Der Schwaben erste Woche im Schwellenland


Die SpreeSee-WG hatte also heute vor einer Woche endlich ihren „go live“. Davor galt es noch den Umzug zu überstehen…. irgend etwas geht ja immer schief.

Während sich die Umzugswagen auf der Autobahn stauten, hielt Chloe in der leeren Wohnung alleine die Stellung und bandelte mit dem Nachbarn an, der ihr daraufhin den Parkplatz mit einem Bistro-Stuhl für die Sprinter freihielt. Auch besorgte Chloe für die Umzugstruppe Alkohol und Butterbrezeln im Kaisers an der Ecke. Im völlig versifften Getränkemarkt stand ein riesiger Rastafari-Mann verpeilt vor ihr. Bevor er Chloe ansprechen konnte, lief die genervte Henne schnell an dem Typen vorbei.

Zwischendrin klingelte das Telefon. Der Mann mit dem Billy-Regal, den ich über Ebay Kleinanzeigen angeschrieben hatte, wollte die Übergabe mit mir klären.

Verkäufer: „Wie schaut es bei Dir aus?“

Chloe: „Du kannst das Regal wie abgemacht einfach vorbeibringen. Ich bin in der Wohnung.“

Verkäufer: „Gerne. Aber ich brauche jemanden, der mir dabei hilft, das Regal runterzutragen. Ich ziehe heute aus und dann kannst Du das Regal nicht mehr abholen.“

Chloe: „Kein Problem. Ich komme sofort vorbei. Sag mir einfach wo ich klingeln soll.“

Verkäufer: „Alles klar. Ich bin die nächsten zwanzig Minuten auf alle Fälle noch zu Hause. Klingel einfach bei XY.“

Chloe düst also gen Warschauer Straße und klingelt nach zehn Minuten an. Sie hört über die Lautsprecheranlage einen Mann auf Englisch sprechen. Er scheint mit jemanden zu telefonieren. Nix passiert. Chloe ruft den Billy-Typen übers Handy an. Nix passiert. Chloe wartet. Nix passiert. Plötzlich reißt der Rastafari-Mann, den sie vor zwei Stunden im Kaisers gesehen hatte, die Tür auf.

Rastafari: „Hello! You klingelt me.“

Chloe: „Ja?“

Rastafari: „Do you speak English?“

Chloe: „Yes.“

Rastafari: „How may I help you?“

Chloe: „I want to pick up something. But I don’t think you are the guy I talked to previously.“

Rastafari: „Yeah. Yeah. Must be wrong. But anyhow. Are you from Berlin? I mean do you live in Berlin“

Chloe: „Yes.“

Rastafari kommt mir einen Schritt entgegengelaufen: „With someone?“

Chloe: „Yes.“

Rastafari mit einem fetten Lächeln: „With your boyfriend?“

Chloe lügt frei raus: „Yes!“

Rastafari enttäuscht: „Aaaaah.“

Rastafari schließt die Tür zu.

Chloe versucht nochmals den Billy-Besitzer telefonisch zu erreichen. Da nichts passiert, läuft sie wieder nach Hause. Kaum ist sie in der Wohnung angekommen, klingelt das Telefon.

Verkäufer: „Wo bleibst Du?“

Chloe: „Hallo??? Ich war da, habe geklingelt und Dich zweimal versucht telefonisch zu erreichen!“

Verkäufer: „Das kann gar nicht sein. Außerdem diskutiere ich jetzt nicht mit Dir aus was zwanzig Minuten bedeuten!“

Chloe: „Wie auch immer. Ich kann jetzt nicht nochmals kommen. Meine ersten Helfer stehen schon vor der Tür.“

Verkäufer: „Kannst Du das Regal denn morgen abholen?“

Chloe: „Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich nach der Nummer kein Interesse mehr an dem Regal habe. Mir hat ein fremder Mann die Tür geöffnet.“

Verkäufer: „Das kann gar nicht sein! Die Wohnung steht leer!“

Chloe: „Das muss ich jetzt auch nicht mit Dir ausdiskutieren. Ich will das Regal nicht mehr!“

Verkäufer: „Du blöde süddeutsche Fotze!“

Chloe schüttelt den Kopf und legt auf.

