Es ist so weit – Prenzlauer Berg bekommt ein Musical


Das Musical ist für mich schon immer ein Lieblings-Feindbild gewesen, ich kann einfach nicht verstehen, was Menschen dazu treibt, horrende Preise zu bezahlen, um sich vorhersehbare Handlungen durchsetzt von mittelmäßigen Choreographien und glattgebürsteten Pop-Stimmen anzusehen.

Musical ist zudem meistens derart rundgelutschter Mainstream, dass mir direkt schlecht wird, von der Bekömmlichkeit. Denn Themen, die hier aufgenommen werden sind stets massentauglich und tun keinem weh (die Zeiten, in denen es noch ein Skandal war, dass bei „Hair“-Aufführungen nackte Menschen die Bühnen bevölkerten oder übertrieben fromme Christen sich über Jesus als Superstar aufregen konnten, sind längst vorbei.)

Nun lese ich heute im Tagesspiegel, dass der Prenzlauer Berg zum Musical-Thema (Mamma Macchiato) avanciert ist …und fühle mich ertappt.

Selbstverständlich machen auch wir uns schon seit geraumer Zeit über Bionade Biedermeier, Gentrifizierungskrampf und Ökofaschismus im einstigen Szenekiez lustig. Chloe fühlte sich während ihrer Zwischenmiete in Pregnancy Berg ganz ohne Schwangerschaftsbauch oder Kleinkind an der Hand so ausgeschlossen, dass sie den Stadtteil für unsere Wohnungssuche kategorisch ausschloss. Auch wenn ich viele schöne Erinnerungen an den Kiez habe und rund um den Helmholtzplatz mayne ersten  drei Berliner Jahre verbracht habe, war für mich persönlich mit dem Auszug des Magnet Clubs das Ende mayner Freundschaft zum Prenzlauer Berg besiegelt. In den Räumen, die wir früher regelmäßig nachts befeierten, erleben nun die Anwohner an der Käsetheke ihre Exzesse. Gemeinsam mit dem geschätzten Rainald Grebe stimmte ich in die Hasstiraden ein und schimpfte über die radikalen Lifestyle-Ökos.

Komme ich nun also ins Musical-Alter? Heilige Postmoderne – so schnell wird aus Gesellschaftskritik Pop! Jetzt muss ich diese Haltung wohl überdenken oder mayne neue Musical-Affinität akzeptieren.

Trotzdem – ein allerletztes Mal, bevor wir das Lästern über die Mütter und Väter mit Gentrifizierungshintergrund dem Mainstream überlassen, „HO HO HOlzspielzeug…“

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7 Antworten

  1. KÖSTLICH, der Text entschädigt fast die 4 Wochen Funkstille…

  2. Dass die Zeiten vorbei sind, in denen Musicals für Kontroverse gesorgt haben, liegt nicht an den Musicals, sondern, genau… an den Zeiten. Was sorgt heute denn noch für Kontroverse? Nackte Menschen bestimmt nicht. Und unsere Gesellschaft ist inzwischen so säkularisiert und zu großen Teilen so atheistisch, dass man den Christen, der sich über JCS aufregt, erst mal wie die Nadel im Heuhaufen suchen muss… wenn er JCS denn kennt.

    Denn Musical ist bei Weitem nicht so Mainstream, wie hier behauptet wird. Sonst würden nicht dauernd Musicals abgesetzt, Musicalsparten geschlossen… Auch dass Musicals trivial oder „bekömmlich“ seien, ist eine Pauschalisierung, die nur von jemandem kommen kann, der sich mit Musicals wohl nicht all zu gut auskennt. Natürlich gibt es viele Kitsch-Musicals (und Kitsch-Filme und Kitsch-Bücher und Kitsch-Lieder und Kitsch-Bands… na, worauf will ich wohl hinaus?), aber weder sind die „alten“ Musicals tot/ausgestorben, noch ist es so, dass immer nur Kitsch nachkommt. Was die Mehrheit zu sehen bekommt (SE-Musicals, für die Werbung im Fernsehen läuft a.k.a Tarzan, Dirty Dancing…), ist natürlich bis zu einem gewissen Grad Mainstream. Davon gleich auf die gesamte Sparte zu schließen ist unheimlich engstirnig.

