag bekomme!“

Chloe: „Tja, ich bin die aufopferndste Freundin, die es gibt auf der Welt!“

Maya: „Ja, aber so etwas musst Du wirklich nicht für mich tun! Ich bin nämlich gut, sexuelle Überredungskünste sind nicht notwendig.“

Chloe: „Vielleicht will ich es ja auch einfach. Eigentlich sah der wirklich gut aus.“

Maya: „Ha! Musste Dich erst die Oma darauf stoßen! Ach, die Arme. Die hätte den sicher gerne für sich gehabt…“

Chloe: „… klar, und wir müssen ihre Träume in nächster Generation verwirklichen!“

Über das Amselfeld – ups, wir wollen hier keinesfalls das Niveau steigern und politisch werden – äh, das Tempelhofer Feld verlieren wir auch noch ein paar Worte.

Chloe: „Hier gibt es Null Schatten!“

Maya: „Ja, das muss ich unbedingt schreiben. Ohne Sonnenschirm braucht man hier nicht aufzutauchen. Und irgendwie ist dieses weite Gelände auch gefährlich. Hier kann man doch einfach unbeobachtet jemanden umbringen!“

Chloe: „Ich und meine morbide Art üben einen wirklich negativen Einfluss auf Dich aus. Hier ist nichts mehr zu retten, lass uns gehen.“

Maya: „Nein, wir müssen uns doch zumindest die Rede von Wowereit anhören!“

Auf der Bühne hampeln ein paar Politiker herum. Und im Publikum entdecke ich in der Tat endlich meinen Protest! Aber wie erbärmlich ist dieser Anblick? Gerade mal ZWEI Demonstranten schreien unentwegt „Der Zaun muss weg!“ Sie bekommen jedoch die volle Aufmerksamkeit der Presse und Fotografen.

13 Uhr

Es wird Zeit, dieses Feld zu verlassen! Hierher kommen wir nimmer mehr.

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3 Antworten

  1. Ach Chloe – nicht alle sind so schnell wie du – und schon gar nicht der Stadtstaat in dem wir wohnen.
    „Das alte Gelände des stillgelegten Flughafens Tempelhof wurde für 60 Mio. Euro für das Volk zum größten Park Berlins umgewandelt.“ ??? Keine Ahnung wo du das her hast – mayn Aufttag lautete keinesfalls so. Ganz abgesehen davon, dass die Milliönchen erst in den kommenden Jahren – wie ich dir bereits am Telefon erklärt habe – investiert werden. Die Sensation ist, dass die Berliner überhaupt erstmals seit Jahrzehnten wieder auf das Feld dürfen, darum ging`s. Ob es jemals sehenswert wird ist eine andere Frage, die ich nach der heutigen Besichtigung nicht zu beantworten wage…
    Das mit dem Zuspätkommen war zwar unhöflich von mir, hat uns aber doch ein paar gute Lacher geschenkt. Wer braucht Parship, wenn er von wohlwollenden Mitmenschen umgeben ist? Trotzdem finde ich, dass du die Sexualpartner ganz alleine und vor allem unabhängig von irgendwelchen beruflichen Vorteilsnahmen (besonders für mich) aussuchen solltest. Vielleicht findet sich ja schon bei der nächsten Reportage was Passendes…

  2. Und noch was zur flachen Topographie, die uns so anödete:…zum Platieren der Fläche, die einst als Exerzierplatz vor den Toren Berlins lag, wurde beim Umbau zum Flughafen damals übrigens mit Pferdekarren der Müll der Metropole angeliefert und aufgetragen. Heute grillt man also auf dem knapp 100 Jahre alten Müll, das sagt doch schon alles.

  3. Du rollst zu spät an, ich dichte mir die falschen Inhalte zusammen – und doch kommen wir zu einer guten Story. Zumindest für den Blog. Das zählt. Der Rest ist vergeben und vergessen.

    Aber das mit den Kopfschmerzen, zumal es uns beide gleichzeitig betraf, lag bestimmt am Feld. Ich schob es ja auf die Schwingungen des Kerosin geschwängerten Bodens. Aber die Historikerin Maya hat nun final herausgefunden welchen Dreck das Feld am Stecken hat! Brav.

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