Freie Bahn für Chloes Reise in den Migrationshintergrund


Was bin ich doch erleichtert, dass die Regierung rechtzeitig vor Chloes Reise in den Kosovo den Gesetzesentwurf zur Integration auf den Tisch gebracht hat!

Nicht, weil ich sie nach ihrer Rückkehr wegen ihrer steten Weigerung, sich doch bitte endlich mal richtig zu integrieren, zum Sprachkurs schicken möchte. Nein, diese sind hier in Berlin ja eh überfüllt und Chloe würde ohnehin nur die Unterrichtsvorlagen des Kursleiters optimieren.

Endlich ist nun das grausigste Schreckgespenst rund um die Reise ins Land der Eltern gebannt: die Zwangsehe erfüllt in Zukunft einen eigenen Straftatbestand. Wer im Ausland gegen den Willen verheiratet wird, dem soll außerdem die Rückkehr erleichtert werden. Alle von Chloes Angstphantasien rund um das Wurzelland hängen schließlich mit ihrem größten Makel aus kosovarischer Sicht zusammen: sie ist unverheiratet und auch eine Verlobung steht nicht in Aussicht. Die konservative Verwandtschaft betet täglich für sie, auch abergläubische Rituale werden abgehalten – alles ohne Erfolg. Chloe steht unter starkem Druck!

Radikale Onkel und Cousins werden da imaginiert, die – kaum dass die Madame den Fuß aufs  Heimatland gesetzt hat – den deutschen Pass einsacken und einen Heiratskandidaten aus dem Hut zaubern. Auch wenn ich bei jeder dieser Panikattacken versichere: „Chloe, ich hol dich da raus, wenn sie dich nicht mehr gehen lassen!“, wiegelt sie mit Verweis auf ihre doppelte Staatsbürgerschaft ab: „Das geht nicht, die dürfen gar nichts machen, ich bin da unten Kosovarin.“

Maynen Plan, mit wehenden Fahnen und einem ganzen Dokumentar-Filmteam die Rettung aus der Zwangsheirat zu organisieren, quittierte sie immer mit Kopfschütteln. Das mag daran liegen, dass man in dem Balkan-Binnenland noch ein sehr viel engeres Verhältnis zu Schusswaffen hat. Angesichts von Chloes Verwandtschaft, die sich auf Facebook-Profilbildern auch gerne mal mit der Uzi in der Hand präsentiert, scheint mayne mediale Armada für diese Befreiungsaktion zumindest kurzfristig ungeeignet. Aber ich war mir ziemlich sicher, durch internationale Aufmerksamkeit ließe sich da einiges machen… Die Frage blieb, wie vielen Kindern Chloe in der Zwischenzeit das Leben schenken müsste, bevor ich sie – nicht mehr ganz heil – zurück in der Berliner WG hätte.

Das ganze Szenario gehört dank des neuen Gesetzes nun der Vergangenheit an. Wie läuft das wohl? Ich zeige vielleicht einfach direkt bei Chloes Abflug schon mal pro forma eine Zwangsverheiratung an…

Währenddessen hat die Schwab&ovarin ganz eigene Probleme. Nicht nur, dass sie Präsente für die gesamte Mischpoke besorgen muss. Sie benötigt auch eine ausgeklügelte Planung, um ständige Besuche von Bekannten und Verwandten im neuen Elternhaus zu vermeiden. Dies bedeutet nach dem alten Ritus nämlich jede Menge Stress und außerdem hüpft hier ebenfalls der Heirats-Springteufel aus dem Kasten. Es muss ja nicht immer eine Zwangsehe sein. Auch die hoffnungsfrohe Vorstellungsrunde lauter heiratsfähiger Kandidaten klingt nicht gerade nach Urlaub. Wieder wünsche ich mir ein kleines Filmteam, das diese Szenen für die Ewigkeit festhält:

„50 Arten einen Bräutigam abzulehnen“ – ein Film über und mit Chloe vom See.