    Ach ja: Musicals sind nicht gleich Pop.

  3. Ja Franziska, das stimmt. Natürlich ist es engstirnig von mir ein ganzes Genre abzukanzeln – das ist aber Teil des Spiels bei der Feindbild-Pflege. Schließlich ging es hier um maynen ganz persönlichen Geschmack (der ist naturgemäß äußerst borniert und hyperkritisch, ich mag auch keine Operetten, Wachsfigurenkabinette, nahezu kein Puppentheater, Weltmusik finde ich schlimm und Bier ganz widerlich) und überhaupt nicht um eine objektive Beschreibung der Kategorie Musical. Allerdings bin ich schon der Maynung, dass Musicals Teil der Populärkultur sind, die von mir ganz allgemein und völlig undifferenziert Pop genannt und als solche eben völlig subjektiv beobachtet und gehassliebt wird.
    Für die Erweiterung maynes beschränkten Musical-Horizonts wäre es schön gewesen, wenn du vielleicht das ein oder andere Beispiel für die „Guten Alten“ genannt hättest.

  4. Wer sowas behauptet, kann sich aber sicher nicht mit dem Genre oder seiner Vielfalt auseinandergesetzt haben. Mag sein, dass es bei jemandem, der sich nicht näher damit beschäftigt, durch Werbung einfach wie seichte, anspruchslose Unterhaltung ankommt, aber das lässt sich nicht pauschalisieren. Wenn man ein bisschen offen ist und sich auch auf unbekanntere Stücke einlässt (die teilweise noch gar nicht ihren Weg nach Deutschland gefunden haben), wird man feststellen, dass es viele Shows fernab von Mainstream, vorhersehbaren Wendungen und mittelmäßigen Choreographien gibt.
    Und was die Bekömmlichkeit angeht: Es gibt genug Musicals, die sich (auf äußerst anspruchsvolle Weise) mit Themen wie AIDS, Depressionen, sexuellem Missbrauch oder Sterbehilfe auseinandersetzen. Kein schlecht choreographiertes Herumgetanze, kein buntes Tralala – intime, packende Stücke auf spärlich ausgestatteter Bühne. So kann Musicaltheater auch aussehen!
    Genauso an den Haaren herbeigezogen ist die Behauptung mit den glattgebürsteten Pop-Stimmen. Was meinen Sie, was die Darsteller in ihrer sechs-semestrigen Ausbildung lernen?
    Und wann ist man ihrer „Maynung“ nach im Musical-Alter?

  5. Nun ja, wir Musicalfans, wir sind halt schnell dabei, für unser Genre in die Bresche zu springen- besonders wenn sich Begriffe wie „rundgelutschter Mainstream“, „glattgebürstete Popstimmen“ und „massentauglich“ aneinanderreihen. (Wie eigentlich alle Fans von irgendetwas.)

    Mir stößt es nur sauer auf, wenn es heißt, Musicals können ja gar nicht gut sein, sind voller Platitüden und lösen längst keine Kontroverse mehr aus, wenn das einfach am Zeitgeist liegt.

    „Alte“ Musicals, die noch immer oft und gerne gespielt werden, sind zum Beispiel My Fair Lady, West Side Story, Les Misérables, Sunset Boulevard und eben Hair und JCS. Allein wegen der musikalischen Bandbreite tue ich mir schwer, Musicals einfach in die Schublade der „Populärkultur“ zu schieben, auch wenn es inzwischen ein Pop-Musical-Phänomen gibt.

    So- das in der Hoffnung, die Aggressivität wieder aus dieser Mini-Diskussion rausgenommen zu haben. Ich will keinen missionieren. Du auch nicht, denke ich. Und jetzt darfst du weiterhassen. 😉

  6. na, immerhin gibt es heute das bier noch an der gleichen stelle wie früher im magnet 😉

  7. […] der Rest schon geht und dafür bei enorm erfolgreichen Produktionen  (mayn Problem mit der Musical-Gattung z.B.) irgendwie den Zugang nicht zu finden. Und so wird auch die Suche nach dem passenden Drama […]

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