Folge 1: Tanguera Püppi


Wer unser „SpreeSee vor einem Jahr“-Widget brav verfolgt, dem ist sicherlich wie Maya bereits aufgefallen, dass sich die Tanguera Chloe-Serie inzwischen gejährt hat. Und vielleicht fragt sich der neugierige Leser auch, ob die Tango-Euphorie wirklich so schnell bei der Madame vom See verblasst ist. Nach dem Verbrechen auf der Tanzfläche gab es ja einigen Anlass für ein Tango-Trauma.

Tatsächlich war Chloe sehr lange sehr schlecht auf dieses Hobby anzusprechen. Kalli, ohne dessen Flehen nach noch mehr Tangos es bis zum Raub wohl nie gekommen wäre, traute sich in meiner Anwesenheit nicht einmal mehr das böse Wort mit dem „T“ auszusprechen. Nur ein einziges Mal schaffte er es mich nach dem Vorfall nochmals zum „Ango“ zu überreden. Und prompt ging wieder etwas schief… wir tanzten so lange, bis keine S-Bahn mehr fuhr und ich mir ein teures Taxi nach Hause nehmen musste. Kalli steht nun vor jedem Treffen mit mir unter erheblicher Anspannung, da mir in seiner Anwesenheit anscheinend immer Schaden droht. Aber die aufgeklärte Chloe glaubt nicht an Verschwörungen. Es bleibt wohl reinste Ironie, dass mich das Schicksal beruflich an Kallis Geburtsort verschlagen hat.

Und so versuche ich mich mit Kalli und mit dem Tango auf eine ganz besondere Art und Weise zu versöhnen. Ich fing vor ein paar Wochen wieder mit dem Tango an. Als Gastarbeiterin in Bayern. Ab und zu erzähle ich Familie und Freunden von den Begebenheiten auf der Tanzfläche. Nun baten sie mich darum, allen voran Maya, dass ich das doch unbedingt für den Blog aufbereiten solle. Dafür nutze ich nun die vielen Stunden im Zug… Und da mein Kollege mich immer Püppi nennt, soll dies nun der neue Titel zu meiner Tango-Serie werden.

*** Mein erster Auftritt auf einer Milonga in der Puppenkiste ***

Aus der ganzen Kacke mit den Tanzpartnerbörsen hatte ich in Berlin eines mitgenommen: Never ever again!

Daher gab es nur einen Weg zum Anschluss an die Tango-Szene: Eine Milonga!

Kurzer Exkurs: Was ist eine Milonga? => Eine Milonga ist eine „Tanzveranstaltung“. Dort treffen sich Tangotänzer, um zu den drei Rhythmen Tango, Vals und Milonga (Musik) zu tanzen.


Beim Googeln musste ich mit Erstaunen feststellen, dass es in der Puppenkiste sogar mehrere Milongas in der Woche gibt. Neues Jahr, neues Glück! Im Januar nahm ich daher meine Tango-Schuhe mit in den Süden. Zögernd saß ich eines Abends vor den Tretern und postete noch auf Facebook:

Chloe: „Lektion Selbstüberwindung: Should I go or should I stay now?”

Maya kontert: “If you go there will be trouble, if you stay there will be double…GO!”

Maya brachte es mal wieder auf den Punkt! Mit meinem iPhone als Navigator in der Hand irrte ich daher durch die mittelalterlichen Gässchen bis zum Veranstaltungsort. Als ich vor diesem stand, musste ich kurz schlucken: Das war eine kleine Gaststube. Die Wirtshaus-Fassade mit dem kitschigen Emaile-Schild wäre der perfekte Ort für die Eröffnungsszene eines Tatorts gewesen. Durch das Fenster hindurch sah ich zünftige Bayern in der Stube mampfen. Soll es das gewesen sein? Lauf, Chloe, Lauf! Rief eine Stimme in mir. Aber so kurz vorm Ziel aufgeben? Nein! Ich lief also rein.

Die chinesische Bedienung führte mich in den hinteren Bereich der Gaststätte. Ah! Tatsächlich gab es einen separaten Raum. Der war jedoch noch zu, da ich zu früh und die Practica noch im Gange. Ich blieb im Gang stehen.

Kurzer Exkurs: Was ist eine Practica => Das sind Übungsstunden, um das Erlernte nochmals einzustudieren. Diese Kurse finden oft vor einer Milonga statt.

Ein sportliches Pärchen Mitte Fünfzig gesellte sich ein paar Minuten später dazu. Ich versuchte krampfhaft Anschluss zu finden. Da ich die Tangoschuhbeutelchen in deren Händen erkannte, packte ich den miesesten Small Talk aus.

Chloe: „Tanzt Ihr auch Tango?“

Mann trocken: „Ja.“

Chloe verzweifelt nach Small Talk ringend: „Schon lange?“

Mann trocken: „So ähnlich.“

Plötzlich ging die Schiebetür auf und ich sah einen Raum voll gepackt mit tanzenden Pärchen. Überall hingen Tangoplakate als Deko an der Wand. Der Mann, mit dem ich mich gerade unterhalten hatte, steuerte schnurstracks aufs DJ-Pult zu. Das war der DJ !!! Wahrscheinlich sind er und seine Frau Profitänzer!

Kleine Pause. Auf der Tanzfläche lösen sich Schüler und Tanzlehrerin auf.