Du blöde süddeutsche Fotze – das war also meine Begrüßung in der neuen Hood. Zum Glück kamen gleich Jos Lars und Anhang, um mich nach diesem herben Rückschlag aufzufangen. Jos Lars setzte sein „Cool Down“ ferner wortwörtlich um. Mit einem Schlag nahm er sich unserer Heizungsuhr an und schaltete sie mit dem Satz „Das ist doch viel zu heiß hier. Ich schalte für Euch mal auf Nacht um!“ ab. Maya und ich vermochten dann zwei Tage lang nicht mehr diese Einstellung zu ändern. So saß ich am ersten WG-Tag mit einer fetten Daunenweste in der Küche. Maya grinste nur die ganze Zeit: „Jos Lars wäre soooo stolz auf Dich!“ Naja, irgendwann kamen wir doch noch auf den Wärmetrichter…

Außerdem hatte ich nach der ersten Nacht einen wahnsinnigen Schädel.

Tödlich für meine Nerven !

Das Ticken der besagten Heizungsuhr trieb mich in den Wahnsinn! Tock, Tock, Tock erfüllte es das ganze Zimmer! Ich lag blau vom BASF-Gebäude bestrahlt im Bett und überlegte mir diverse Methoden, um der Uhr den Garaus zu machen. Eine Schallschutzbox bauen? Ein Kissen ankleben? Rausreißen? Tock, Tock, Tock… Meine Umzugshelfer hatten sich noch über das UmzUmzUmz der gegenüberliegenden Clubs beschwert. Das drang nicht zu mir. Lediglich dieses Tock, Tock, Tock…. Inzwischen glaubt auch Maya das Ticken zu hören. Jos Lars, der Heizungsuhrchecker, hätte mir mal lieber erklären sollen, was er damals gegen sein akustisches Folterinstrument unternommen hat, statt am Thermostat herumzuspielen. Kennt irgendjemand Tricks? Helft mir. Bitte !

Neben Kälte und Ticken machte uns in der ersten Woche auch noch der Internet- und Fernsehentzug schwer zu schaffen. Maya simulierte eine Art Arbeitspausenspaßumgebung in der Küche: Sie baute neben dem Radio ihren Laptop auf und spielte ein Computerspiel!!! Sie braucht nun mal Multitasking-Ablenkung von der Arbeit. Maya glaubte schon vor lauter Internetzug an einer Fata Morgana zu leiden und kleine Briefe in der Taskleiste aufblitzen zu sehen… Und wenn es ganz schlimm wurde, ging sie zu Goodies. Inzwischen ist sie sogar stolze Besitzerin einer Goodies Card. Inzwischen haben wir aber zum Glück auch wieder Internet. Juhu, ich kann bloggen…

Da wir also keinen Zugang zur Außenwelt hatten, mussten wir uns diese Woche abends selber in der Küche entertainen. Wir wuschen nebenher dreckige Wäsche und ließen die lustigsten Momente des Umzugs Revue passieren. Ich kann hier leider nur eine Anekdote wiedergeben: Maya packte Sonntag Nacht nach all der Umpackerei ein fundierter Staubhass. Maya rollte manisch mit dem Staubsauger über die Dielen. Als sie all die Büroklammern, die sich in den Dielenschlitzen über die Jahre vermehrt hatten, das Staubsaugerrohr hochflitzen hörte, steigerte sie sich wie ein tasmanischer Teufel in die neu entdeckte Neurose rein. Plötzlich polterte es laut. Maya schrie genervt zu mir rüber: „Was machst Du da, Chloe? Bist Du das?“ Chloe sehr gelassen: „Liebe Maya, ich weiß echt nicht was Dich da gerade gepackt hat. Aber es ist nach Mitternacht und morgen Montag, ein Arbeitstag. Vielleicht solltest Du einfach nicht um diese Uhrzeit saugen! Das wollte Dir der Nachbar unter Dir wohl mit dem Besenstiel, mit dem er gegen die 3,30 m hohe Decke klopfte, vermitteln!“

Tja, gleich am ersten Tag hatten wir uns in der neuen Hood, die Charly so charmant als „Schwellenland“ im Vergleich zu Mayas altem Kiez betitelte, unbeliebt. Maya brachte es jedoch wie immer auf den Punkt: „Keine Angst. Mit uns zieht die Gentrifizierung ein, ha!“ Am nächsten Tag, am Abend unserer Kücheneinweihung, schrammten wir ferner gerade noch so an einer ganz großen Blamage vorbei…

