Teil III: Muse Chloe & die Wut des Verstehens


Chloe sitzt im Auto neben Nino und der Regen prasselt gegen die Windschutzscheibe. Was mache ich bloß hier? Spinn ich jetzt total? Der obligatorische Small Talk lockert die Situation irgendwie nicht auf. Wenn sich zwei Nicht-Muttersprachler auf Englisch unterhalten müssen, ist das anfangs etwas beschwerlich. Ich schiebe die ersten Sprachverwirrungen auf die Aufregung. Als ich aus dem Auto aussteige, reiße ich sämtliche Kassetten aus dem Handschubfach mit und versenke sie in ein mit Regenwasser aufgefülltes Schlagloch. Das fängt ja gut an…

Wir rennen schnell in die Wohnung, ich lege den Schirm im Flur ab und befinde mich eigentlich schon direkt im „Atelier“. Der Raum für die künstlerische Entfaltung ist gerade mal 10 qm groß. Bevor ich die Türschwelle betrete, bleibt mein Blick auf ein ausgesägtes hochkantiges Rechteck im Türrahmen hängen. Nino bemerkt meinen Gedanken und spricht ihn aus: „The paintings are too big. I had to cut out this part to get them in and out.“

Natürlich fallen mir zuerst die zwei großflächigen an die Wand angelehnten Gemälde – beide ca. 2,50 x 1,60 Meter – auf. Auf jedem ist jeweils eine liegende Frau im Kleid zu sehen. Das eine Bild ist fertig, das andere unvollendet. Beim letzteren fehlt jedoch nur noch das Gesicht. Ich überlege, ob für Nino das weibliche Antlitz das ist was für andere der Spargelkopf: das Beste zum Schluss?

Ansonsten befinden sich noch zwei Tische im Raum. Einer für den Laptop und einer für die Pinsel. Die Pinsel sind alle in unterschiedlich große mit Wasser aufgefüllte Behälter getaucht. Nino bietet mir einen Hocker an. Ich schaue links von mir auf den Boden und entdecke ein faszinierendes Stillleben: drei bis vier Kleidungsstücke (ein graues Sweatshirt, ein Hemd und eine Boxershorts?) müssen sich in der von Lösungsmitteln geschwängerten Luft über Wochen hinweg zu einem Retortenwesen mit einem festen Panzer formiert haben. Mich würde es gar nicht wundern, wenn der Textilgolem gleich losliefe oder gar spräche. Rechts von mir hängen zig Kunstpostkarten an der Wand zwischen den zwei Fenstern zum Innenhof. Die meisten haben nackte Frauen zum Inhalt. Auf einer Zeichnung, die sich direkt auf meiner Augenhöhe befindet, räkelt mir eine Frau ihre weit aufgespreizte Vagina entgegen.

Da nichts passiert, platze ich heraus: „Let’s get over it!“

Nino: „Slow down! First I want to talk to you in order to get to know you.“

Ich denk mir: „Ist das ein Date oder was? Ich bin doch für die Fotos hier!“

Chloe setzt an und erzählt Belanglosigkeiten über sich: „Fine. I studied….“

Als ich etwas von einem Produkt erzähle, springt er plötzlich wie auf Kommando auf: „Let’s go to our neighbours. They have a production. You may like it! And I will get us some wine“

Wir laufen ins Hinterhaus. Ich bin in der Tat von der Produktion begeistert. Das letzte Puzzleteilchen für meine Idee… Ich unterhalte mich mit den Inhabern während Nino eine Flasche Weißwein aus einem Hinterzimmer besorgt. Wahrscheinlich hat er selber keinen Kühlschrank im Atelier, denk ich mir.

Wieder im Atelier kippt Nino das erste Glas Wein in einem Tempo runter, dass ich mir kurz überlege, ob ich wirklich so eine Zumutung bin. Ach, Quatsch! Was erwartet der denn, ich bin kein Profi.

Was er erwartet zeigt er mir dann auch gleich auf seinem Laptop. Zum Glück, da ich seinen Ausführungen nicht wirklich folgen kann. Er ist auf der Suche nach einer starken, dominanten Frau. Er möchte ein Portrait malen mit einem fordernden Blick. Seine letzten Portraits hatten eher liebe, unterwürfige Frauen zum Thema. Er veranschaulicht mir das mit ein paar Bildern. Er möchte die Lilith aus mir rauskitzeln. Uiuiui, denk ich mir, diese Künschtler!, und kippe das Glas Wein runter.

