Batzi gen Balkan


Tag 1

Ich habe bisher nur einmal in meinem Leben eine Deutsche Grenze mit dem Zug überquert. Damals war ich zwei Jahre alt und wurde von meiner Großmutter in das Abteil gen Diaspora gesetzt.

Meine vielen Reisen unternahm ich als Kind der Billig Airlines meist mit dem Flieger. Der grüne Kampfpolo hatte auch so manchen Siebenmeilenkilometer drauf.

Um so aufregender die Idee nach Ljubljana mit dem Zug einzureisen. Seit ich die Black Mamba besitze und mein Auto verkauft habe, bewege ich mich tatsächlich nur noch auf Gleisen von A nach B.

So fing mein Urlaub heute nicht mit Sicherheitskontrollen am Flughafen an, sondern zehn Minuten von meiner Wohnung entfernt auf Gleis Drei in Datschitown.

Dass es gen Balkan geht merkt man an den typischen karierten Tragetaschen. Ich erinnere mich an meine erste Horrorfahrt mit dem Bus nach Skopje in den 90ern. Vollgestopfte Anhänger und kaum Toillettenpausen.

Wie bequem ist hingegen der IC113! Für 39 Euro und auf super breiten Sitzen geht es um 11.42 Uhr los. Zugfahrten sind mir purer Luxus. Ist es nicht schön gerade im Zeitalter der steten Hektik seine Zeit so herrlich in diesem mediokeren Transportmittel verschwenden zu können?

Und wie in Before Sunset sind hier im Boardrestaurant die Tische mit weißen gestärkten Tischdecken gedeckt. Vier männliche Spanier in meinem Alter frühstücken Croissants und schießen ein Foto nach dem anderen aus dem Fenster. Ich esse mein Sandwich und beobachte ein aristokratisch anmutendes Paar. Sie ist um die 60ig und trägt eine weite blaue Seidenbluse. Das blond gefärbte Haar kunstvoll hochgesteckt. Als ich auf die Schuhe der beiden schaue, muss ich jedoch lachen. Sie tragen diese schrecklichen WalkMaxx Treter. Ein älterer Kroate unterhält sich im Akzent meiner Migrantenjugenderinnerungen mit dem Paar.

Ich bin total überdreht. Pferde, Dorfkirchen und saftig grüne Wiesen streifen meinen Blick. Höre passend Going up the Country von Kitty, Daisy & Lewis. Mayas Playlist ist der Hit!!! Muss mich zusammenreißen, dass ich nicht gleich vor meinen Rentnern im Abteil tanze… Hier sind eigentlich nur alte Menschen oder Rucksacktouristen. Der Zug leerer als ich gedacht habe.

Hinter den sieben Bergen sollte mich eigentlich M am Bahnhof in Empfang nehmen. Sie steckt jedoch am Flughafen in London fest. Eine halbe Stunde bevor ich mit Salzburg die Österreichische Grenze überschreite und mein mobiles Internet verliere, sendet sie mir noch rechtzeitig die Wegbeschreibung zum Hostel zu. Aber wie ich gerade erfahre, werde ich gleich auf Schienenersatzverkehr ausweichen müssen. 15 Minuten Verspätung. Aber da ich Urlaub habe, stresst mich das nicht.

Mal schauen wer von uns beiden nun zuerst in Ljubljana eintrifft. Wir haben abgemacht, dass die erste für die letzte gleich ein Getränk mitbestellt. Gin Tonic & Vodka lemonade. Klar, wer was trinkt…

***
Der Schienenersatzverkehr schweißt mich und einen 18-jährigen Abiturienten zusammen. Wir passen gemeinsam darauf auf, dass wir am richtigen Bahnhof aus- und in den Zug gen Zagreb einsteigen. Wir unterhalten uns. Er wird als Surflehrer auf einer kroatischen Insel vier Wochen lang arbeiten. Wir grinsen uns beide an, da uns klar ist, welch Spaß ihn mit seinem Ferienjob erwarten wird. All die süßen Mädchen, die ihn beim Windsurfen anhimmeln werden.

Im Zug bis nach Villach kristallisiert sich langsam das Reisepublikum heraus. Viele Backpacker oder Heimreisende mit großen Koffern und Migrationshintergrund. Neben mir sitzt ein junger Burschi in Polo-Shirt und Timberlands. Sicherlich ist er auf seiner ersten Bildungsbürger verpflichtenden Interrail-Reise unterwegs. Handy und Koffer zu schick und teuer. Plötzlich packt er eine Packung Reiswaffeln aus und isst genüsslich das pappige Proviant. So weit ist es mit dem männlichen Geschlecht gekommen: Reiswaffeln zum Erhalt der Röhrenjeansfigur.

