Teil IV: Chloe und Maya auf Verbrecherjad!


Der Raub und die Tangomänner.

SpreeSee hatte lange genug hitzefrei. Chloe schreibt zwischen Melonenmahlzeit und Eiskaffee schnell ein Resümee: Bisher nix gefunden!

Immerhin habe ich mein Tango-Trauma langsam überwunden. Neulich schwitzte ich wieder auf einer Milonga. Dabei fällt mir ein, dass ich nie auf die Frage meiner Isar-Piratin geantwortet habe:

Hach je. Was sagt eigentlich der Tanzpartner, der das Unglück ja so ein bisschen mit heraufbeschworen hat? Aber im Moment ist das wahrscheinlich nicht so wichtig.

Tatsächlich war das an dem Abend im Hinblick auf die Männer recht dramatisch. Ich hatte mich lose mit meinem Tanzkurstanzpartner Jürgen zu der Milonga verabredet, wusste jedoch, dass auch ein Freund vom Freund einer Freundin da sein wird. Nennen wir ihn Kalli. Kalli hatte beim Karneval der Kulturen noch gemeckert, dass er diese Tango-Klischees nicht mehr sehen kann. Wir witzelten darüber, ob ich nicht im Dirndl im Clärchens Ballhaus auftauchen sollte. Hatte jedoch keines zur Hand.

Auf der Milonga tanzte ich im schlichten Empire Kleid erst mit Jürgen. Der eröffnete mir, dass er in Zukunft noch mehr üben möchte. Wir sahen uns schon 4x Woche ! Wie geht da NOCH mehr? Außerdem fühlte ich zunehmend die unterschiedlichen Lernkurven… die klassische Tragödie war eingetreten: Ich hatte meinen Tanzpartner großen Tanzschrittes überholt. Seit zwei Wochen suchte ich nach einer guten Taktik ihn loszuwerden. Und nun wollte der noch mehr!

Als mich Kalli zum Tanz aufforderte, war ich ob seines Rhythmusgefühls derart begeistert, dass ich Jürgen links liegen und mich eine Stunde am Stück von Kalli führen ließ. Das sollte ja auch kein Problem sein, da man gerade auf einer Milonga sich unabhängig vom Tanzpartner die Zeit vertreibt. Plötzlich sah ich jedoch wie Jürgen erbost nach seiner Tasche griff und zackig an mir und Kalli vorbei schritt ohne sich zu verabschieden. Dieser lächerliche Pathos ärgerte mich (Ich bin doch nicht Jürgens Tanzeigentum! Ferner ist der doch nach eigenen Aussagen frisch verliebt. Was gebart er sich also mir gegenüber so eifersüchtig!). Meine Stimmung verschlechterte sich zunehmend. Ich wollte ebenfalls gehen (zu dem Zeitpunkt war meine Tasche noch im Raum). Kalli bat aber noch um ein paar Tänze. Bang! Seinetwegen blieb ich noch eine halbe Stunde und verlor mein Hab und Gut. Jedoch sollte man nicht in „Was wäre gewesen, wenn…“-Gedanken abschweifen. Das führt zu nix. Kalli war zumindest sehr beeindruckt von meiner recht gefassten Reaktion auf den Raub. Einer Bekannten von ihm wurde ebenfalls mal eine Handtasche geklaut und die sei daraufhin hysterisch geworden. Jedenfalls begleite mich Kalli noch ein Stückchen in meine Richtung. Auf dem Weg fiel mir dann plötzlich ein, dass ich noch meinen Füller und meinen 15 Jahre alten, durch zwei Studien begleitenden, heiß geliebten Minenbleistift in der Handtasche hatte. Plötzlich rollte mir doch noch ein Tränchen die Wange herunter.

Chloe leicht schluchzend: „Och, ich vergaß. Scheiß aufs iPhone und den restlichen ersetzbaren Rest. Aber meine Schreibgeräte klauen!! Das ist, als würde man mir die Zunge rausreißen.“

Kalli verlegen: „Hör lieber auf darüber nachzudenken, was noch in der Tasche drin war…“

Natürlich war es mir schrecklich unangenehm, dass dieser mir recht fremde Mann gleich einen Einblick in meinen weichen Kern gewann. Mit den Tangoschuhen in der Hand entschwand ich schnell in die Tiefe der Nacht und nahm mir vor, mich nie wieder zu melden. Er rief noch hinterher, ob er meine Telefonnummer haben könnte. Ich entsetzt: „Hallo? Die bringt Dir jetzt gar nix! Mein Handy ist weg, vergessen?“

Tags drauf kam jedoch schon eine Mail von Kalli. Er wolle mich zumindest zur Wiedergutmachung, er fühle sich teils Schuld an meinem Unglück, auf ein Essen einladen. Ich wehrte ab: Keine Zeit und in meiner Wohnung eingesperrt, da ich keinen Schlüssel mehr habe!