Bevor wir loslegen, müssen die zwei Gemälde zur Seite geschoben werden. Ich muss aufpassen, dass ich nicht über all den Kleinkram am Boden stolpere. Nino schließt die Rollos und baut sein Stativ auf. Ich soll mich an die Wand lehnen. Es ist düster. Ich wundere mich ob der Lichttechnik. Kommt da noch was? Und in der Tat kramt Nino eine Ikea-Lampe hervor, die er erst noch zusammenstecken muss. Ich lehne also an der Wand, vor mir ein monströses Objektiv, dahinter ein hektischer Nino, der in seiner Hand wie ein Voodoo-Meister mit der Ikea-Lampe herumfuchtelt. Natürlich löst sich der obere Teil der Lampe aus der Arretierung und kippt auf mich zu.

Ich weiche zur Seite aus und pruste: „Dare you! I am gonna sue you if you hit me with your lamp!“

Nino: „Haha. You are not the kind of girl who first wants to sign a contract. Come on! Look serious.“

Ich strenge mich an. Habe wohl aber auch einen strengen Blick im Hinblick auf seine ominöse Fototechnik drauf.

Nino wird nervös und plötzlich kippt auch das Objektiv nach vorne um. Meine Contenance ist dahin. Ich muss ganz schrecklich lachen.

Nino: „You are laughing at me!“

Chloe: „That’s not my fault!“

Ich versuche also zu modeln und er zu fotografieren.

Nino: „Is this really your first shooting ever?“

Chloe: „Yes.“

Nino: „I can’t imagine that no one has ever before asked you to take pictures of you! You are beautiful!“

Chloe chlaubt, dass er das nur sagt, damit sie endlich lockerer wird. Andauernd ermahnt er mich, dass ich meine Schultern und meinen Mund entspannen soll. Er ist nicht zufrieden. Es könnte am schwarzen Kleid liegen. Ich soll mich daher umziehen.

Ich ziehe ein blaues Kleid aus meiner Tasche und laufe demonstrativ Richtung Schlafzimmer: „I change there!“

Nino geht derweil auf Toilette. Das 3 qm große Schlafzimmer schotte ich mit dem Vorhang ab. Das Bett scheint einfach in eine leere Kammer geschoben worden zu sein. Daneben befindet sich ein breiter Ständer auf dem sich Gewänder tummeln. Ich ziehe mich schnell um. Nino mag das Kleid. Er schießt wieder ein paar Fotos und ist aber weiterhin unzufrieden. Ich muss mich nochmals umziehen. Ich packe meinen letzten Trumpf, meinen Lieblingsoverall, aus. Das Outfit gefällt Nino auch wieder. Schulter und Rücken sind recht frei.

Nino bemerkt meinen großen Leberfleck auf dem Rücken: „Oh. You have a thing there.“

Chloe genervt: „I know.“

Nino: „No problem. It reminds me of my Mum. She has also one on her back. I had the same but removed it.“

Mum??? Helloooooo? Als er meinen verwirrten Blick bemerkt – liebe Chloe, das Wort „Pokerface“ ist Dir wohl völlig fremd! – will er die Situation auflockern und lupft plötzlich sein T-Shirt: „I have also a big one left. See, right next to my nipple.“ Unter all dem Brusthaar sehe ich neben der Brustwarze einen braunen Leberfleck hervorblitzen, will meinen Blick aber nicht wirklich darauf fixieren und frage: „What are we going to do next?“ Nino will mich auf den Rücken platzieren. Er holt eine Stoffrolle und legt damit den Boden aus, damit ich keine Farbe abbekomme. Da liege ich also auf dem Fußboden und lasse mir die Träger meines Overalls zur Seite schieben, da er mein ausgeprägtes „How do you call this. It looks beautiful“-Schlüsselbein mag. Ich muss nicht erwähnen, dass mir die abknickende Lampe wieder entgegengeflogen kommt. Ich rolle mich wie in einem Actionfilm rechtzeitig weg. Langsam finde ich es auch nicht mehr lustig. Ich bin grimmig, Nino ist unzufrieden. Ich soll wieder das erste Kleid anziehen und wir legen eine Pause ein.

