Die Schattenseiten des Lenz: Chloe Lonely


Es blüht und sprießt passend zur Jahreszeit und überall springen Chloe verliebte Pärchen vor die Heuschnupfen geplagte Nase. Auch mein Junggesellen-Kollege kommt jeden Montag mit mieser Laune aus dem Wochenende zurück ins Büro. Der Frühling stresst: „Die Liebe ist eine Prostituierte und ihr Rotlichtmilieu befindet sich in Parks, auf Rathausplätzen und in Straßencafés. Am besten man sperrt sich zu Hause vor den knutschenden, Eis essenden Liebespaaren oder den viel zu kurz gekleidete Mädchen weg.“ Der Junge hat den „No-Balz-Blues“… und wir sitzen beide mit Hormon-Stau vor unserem Rechner.

Auch meine Gastgeberin am See beschwerte sich letztes Wochenende während meines Besuches in der alten Heimat über die Frühlingssirenen: „Diese fiese Sonne nötigt einen zu guter Laune. Ständig fühlt man sich dazu getrieben, aktiv zu sein. Ich war neulich richtig befreit, als das Wetter wieder schlechter wurde!“ Sie singt die Single-Sonate… und wir beide schreiben uns während der Arbeit aufmunternde SMS.

Maya wurde in letzter Zeit so hibbelig wuschig – von ihrem Wortschatz ganz zu schweigen! – dass sie kurzerhand den Osterhasen um Charly bat. Aber sie scheint trotz seiner Anwesenheit an der Spree immer noch über genug überflüssige Energie zu verfügen, um weitere Gegenstände in der Wohnung zu zerstören. Vielleicht sollte ich ihr zum Geburtstag doch einen Sandsack zum Reinboxen schenken. Sie gab neulich selbst zu bedenken, dass sie der Übermut-Arie Einhalt gewähren müsse.

Und Chloe?

Sie trällert weiter ihre Chansons und freut sich über ihren zweiten Frühling im Beruf. Erfolg macht zwar sexy, lässt aber wenig Zeit für neue Männerbekanntschaften. Um so erstaunter ist Chloe, dass sich plötzlich innerhalb von 24 Stunden gleich zwei völlig verschollene Verehrer meldeten.

Ich laufe mit meinem IT-Lakaien von einem Meeting zum nächsten, als ich gleich zwei Nachrichten über XING reinbekomme. Meine längere Parship-Affäre vom letzten Jahr provoziert mich schlicht: „Doch nicht self-employed? Schade!“ Ein Jahr lang null Kontakt und das ist nun der Versuch wieder den Kommunikationsfluss zu mir aufzubauen? Idiot!

Über die zweite Kontaktaufnahme bin ich noch erstaunter. Nummer Fünf habe ich zum letzten Mal vor sechs Jahren während meiner Schwabenlehrjahre in Tübingen gesehen. Aber das hindert Mann nicht daran, mir straight forward mit dem Betreff „Treffen“ zu schreiben: „Hallo Chloe, wie geht es Dir? Wir haben schon lange nichts mehr von einander gehört. Vielleicht hast Du ja mal wieder Lust auf ein Treffen. Würde mich freuen. LG, Nummer Fünf.“

Ich schaue meinen IT-Lakaien verwirrt an und bitte ihn, da er auch als Nerd trotzdem ein Vertreter des männlichen Geschlechts ist, um Rat.

Chloe: „Was ist denn hier los? Warum melden sich plötzlich alte Bekannte?“

IT-Lakai: „Es ist Frühling, Chloe! Die suchen ein Objekt für ihre Gefühle.“

Chloe: „Das ist schrecklich! Ich fühle mich wie der Notgroschen, oder noch schlimmer: die letzte Unterhose in der richtigen Größe im Wühltisch!“

IT-Lakai: „Beschwer Dich nicht. Immerhin meldet sich noch jemand bei Dir! Nie kann man es Dir Recht machen.“

Gut, Chloe dachte also, sie hat als einziger Single den Lenz im Griff. Aber Nein! Die Frühlingssituation entgleitet ihr nun völlig… Restechloe bekam am gleichen Tag während der Mittagspause zu allem Überfluss noch folgende Mail:

Na, wie war der Tag am See? 😉 Ich habe letztens den Kumpel meines Cousins kennengelernt… irgendwie hab ich gedacht, Du müsstest Dich super mit ihm verstehen… Foto hängt an. Natürlich nur so! Nicht, dass es nachher heißt, ich wollte Dich verkuppeln oder so….. ;D

Meine Kinnlade fliegt im Schleudersitz gen Geschnetzeltes.

