Teil I: Muse Chloe & die Wut des Verstehens


SpreeSee verpennte letzte Woche den eigenen Jahrestag. Hoch soll er leben, der Blog! Denn ohne diese Plattform wären gewisse Koinzidenzen niemals aufgetreten. Wo hätte Chloe sonst ihr Erlebnis mit Borello, dem massierenden Wohnraumbeischlafbetrüger, niederschreiben können? Wie hätte Paloma im anderen Falle, die „Borello Ansbacher Straße 61“ googelte, auf Chloes Blog-Eintrag stoßen und mich später persönlich kennen lernen sollen? Ohne diese Verbindung wäre Chloe letzte Woche nicht zur Ink and Movement Ausstellung der Spanischen Botschaft geladen gewesen. Als ich Maya fragte, ob sie mich begleiten möge, maynte sie: „Botschafts-Partys sind die besten! Die haben Geld. Das wird der Hit! Wir – Student und Arbeitslos – gehen hin!“ Ich war aufgrund einer schlimmen Sommergrippe seit Tagen nicht mehr aus dem Haus gewesen und sah eigentlich total beschissen aus. Ich war vom Fieber gezeichnet. Tapfer radelte ich hustend gen Schöneberg. Maya empfing mich mit einem Piccolo ganz spezieller Art: Rotbäckchen !

Rotbäckchen auf die Gesundheit statt Rotkäppchen !

Und sie hatte wie immer Recht. Der spanische Wein war unschlagbar gut und vor allem umsonst! Dazu gab es herrliche Oliven, Käse und Schinken. Kunst & Publikum waren ebenfalls ein Augenschmaus. Maya und Chloe munden dionysische Zustände besonders gut im Hinblick auf Kreativität und Tatendrang. Wie damals beim Gründungswein am Bodensee, als vor zwei Jahren die Idee zu SpreeSee geboren, setzten die Mädels einen neuen Grundstein: Sie beschlossen zusammenzuziehen. Jetzt ist Chloe also zum dritten Mal auf Wohnungssuche. Mit Schrecken gedachte sie der Borello-Geschichte… nicht, dass sie schon wieder so einen Scheiß durchleben muss. Aber man weiß ja nie wofür etwas, was zuerst schrecklich erschien, im Nachhinein gut ist. Ohne Borello wäre sie nie auf dieser Ausstellung gelandet.

Als um zwei Uhr der Alkohol ausging, fuhren die Organisatoren zum nächsten Späti und kauften Bier. Man munkelt, dass die Quittung mit „Wasser für den Techniker“ zur Abrechnung ausgestellt wurde. Sehr sympathisch.

Maya und ich waren eine der letzten Gäste und unterhielten uns mit einem Freund von einem Freund von einem Freund. Plötzlich stand ein Mann vor mir, der Flyer verteilte. Als er mir in die Augen schaute, fror er augenblicklich vor Ehrfurcht ein. Chloe wusste, was nun folgen würde: Lustiges Farbenraten.

Mann mit Akzent: „Wow. Du hast tolle Augen! Sie sehen aus orange.“

Chloe genervt: „Ja, ja. Danke.“

Mann plötzlich sehr ernst: „Darf ich Dich malen?“

Chloe völlig verwundert: „Was?“

Mann erklärt sich: „Ich bin Maler. Ich fotografiere meine Models zuerst und male dann. Würdest Du für mich Modell stehen?“

Chloe wird schrecklich verlegen und errötet.

Maya wie ein Troll neben mir auf und ab hüpfend: „Hihihi. Du wirst ja ROT. Ich habe Dich noch nie erröten sehen. Hihihi.“

Mann steckt mir seine Visitenkarten zu: „Überleg es Dir und melde Dich bei mir!“

Mann verlässt die Bühne.

Chloe völlig verwirrt: „Was ist das denn für ne miese Nummer! Darauf fall ich doch nicht rein! Warum sagt er nicht gleich, dass er mit mir ins Bett will?“

Maya: „So abwegig finde ich die Idee gar nicht!“

Chloe erzürnt: „Was? Dass jemand mit mir Sex haben will?“

Maya trocken: „Nein! Dass Dich jemand malen will!“

Chloe schüttelt verständnislos den Kopf. Wir fahren trunken in entgegengesetzter Richtung in unsere Kieze.

