Teil IV: Muse Chloe & die Wut des Verstehens


Maya stürmt ins Auto und meine Worte fließen wieder wie ein Wasserfall. Auf Deutsch. Erstmal ohne Rücksicht auf Nino. Ich fühle mich verstanden! Nino konzentriert sich auf die Fahrt und grinst, als wir an den Ausstellungsräumen vorbeifahren. Stolz kleidet jeden!

Am Ziel angekommen bemerkt Maya dann doch kurz: „Was ist denn mit Dir los, Chloe? Du bist total überdreht!“ Ich gebe kurz zu: „Ich bin einfach erleichtert, dass alles vorbei ist. Es war echt anstrengend!“ Da wir uns auf Deutsch unterhalten, versucht sich auch Nino darin. Maya mosert über den Musikgeschmack eines Freundes, der uns das letzte Mal auf eine Schlagerparty geschleppt hat. Nino fragt, was „Schlager“ ist. Chloe summt und Maya sucht nach einer adäquaten Erklärung… „Äh, äh. Schlechte Musik!“ Wie erklärt man einem Ausländer Schlager?

Unser Ziel ist der Monarch Club am Kotty d’azur. Der Verbrecher Verlag lässt zum 15. Jubiläum seine besten Autoren als DJ am Mischpult werkeln. In dem Moment, in dem wir die Räumlichkeiten betreten, entschuldigen wir uns schon bei Nino für die schlechte Party. Er entschuldigt sich mit einem „Ich hungere mich“ schnell gen Döner-Bude. Ich gebe Maya nun zu verstehen, dass wir uns alle besser auf Englisch unterhalten sollten. Während Nino für seine Zwiebelfahne sorgt, tausche ich in seiner Abwesenheit mit Maya die wichtigsten Shooting-Eckpunkte aus. „Er meinte, dass ich tausend Gesichter habe und auf jedem Foto anders aussehe…“ Das Publikum um uns herum sieht auch sehr speziell aus. Und Jens Friebe, der Scooter für zum Tanz losgelassene Leseratten, feuert die Bewegungsspastiker mit geballten Fäusten zum richtigen Rhythmus an.

Nino beschließt, uns vom Verlagsklientel zu erlösen. Wir fahren auf sein Anraten hin ins Fuchs und Elster am Hermannplatz. Der Club gleicht einem Keller-Labyrinth. Es läuft Swing. Die Mädels holen die Drinks. Wir unterhalten uns zu Dritt. Die Musik ist laut, Maya noch nicht auf Ninos Englisch getuned und die Wut des Verstehens erwischt uns in ihrer vollen Wucht!

Nino: „Where are you from, Maya?“

Maya: „Also from Stuttgart.“

Nino: „Do you like it? I mean I do not like it. The first time I went there I visited a friend. We ate. And then everybody had to stand up and clean his own blaateee.“

Chloe schaut verwirrt. Was ist da passiert?

Maya sieht zum Glück Ninos Geste und versteht sofort!

Maya kichernd: „The same happened to us, too!! Chloe, do you remember? We had breakfast at a friend’s place and had to wash our own dishes!“

Aaaah, PLATE ! Chloe versteht.

Nino: „I couldn’t believe it. I went to the kitchen and cleaned up everything on my own! The girl went straight to bed. Can you imagine? At 22 Uhr !!! But in the morning I all of a sudden understood WHY. The church bells started ringing at 7 am. I couldn’t sleep any longer. What’s wrong with them? Waking up people every morning at 7 am? This is sooo early. Now I know what’s wrong with Southern Germany. The bells!“

Chloe muss herzhaft lachen und erzählt von den Pistolenschüssen in Oberschwaben, die zu Geburtstagen oder Hochzeiten am Wochenende morgens um Sechs abgefeuert wurden.