Er überfliegt einige Bilder auf der Kamera und zeigt sie mir. Er blättert zurück und bei einem Foto denke ich: „Wie peinlich, da sind ja noch die Bilder von der vorherigen Tussi drauf!“ Plötzlich fällt mir auf, dass ich das bin! Wow. Ich hatte diese hübsche Frau, die ich da bin, nicht erkannt! Ich bin in der Tat kurz geschmeichelt wie wunderschön ich auf den Bildern herüberkomme. Drei Sekunden lang gar von mir selber verzaubert. Auf einem Bild, ich räkele mich keck umschlossen vom wallenden Haar und umhüllt von einem schwarzen Seidenschal, gleiche ich einer Gustav Klimt Göttin… Man darf ja mal träumen!

Wir unterhalten uns nun wieder und ich versuche mehr Wein zu trinken, um für die zweite Session lockerer zu werden. Wir tasten uns an die ganz heißen Themen heran: Es geht um Beziehungen & Familie. Irgendwie ist mir der Junge recht sympathisch und ich mag ihn. Nino ist wahnsinnig klug. Das Frage/Antwort-Spiel fast „platonisch“. In der ersten Stunde hatte ich noch gefragt ob das hier eine Therapiesitzung sei… nun fühl er sich gelöchert. Die Details des interessanten Gesprächs führe ich an dieser Stelle natürlich nicht aus. Vor allem, da Nino plötzlich mehr redet als ich. Und nun fällt mir zum ersten Mal auf, dass ich ihn manchmal einfach nicht verstehe, da er alles so komisch betont. Sein aktiver Wortschatz ist im Englischen extrem groß. Nur bei der Intonation ist es reine Glückssache, ob er das Wort richtig ausspricht oder nicht. Er erzählt mir wie er zur Kunst, nach Berlin und zu seiner Galerie fand. Ich versuche immer das richtige Gesicht dazu zu machen. Das ist auf Dauer natürlich sehr anstrengend. Vor allem für einen Kommunikationsjunkie wie Chloe. Irgendwie habe ich auch das Gefühl, dass das was ich erzähle auch nicht bei ihm „ankommt“. BABEL ! Die einzige Erlösung: „I have to call my friend Maya as we wanted to go to a party!“ Ich rufe also Maya an.

Maya: „Und wie läuft es?“

Chloe: „Hallo?“

Maya: „Und wie läuft es?“

Das darf doch nicht wahr sein! In diesem Atelier liegen auch noch Funkprobleme vor, so dass ich nur jeden zweiten Satz von Maya höre… Ich befinde mich mitten in einer Sprachkrise!

Chloe: „Hörst Du mich?“

Maya: „Ja. Ich hör Dich. Aber Du bist ja so genervt. Ist alles in Ordnung?“

Chloe: „Ja, ja. Aber ich glaube, dass dauert hier noch ewig. Er ist die ganze Zeit unzufrieden mit dem Output. Ich melde mich einfach, wenn wir fertig sind.“

Maya: „Hast Du nicht getrunken, um locker zu werden? Ich habe Dir doch gesagt: Trink Alkohol, Chloe!“

Chloe: „Wenn es nur das wäre! Bis nachher.“

Ich gebe Nino ein Zeichen, dass ich kurz ins Bad verschwinden muss. Der Raum ist skurril aufgeteilt. Die Klobrille natürlich oben. Vor mir die Duschkabine und rechts neben mir sehe ich Lebensmittel. Da geht mir plötzlich ein Licht auf: Das ist auch die Küche! Als ich mir am Waschbecken die Hände wasche, sehe ich auf dem Fensterbrett direkt neben mir einen Salatkopf. Ich muss schmunzeln. Wilder und authentischer hätte ich mir das „Montmartre Berlins“ niemals in meinem Kopf ausmalen können. Als ich rauskomme entschuldigt sich Nino für den Zustand seiner Wohnung. Wenn er kurz vor einer Ausstellung steht, dann ist er einfach nicht mehr in der Lage dazu das Chaos in den Griff zu bekommen. Er fragt mich, ob ich eher ein ordentlicher Typ sei. Chloe, also known as the true MONK, antwortet: „Just a little bit.“

Wir starten die zweite Runde. Ich soll was mit meinen Haaren machen. „Oh… they look like blond. Are they?“ Ich schaue böse. Muss ich jetzt einem ausgebildeten Maler Farbinterpretationen liefern! Auf dem Stuhl liegt noch meine Haarspange. Er nimmt sie in die Hand und macht sie auf und zu: „Haha. It looks like an octopus.“ Ich stecke meine Haare hoch. Das passt ihm nicht. Er fuchtelt an meinen Haaren herum. Ist jedoch ganz lieb und fragt die ganze Zeit, ob ich mich noch „comfortable“ fühle. Ich soll mir einen Pferdeschwanz binden. Ich binde. „A LOW one!“ Ich binde erneut. Er läuft die ganze Zeit um mich herum und zupft und zieht und schiebt und drückt mich zurecht. „You need a Stylist!“ – „I know.“