Chloe ruft der in Schlangenlinien fahrenden Maya hinterher: „Bald können wir uns ein Taxi nach Hause in unsere WG teilen. Betrunken Fahrradfahren ist wirklich nicht gut! Es reicht, dass Jos Lars im Krankenhaus aufwachen musste… “

Wie der Flyer es wollte, waren wir zwei Tage später wieder auf einer Botschafts-Ausstellung. Ich betrat den ersten Ausstellungsraum und war sofort von einem überdimensionalen Frauenportrait gefesselt. Als ich den Namen des Künstlers las, glaubte ich meinen Augen nicht: Das war der Mann, der mich malen wollte! Ich hatte seine Visitenkarte in den Mülleimer geschmissen und nie seine Homepage betreten…

Nach dem Rundgang verewigte ich unseren Besuch natürlich im Gästebuch mit „SpreeSee ♥ to be“. Just in dem Moment sprach mich eine bekannte Stimme von Hinten an. Ich schmiss schnell den Stift aus der Hand… soll ja nicht jeder wissen, dass wir nen Blog haben. Es war der Künstler !

Mann: „Hast Du concidkadjfibjla…“

Chloe verstand kein Wort und schaute verzweifelt Maya fragenden Blickes an: „Was will der bloß von mir???“ Maya schüttelte nur den Kopf. Sie konnte mir auch nicht helfen.

Chloe daraufhin in ihrer Verzweiflung auf Englisch: „I saw your paintings. They are beautiful!“

Mann: „Thank you. Did you think about it?“

Chloe: „Äh. I don’t know yet. But I still have your business card.“

Chloe verlässt hektisch die Bühne.

In der U-Bahn auf dem Weg zum Keyser Soze schlägt Maya wieder einen ernsteren Ton an: „Chloe, mach das doch! Was ist so schlimm daran. Ich finde das gut!“

Chloe: „Nee. Also das ist gar nix für mich. Hast ja gesehen wie ich auf die erste Anfrage reagierte. Konntest Dich ja selber ob meiner Röte vor Schadenfreude nicht zusammenreißen. Hast lauthals geschrien ‚Chloe wird rot, Chloe wird rot’.“

Maya etwas kleinlaut: „Ja, in dem Moment in dem ich das ausgesprochen habe, ist mir auch schon aufgefallen, was für eine dumme Reaktion das meinerseits war.“

Chloe lachend: „Ach Quatsch! Ich fand es ja auch lustig. Schwamm drüber. Du darfst Dir bei mir eh einiges erlauben. Ich war selbst überrascht über meine Verlegenheit.“

Maya: „Eben. In den elf Jahren seit ich Dich kenne habe ich Dich noch nie erröten sehen!“

Auf dem Fußweg zum Keyser Soze konnten wir natürlich nicht ohne Halt an unserer liebsten Pommesbude – Go for „grüne Pfeffersoße!“ – auf der Oranienburger Straße vorbei.

Vor uns Frauen in der für die Oranienburger Straße typischen Arbeitsbekleidung.

Als ich nach dem gelungenen Abend wieder Dahoim war, kramte ich die Visitenkarte des Künstlers aus dem Altpapier heraus. Warum stellte ich mich bloß so an? Ein Foto hat noch niemanden getötet? Und plötzlich blendete sich wie in einem guten Hitchcock Film eine Szene aus meiner Vergangenheit ein.

Ich sitze mit dem Über-Ex bei einer Tasse Glühwein auf einem süddeutschen Weihnachtsmarkt. Es ist furchtbar kalt und meine Nase knallrot. Der Über-Ex versucht mit seiner neuen Digitalkamera ein paar Fotos von mir zu machen.

Über-Ex: „Nee. Jetzt schau doch mal ordentlich. Ach, schon wieder nix. Also nochmal. Nee. Das gibt es ja nicht. Du bist halt einfach unfotogen. Es ist unmöglich ein schönes Foto von Dir zu schießen. Schieß Du lieber welche von mir!“

Ich setze mich an den Rechner und schreib eine Email an den Künstler mit dem Betreff „Amber eyes“.

Advertisements

2 Antworten

  1. […] antwortet sofort (immerhin ist das nun SIEBEN Monate her und Paloma und ich nun lieber zusammen auf Ausstellungen statt auf Wohnungssuche): Ja!!! Das IST er ¡! Kannst du mir mal bitte sagen WIE du dieses Photo […]

  2. […] Chloe nimmt ein Messer und drückt es in die Spalte des Türgriffbolzens. Leider verrutscht der Gegengriff dabei weiter nach hinten. Auch Chloe bekommt nun langsam Angst, dass der Griff auf der anderen Seite zu Boden fallen könnte. Ferner bedrückt sie ein ganz anderes Problem namens Blase… Aber sie muss jetzt ihre Nerven behalten. Sie merkt, dass mit Maya nicht mehr viel anzufangen ist. Sie hat ihre Freundin noch nie so erlebt. Es wirkt befremdlich auf sie. Wahrscheinlich so wie damals, als Maya Chloe zum ersten Mal Erröten sah. […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s