Teil IV: Chloe auf Parship


Über die leidige Kinderwunschfrage

Seit ich in Kreuzberg wohne, fühle ich mich deutlich wohler in meiner Schwangerschaftsstreifen freien Haut. Während meiner Zeit im Pregnancy Berg wurde ich bei jeder Gelegenheit mit meiner Kinderlosigkeit konfrontiert. Um mich herum rollten die Kampfmütter mit ihren Kumpaninnen tratschend die lang ersehnten Wunschkinder – nach Studium, Sinnkrise, Indienreise, VHS-Bauchtanzkurs, neuer Frisur, Parship-Männersuche & Wohnungskauf – durch die Straßen. In manchen Cafés hatte ich das Gefühl, dass man ohne die Eintrittskarte „Kind“ eigentlich nicht mehr reinkommt. Eine strengere Tür als im Berghain.

Aber inzwischen gibt es auch Gegenbewegungen. Viel Aufsehen erregte vor kurzem die Geschäftsidee des Cafés Niesen an der Schwedter Straße.

An der Eintrittstür weist das Schild „Für Ältern ohne Kinder“ auf die erste Kinderfreie Zone hin. Anscheinend flüchten sich gerade Stillgruppen geplagte Eltern zum ruhigen Gespräch und Kaffeegenuss unter Erwachsenen in dieses Refugium.

Chloe hat ja nix gegen Kinder. Ganz im Gegenteil. Aber diese hohe Konzentration auf einen Kiez verteilt finde ich doch etwas unnatürlich. Ich mag die gesunde Durchmischung der Generationen. Als es neulich wärmer wurde und ich mir ein Eis im „Kauf Dich glücklich“ gönnte, durfte ich zwei verzweifelte Mütter beobachten, die mit der Situation vor ihnen völlig überfordert waren: Ihre Sprösslinge schlugen sich mit Schaufeln gegenseitig die Köpfe ein! Sollte man eingreifen? Oder den Kindern den Freiraum lassen, ihre Konflikte selber zu lösen? Sicherlich hätte die Oma, die einsam in einem Altersheim in Hunsrück sitzt, einen weisen Rat für die überqualifizierten Mütter gewusst…

Und was hat das alles mit mir zu tun? Naja, ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste. Man unterstellt mir inzwischen täglich, dass meine Uhr doch ticken müsse. Ich höre nix! Dafür muss ich mir einigen Schmu von meinen Dates anhören! Die Kinderwunsch-Frage ist bei allen Partnersuchportalen ein wichtig belegtes Datenfeld. Aber während des Dates wird dennoch gleich vehement nochmals darauf eingegangen. Man will ja mit über Dreißig keine Zeit verlieren! Jetzt hat man so viel in Bildung und Beruf investiert, nun soll doch endlich das Leben losgehen. Am besten sofort!

Ich bin über diesen männlichen Fortpflanzungsaktivismus immer wahnsinnig schockiert und fühle mich oft als Gebärmutter auf zwei Beinen reduziert. In meinem weiblichen Freundeskreis suchte ich neulich nach Erklärungen. Eine Freundin meinte, dass es für die Männer inzwischen eben durchaus lauter ticke. Schließlich sind die Frauen heutzutage so unabhängig, dass sie im schlimmsten Falle das Kind nach einer Trennung einfach wieder dem Vater entziehen. Endlich bewegt sich also die Emanzipation der westlichen Frau auf dem Niveau der Pinguine. Es gibt ja den Mythos, dass Pinguine sich ein Leben lang treu bleiben. Wie ich jedoch in Ushuaia bei einem Ausflug unter Pinguinen von unserer Führerin erfahren durfte, kann das Pinguin-Weibchen das Männchen verlassen, wenn dieser seinen Pflichten nicht richtig nachkommt. Druck!