Auch wenn Chloe daraufsetzt, zumindest hässliche Bewerber mit dem Segen ihres Vaters in die Flucht schlagen zu können, da diese der Maynung ist, die Tochter hätte nur die schönsten Männer des Landes verdient, wird das Eis auf dem die ledige Frau steht, immer dünner. Das Schutzschild „Bildung“, das während Magister und MBA so wirksam gegen eine Hochzeit war, lässt sich nur noch zweimal aktivieren: Promotion und Habilitation. Auf diesen Verzweiflungsakt hat Chloe aber keine Lust. Neue Ausreden müssen her, auf die Kreativität mayner lieben Freundin in diesem Bereich wäre ich dann doch sehr gespannt. Leider hat sie vor, sich ganz passiv-aggressiv durch tagelange Ausflüge zu entziehen. Aber sicher wäre sie im Vertrösten der Männer mindestens so schlau wie das berühmte Role Model aus der griechischen Mythologie. Penelope, die lieber auf ihren Odysseus warten wollte, der sich ein bisschen verfahren hatte,  als einen neuen Mann zu akzeptieren, webte einfach ein paar Jahre lang.

Chloe sollte es notfalls ähnlich halten, am liebsten aber in der Küche. Schließlich lautet mayn Auftrag an sie: Komm mit neuen Fertigkeiten zurück!

Die perfekte Ausrede aus mayner Sicht lautet also:

„Ich kann nicht heiraten, bevor ich nicht die perfekte Pide und den perfekten Passoul koche.“

Und dann üben, üben, üben – bis zum Rückflug.

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2 Antworten

  1. Haha! An Deinem Albanisch müssen wir echt noch arbeiten, Maya! Das Kosovarische Bohnennationalgericht Pasul http://www.kochbar.de/rezept/anzeigen/index/id/236057/Pasul.html hat rein gar nichts mit „Soul“ zu tun…

    Du setzt mich und meine Fertigkeiten ganz schön unter Druck. Jetzt übe ich drei Tage vor dem großen Umzug schon heimlich an meiner Teigausrolltechnik! Heute habe ich mich endlich an einer Kraut-Pide versucht. Die WG kann kommen, Maya!

    Das Meisterwerk hielt ich vorhin stolz meinen Eltern beim Skypen in die Kamera rein. Deinen Blogeintrag las ich erst danach! Was für ein Fehler, meine Pidekunst vorzuzeigen… die denken jetzt bestimmt, dass ich nun endlich heiratsfähig und -willig bin! Nebenher trank ich ein Glas Wein. Meine Mutter entzückt zum Vater: „Schau mal, unsere Tochter gönnt sich zu ihrer Pide eine Cola.“ Meine Mutter !

    Außerdem ergab sich folgender Dialog:

    Chloe: „Überraschung! Ich werde ein Auto mieten! Dann können wir Tagesausflüge machen.“
    Vater: „Oh ja! Wir erwarten eh keinen Besuch. Keiner weiß, dass Du kommst.“
    Mutter: „Quatsch! Dein Vater hat es natürlich allen erzählt. Aber keine Angst! Ich habe mir überlegt, dass wir allen kurz vor Deiner Ankunft sagen, dass Du es Dir anders überlegt hast und doch nicht kommst! Ha!“
    Chloe: „Tolle Idee, Mutter!“
    Mutter: „Ach, wir freuen uns so auf Dich. Und dann bist Du auch gerade zum höchsten islamischen Fest am 16. November da.“
    Chloe schluckt und denkt sich: „Fuck! Da wollte ich nach Tirana fahren!“
    Mutter: „Isst Du mit mir Baklava an Bayram?“
    Chloe zögerlich: „Wann ist denn Bayram? Morgens?“
    Vater brüllt los: „Chloe! Das Opferfest geht vier Tage lang!“
    Chloe: „Und was macht man da?“
    Im Hintergrund schaltet sich mein Neffe laut lachend ein: „Man geht beten!“
    Vater zu Chloe: „Ja, ja, die anderen. Ich geh ja auch nicht in die Moschee, Chloe. Wir E S S E N einfach den ganzen Tag !“

  2. Sorry für mayn schlechtes Albanisch – das war das erste Wort, das mir Google für „Bohneneintopf Kosovo“ ausgespuckt hat.
    Allerdings musst du offensichtlich an deinem Feiertagswissen arbeiten.
    Jetzt mache ich mir aber doch Sorgen, wenn du zum Opferfest dort bist, dann kommst du am Ende mit blutrünstigen Hausschlachtungs-Fertigkeiten und Souvenirs zurück. Mir kommt keine abgehangene Widderhälfte ins Haus! Auch lebendige Hühner sind nicht willkommen.

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