Von GAU zu GAU – 25 Jahre Tschernobyl


Ende der 90er war ich eine brave Gymnasiastin im Schwabenland. Eine der ersten Fragen, die uns 10 hoffnungsfrohen Besuchern des Leistungskurses Geschichte von unserer schrulligen aber sehr liebenswürdigen Lehrerin gestellt wurde, war die nach dem ersten historischen Ereignis zu unseren Lebzeiten, an das wir uns erinnern könnten. Eine Frage, die ich heute noch gerne mal ab und zu stelle, sie bringt nämlich Spannendes zu Tage: Gemeinsamkeiten von Generationen und unterschiedliche Prägungen. Und da die Erinnerung sich ja mit dem Fortschreiten des Lebens ändert, kann man sie sich sogar gemeinsam immer wieder mal stellen. Man gräbt sich langsam durch sein Gedächtnis rückwärts, stellt fest, wie alt man schon wieder geworden ist und wie vieles, das im Moment wichtig und dramatisch erschien, ganz schnell vergessen oder vom nächsten Ereignis relativiert wurde und vieles in der Geschichte sich (leider) immer wieder wiederholt.

Das früheste Ereignis, auf das wir jungen Hüpfer uns damals einigen konnten, war Tschernobyl. Kaum hatte einer es in den Raum geworfen, konnte jeder eine konkrete Erinnerung damit verknüpfen. Die Hysterie um die Lebensmittel, ganze Ernten der schwäbischen Gärten wurden damals vernichtet. Für Kinder im Vorschulalter war es schwer begreiflich, warum die schönen makellosen Erdbeeren statt mit Schlagsahne im Bauch im Feuer landeten. Was für eine Verschwendung! Ich weiß noch genau, wie in maynem Kindergarten damals die Spielzeiten im Freien verkürzt wurden. Wenn wir doch einmal draußen waren, wurde danach zum kollektiven Händewaschen aufgerufen. Damals erklärte uns die Erzieherin in ernstem Ton: „Da gibt es was in der Luft, das heißt Strahlung, ihr könnt es nicht sehen, oder riechen, oder hören. Aber es ist trotzdem da.“ Da blieb einem als Kind wie so häufig nur übrig, das mal zu glauben. (Bis heute fragt sich die Skeptikerin in mir allerdings, ob  Händewaschen ein probates Mittel ist, Strahlung loszuwerden.)

Mitbekommen, das etwas passiert war, hatte ich schließlich auch zu Hause. Das Schweigegebot zwischen 20 und 20.15 Uhr wurde nämlich vom Herrn Papa mit noch mehr Vehemenz eingefordert als sonst:

Ganz nebenbei, denn wie man weiß, bestrafe ich Modesünden gerne sofort: Wenn ich die Bluse mit Sternchenmuster und Puffärmeln sehe,  finde ich es doch ziemlich schade, dass Nachrichtensprecherinnen sich heute so zurückhaltend  geschäftsmäßig kleiden. Früher war mehr Lametta!

25 Jahre später – am Jahrestag der Katastrophe – hat sich vieles geändert, nicht nur die Landkarte von Europa, das Outfit der Tagesschau und ihrer Sprecher und das Schulsystem.

Aber so viel dann auch wieder nicht.

Denn in ungefähr 13 Jahren wird vermutlich eine Generation von Abiturienten beim Grübeln nach ihren Erinnerungen an die ersten geschichtlichen Meilensteine ihres Lebens an „Atomkraft? Nein Danke!“- Sonnen, Demos und diese Vorher-Nachher-Bilder von Google Earth aus Japan denken. Und an Fukushima.

Am 11. März 2036, wird es dann Benefizkonzerte und Gedenkstunden für diese Katastrophe geben. Und hoffen wir mal, dass die neuen Ereignisse, die uns dann umtreiben werden, nicht immer noch die alten aus den 1980ern sein werden…

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