Teil 2: Tanguera Püppi


Mein erster Auftritt auf einer Milonga in der Puppenkiste war ja nicht wirklich erfolgreich gewesen. Dennoch hatte ich ein paar Flyer der umliegenden Tanzschulen in die Handtasche gestopft. Aufgeben ist nicht drin! Ein paar Tage später besaß ich auch den Mut, die Tanzlehrerinnen anzurufen. Begeistert schienen sie nicht. „Alles voll!“. Und aufgelegt. Chloe aufgegeben.

Dann meldete sich jedoch eine Tanzlehrerin, dass sie im Anfängerkurs – richtiges Laufen kann man immer nochmals auffrischen – einen begabten Mann übrig hätte. Ich nutzte die Gelegenheit, um der Tangoszene in der Puppenkiste noch eine Chance zu geben. Der Kurs fand im Flur einer privaten Wohnung hinterm Dom statt. Lauter Ehepaare im besten Rentenalter. Ich ungelogen zwei Minuten zu spät und schon mit den Augen von allen in der Luft zerrissen. Dabei hatte ich mir extra nur Jeans und T-Shirt angezogen, um nicht aufzufallen. In der Pause mussten wir die Gläser des Vorgängertanzkurses abspülen. Als ich einer Frau anbot, die Gläser abzutrocknen, riss sie schnell das ihrige an sich. Okay, die haben es hier wirklich nicht mit Fremden… Der Aushilfslehrer fragte mich dann zumindest danach woher ich komme. Oooooh. Ein Raunen ging durch den Saal! Berlin! Das Milonga-Mekka Deutschlands! Mein Aushilfslehrer erzählte mir auch gleich, dass er im Clärchens Ballhaus einmal sieben Absagen an einem Abend einstecken musste.

Der Einstieg wollte mir nicht gelingen. Ich heulte mich also wieder bei Maya aus.

Maya am Telefon: „War der Tanzpartner nix?“

Chloe: „Viel zu klein.“

Maya: „Geh halt nach München! Da geht bestimmt mehr.“

Chloe: „Ein Ortswechsel macht die Partnersuche nicht leichter!“

Maya: „Vielleicht solltest Du Deine Strategie komplett überdenken? Überleg doch mal. Heterosexuelle Männer tanzen eh nicht so gerne. Vielleicht solltest Du Dich in der Schwulenszene umschauen?“

Chloe: „Klingt gut und vernünftig. Dann brauche ich mir auch keinen Kopf darüber zu machen, dass der Typ sich mit jedem Schritt mehr in mich verliebt. Ich will einfach tanzen lernen. Mehr nicht! Aber wo bekomme ich einen Homosexuellen in der Puppenkiste her? Die letzten Vertreter sind sicherlich schon nach Berlin gezogen…“

Ich gab der ganzen Sache noch einen Anlauf. Eine Practica sollte es richten. Eine Gudrun bietet das einmal die Woche an. Fester Partner nicht notwendig. Jedoch kam bei meinem Telefongespräch mit Gudrun heraus, dass sie einen potentiellen Tangopartner für mich hätte. Er würde mich an dem Abend gerne kennen lernen, um abzuschätzen, ob er sich mit mir eine feste Tanzpartnerschaft vorstellen könne. Sein Name: Olaf.

Vor meinem dritten und letzten Versuch musste also ein Schlachtplan her. Ich übte an einem Kompaktwochenende nochmals in Berlin in meiner alten Tanzschule und kaufte mir extra flache sowie asexuelle Tangotreter. Bloß nicht ob meiner Absatzhöhe wieder ins Gerede kommen! Die Engländerin war so nett und begleitete mich in Berlin Mitte auf der Suche nach den burschikosen Tangoschuhen. Während ich gefühlte 20 Paar anprobierte, schaute sie sich nebenher die Tangobekleidung an und war schockiert über Style, Material und Preis: „Das ist so billig und stillos. Das erinnert mich an die Sachen am Türkenmarkt. Die kosten wenigstens nix und sind besser verarbeitet!“

Und so war der Keim für die Tangokollektion gesetzt. Maya stieß auch noch hinzu und bei einem Glas Wein gaben die SpreeSee-Damen der Geschäftsidee ihr Ja-Wort. Seitdem arbeitet die Engländerin fleißig an der modernen und bequemen Tangorobe.