Somit steht der Mann also vor einer ganz neuen Herausforderung: Er muss die Mutter seiner Kinder finden, die trotz eigenen Einkommens langfristig bei ihm bleibt und ihm somit den intensiven Wunsch nach Nestwärme erfüllt. Muckies Mama erklärt sich die Verweichlichung der Männer ganz anders: Alles lasse sich auf die hohe Östrogenkonzentration im Grundwasser zurückführen! Immer mehr Frauen nehmen die Anti-Baby-Pille und schädigen mit ihren Ausscheidungen die Männer. – Hm, ich weiß nicht, ob Muckies Mama nicht einfach Opfer einer Vatikan-Meldung wurde. Für Interessierte findet sich dennoch mehr zum Thema Medikamente im Grundwasser in diesem Blog.

Chloe beurteilt es ja durchaus positiv, dass Männer zu ihrem Vaterwunsch stehen. Mein Bruder ist der stolzeste Papa der Welt. Was mir jedoch aufstößt ist die verklärte Einstellung zum Prestigeobjekt Kind. Wer wie ich aus einem Dritt-Welt-Land kommt, der ist sein Leben lang von Babys umgeben gewesen. Ich kann wickeln, füttern & die Kleenen zum Schlafen legen seit ich zwei Jahre alt bin. In einer Großfamilie muss jeder ran! Der Nachwuchs erfüllte in meinem Kulturkreis für die jungen Eltern vor allem einen Sinn: Die Altersvorsorge.

In der Gesellschaft der Riester-Rente und Alleinerben wird das Kind zur Projektionsfläche der Sinnsuche. Das Studium erfüllte nicht, der Beruf saugt aus, im Ashram in Indien verlor man höchstens ein paar Kilos – und nun? Vor bauen sich IKEA-Katalogseiten einer fröhlichen Familie auf. Blond gelockte Kinder in Hemd und Pullunder als Glücksspritze für den vereinsamten Single? Statt sich das neueste Rennrad zu leisten, wird nun also in Parship investiert. In Wunschgedanken sieht man sich mit seinem Baby im Arm im Café sitzen und einen frischen Ingwer-Tee schlürfen.

Und nun zu meinen Erfahrungen mit den Parship-Eizellen-Jägern!

Super peinlich finde ich es, wenn sich mein Date plötzlich mitten im Gespräch von mir abwendet und zehn Minuten lang mit dem fremden Baby am Nachbartisch herumalbert. Will er mir damit gaaaanz subtil seinen Kinderwunsch vermitteln? Noch fremdschämiger wird es, wenn mein Date dann plötzlich das Gespräch mit den Eltern sucht: „Wie heißt der Kleine?“ Natürlich ist der Mann nicht in der Lage zu erkennen, dass es sich um ein Mädchen handelt… Aber mein Gegenüber möchte fachkundig erscheinen und fängt ferner an das Alter des Kindes zu erraten. Da wird ein 12 Monate altes Baby plötzlich auf sechs Monate geschätzt und umgekehrt. Ein Warnsignal für Chloe: Dieser Mann hat so viel Ahnung von Kindern wie ich von Formel Eins!

Ob der vielen Kinder in den Berliner Cafés, nicht dass mein Date plötzlich beim Babygeplapper mit der Mutter anfängt zu flirten, habe ich inzwischen meine Taktik geändert und treffe meine Parshipper nur noch in Raucherbars. Ich als „Halbpension“ kann ja wohl nur schlecht mit dem „All inklusive“-Angebot der alleinerziehenden Mütter konkurrieren.

Aber auch ohne Kind im Raum vermittelt Mann zwischen den Zeilen den Lebenstraum. Er zählt einfach alle Kinder, die er kennt, auf. Lotta, die Großnichte. Egon, der Sohn seines Nachbars. Aziza, das World Vision Paten-Kind seiner Geschäftskollegin in Somalia. Zwischendrin checkt er noch schnell ab, wie alt ich bin und inwiefern es Erbkrankheiten in meiner Familie gibt. Um dennoch etwas romantisch zu erscheinen, baut er folgendes Bild auf: Für ihn gäbe es keinen schöneren Anblick als ein Neugeborenes auf dem nackten Oberkörper des Vaters. Ach, und wie sehr er den Geruch von Babys liebt… Bei diesem Satz würgt Chloe schnell ihren Gin herunter und sucht das Weite… Unglaublich! Statt mich zu beschnuppern, verliert sich der Kerl in der Phantasie eines Romantik-Posters in Schwarzweiß!

