Essen für 1 Euro


Seit Chloe die Brennnesselpide ihrer Mutter gebloggt hat, liegt ihr Maya in den Ohren: „Ich will das auch. Ich will das auch. Du musst das unbedingt mal für mich machen!!!“

Eigentlich absurd, dass sich die Digitale Boheme das Armeleuteessen von mir aufgetischt wünscht. Da versuche ich mich an Dessertkreationen wie einer Charlotte (die leider ob streikender Gelatine zum Tipi zusammenfloss – Nein, Tim, dieses Mal war kein Gin mit im Spiel!) und Maya will immer nur diese eine Pide!

War trotz der außergewöhnlichen Form köstlich !

Jetzt, da tatsächlich wir beide ausgeraubt worden sind, die Bargeldreserven sich dem Ende hin zuneigen und wir ausgehungert auf EC-Karten sowie PIN-Nummern warten, heißt es tatsächlich: Essen für Low Budget!

Chloe machte sich am Dienstag zum orientalischen Markt am Maybachufer auf. Jedoch kein Türke verkaufte Brennnesseln. Nur ein ganz verschrobener Deutsch-Öko hatte ein kleines Bündchen herumliegen. Aber bei den überteuerten Preisen rief ich patzig: „Da geh ich doch lieber selber pflücken. Das ist doch Unkraut und wächst überall umsonst!“

Ich rief sofort Maya an, sie solle bitte eine Stunde früher zum Pflücken erscheinen. Alleine mache ich das nicht. Prompt erschien folgender Status auf Facebook:

Maya macht sich mit Chloe auf zum Brennnesselpflücken. Jetzt, da wir bestohlen wurden, nähren wir uns von dem, was die Erde uns schenkt und kochen folkloristisch!

Bevor wir loszogen, informierte ich noch MoMa über unsere neueste Aktion. Seine Antwort folgte zugleich:

Na, dann wünsche ich meinen beiden Naturkindern eine erfolgreiche Suche und ein leckeres Abendessen. Und laßt Euch nicht auch noch die Fahrräder, die selbst geflochtenen Weidenkörblein oder sonst was klauen.

Der Mann denkt halt in Bildern. Wir amüsierten uns köstlich darüber. Von unterwegs sandten wir ihm schnell ein Bild unseres „Weidenkörbleins“ zu.

Unser Weidekörblein

MoMa begeistert:

Ikea-papiertüte, sicherlich irgendwo gefunden oder erbettelt, ist auch super!

Den wichtigsten Tipp meiner Mutter: „Niemals ohne Handschuhe!“ befolgten wir natürlich auch. Maya lief gar mit Handschuh und Schere in der Hand durch die Stadt. Mir war das schon etwas peinlich mit ihr an meiner Seite, oder wie wir unter nach Urin duftenden U-Bahn-Brücken die größte Brennnesselausbeute ernteten. Manchmal waren wir uns auch etwas unschlüssig darüber, ob es sich bei unserem Grünzeug wirklich um Brennnesseln handelte. Aber wer nicht wagt, der hungert!

Zu Hause angekommen rupfte Maya die Brennnesseln und Chloe kümmerte sich um den Teig. Hier zum Nachkochen das Rezept anbei.

Für den Teig mischt man 350 Gramm Mehl und 1 TL Salz mit ca. 200 ml warmen Wasser zu einem Teig zusammen. Die richtige Konsistenz hat man im Gefühl. Den Teig kurz unter einem Tuch gehen lassen und dann 18 kleine Kügelchen daraus formen. Die Kügelchen auf die Größe einer Untertasse ausrollen.

Der erste Schritt zum Blätterteig.

Irgendwann davor sollte man viel Butter in einer Pfanne geschmolzen haben. Aus den 9 Untertassen schichtet man zwei Türme. Zwischen die Teigfladen kommt natürlich je ein Esslöffel Butter.

Der Butterturm.