Die Unruhe nutze ich und laufe auf die andere Seite des Parketts, um mich in Ruhe an einen Tisch zu setzen sowie die Schuhe umzuziehen.

Langsam wird wieder getanzt. Ich sitze und sterbe zugleich. Die Tanzfläche füllt sich kontinuierlich Keiner fordert mich auf! Fünf Minuten. Zehn Minuten. Fünfzehn Minuten. Plötzlich läuft der DJ auf mich zu und meint: „Du solltest Dich auf die andere Seite setzen. Hier sitz für gewöhnlich niemand. Falls Du aufgefordert werden willst ist das recht ungünstig.“

Mir steigen fasst die Tränen vor Scham und Fremdelei in die Augen. Ich schleiche mich also an den tanzenden Paaren vorbei auf die andere Seite. An meiner Situation ändert das nichts. Keiner fordert mich auf. Ich beobachte die Tanzfläche. Ein ungewöhnliches Paar fällt mir besonders auf, da es mir – im Vergleich zu den anderen verbissenen Tänzern – auf Anhieb sympathisch ist. Er ist um die 65 Jahre alt und trägt einen weißen Bart. Klein und rund gebaut. Sie ist vermutlich 20 Jahre alt und recht zierlich. Er zeigt ihr andauernd neckisch neue Figuren und sie lacht dabei die ganze Zeit. Wahrscheinlich ist sie seine Nichte, denk ich mir so. Schließlich war sie mit Abstand die jüngste. In der Puppenkiste scheint die Tangoszene nämlich erst ab 45 Jahren loszugehen.

Nun erbarmt sich die Vereinsvorsitzende und setzt sich zu mir. Wir fangen einen Small Talk an. Dabei steckt sie mir direkt, dass ich als Anfängerin in der Puppenkiste nicht so hohe Tanzschuhe tragen sollte. Das sei Verschwendung. Die Männer seien es, wie man sieht, nicht unbedingt Wert. Und sie gibt mir den Tipp, dass heute Abend noch ein „jüngerer alleinstehender Mann“ im Raum anwesend ist, der sich über eine Tanzpartnerin sicherlich freut. Der „jüngere“ Mann steht an der Wand gelehnt. Er ist 45 Jahre alt, hat struppiges Haar und trägt so ein besonderes Holzkreuz. In meiner Verzweiflung laufe ich direkt auf ihn zu und fordere ihn auf. Der ganze Saal dreht sich nach mir bzw. uns um.

Der Mann heißt Uwe und tanzt seit einem Jahr. Als ich wissen will, warum er gerade Tango tanzt, bereue ich es noch im selben Moment, die Frage gestellt zu haben. Er hat einmal mit seiner Ehefrau angefangen, ist jetzt aber geschieden. Bäm! Chloe! Volltreffer!

Uwe hat jedenfalls sehr viel Spaß mit mir. Klar, wer so schlecht tanzt, der kann sich neben so einer blutigen Anfängerin mal ganz groß fühlen. So groß, dass er übermütig wird und nicht aufpasst und mich in ein anderes Paar reinführt. Ich trete der Frau hinter mir mit meinem hohen Hacken schmerzhaft auf den blanken Zeh. Sie schreit durch den ganzen Saal: „Passen Sie doch auf! Immer diese jungen Dinger!“. Dabei ist das gar nicht meine Schuld! Der Mann hat das zu verantworten. Ich kann nicht mehr. Die Puppenkiste mit ihren Einwohnern macht mich fertig.

Uwe und ich legen daher eine Pause ein. Wir setzen uns an einen Tisch. Überall stehen Gläser. Kaum will ich mich setzen, rennt eine Frau auf mich zu. Ich frage zögerlich: „Ist das ihr Platz?“ Sie nickt und scheucht mich weg. Uwe ist die Situation sehr unangenehm: „Normalerweise ist das nicht so. Man darf sich überall hinsetzen und nimmt sein Glas einfach an den nächsten Platz mit, wenn man vom Tanzen zurückkommt.“

Ich habe keine Kraft mehr. Frage Uwe nur noch, wo man hier am besten lernen könne und stecke ein paar Flyer ein. Genug ist genug. Völlig verschwitzt und müde renne ich mit Heimweh im Herzen durch die Puppenkiste zur Zweit-WG. Ich habe einen großen Durst. Jedoch kein Späti weit und breit in Sicht. Ich vermisse Berlin…

Am nächsten Tag heulte ich mich am Telefon bei Maya aus. Ich war total entrüstet darüber, wie in der Puppenkiste mit Neulingen umgegangen wird. Maya haut drauf: „Die sind halt Fremde nicht gewohnt! Vielleicht dachten die, dass Du klaust? Wahrscheinlich ist die Frau deshalb an ihren Stuhl.“

Meinem Kollegen, einem Einheimischen, erzählte ich ebenfalls meine Erlebnisse nach. Er zog mich auf: „Hast Du denen etwa Deinen ganzen Namen gesagt? Bei dem Nachnamen!!!“

>>> Weitere Tanguera Püppi Blogeinträge.

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Eine Antwort

  1. […] erster Auftritt auf einer Milonga in der Puppenkiste war ja nicht wirklich erfolgreich gewesen. Dennoch hatte ich ein paar Flyer der umliegenden […]

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