Viel krasser als die indirekte Bekundung des Kinderwunsches ist die offene Aussprache der gewünschten Anzahl! Beim zweiten Date!!! Hier ein Ausschnitt aus einem Gespräch:

Date: „Blablabla… im Sommer werde ich fertig mit meinem berufsbegleitenden MBA.“

Chloe rein auf den Beruf bezogen: „Und wo siehst Du Dich dann in fünf Jahren?“

Date: „In einem Garten mit drei Kindern!“

Chloe schluckt und wird panisch… In ihrem Kopfkino reißt ein Kind beim Stillen an ihren Haaren, das zweite Kind rupft gerade die Begonien raus und das dritte Kind fällt vom Baum und schreit… Der dreimonatige Aufenthalt bei meinem Bruder und meiner Nichte war wohl die beste Anti-Baby-Pille der Welt. Drei Kinder in fünf Jahren? Spinnt der Kerl? Weiß der überhaupt was so ein Kind bedeutet? Dieser Egomane wird schon sehen, wo seine Bedürfnisse dann landen!

Toll sind auch Künschtler mit Kinderwunsch. Auf der einen Seite erzählen sie mir, dass man Verständnis dafür haben müsse, wenn sie sich in einer Schaffensphase für fünf Tage einschließen und keinen Kontakt nach Außen haben. Auf der anderen Seite können sie sich ein Leben ohne eigenen Nachwuchs – davor wurde noch betont, dass Adoption nicht in Frage kommt! – nicht vorstellen. Mir fehlt hier einfach jeglicher pragmatischer Ansatz! In meinem Kopfkino sehe ich mich schon die Tränen des kleinen Kal-el trocknen, der beim Auftritt für Jugend musiziert seinen Vater im Publikum vermisst, weil dieser gerade an einer neuen Installation aus Pappbechern arbeitet.

Der mit Abstand krasseste Spruch, den ich je aus dem Mund eines schöngeistigen Mannes gehört habe: „Ich könnte nie mit einer Frau zusammen sein, die nicht zeugungsfähig ist.“ Ich verbitte mir jegliche Kommentare hierzu…

Es gibt jedoch auch Männer, die das Thema Kinderwunsch auffällig meiden. Mit dieser Gattung Mann hat eher Muckie Erfahrung gemacht. Gleich bei zwei Partnern kam Monate später heraus, dass die Jungens ihre Kinder aus den One Night Stands verheimlicht hatten. Ja, wir werden älter… während man mit 18 Jahren nie auf die Idee gekommen wäre, nach vorhandenen Kindern zu fragen, sollten wir das nun in unserem Alter rechtzeitig tun… Ein Mann, der nicht zu seinem Kind steht, hat eh verloren!

Und was ist Chloes Antwort, wenn sie nach ihrem Kinderwunsch gefragt wird? Da zitiere ich Mayas Vater:

Der Kinderwunsch kommt mit dem richtigen Partner!

Bis dahin bleibe ich stolzes Mitglied der Facebook Fanseite „Everyone I know is getting married or pregnant, I’m just getting drunk“. Etwas Ironie ist diesbezüglich ruhig angebracht! Ich ermutige gerne auch alle meine männlichen Freunde mir mit einer Gegendarstellung zu kontern.

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Alle Artikel dieser Kolumne findest Du hier.

