Teil 2/2: Chloe und die Künschtler


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Vorab – In eigener Chloe-Sache: Eine Richtigstellung

Vor längerer Zeit warf mir Maya – die Herrscherin über unser „SpreeSee vor einem Jahr“-Widget – vor, dass ich Fortsetzungsblogeinträge ankündige und diese dann der Leserschaft unterschlage. Ich grub in meinem Gedächtnis nach und kam auf ein einziges Beispiel (meine Live Berichterstattung vom Roten Teppich aus bei den Golden Globes). Nun fühle ich mich natürlich dennoch stark unter Druck, meinen zweiten Teil zu „Chloe und die Künschtler“ zu verfassen. Die Ideensammlung formulierte ich daher zügig im ICE von de“m“ Lech zur Spree aus.

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Trotz der Erkenntnis, dass Chloe eigentlich mit Künschtlern gar net kann, lässt das Kätzchen das mausen nicht. Ich lasse mich nicht zur Muse degradieren, ich amüsiere mich lieber über die Naivität der Ahnungslosen. Vor allem, da Künschtler so leichte Opfer für das cholerische Spielkind sind! Wer gerne projiziert, der muss nur ordentlich gefüttert werden, um sich in seine Leinwand zu verlieben. Wie das geht?

Lektion 1: Benutze Fremdwörter!

Eine der größten Legenden ist und bleibt, dass Maya und ich uns kannten bevor wir uns kannten. Maya war der Schwarm meines Schwarms. Mayn Schwarm schwärmte mir immer stundenlang von dieser unglaublich fantastischen Maya vor. Die Maya, die so schöne Fremdwörter kenne und benutze! Und die auf ein echtes Gymnasium ging (wir hingegen waren ja nur auf einem „Wirtschaftsgymnasium“, also Abi auf dem zweiten Bildungsweg). Der Schwarm wurde später jedoch weder Künschtler noch schöner. Der Kerl ist der empirische Beweis dafür, dass es auch durchaus den Weg vom „Schwan zum hässlichen Entlein“ geben kann.

Jedenfalls merkte ich mir die außerordentliche Wirkung von Lehnwörtern auf verkappte Schöngeister. Daher wende ich nun im Zeichen der Liebe seit meinem 16. Lebensjahr meinen Lehnwortwörterschatz bewusster an denn je. Um so lauter musste ich lachen, als letzten Sommer eine Erste Geige zu mir meinte: „Ich habe mich in dem Moment in Dich verschossen, in dem Du das Wort ‚olfaktorisch’ ausgesprochen hast. Und als Du vom ‚stream of consciousness’ sprachst wusste ich, dass ich Dich eines Tages küssen muss.“

Lektion 2: Sei unnahbar!

Nichts ist für einen Künschtler aufreibender als unerfüllte Liebe. Daher darf man sich einem Künschlter, auch wenn man sich wirklich schrecklich in ihn verliebt hat und nachts schon im Bett spazieren geht vor Sehnsucht, niemals ganz hinschmeißen. Der Jäger genießt die Jagd. Oder hat man jemals davon gehört, dass die Beute als Muse taugt? Außerdem ist nichts herrlicher anzusehen, als ein Künschlter, der um die Gunst seiner Muse buhlt.

Chloe theatralisch: „Nein! Wir können uns nicht mehr treffen.“

Regisseur mit weit aufgerissenen Augen: „Aber warum?“

Chloe seufzt den Weltschmerz der letzten Dekade auf: „Mir ist es nicht vergönnt, mit Künstlern glücklich zu werden. Sie sind mein Verderbnis. Ich möchte nicht, dass Du meinen Fluch fortsetzt.“

Der Regisseur greift innig nach Chloes Hand: „Aber nein! Ich bin doch kein Künstler. Ich sehe meinen Beruf vielmehr als Handwerk. Ein Maurer baut Häuser. Ich baue Filme zusammen. Mehr nicht! Hab keine Angst, Chloe.“

Lektion 3: Lass ihn reden!

Wer Unsterblichkeit schafft, der schafft es auch, andauernd über seine Kopfgeburten und Schöpfungen zu reden. Was sind schon die alltäglichen Bürostrapazen Chloes gegen den Kampf des Schriftstellers die Innenperspektive seines auktorialen Erzählers im Konjunktiv 2 ohne Verwendung von Modalverben im Sinne eines weniger holprigen Satzbaus zu gestalten?

Chloe – der Freak-Magnet – hat leider auch stets ein Ohr offen für den Redeschwall der Schöpfer. Schneller als ihr lieb ist, vertrauen ihr die Herren ihre größten Visionen an. Bei einem skurrilen Date unter dem Zauber der letzten Fußball-WM mit einem einen Kopf kleineren Modedesigner aus dem Nahen Osten taten sich folgende Abgründe auf.

Modedesigner: „Meine Firma läuft sehr gut. Ich habe inzwischen zehn Mitarbeiter, die Dank meiner Ideen eine gute Anstellung gefunden haben. Das schafft mir Freiräume, um mich auch der Kunst zu widmen.“

Chloe resigniert innerlich.

Modedesigner: „Ich sehe, dass Du sehr neugierig und aufgeweckt bist. Wenn Du mir versprichst, dass Du das keinem weitererzählst, dann weihe ich Dich in meine größte Vision ein!“

Chloe schaut traurig in ihr Weinglas.