Mein Kollege: „Was ist denn los?“

Chloe: „Ich habe gerade eine Mail von einer Freundin erhalten. Sie hat da jemanden kennengelernt, der ihrer Meinung nach gut zu mir passt. Das krasseste daran ist, dass sie direkt ein Foto angehängt hat. Hier geht es doch nicht um ein paar Schuhe, die man über den Gefällt-mir-Daumen weiterempfiehlt!“

Kollege: „Sieht er gut aus!“

Chloe: „Verdammt gut! Aber wirke ich etwa so verzweifelt?!?!?!“

Stille.

Kollege grinst frech.

Chloe: „Was ist los?“

Kollege: „Ach nichts. Ich stelle mir nur vor wie Du heute Abend nach zwei Flaschen Prosecco doch den Mut fasst und den Kerl über Facebook anschreibst. Dein Leben ist so Bridget Jones!!!“

Ich habe nicht. Dafür kam am Abend ausnahmsweise noch eine nette Mail rein. SpreeSee hat nen echten Groupie! In unserer fast dreijährigen Bloggeschichte haben wir uns seit unserem ersten Troll nicht mehr so gefreut.

Euer Blog war – nach Jahren des Bloglesens – der erste,
der mich wirklich vom Unterhaltungswert überzeugt hat ..
Ihr schreibt beide extrem brillant und ich habe euch schon
mehrfach weiter empfohlen – im Brustton der Überzeugung ..
Vielleicht ist es ja auch diese Qualität des Schreibens,
welche die User davon abhält, zu kommentieren –
meist ist dermassen auf den Punkt erzählt, das kaum noch
Raum bleibt, für Kommentare – flugs den Amused-Button
gedrückt und zurück in die dröge Welt, da draussen ..

Ja, ich bekenne, des öfteren war ich heilfroh, das es noch
keinen ‚Chloe auf Wolke Sieben‘-Text gab ..

Welch Verlust wäre das wohl, nur noch über geklaute
Handtaschen, ‚Reich mir mal den Rettich rüber‘ oder
Schminktipps, für die aufgeweckte Frau ab dreissig,
zu lesen .. Gruselige Vorstellung –

Und weg war die gute Laune! Was stand da? Unser Leser ist heilfroh darüber, dass es keine „Chloe auf Wolke Sieben“ gibt! Oooooh Cupido! Man(n) gönnt mir aus Unterhaltungsgründen die Liebe nicht!!!! Es ist wie bei Tom und Jerry! Ein verliebter Tom bringt Jerry um seinen Spaß, da Tom sich mehr für die Mieze als für die triezende Maus interessiert.

Maya, die Gräfin des Subtextes, versucht Chloe zumindest zu beruhigen:

Was heißt, er gönnt dir die Liebe nicht? Er würde sich gerne mit dir treffen, traut sich aber nicht, weil er Angst hat, im Blog aufzutauchen, das lese sich daraus. Sehr schmeichelhaft ist die E-Mail aber auch schon ohne diese Tatsache. Irgendwie rührend.

Neben dem Frühling macht mir also nun auch meine zweite Erzählebene zu schaffen. Werde ich mit jedem Blogeintrag unvermittelbarer? Oder bin ich gar Opfer meiner Schöpfung? Lässt mir Chloe einfach keine Beziehung zu, damit ich ja weiter Scheiße erlebe, die ich bloggen kann?

Neugier, Du bist ne alte Hexe! Ich habe so eine Sehnsucht… nach der nächsten Katastrooooophe.

Ich weiß nur eines: Dieses Oster-Wochenende sollte ich mich in Berlin lediglich vor meinem ominösen Freund, den DJ, der zum Rammler-Rock abgeht, lieber verstecken. Er postet gerade auf Facebook:

He saw so much drunk, loose, teasing, out of it teenage girls yesterday at a full to the brim 1300 people club that his official warning for today reads: Stay out of my way until 11 pm or face the consequences of being slapped on the bum… it’s way too summery for April everyone, my testosterone simply can’t handle and I will shoot my wad at the first scantily clad victim.

Jedenfalls sitze ich jetzt mit Maya und Charly in der Küche bei Eis und Wein. Charly, der davon überzeugt ist, dass man unter Freunden ab 30ig das Kuppeln ruhig bringen darf, stellt sich wie immer als guter Berater heraus in Sachen Selbstmarketing. Ich werde seinem Rat folgen…

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Eine Antwort

  1. […] Gastarbeiterin in der Puppenkiste setzte Single-Chloe vor wenigen Wochen der Frühling etwas zu. Damals erwähnte ich bereits, dass sich Nummer Fünf plötzlich unter dem Vorwand der […]

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