Während Chloe den ganzen Tag den Kopf in diverse Küchengeräte zum Putzen gesteckt hatte, besorgte Maya Zutaten für eine Möhrensuppe. Glücklich über die doch sehr gemütlich anmutende Küche fing Maya mit dem Kochen an. Mitten drin lief sie kurz panisch in unsere Zimmer, um – mit Jos Lars und der Nebenkostenabrechnung im Ohr – zu checken, inwiefern wir vergessen hatten, das Licht auszumachen. Dabei fiel ihr auf, dass der ganze Flur nach Essen roch. Kurzerhand schloss sie die Küchentür hinter sich zu, um dem Zug Einhalt zu bieten. Plötzlich hörte ich sie schreien!

Maya panisch: „Oh nein! Ich habe uns eingeschlossen?“

Chloe: „Hä?!

Maya kommt mit dem Türgriff in der Hand auf mich zugelaufen: „Und als ich ihn zurückstecken wollte, ist die andere Seite nur tiefer reingerutscht! Ich fass das nicht mehr an. Nicht, dass der Türgriff auf der anderen Seite nun herausfällt.“

Chloe muss lachen.

Maya völlig kleinlaut: „Oooooooh! Ich habe uns eingeschlossen. Bitte mach was, Chloe! Ich habe nämlich ein Problem damit, eingeschlossen zu sein.“

Maya rennt zum Suppentopf und rührt stoisch mit dem Kochlöffel ihr Gebräu. Fast so, als würde sie plötzlich nichts mehr von der misslichen Lage wissen wollen.

Chloe, die sich selber als verkannter weiblicher MacGyver wahrnimmt, maynt nur gelassen: „Ach. Gib mir einen Schraubenzieher, und ich löse das Problem sofort!“

Maya monoton mit Blick zum Fenster: „Es gibt in der Küche keinen Schraubenzieher.“

Chloe gelassen: „Ach, ich mach’s mit nem Messer!“

Chloe nimmt ein Messer und drückt es in die Spalte des Türgriffbolzens. Leider verrutscht der Gegengriff dabei weiter nach hinten. Auch Chloe bekommt nun langsam Angst, dass der Griff auf der anderen Seite zu Boden fallen könnte. Ferner bedrückt sie ein ganz anderes Problem namens Blase… Aber sie muss jetzt ihre Nerven behalten. Sie merkt, dass mit Maya nicht mehr viel anzufangen ist. Sie hat ihre Freundin noch nie so erlebt. Es wirkt befremdlich auf sie. Wahrscheinlich so wie damals, als Maya Chloe zum ersten Mal Erröten sah.

Chloe: „Okay. Okay. Alles halb so wild. Wir winken einfach unseren Nachbarn gegenüber zu und werfen ihnen den Schlüssel in den Innenhof. Dann können sie uns aussperren!“

Maya zynisch: „Klasse Idee, Chloe! Haben wir einen Schlüssel hier?“

Chloe beruhigend: „Nein. Okay. Okay. Ich durchforste die Küche weiter nach Werkzeug.“

Maya, immer noch mit einem starren Blick über dem Kochtopf: „Chloe, ich habe wirklich ein Prooooobleeeem damit, eingeschlossen zu sein.“

Chloe drängt die drängende Blase weg und versucht mit zwei Messern im Klemmgriff den Bolzen zu drehen. Es klappt nicht. Chloe hat nur einen Gedanken im Kopf: „Wenn der Bolzen nicht wegrutschen soll, dann muss ich ihn zuerst an mich heranziehen…. EIN MAGNET!!!“ Chloe, die gerne mal handelt, bevor sie darüber nachdenkt, rennt zur Küchenschublade und holt den Ikea-Magnetbehälter hervor. Maya muss sich nun schrecklich zusammenreißen, um nicht völlig durchzudrehen. Sie ist eingeschlossen und ihre einzige Hoffnung namens Chloe maynt mit einem Magnet die Tür öffnen zu können!!! Chloe, die in dem Moment, in dem sie den Magnet vor den Türgriff hält, merkt, wie bescheuert ihr Einfall ist, muss laut loslachen.


