Lokalhelden von dahoim


Wäre ich heute in Stuttgart, würde ich auf jeden Fall zur Lesung von Jörg Rohleder aus seinem Roman „Lokalhelden“ in die Schräglage gehen. Und zwar obwohl der Schowi danach auflegt und wahrscheinlich jeden Titel nur 20 Sekunden antäuschen wird.

Warum? Kürzlich im LCB erinnerte ich Chloe noch daran, dass auch wir eine Jugend als Doppelkennzeichen-Mädchen hinter uns haben. Hier in Berlin, wo kaum einer mit dem Auto unterwegs ist und deshalb andere Merkmale zur Kategorisierung des Gegenübers herangezogen werden, kennt man diesen Begriff nicht. In der feinen Kesselgesellschaft allerdings rümpft man gerne die Nase, wenn am Wochenende all die mit Mittelstandskids vollgepfropften Autoles aus WN, BB und ES in die Stadt einfallen. Worauf genau die Stuttgarter sich was einbilden weiß ich nicht mehr, dafür bin ich dann doch schon zu lange raus…

Zurück zur Lesung, bzw. zum Buch, das ich mir gekauft habe, weil ichs ja nicht in die Schräglage schaffen werde. Lokalhelden dreht sich nicht nur um das Aufwachsen in irgendeinem Doppelkennzeichen-Gäu, sondern ausgerechnet in maynem. Dass jemals jemand ein Buch in Echterdingen handeln lassen würde, scheint mir so unwahrscheinlich, dass ich das Buch sicher auch gekauft hätte, wenn es nicht auch noch um eine Jugend in den 90ern gehen würde und der Autor nicht das gleiche Gymi besucht hätte wie ich. Klar – in Echterdingen gibt es auch nur eins…

Also hänge ich seit gestern über den Seiten und bekomme einen Flashback nach dem anderen: Krautfest, Jungendhaus Areal, Zeus und der erste Suff im „Jackies“, später Party im Müsli, der 38er Bus und das Totenwegle, Brezelkauf beim Hausmeister in der großen Pause, der Mathe-Geier und die Knitter… alles fast 1 zu 1 mayne Jugend. Hatte ich ziemlich weit hinten vergraben, diesen ganzen Quatsch, vor allem diese albernen Fehden zwischen Einwohnern unterschiedlicher Ortsteile. Heute Nacht habe ich doch glatt von den orange-farbenen Türen der Klassenzimmer geträumt.

Sicher muss man nicht unbedingt jeden Stein kennen, der im Buch beschrieben wird. Diese Elemente, die zwangsläufig zum Aufwachsen in der Provinz gehören, gibt es so ähnlich wahrscheinlich überall – zumindest in Süddeutschland. Die Jugendhäuser, die Lehrer, die Schlägertypen, die Feste, die Langeweile und die improvisierten Drogen, das Abhängen in üblen Kneipen oder an der Tanke, das Glücksgefühl wenn sich der Radius endlich erweitert und die Sehnsucht dort rauszukommen…kennt wohl jeder mit Doppelkennzeichen-Hintergrund.

Lokalhelden funktioniert aber nicht nur als Heimatroman. Er schafft es auch authentisch und einfühlsam den Ausnahmezustand namens Pubertät zu beschreiben. Dieser ganze Wahnsinn der ahnungslosen Annäherung ans andere Geschlecht, die Fassungslosigkeit über das erste Liebesgeständnis, das nicht Wissen was man eigentlich will, das Wollen und nicht Können, das tiefschürfende Philosophieren, die Verzweiflung und der Übermut – das steckt alles drin und liest sich runter wie nichts!

P.S.: Chloe, du hast ja manchmal Angst, wegen des Schreibens verklagt zu werden, falls sich jemand erkennt. Nimm dir den Rohleder zum Vorbild, der hat bei den Lehrern gerade mal ein bis zwei Buchstaben des Nachnamens verändert.

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2 Antworten

  1. Und auf der Autobahn machten wir ES-Fiestas uns lustig über die Kennzeichen mit DREI Buchstaben wie SHA für Schwäbisch Hall. Mehr Buchstaben bedeute einfach mehr Pampa 😉

    Maya, reich mir das Buch nach Deiner Lektüre doch bitte weiter! Vielleicht tauche ich ja als Kloe vom Zee auf… wer weiß! Verklagen oder verklagt werden, das ist hier die Frage!

  2. Und nirgendwo befehden sich Ortsteile schließlich so vehement wie in unserer Heimat, nicht wahr, Chloe? Ans Echterdinger Krautfest erinnere ich mich allerdings auch noch (mein Großvater – allerdings schon damals kaum Kontakt, heute gar nicht mehr – wohnt dort, und das war einer der wenigen Anlässe, wo wir mal was unternahmen). Da gab es so eine Art Modelleisenbahndeko aus Kraut, und sehr viel Rosenkohl war dabei. Das weiß ich noch, weil damals so vielen Kindern schlecht wurde alleine beim Anblick, während ich mit Rosenkohl nicht so viele Probleme hatte, zum Glück…. an solche Dinge denke ich auch heute noch oft, wenn z.B. meine Tochter einfach so Champignons, Camembert, scharfen Senf und grüne Bohnen verdrückt… 😉

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