Pfeiff nicht, Fi-Fi !


Während meiner Haddsch an den See kam ich mal wieder dazu, mir stundenlang mit meinen Eltern albanisches Fernsehen reinzuziehen. Am liebsten schaut meine Mutter die albanische Version von „Wer wird Millionär“ mit mir an. Sie schimpft dabei immer auf die schlechte Allgemeinbildung der Kandidaten: „Die sollen studiert haben?“ In der Tat kommen die wenigstens über die fünfte Frage – trotz der drei Joker! – hinweg.

Meine Eltern nutzen das Spiel auch gerne zum Bildungssystem-Bashing. Als in Deutschland studierte Tochter muss ich bei jeder Quizrunde (manchmal muss mir mein Vater die Frage jedoch kurz übersetzen) vor den Kandidaten die Antwort tippen. Und was sind meine Eltern stolz, wenn ich richtig liege (z.B. dass die neue Suchmaschine von Microsoft „Bing“ heißt!). Meine Mutter klopft dann wie ein Kind euphorisch auf die Couch und schreit: „Siehste, Chloe hat es gewusst!“

Vor dem Quiz läuft die Comedy Serie „Kafeneja Jonë”. Maya, die ich schon mit der Familja Moderne angefixt habe, muss ich also nun auch in diese Sphäre der albanischen Unterhaltungsindustrie führen. Wie wir gestern mit Charly festgestellt haben, sollte Maya weiter an ihrem antrainierten Migrationshintergrund arbeiten. Wir haben uns auch schon ernsthaft überlegt, ob wir auf SpreeSee nicht „Ostwochen“ einführen sollten. Wie wäre es mit „BalatonBosporus“?

Zurück zum TV-Trash. Im Prinzip könnte man Mayas geniale Familja Moderne Rezension 1:1 übernehmen.

Was für ein Spaß, der hier mit bescheidenen Mitteln gestaltet wurde. Haben die nur 2 Kameras? Es gibt auf jeden Fall nur ungefähr drei Einstellungen: das Rote Sofa, die rote Küche und Close-up auf den Kopf des ein oder anderen Familja-Mitgliedes… Es ist wirklich faszinierend, was für eine Menge an Personal in so einer halben Stunde über dieses rote Sofa gezerrt wird – […] Alle sitzen immer nur rum und verarschen sich gegenseitig, streiten – dann rennt jemand wütend raus und der nächste kommt… […] Das ganze besteht jedenfalls nur aus Dialog und evtl 1% Situationskomik – schön, dass dort noch so an das Wort geglaubt wird, man stelle sich so einen Versuch im deutschen Fernsehen vor, das schaffen die Durchschnittszuschauer doch gar nicht mehr, da zu folgen!

Bei „Kafeneja Jonë” steht statt des roten Sofas und der roten Küchen einfach ein Café im Mittelpunkt des Geschehens. Hier ein Einblick:

Der Zufall wollte es, dass ich bei meinen Eltern der 200. Jubiläumsfolge beiwohnen durfte. Zu diesem Ereignis wurde eine neue Figur eingeführt: „zonjusha Fi-Fi“ (= „Madame Fi-Fi“). Das besondere daran: Es ist ein Mann!!!

Maya fragte schon bei der ersten Sichtung von Familja Moderne, ob der Mann mit der Schreibmaschine etwa schwul sei. Meine Antwort fiel ironisch aus:

Ob ich ihn [Chloes Vater] tatsächlich frage, inwiefern Mr. Schreibmaschine ein Peder (= Schwuler) ist, weiß ich noch nicht. Solch dekadenten Zustände bzw. Krankheiten der westlichen Zivilisation gibt es unter Skipetaren doch nicht !

Aber bei „zonjusha Fi-Fi“ muss es sich eindeutig um eine homosexuelle bzw. transsexuelle Rolle handeln! Ich gebe hier den ersten Dialog wider (scheint auf YouTube noch nicht eingestellt).

Mann: „Wie heißt Du denn?“

Fi-Fi mit den Händen wedelnd: „Fidan. Aber mein Spitzname lautet Fiifiiifiiiiii!“

Mann: „Hey, pfeiff nicht, Alter!“

Fi-Fi tuntig: „Fi-Fi !“

Obwohl Fi-Fi einen Bart hat, gebart er sich eindeutig transig. Wird auch von einem heterosexuellen Mann als attraktive Frau angemacht.

Meine Schwester und ich schauten uns entsetzt an. Hatten wir das gerade wirklich im albanischen Fernsehen gesehen? Meine Mutter lachte jedenfalls hysterisch beim Running Gag „Pfeiff nicht, Fi-Fi“. Meine Schwester konnte sich wie immer nicht zurückhalten und stieß meine Mutter vor den Kopf.

Schwester: „Der ist schwul, Mama!“

Mutter: „Du Wahnsinnige! Hör auf so etwas zu behaupten!“

Meine Schwester und ich schauten uns entsetzt an. Kann es sein, dass meine Mutter es wirklich einfach nicht checkt? Klar: Denn wenn man Homosexualität so konsequent ausblendet, dann ist man ja auch blind vor Stereotypen und kann die Zeichen nicht deuten. Für meine Mutter war Fi-Fi wohl einfach ein „lustiger Schauspieler“.

Ich bin jedenfalls begeistert, dass sich die Macher von „Kafeneja Jonë” eines so heiklen Themas annehmen. Auf der Facebook Fanseite recherchierte ich sofort, wie das beim albanischen Publikum ankam und war überrascht: zu 90 Prozent positiv!

Nur einer verfluchte natürlich….

Erboster Zuschauer.

Ich übersetzte frei:

Völliger Schwachsinn! Außerdem ist das Niveau der Serie über die Jahre hinweg erheblich gesunken.

Allah duldet keine Transen. Und erst recht keine Schwulen!

Ihr habt angefangen Propaganda für Gays zu betreiben! Ich meine es verdammt ernst: macht lieber Werbung für Pro-Credit Bank oder Bier aus Peja, aber nicht für Schwule !!

Ich werde mir die Serie nun doch öfters auf YouTube reinziehen. Mal schauen, was mit Madame Fi-Fi noch so passiert…

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Eine Antwort

  1. Hahaaa – ich liebe das Migrationshintergrund-Training!!! Wann bringst du mir endlich Brennessel-Börek-Backen bei?
    Und deine arme Mutter in so ein Wechselbad der Gefühle zu stürzen, vom Stolz über das großartige Wissen der Tochter zur Existenz von Homosexualität im Fernsehen. Obwohl ich es nicht gesehen habe, bin ich mir übrigens ziemlich sicher, dass diese Form der Darstellung Fifis eher schwulenfeindlicher Tuntenwitz ist, als eine „Propaganda für Gays“ – dennoch ein großer Schritt fürs albanische TV. Ich frage mich nur, ob Allah denn das Lesen der Zukunft aus dem Kaffeesatz duldet…scheint mir irgendwie nicht sehr gottesfürchtig, so eine Verhaltensweise.

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