Maya: „Magnet??? Was hast Du Dir denn dabei gedacht? Dass plötzlich alle Metallgegenstände – Messer, Scheren, Schrauben – aus dem Flur und unseren Zimmer entgegengeflogen kommen? Du hast als Kind wirklich zu viel Tom und Jerry angeschaut! Der Türgriff war bestimmt mächtig von Dir und Deinem Magneten beeindruckt. Da hättest Du ja auch gleich ein rotes Tuch schwenken können und schauen, ob Dir der Türgriff wütend entgegen gerannt kommt!“

Chloe, die wirklich nicht ins Waschbecken pinkeln will, ungewöhnlich ruhig: „Mal keine Panik! Wir haben zumindest drei Handys in dieser Küche. Wir können jederzeit einen Schlüsseldienst holen, der uns befreit!“

Maya: „Oh ja! Super Einstand. Wenn wir nicht seit gestern die Lachnummer des ganzen Hauses sind, dann somit ab sofort! Hey… da sind zwei Frauen eingezogen, die sich gleich am ersten Tag in ihrer eigenen Wohnung eingesperrt haben. Schau lieber, ob Du nicht mit einer Kreditkarte die Tür öffnen kannst!“

Chloe: „Ich habe hier keine Kreditkarte!“

Maya, die sich nicht ein einziges Mal vom Fleck bewegt hat, rührt verbissen an ihrer Suppe weiter. Chloe chann es einfach nicht fassen, dass Maya weiterkocht… Naja, wahrscheinlich ist das ihrer Methode, nicht in Panik auszubrechen. Aber ich muss jetzt wirklich gleich in die Hose pinkeln… und mein Abseilachter ist natürlich auch nicht in der Küche… damit und mit den vielen Geschirrhandtüchern hätte ich uns zumindest abseilen können…

Konzentration! Chloe folgt nochmals ihrer Intuition und versucht es mit der allerersten Methode. Sie benutzt ein Steakmesser als Schraubenzieher. Nur mit mehr Kraft. Soll doch der Scheiß Türgriff herunterfallen! Jedoch öffnet sich die Tür plötzlich ruckartig. Bevor Maya was sagen kann, rennt Chloe einfach wortlos auf die Toilette… Freundschaft hin oder her, ich pinkle nicht vor meinen Freunden!

Zum Abschluss der Woche noch ein peinliches Eingeständnis: Maya und Chloe haben sich gleich in der ersten Woche nicht an ihren Soda Tuesday gehalten… ! Die angebrochene Flasche Weißwein von Mayas Möhrensuppenkochaktion konnte einfach nicht verschmäht werden. Alkoholfrei werden unsere Abende wohl nur dann, wenn eine von uns weg ist. Oder hast Du etwa am Donnerstag, als ich in München weilte, ohne mich in der WG getrunken, Maya?

Jedenfalls freue ich mich nun auf die Rinderroulade. Maya war gerade im Ring Center – Jos Lars hat vom verkaufsoffenen Sonntag berichtet – und hat Zutaten sowie Alkohol besorgt. Kulinarisch lassen wir es jeden Tag ordentlich krachen! Der erste Tatort in der gemeinsamen Wohnung wird heute Abend ebenfalls eingeweiht!

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4 Antworten

  1. Die erste Woche im Schwellenland und schon Vergangenheit… Hallo Augsburg, Berlin leb wohl…
    Vieleicht wäre es sinnvoll einen Gedanken zu Ende zu denken…

  2. […] vom See ist doch Erwerbsorientierter als gedacht und gründet nun neben dem SpreeSee-Traumdomizil am Warschauer Strand (O-Ton Tabangan) eine Zweit-WG an der Lech, um den Rubel unter der Woche […]

  3. […] Hier ist der Fußboden der Schwachpunkt. Chloe berichtete schon in ihrem ersten Post aus der WG von mayner Provokation der unter mir lebenden Menschen durch nächtliches Staubsaugen. Ich quittiert… Dieses wiederholte sich gelegentlich noch bei lauter Musik nach 12 und einmal sogar beim Vorglühen […]

  4. […] Monaten ist Chloe nun zurück. Zurück in Berlin! Somit konnte ich auch endlich ruhigen Gewissens Charlys bissigen Kommentar von vor 2,5 Jahren […]

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