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4 Antworten

  1. http://www.welt.de/vermischtes/article7764439/Kinder-sind-ein-unkalkulierbares-Zukunftsrisiko.html

    Dann war ich also ein All-Inclusive-Paket… so kam ich mir nicht vor. Es war echt unheimlich schwierig. Aber Berlin scheint einfach tootal anders zu sein. Nicht so geldig – hier ist ein Mann, der auch nur irgendwann einmal ein Kind will, eine Rarität..

  2. Nein, ich glaube nicht, dass in Berlin alles total anders ist. Klar die Bevölkerungsstruktur in den zentralen Stadtteilen ist so jung, dass es auch auffällig viele Kinder gibt, übrigens nicht nur in Prenzlauer Berg, auch in Kreuzberg.
    Aber sorry Chloe, irgendwie kann ich dem Rest der Ausführungen nicht ganz folgen.

    Erstens verstehe ich nicht, was das alles mit der angesprochenen „Verweichlichung der Männer“ zu tun haben soll, sind Männer verweichlicht, weil sie Kinder kriegen wollen? Wohl kaum.
    Vaterschaft ist nichts für Weicheier sondern ein knallharter Job, der jede Menge Mut erfordert. Frag maynen weisen Erzeuger, dessen goldene Worte du bereits zitiert hast, der berichtete mir mal ganz ehrlich, wie viel Muffensausen diese enorme Verantwortung für uns Kinder ihm bereitet hat.
    Muckies Mama hat wohl eher eine Erklärung für den Zeugungsstreik gefunden, genauso wie die Tatsache der finanziellen Selbstständigkeit von Frauen eher ein Argument für die Fortpflanzungsunlust bei Männern ist. Ich glaube nicht, dass Zahlvater zu sein ein tolles und erstrebenswertes Lebenskonzept ist. Einige junge Männer, die ich kenne, vor allem solche mit alleinerziehenden Müttern, haben mir bereits ausgefeilte Taktiken dargelegt, durch die sie ihre Vaterschaft und das Sorgerecht für eventuellen Nachwuchs sichern würden. Nur falls es denn passieren würde, ich kenne nämlich keinen Mann mit ernstzunehmendem konkreten Kinderwunsch.
    Auf jeden Fall findet sich weder in den Statistiken noch in maynem Freundeskreis Evidenz für deine Beobachtungen.
    Männlicher Fortpflanzungsaktivismus? Schon mal die Geburtenraten in den letzten Jahren angeschaut? Die bezeugen extreme Passivität.
    Ich glaube eigentlich, dass es sich bei den Familien-Idyllen und Babywünschen deiner Single-Dates um Luftschlösser handelt. Jemand, der nicht mal eine Beziehung hinbekommt, schwärmt vom Kinderkriegen? Noch dazu ohne irgendeine Idee davon zu haben, was das Leben mit Kindern bedeutet, wie du selbst bemerkt hast. Du glaubst doch nicht wirklich, dass diese Männer ihren sentimentalen Ideen, die sie da vor dir ausbreiten, Taten folgen lassen. (Solltest du vielleicht mal testen: Persona auf den Tisch und: „Ok nächstes Treffen, am fruchtbaren Tag bei mir!“)
    Wieviele Frauen kennst du, deren Kinderwunsch am langen Arm des „Später-vielleicht“-Vaters vertrocknet? Sicher mehr als enttäuschte Männer, die heimlich die Verhütung torpedieren müssen, um endlich der Frau das Wunschkind abzuringen.
    Hab keine Angst vor der Gebärmutter-Falle und Aktivität, eher vor der realitätsfernen Familienverklärung beziehungsscheuer Männer, die du datest.

  3. Ach Mädels!

    Ich bin mit meinem Männer-Latein eh schon längst am Ende. Wahrscheinlich bin und bleib ich einfach ein nicht repräsentativer Freak-Magnet !

  4. […] ihrer Zwischenmiete in Pregnancy Berg ganz ohne Schwangerschaftsbauch oder Kleinkind an der Hand so ausgeschlossen, dass sie den Stadtteil für unsere Wohnungssuche kategorisch ausschloss. Auch wenn ich viele […]

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