Zum Schluss rollt man den Butterturm zu einem großen Fladen aus und belegt damit die berühmte Tepsija (Pideform gibt es für 5 Euro beim Türken) aus.

Für die Füllung war Maya zuständig: Brennnesseln waschen, blanchieren und kleinhacken. Eine gehackte Zwiebel in der Pfanne anbraten und die Brennnesseln mit etwas Gemüsebrühe dazugeben. Alles fünf Minuten kochen lassen. Mit Salz, Pfeffer und Muskatnuss würzen. Am Schluss Schmand reinhauen. Fertig!

Die Füllung großzügig auf den Teigfladen verteilen. Deckel drauf!

Der Teigschwung liegt bei Chloe wohl in den Genen.

Den Rand nun kunstvoll einschlagen und auf den Deckel noch eine ordentliche Portion Butter drüber!

Feinschliff.

Pide im vorgeheizten Ofen bei 250 Grad goldbraun backen. Trick meiner Mutter, damit die Kruste nicht zu dunkel wird: Kurz vor Schluss die Pide im Ofen mit einem Papierküchentuch abdecken. Die duftende Flade aus dem Ofen nehmen, die Kruste locker einstechen sowie mit Wasser beträufeln und für zehn Minuten unter einem Geschirrtuch abkühlen lassen. So wird die Kruste herrlich weich. Warm servieren! Reste können am nächsten Tag den Kindern zur Schule mitgegeben werden.

Das war Chloes allererste Pide!

Günschtig, gell? Und die Brennnesseln wirkten bei Chloe und Maya noch besser als Spinat: Am nächsten Tag meisterten die kleinen Frauen 27 km auf der Spree ohne Muskelkater! Natürliches Doping.

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4 Antworten

  1. Peinlich? Hallo??? Ohne maynen beherzten Einsatz in den Büschen und Böschungen Berlins hätten wir das Weidenkörblein aka Ikeatüte sowie unsere Mägen niemals voll bekommen! Madame Chloe hat sich ja derart geniert, dass sie lediglich einmal kurz fürs Foto den Handschuh überstreifte…
    In dieser Stadt sehe ich täglich sehr viel dramatischere Entgleisungen als einen zweckentfremdeten Spülhandschuh und angesichts der Kriminalität, die uns derzeit betrifft, erwäge ich die Schere gar nicht mehr aus der Hand zu legen!
    Allerdings muss ich dich auch noch einmal ausdrücklich loben. Kaum waren wir in der Küche, hast du ja dermaßen Gas gegeben, diesen delikaten Teig gezaubert und die Pide ganz wunderbar braun und knusprig und einfach lecker hinbekommen!!!
    Ich bin jetzt ganz traurig, dass die Brennnessel-Saison vorbei ist. Nächstes Jahr möchte ich diesen Genuss unbedingt öfter erleben.
    Ist doch nicht verwunderlich, dass ich nach dieser Pide gerufen habe. Eine echte Seltenheit, sowohl saisonal als auch grundsätzlich kulinarisch. Und auf Raritäten stehe ich halt. Kaviar kann jeder, wenn er nur Geld hat. Brennnessel Pide gibt es nicht mal zu kaufen. Dafür braucht man schon eine Chloe – unbezahlbar!

  2. Ich muss Dich jetzt auch mal loben, Maya: Du bist eine sehr, sehr gute Schülerin. Diese Lektion im „Wie trainiere ich mir einen Migrationshinergrund an“-Bootcamp hast Du mit Bravur bestanden. Selbst beim Waschen der Brennnesseln hast Du Dich nicht von den ganzen Insekten abschrecken lassen…

    Wie wäre es mit einer ganz neuen Aufgabe im Bereich Kosmetik? Ich könnte Dir beibringen wie man für 2,50 Euro mit Schwarztee und Henna die Haare färbt!

  3. Nein danke!

  4. Ha ha ha ha !!!

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