Kalli ließ nicht locker. Schrieb noch eine Mail. Ich übte mich in Ignoranz. Dann kam eine SMS mit „Chloe! Hab dir neulich ne süße Mail geschickt… Hast du mich nicht mehr lieb?“. Was soll Frau davon halten? Süß…

Nachdem Maya auch noch beraubt wurde, versuchte ich Kalli zumindest um sein schlechtes Gewissen zu erleichtern und erzählte ihm davon. Das gab ihm natürlich die Chance zu antworten:

Dank fürs Lebenszeichen – sehr bedauerlich, dass der Kohlhaas’sche Rachefeldzug nicht zu mehr Recht und Ordnung führte, sondern nun auch noch die arme Maya Opfer skrupelloser Verbrecher wurde.

Ich bin mittlerweile in die Open-Air-Tango-Saison eingestiegen, z.B. in der Strandbar im Monbijoupark – nicht ohne dabei jedes handtaschentragende Wesen auf die kriminellen Energien in dieser Stadt hinzuweisen (was sich aber als kolossaler Fehler entpuppte, denn erhebliche Nervosität und Unkonzentriertheit der Tanzdamen waren die Folgen…). Ich überlege nun als clevere Start-up-Geschäftsidee, einen mobilen Garderobeservice zu eröffnen – du könntest noch mit einsteigen…

Also, wenn du mit meiner Person künftig nicht prinzipiell Unglück, Leid, Ärger, Frust und Niedergang in Verbindung bringst (denk an die Erfolgserlebnisse beim Ango!), dann lass es uns mal wieder versuchen, gerne umsonst und draußen (mit Rucksack).

„Ango“ schrieb Kalli, da ich ihm das böse Wort mit „T“ verboten hatte. Ich versuchte mich immer noch in Abwehrhaltung. Meine Antwort per Mail:

Du hast mich wie ein kleines Mädchen weinen sehen – wie kann ich da jemals wieder die toughe Tanguera mimen?

Er konterte prompt mit einem alten Klassiker:

Über „Tränen sind heute sehr modern…“ musste ich so lachen, dass ich ihm also doch eine Chance gab und zum Tango-Stelldichein schnell durchklingelte.

Chloe peinlich berührt: „Und trotz des Tränen-Tangos bleibt es mir weiterhin unangenehm, dass Du mich hast weinen sehen… Das ist eigentlich gar nicht meine Art!“

Kalli euphorisch: „Oh! Entschuldige Dich bitte nicht dafür. Mich hat das Ganze derart berührt, dass ich auf dem Heimweg ebenfalls ein paar Tränen verdrücken musste. Wo findet man denn noch so etwas in dieser herzlosen Großstadt, in der alle Frauen immer nur verdammt cool sein wollen? Eine Frau, die echte Tränen weinen kann! Keine Hysterie, sondern reines Gefühl! Ach, das gibt es wahrscheinlich wirklich nur noch bei einem Mädel vom Lande!“

Ich? Chloe! Ein Mädel vom Lande? Über diese verklärte Romantik sah ich dann doch ob meiner Tango-Schuhe, die noch amortisiert werden müssen, hinweg und ging mit Kalli zur Milonga. Ha, so eiskalt berechnend können Mädels vom oberschwäbischen Lande sein!

Und zumindest hatte der Raub auch was Gutes: Ich konnte ihn als perfekte Entschuldigung ausschlachten, um meinen Tanzpartner Jürgen loszuwerden. In einer schlichten Mail kündigte ich ihm die Tanzpartnerpartnerschaft aufgrund meines Tango-Traumas. Es hat funktioniert. Wir sind erfolgreich separiert. Ich muss jetzt bloß in dieser kleinen Berliner Tango-Welt aufpassen, dass ich Jürgen nicht über den Tanzfuß laufe…

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2 Antworten

  1. „Hast Du mich nicht mehr lieb?“ :O Ich wär sofort über alle Berge gewesen bei der Frage!

  2. […] müssen Maya und ich unser Glück nicht erneut herausfordern. Kallis Start-up-Idee mit dem mobilen Garderobenservice klang schon nicht schlecht. Mobile Würstchenverkäufer am Alex gibt es ja wirklich schon genug. […]

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