Chloe fühlte sich nun gewappnet. Als ich den Veranstaltungsort nachgoogelte, bekam ich jedoch fast wieder kalte Tangofüße! In einem J U G E N D Z E N T R U M?!?! Dafür bin ich wirklich zu alt! Sicherlich wird es nicht wie hier ablaufen:

Ob ich mir dort auch etwas Hasch kaufen kann, um die Chose zu verkraften? Ich lief also aufgeregt ins Jugendzentrum, um Olaf, mein letzte Karte in Sachen Tango, kennen zu lernen. Ich saß alleine auf einem Stuhl und beobachtete die Tangojünger, die alles andere als jung waren. Alle begrüßten und beknutschten sich in der Szene aufgesetzt freundlich-herzlich. Als Olaf, der Mann mit dem geflochtenen Silberhaar, vor mir stand, sagte ich nur: „Ich bin Chloe! Schön Dich kennen zu lernen.“ Er schüttelte mir die Hand und ging schnurstracks auf das einzig junge und süße Mädchen im Raum zu, die mir bereits das letzte Mal auf der Milonga aufgefallen war. Ich war beleidigt! Da stand ich in meinen neuen Tangoschuhen im Jugendzentrum und werde von den Alten missachtet!

Gudrun leitete zu den Aufwärmübungen ein. Rentner mit Hüftschaden mussten sich auf einem Fuß um ihre eigene Achse drehen… Und mit welch Ernsthaftigkeit, die das durchzogen!!! Aufgewärmt ging es an die Partnerwahl. Ich blieb die einzige ohne Mann! Wie erbärmlich. Doch plötzlich tauchte einer von Hinten auf. In meiner Verzweiflung erschien er mir wie ein Gott! Knackige 45 Jahre alt und ein verwegenes Gesicht. Der Tangogott heißt Friedemann. Und wir tanzten wunderbar!

Gudrun lief an uns vorbei und nickte anerkennend: „Das sieht schon richtig gut aus.“

Friedemann verträumt: „Ja. Sie liegt wirklich gut in der Hand!“

Chloe stolperte bei dem Spruch sofort über seine Schuhe. Liegt wirklich gut in der Hand? Hab ich das gerade wirklich gehört?!?!

Gudrun: „Ja, dann seid nett zu ihr und vergrault sie nicht. Damit sie wiederkommt!“

Endlich hat mich jemand verstanden! Empathie!

Gudrun: „Friedemann! Hast Du keinen Sohn für das junge Mädchen?“

Friedemann: „Doch schon. Aber der ist zu uncool. Der tanzt nicht!“

Auch hier verschluckte ich mich wieder fürchterlich…

Kurz vor Schluss erbarmte sich Olaf mit mir zu tanzen. Ich war besser als er. Ferner hatte er einen schrecklichen Stil und wollte mir andauernd Filme und Komponisten empfehlen. Er lief danach jedoch ein Stück mit mir nach Hause und bot mir an, mit ihm einen Tanzkurs zu belegen. In der Not tanzt Chloe auch mit Fliegen… Ich sagte ja.

Fünf Tage später, fünf Stunden vor dem Tanzkurs, rief er mich panisch an.

Olaf: „Ich kann nicht!“

Chloe: „Wie?“

Olaf: „Ich kann das jetzt nicht sagen. Es hat nix mit Dir zu tun, aber ich kann einfach nicht. Falls Du magst, können wir aber morgen zu Martina, das ist eine andere Tanzlehrerin hier in der Puppenkiste.“

Chloe: „Nein. Es tut mir Leid! Am Wochenende bin ich immer in Berlin. Das wird nix mit uns beiden.“

Ich legte auf und träumte von Friedemann. Ob ich mich traue ihn zu fragen?

>>> Weitere Tanguera Püppi Blogeinträge.

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