Teil II: Muse Chloe & die Wut des Verstehens


Eine halbe Stunde vor ihrer ersten Wohnungsbesichtigung mit Maya kam eine SMS von Maya rein:

Rate wo die Ausstellung mit dem Bild von dir sein wird…

Ich scherzte:

Haha! Liest Du wieder Amtsblätter Korrektur? Bis gleich.

In der zu vermietenden Wohnung traf ich auf Maya und vierzig weitere Interessenten. Ein beklemmendes Gefühl überkam uns, als wir wie in einem vollgestopften Käfig von der Masse von einem bewohnten Zimmer zum nächsten zum intimen Einblick in die Privatsphäre einer Familie geschubst wurden. Auf dem Notenständer lag noch das letzte Stück ausgefaltet, im Wohnzimmer stand der leere Stubenwagen. Um uns herum kritische Pärchen, junge aufgeregte Erstsemesterinnen und gut betuchte Bildungsbürger. „Ich habe Hunger. Lass uns gehen.“, chlagte Chloe angewidert vom Szenenbild. Fünf Minuten später saßen wir schon im „Kaffee am Meer“.

Chloe neugierig: „Nun erzähl! Woher weißt Du schon wieder mehr als ich?“

Maya begeistert: „Das alles findet in meiner Straße statt! Ist das nicht lustig? Da lauf ich so an einem Schaufenster vorbei und sehe ein Bild von Nino, Deinem Künstler. Die Ausstellung läuft im September. Und weißt Du, wer just in dem Moment vor mir mit ein paar Einkäufen aus dem Netto herlief? Dein Über-Ex! Der wohnt doch in der Gegend. Was habe ich mir einen ins Fäustchen gelacht beim Gedanken daran, dass er womöglich bald völlig unvorbereitet vor Deinem überdimensionalen Portrait steht. Hihihi!“

Chloe: „Wie verrückt das alles ist. Aber das mit dem Über-Ex finde ich weitaus weniger krass als die Vorstellung, dass mein Antlitz irgendwann im Wohn- oder Schlafzimmer neureicher Russen hängen soll… Nino ist übrigens wirklich nett. Wir haben jetzt schon einen entzückend intellektuellen Email-Verkehr. Für einen Spanier schreibt der wirklich gut Englisch.“

Chloe liest Maya eine Mail vor. Nino ging darauf ein, dass Chloe das Adjektiv „Ocker“ als sehr beleidigend für ihre Augen empfindet:

well, I was being teased once because of the color of my skin, a friend was saying .- nino’s skin is yellow, but then a teacher said .-no, his skin is golden ochre. hence I don’t find that adjective undermining, you know, a question of perspective.

it’s very spooky the way your texts vanish when I reply your mails.

Chloe: „Eine schöne Geschichte. Bin ich gespannt auf das Shooting!“

In dem Moment lief eine Freundin an uns vorbei und gesellte sich spontan auf ein Glas Weißwein dazu. Aus einer Schorle wurden schnell drei und wir natürlich lustig und laut. Plötzlich mischte sich ein älterer Herr neben uns am Tisch in unser Gespräch ein: „Was sucht Ihr denn für eine Wohnung? Ich ziehe in zwei Wochen hier um die Ecke aus. Vier Zimmer Altbau mit Balkon.“ Chloe fängt für zwei Sekunden an an Wunder zu glauben. Sollten ihre Probleme wirklich an einem Abend im Café gelöst sein? – Leider nein. Der Preis war zu hoch.

Maya und ich saßen so lange quatschend zusammen, bis wir nochmals Hunger bekamen. Im „Bergmann Köfte“ gab es dann mit dem lustigen Spruch „FESTHALTEN !“ einen leckeren Junior Köfte in die Hand.

Mittwoch wachte Chloe mit einem kleinen Kater auf und malochte bis Donnerstag Abend mit drei Stunden Schlaf durch. Abends machte sie sich völlig übermüdet fürs Shooting bereit. Nach Anweisung packte sie drei Outfits und ein paar Schals ein. Kurz bevor sie mit dem Rad losfahren wollte, spürte sie ein paar Tropfen auf dem Gesicht. Maya hatte Chloe auch schon am Telefon gewarnt, dass das mit dem Radfahren eine dumme Idee sei. Die Wettervorhersage hatte heftigen Regen vorausgesagt. Chloe chlaubte das nicht. Aber nun machte sie sich doch Sorgen um das Augen-Make-up. Es ging also über die Unterwelt zum Künschtler gen Wedding – dem Montmartre Berlins.

Kaum kam Chloe aus der U-Bahn-Station raus, inszenierte Zeus eine unerbittliche Show aus Regen, Blitz und Donner. Ich stand da mit meinen offenen Schuhen und wartete unterm Dach einer Bank auf Besserung. Da rief mich Nino an, ob er mich abholen solle, da „it is pouring!“. Als er mich fragte, wo genau ich stehe, hatten wir übers Telefon ein kleines Kommunikationsproblem. Ich verstand ihn nicht ganz. Machte mir aber keine weiteren Gedanken dazu, da das sicherlich am lärmenden Regen lag. Fünf Minuten später stand ein kleiner Flitzer mit Portugiesischem Nummernschild vor mir. Ich stürmte ins Auto.

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3 Antworten

  1. Ohh Mann – dieses Stöbern in fremden noch bewohnten Wohnungen ist mir echt unangenehm. Neulich hat es mich sogar bis in den Schlaf verfolgt. Mit einem Grundriss in der Hand irrte ich durch eine endlose Folge von volleingerichteten Zimmern bis ich in einem Schlafsaal mit mehreren Stockbetten vor den schlafenden Mitbewohnern stand, die mir bequem unter der Bettdecke liegend freundlich Auskunft über die Ausstattung von Küche und Bad gaben. Erinnerte mich tatsächlich etwas an den Prozess.
    Gestatten, mayn Name ist Maya K. jemand muss mir den Mietvertrag gekündigt haben… Hiiiilfe – ich habe Wohnungssuchängste!

  2. Aufregend! Ist er nun Portugiese oder Spanier?

  3. Ach so, und hoffentlich malt er Dich nicht abstrakt… 😉

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