Modedesigner redet unerbittlich weiter: „Ich kenne diesen unglaublich berühmten Performance Künstler. Wir brauchen nur noch einen Investor, der uns mit einer Millionen Euro unterstützt.“

Chloe: „Aha.“

Modedesigner ist nicht mehr zu bremsen: „Der Betrag ist so hoch, da die Installation so echt wie möglich aussehen muss!“

Chloe: „Was für eine Installation?“

Modedesigner: „Ein UFO! Wir müssen es eine Woche lang so echt wie möglich über der Erde schweben lassen und laden dann hunderte von Journalisten ein. Die ganze Presse wird darüber berichten. Aber es muss so echt wie möglich aussehen! Deshalb braucht man unglaublich viel Geld dafür. Verstehst Du das? Wenn dann alles auffliegt! Kannst Du Dir vorstellen wie das wird? Wenn alles auffliegt! All die dummen Gesichter der Journalisten. Aber dafür, dafür muss es halt extrem echt aussehen.“

Bis heute weiß ich nicht, ob der einfach nur nen Knall hatte oder ob das eine ganz verrückte Art und Weise war, mich als Date abzuchecken bzw. abzuschrecken. Jedenfalls sehe ich seine Produkte heute ab und zu im Kundenmagazin der Deutschen Bahn, wenn ich im ICE von der Spree an den Lech herumlungere.

Lektion 4: Geize nicht mit schicksalhaften Verbindungen!

Suche etwas im Zimmer des Künschtlers oder im Netz, auf das Du nonchalant Bezug nimmst, damit der Künschtler einen Grund hat, eine höhere Fügung zwischen Eurer Verbindung zu vermuten.

Zur besseren Veranschaulichung anbei ein Beispiel. Ich durchstöberte bei diesem Date – einem Mann, der seinen Job kündigte in der Hoffnung mit seinen gemalten Kreisen berühmt zu werden – seine Facebook Fanseiten und setzte dann DICK auf:

As a teenager I compared myself to the models in magazines and decided that I am just not beautiful. I didn’t care about it anyway as I regarded beauty as a threat for my intellect. One day, as a student – while opening myself to Baudelaire, Huysmans, Freud, Schnitzler whatever – I discovered some paintings of Modigliani. I could see myself in his women. I loved the special beauty of his paintings and I started to appreciate my inconvenient face. Unfortunately, in our century Zeitgeist turns to be much more important than eternal art. People are rather a me-too than unique… But only uniqueness will surpass the mass…

Seine Antwort folgte prompt:

Dedo, that’s Modilgiani’s nickname as a child…

Fuck, you have chosen one of my favourite painter to figure yourself!!! And I am not trompetting around or telling you about a surreal astral connection that made that possible… 😉

I saw his paintings many times in exhibitions and read his biography, and went to Paris to visit his graveyard…

Das ist mit Abstand einer meiner liebsten Emailwechsel…

Unsere “astral connection” hielt zumindest genau zwei Wochen an, da ich beruflich keine Zeit mehr hatte andauernd mit Filmzitaten neo-realistischer italienischer Regisseure, Hidden Soundtracks und Limericks den Künschtler bei Laune zu halten. Prompt fragte er bei mir nach, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er andere Frauen nebenher daten würde (hatte ich!). Promiskuität scheint unter Künschtlern stark verbreitet zu sein.

Maya, deren voll ausgebildeten liberalen Weltgeist ich mit großer Ehrfurcht bewundere, zerfällt erstaunlicherweise gerade beim Sujet des Künschtlers in unglaubliche Vorurteile. Bzgl. der Promiskuität pflichtet sie mir immer sehr schnell bei. Nimmt gar Worte wie „Orgien“ in den Mund, wenn sie sich das Leben eines wahren Künschtlers ausmalt. Daher fiel Ihr Resümee nach meiner Idee, den irischen Bildhauer zu daten, auf unserem berühmten Pro/Kontra-Kühlschrankmagneten eindeutig aus:

Neues SpreeSee-Tool

Wenn ich dann ganz erschüttert auf Ihre Vorurteile reagiere, antwortet Maya ganz gefasst.

Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass eine der Hauptmotivationen, Kunst zu schaffen, unter anderem auch darin besteht, Frauen herumzukriegen. Das ist ja wohl auch ein legitimes Mittel für nicht so gutaussehende Männer sich mit Sexappeal anzureichern, um auch mal Sex zu haben. Dem Gesamtziel – der Kunst – schadet es ja nicht. Ganz im Gegenteil! Schau Dir doch mal den Minnegesang an. Das ist doch der älteste Beleg für meine These.

Mayas Hauptgrund gegen Künschtler als Männer an Chloes Seite besteht letztendlich schlicht darin, dass sie der Meinung ist, dass gleich zwei Drama-Queens auf einem Fleck nur zur Beziehungsapokalypse führen können. Da hat sie sicherlich Recht. Sicherlich gibt es aber auch ganz anständige und disziplinierte Künstler. Die morgens um 6 Uhr aufstehen, mit Yogaübungen ihren Tag starten, dann duschen und um Punkt 7.30 Uhr bei einer Tasse Roibuschtee das gestrig verfasste Kapitel nochmals gegenlesen.

Unser Freund MoMa ist zum Beispiel ein großartiger Künschtler und zugleich der feinste Mann, den wir beide kennen. Nur sein Kumpel meinte einst, als ich einen Gimlet zu viel im Würgeengel intus sowie gegen Künschtler wütete: „Du bist doch selber Künstlerin! Hast du nicht gerade gesagt, dass Du schreibst?“

Schach matt !

Zu Teil 1

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Eine Antwort

  1. […] Vermutlich lieferte er mit einen der  ersten empirischen Anhaltspunkte für mayne These „Männer machen Kunst um Frauen rumzukriegen“. Ich war sehr gerührt, allerdings kam es nie zur Veröffentlichung der Ode an Maya from Outer […]

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