Die ganze Situation wird nur noch verkrampfter. Ich frage nach der richtigen Musik, um mich in die passende erhabene Stimmung zu bringen. Ich ordere Schuberts Unvollendete. Kaum bin ich etwas transzendentaler, kippt die Lampe wieder um. So wird das nix! Wir strengen uns beide nochmals an. Er versucht es mit mehr reden, „Give me the look…. How would you look if you would know this painting makes you eternal?“

Chloe muss über diesen Schwachsinn laut loslachen. Mist, ich sollte die Angelegenheit wirklich ernster nehmen. Bin halt doch kein Profi. Ferner fühle ich mich selber als Macher und nicht als Marionette gedacht! Daher beschließe ich Mayas Leitsatz zu folgen: „Denk an den Blog, Chloe!“ Somit drehe ich den Spieß um und werde selber zur Beobachterin. Ich folge jeder Bewegung, jedem Blick des Künstlers. Wie er mit seinen Fingern eine Strähne aus meinem Gesicht streicht. Hinter der Kamera sein eigenes Gesicht verzieht nach jedem Foto. Ich gebe ihm mit meinem kritischen Blick zu verstehen, dass ich das nicht gut finde.

Nino beiläufig: „My friends who are real photographers always rail at me because of my unprofessional shootings. I tend to express immediately on my face what I think of the picture I have just taken.“

Chloe chann es nicht fassen, dass er das, was ihr die ganze Zeit auf den Nerv geht, auch noch zugibt! Wie soll ich mich denn locker machen, wenn er nach jedem Bild mürrisch die Mundwinkel verzieht! Das lockt doch lediglich mein „unfotogen“-Trauma hervor. Ich werde richtig sauer auf ihn. Ach, wahrscheinlich will er das auch noch! Sagte er doch gerade, dass ich ihm die „Medea“ (ich brauchte drei Anläufe, um das Wort zu verstehen!) geben soll.

Wir versuchen es nun ohne Musik. Er versucht mich zum Posen zu bringen und hier breche ich nun ab. Genug Drama. Das scheint hier alles für die Katz zu sein. Zu einem Gemälde von mir wird es wohl nie kommen. Immerhin eine gute Geschichte für den Blog. Was will man mehr.

Nino zieht die Bilder auf den Rechner und will sie mir zeigen. Ich will eigentlich nicht. Soll er doch damit machen was er will! Aber dann gehen wir die Aufnahmen doch durch. Er zeigt mir eines, das er besonders gut findet.

Nino: „Do you like this one?“

Chloe: „No.“

Nino: „Why?“

Chloe: „I look too Albanian!“

Nino kopfschüttelnd: „You are Albanian! … Oh look at this pictures. Here you are really angry with me!“

Ich packe nebenher meine Sachen zusammen. Er bietet mir an, mich zu meiner Freundin zu fahren. Als wir im Auto sitzen frage ich ihn frank und frei: „You wanna join us?“ Er lächelt und sagt zu. Wir müssen jedoch wieder um den Block zurück in seine Wohnung fahren, damit er sich umziehen kann. Wir sind beide irgendwie schrecklich erleichtert und total überdreht. Scheiß Shooting! Endlich vorbei. Ich rufe Maya an, dass wir gleich vor ihrer Haustür stehen.

Maya lässt sich Zeit und so sitzen Nino und ich noch eine Weile wartend im Auto.

Nino: „The IAM (ink and movement) exhibition where I met you first was organized by the Spanish embassy, you know?“

Chloe: „Of course.“

Nino: „How did you get there?“

Chloe: „A friend invited me.“

Nino: „What is her name?“

Chloe: „Paloma.“

Nino: „Aaah. You know Paloma! How come?“

Chloe: „Looooong story. I was searching for a flat…“

Nino: „No way! You are the girl with the blog!“

Chloe: „Yes!“

Nino: „Paloma told me the story. And now I am sitting right next to the girl with the blog! This is insane!“

Maya erscheint auf der Bildfläche. Juhu!

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