Chloe: „Nino, what do you do if you are not painting?“

Nino: „I meet friends…. and I play ping-pong.“

Chloe: „Ping-pong?“

Nino: „Yes. It is a great game. I want to organize a huge ping-pong party. With a ping-pong table in the center and Kaandms EVERYWHERE! Are you both gonna be here in Berlin this month?“

Maya zückt auf einmal ihren Terminkalender aus der Tasche und die beiden diskutieren den Wochentag aus. Solch ein Aktionismus, Maya? Denkt sich Chloe

Maya und ich holen noch einen Drink an der Bar.

Maya völlig entsetzt: „Hat der gerade gesagt, dass er eine Ping Pong Party schmeißen will auf der überall KONDOME ausliegen? Wo kramst Du nur immer diese kranken Männer aus?“

Chloe bricht zusammen vor Lachen: „Kranke Männer??? Ich glaube, dass bei Dir einfach die Halbwertszeit überschritten ist. Neulich hattest Du einen freudschen Versprecher und sagtest Bushaltestellung statt Bushaltestelle. Nun hörst Du Kondome statt KERZEN!!! Er hat eindeutig CANDLE gesagt. Aber ich verstand, dass er die Kerzen auf die Tischtennisplatte auslegen will. Das macht doch gar keinen Sinn?! Jedenfalls weiß ich nun, warum Du so hektisch den Terminkalender zücktest. Du wolltest vor lauter Befangenheit die Situation irgendwie retten. Schon lustig, wie wir uns zu Zweit die Rezeption zusammendichten müssen.“

Maya patzig: „Hey, Du hast Dich immerhin schon vier Stunden lang mit dem warm reden können. Ich verstehe nur Bahnhof.“

Wir stehen zu Dritt an der Wand und beobachten das Publikum. Ein Mann fordert mich zum Tanz auf. Ich will nicht.

Nino daraufhin: „Should I leave? All Men are staring at you both. You could easily get one tonight.“

Chloe entsetzt: „I do not want to!“

Maya: „Was will er?“

Chloe: „Ach, er meint, dass ich ruhig jemanden abschleppen soll.“

Maya: „Stimmt!“

Chloe: „Ich will nicht!“

Maya: „Du immer und Deine Dogmen! Das ist doch auf die Dauer echt langweilig.“

Nino schnappt ein deutsches Wort auf: „What is langweilig?“

Chloe antwortet nicht.

Nino: „Your job?“

Chloe antwortet nicht.

Nino: „Your friends?“

Chloe genervt: „My sexual life.“

Nino will nicht verstehen.

Maya eilt zur Hilfe: „She is on a diet!!!“

Nino: „What diet??“

Maya mich ärgernd: „No men!“

Chloe flüsternd zu Maya: „Na toll! Ist der Ruf erst ruiniert!“

Irgendwie ist es schon 3 Uhr morgens, Maya und Chloe angetrunken, die Balkan-Beats langsam nervig und wir beschließen zu gehen.

Im Auto erwähnt Nino nochmals: „You two got so much LOVE! Why didn’t you stay?“

Chloe kühl: „Keine Liebe, nur TRIEBE. Danke, ich verzichte!“

Nino: „What does Triebe mean?“

Maya steckt plötzlich kichernd ihren Kopf von der Rückbank in den Fahrerraum: „FREUD. Hahahahaha!“

Nino steht auf dem Schlauch.

Chloe mit Maya auf einer kreischenden Wellenlänge: „Der Siggi, Mönsch. Der Siggi!“

Ok, Chloe will nicht rücksichtslos sein… sie googelt für Nino ein paar Übersetzungsvorschläge auf leo.org: „Eeeeel impulso? El retono? El latiguillo? La pulsión? …“

Nino lacht: „El latiguillo is good!“

Chloe hat keine Ahnung. Sie ist einfach froh direkt vor die Haustür abgesetzt zu werden.