In Villach steigen wir nochmals um. Endlich der Zug nach Zagreb. Nun sitzen wir wieder in einem dieser herrlichen abgeschlossenen 6er Abteils, das viel kommunikativer ist, als die Sitzordnung im ICE. Ferner sind die Sitze riesig und man kann die Temperatur manuell einstellen. Wir teilen und das Abteil mit einem Rentnerehepaar sowie deren 5-jähriger Nichte.

Das kroatische Ehepaar, das vierzig Jahre in Deutschland gearbeitet hat und nun zwischen beiden Welten hin und her pendelt erinnert mich stark an meine Eltern. Wie die Frau immer verschämt über die vorlaute Klappe ihres Mannes jede androhende Anekdote, die er erzählen will, vor mir mit der Hand abzuwinken versucht. Er lässt sich aber nicht von ihr aufhalten und plaudert munter weiter. Z.B. dass sie in Deutschland immer Urlaub von den Kindern nehmen, die nach dem Studium von Deutschland zurück nach Zagreb gezogen sind. Oder, dass er jetzt viel braver ist, als seine Frau es je gedacht hätte. Kein Kegeln und kein Skat. Oder, dass sein 1.92 m großer Schwiegersohn jeden Tag zwei mal auf dem Kopf steht, um den Rest seines Körpers zu durchbluten. Er lacht ihn immer aus, da Giraffen das doch schließlich auch nicht machen.

Wir unterhalten uns zudem über Deutschland. Die beiden sind wie meine Eltern herrlich in ihrer Sorge um das Wohl Deutschlands überassimiliert. Sie machen heute das Land kaputt! Immer muss Deutschland für alles herhalten! Jeden aufnehmen, alles bezahlen. Früher war es besser. Jaja, sie mussten selber noch einen Gesundheitscheck vor der Migration machen. Jetzt nutzen alle Deutschland nur aus. Er hatte mal eine Nichte, die während des Kriegs den Flüchtlingsstatus ausnutzen und sich zum Abkassieren der Sozialleistungen bei ihm anmelden, aber in Kroatien wohnen bleiben wollte. Er sei daraufhin ausgerastet. Das ist Betrug und seitdem hat er auch keinen Kontakt mehr zu ihr.

Die Kleine, die Trilingual aufwächst, erzählt mir – wie die Großeltern im besten Deutsch -, dass sie der kroatischen Präsidentin einen Brief schreiben will, damit sie unbedingt in Zagreb den ICE einführen. Sie sieht den immer am Bahnhof in Frankfurt und findet ihn wunderschön, da er soooo weiß ist. Kein Wunder, dass sie das Deutsche Reinheitsgebot auf Gleisen beeindruckt. Ab Villach werde ich nur noch in Graffitizügen fahren.

Plötzlich murmelt der alte Mann: „Man merkt, dass man in Slowenien ist.“ Sie neckisch: „Wie!?“ Er enttäuscht: „Die Durchsagen haben seit der Grenze aufgehört. Kein Herzliches Willkommen, keine Stationen werden angekündigt. Je südlicher, desto schlimmer wird es werden. Ganz unten denkt man, man ist im Zigeunerland. Leider. Aber es ist nunmal so. Die haben ja Lautsprecher. Die sind einfach zu faul!“

Und so kommt es, dass ich tatsächlich viel zu spät mitbekomme, dass wir in den Bahnhof von Ljubljana reinfahren, da plötzlich doch ohne eine Minute Verspätung. Ich verabschiede mich und stürze mitten aus dem angeheiterten Gespräch aus dem Zug raus. Er schreit noch hinterher: „Hab ich ja gesagt! Keine Durchsagen mehr!“

Ich bin also doch vor M da, die mich jetzt auf dem Flughafen zum Hostel abholen will. Kann es kaum erwarten ihr herrliches Lachen zu hören. Lauter Funktionsjackennerds laufen um mich herum. Ich stehe wartend im grauen Hipster-Cardigan vorm goldenen M und mein Magen ist lauter als jeder einfahrende Zug. Da ist sie!

Wir beziehen unsere Zelle im Hostel, einem ehemaligen Gefängnis, und gehen danach auf die Suche nach einem Restaurant. Die Preise sind wie in Berlin. Ist das nun positiv für die aufstrebende slawische Stadt oder einschüchternd für die Deutsche Hauptstadt? Keine Ahnung. Wir bequatschen die ganze Nacht andere Themen…

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Eine Antwort

  1. Toller Text…
    Freue mich auf den nächsten Teil;-)

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