Chloe: „Adieu!“

Nino: „Bye… äh, äh. And thanks for your time!“

Chloe: „Passt scho! Ciao.“

Zuhause angekommen fällt ihr auf, dass sie seit geschlagenen zehn Stunden nichts mehr gegessen hat. Ich hungere mich und verschlinge eine ganze Tüte Erdnüsse im Teigmantel, die mir meine Stuttgarter Freundinnen per Care Paket nach Berlin versandt haben. Sie hatten aktuelle Fotos von mir auf Facebook gesehen und „Iss, Chloe!“ aufs Paket geschrieben. Chloe chann in der Tat kaum so viel essen wie sie sich andauernd mit dem Fahrrad verfährt….

Am nächsten Tag muss ich bereits um 9 Uhr bei einem Meeting in Mitte sein. Mit Restalkohol im Blut radle ich zügig an den hippen Stylomaten vorbei. Nach drei Stunden vollster Konzentration ist auch schon alles besprochen und ich rufe Maya wehleidig an: „Lass uns was essen!“ Wir treffen uns im Mein Haus am See und lachen uns einfach noch mal krank über all die Sprachverwirrungen. Maya erzählt von der restlichen Rückfahrt mit Nino. Sie habe versucht mit ihm über Musik zu reden. Aber es klappte einfach nicht. Sie gab auf und versuchte zum richtigen Moment zu nicken oder nicht.

Zwei Tage nach dem Shooting hatte ich einen schrecklichen Alptraum. Ich stand auf einer Brücke in Berlin und wusste nicht welche Richtung ich einschlagen soll. Da kam ein Zigeuner zielstrebig auf mich zugelaufen. Ich ängstigte mich, blieb aber stehen, da er mir mit einem Grinsen auf dem Gesicht die eine, alles entscheidende Frage stellte: „Hey, Du Tramp. Hör auf herumzuwandern! Wenn Du willst sag ich Dir schon wer Du bist. Gib mir einfach Deine Email-Adresse und übe Dich in Geduld. Du wirst meine Antwort schon früh genug bekommen.“ Tatsächlich kam nach einer gefühlten Ewigkeit eine Email bei mir an. Obwohl ich die Sprache – ein Wirrwarr aus Albanisch, Russisch und Nixverstehen – nicht kannte, konnte ich den Satz doch lesen: „Du bist ein Geist!“

Na, das habe ich davon, wenn ich mich von Künschtlern traumatisieren lasse. Vielleicht sollte ich Nino darum bitten, mich doch mit seiner Lampe wieder zurück in die Realität hauen zu lassen.

Nun sitze ich da und frage mich, ob er mich nun malt oder nicht. Ob er sich wohl fragt, ob das „girl with the blog“ nun schreibt oder nicht?

Jedenfalls kam gerade eine SMS herein:

There’s one picture I like, but I’m not sure yet wether it has a painting inside.

Künschtler !

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Eine Antwort

  1. Ja, ja so eine Sprachbarriere ist nichts für ungeduldige Menschen und Besserwisser wie mich. Wenn man permanent nachfragen muss, leidet das Gespräch doch sehr und außerdem fühlen sich beide Seiten blöd, das mag niemand gern.
    Den Kalender zückte ich doch nur, um dann mit Bedauern mitteilen zu können, dass ich am geplanten Orgien-Datum LEIIIIIDER verhindert bin. Ich schäme mich ein bisschen für mayn Vorurteil gegenüber den sexuellen Ausschweifungen von Künstlern. Ein albernes Klischee!
    Im Nachhinein muss ich immernoch furchtbar über dieses Missverständnis lachen…

    Nino sprach den babylonischen Aspekt im Auto übrigens noch an – glaub ich zumindest, ganz sicher kann ich da ja nicht sein!
    Berlin sei schuld. Jeder zweite käme auf ihn zu und wolle sein Spanisch an ihm üben, der Rest plappert automatisch Englisch – mit dem Deutsch Lernen kann es so schon gar nichts werden. Bei so viel Selbsterkenntnis wollte ich das mit der Aussprache dann nicht noch auf den PLAAAAT bringen. Schließlich kann ich meine KRAUTy Herkunft ja auch nicht leugnen.

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