Batzi und die französische Invasion


In der Gefängniszelle war es nachts unerträglich heiß und stickig. Ich weiß nicht wofür ich mit Schlafentzug sühnen muss. Besoffene Engländer, die lauthals im Flur ihre Lieder grölten, gaben mir den Rest. M schlief hingegen fest durch. Sie sei nur einmal aufgewacht, da sie mich im Schlaf hat brabbeln hören. Da sie aber weder Deutsch noch Albanisch spricht, konnte sie leider nichts verstehen.

Während ich in FlipFlops im Gemeinschaftsbad dusche, darf ich dem Blasorchester in der Toilettenkabine neben mir beiwohnen. Es ist doch immer wieder faszinierend was so ein kleiner Schließmuskel an Oktaven rauspressen kann.

M nimmt sich derweil in der Zelle ihrer Haare an. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass sie ein Glätteisen mit auf die Reise genommen hat!

M: I never travel without my hair straightener!
Chloe: No way! But I didn’t saw you using it in Nepal!
M: Yeah, because we stopped to shower for five days!!! Remember?!

M ist ebenfalls von meinem neuen Pony nicht überzeugt. Wirklich keine Ahnung, was mich da geritten hat… Manche Sachen muss man einfach ausprobieren, um dann zu erkennen, dass das Alte doch nicht so schlecht war. Jedenfalls reicht mir M mit einem mitleidsvollen Blick das Glätteisen weiter. Nach der Presskur gefällt ihr mein neuer Haarschnitt außerordentlich. Aber hey, ich brauch ne Frisur, die mir morgens keine Minute Schlaf stiehlt. Der Pony muss rauswachsen!

Im Hostel gibt es Frühstück. Ich muss über die typischen Zutaten – furchtbar weißes Weißbrot und weiß-brauner Schokoaufstrich – lachen. Welcome to Planet Paprika. Für M, die zum ersten Mal auf dem Balkan ist, ist alles neu. Auch die ekelhafte Tatsache, dass überall geraucht werden darf. Sie rümpft andauernd die Nase: What’s wrong with these people? Cigarettes everywhere. Pah! That’s sooo 90ies!

Das Wetter ist für Ende Juli recht bescheiden. Grau und kühl. Zumindest regnet es nicht. Die Stadt ist lediglich Kulisse für unser Gespräch. Wir laufen durch die Reminiszenz der Habsburger, schießen ein paar Fotos und quatschen unsere Ohren rot. Zum Beispiel darüber, dass sich eine Cousine von mir nicht von ihrem Freund getrennt hat, da sie nicht so wie ich enden wolle. M hält sich vor Schock die Hand vor den Mund. Haben wir Single-Frauen in den Dreißigern eine Krankheit von der wir nicht wissen? Und was ist an unserem Leben so „schlimm“?

Ich sehe ein Lush-Geschäft. Ach, überall die gleiche Scheiße. Und auch das Restaurant in dem wir gestern gegessen haben könnte in jeder Metropole von Shanghai bis Buenos Aires stehen. Bin ich der Städtereisen etwa schon müde? Auch M maynt, dass sich mit jeder Reise alles mehr und mehr gleicht. Es ist nicht mehr so aufwühlend und aufregend wie vor zehn Jahren. Auch die Menschen gleichen sich schrecklich eintönig. Inspiration kann man sich auf der Straße in einem anderen Land kaum noch holen. Ein slowenischer Hipster sieht auch in Berlin einfach wie ein Hipster aus. Also am besten Berlin einfach nicht verlassen…

Daher verweigern wir uns heute des Sightseeing-Drucks und konzentrieren uns auf uns. Kein Museum, keine Führung in der alten Burg. Als ich das Plakat zu einer Pop Art Ausstellung sehe wird mir gar richtig schlecht. Diese massenkompatible leichte Kost, die auf das schlechte Gewissen der Touristen baut, doch zumindest im Urlaub sich etwas „Kultur“ zu impfen. Pop Art und Impressionismus geht immer!

Wir trinken am Ufer „romantisch“ – ich liebe es wie M dieses deutsche Wort in ihr Englisch verpflanzt – einen Kaffee und starten die Postkartenserie. Maya bekommt natürlich wie immer aus jeder Stadt, die ich betrete, eine Karte. Der Kellner kann kaum Englisch. Und mir fällt wieder auf, dass ich auf dem
Balkan heute noch mit Deutsch weiter als mit Englisch komme. Gestern wollte ich meine heiße Schokolade „without creme“ bestellen, erst bei „ohne Schlag“ ging dem Eisverkäufer ein Licht auf.

Auf dem steilen Weg zur Burg unterhalten wir uns über Kollegen mit „anger management problems“. In einer Kirche gibt M zu, dass sie manchmal darüber nachdenke, zurück nach Indien zu gehen. Aber nicht zum Reisen, sondern um etwas Zeit in einem Ashram zu verbringen. Ich schaue sie an und konstatiere: I don’t think you ever lost yourself.

M und ich gehen nach unserer ausgiebigen Wanderschaft zurück ins Hostel, um unsere fetten Rucksäcke abzuholen. Wir schauen uns nochmals die Räumlichkeiten an. Ein karger Leseraum fällt uns besonders auf. M: Maybe this was a punishment room?

***

Wir sitzen im Zug nach Zagreb. Und was passt dazu besser als On the Road again von Johnny Cash & Willie Nelson? Mayas Playlist antizipiert alle meine Gefühle.

Auch Zagreb hängt unter grauen Wolken. Auf dem Weg zum Hostel sind wir beide dennich furchtbar gut gelaunt. M: It is so clean! Chloe: You are amazing! Our hostel is in the center of the city! How beautiful!

Man muss hier kurz ausholen. In Zeiten des Internets ist es mehr als fahrlässig nicht im Voraus die Hostelzimmer zu reservieren. Schon in Argentinien machte ich mit meinem schweren Rucksack – von einer ausgebuchten Übernachtungsgelegenheit zur nächsten irrend – die bitterböse Erfahrung, dass die Internetgeneration von heute anders reist. Nichts wird mehr dem Zufall überlassen!! Monate im Voraus wird die Reise durchdekliniert. Lonely Planet Rezensionen online evaluiert, bis die Entscheidung für das richtige und womöglich „grünste“ Hostel getroffen wird. Und sollte sich die Route dennoch ändern, dann wird auf dem alten Smartphone von Daddy rechtzeitig im Starbucks über free WiFi umgebucht! Die erste Frage in einem Hostel lautet heutzutage folgerichtig, auf welchen Namen man gebucht habe. Wehe dem, der darauf keine Antwort hat. Er wird sofort von schadenfrohen Weltenbummlern, die in der bunt gestrichenen Küche des Hostels ihren Mate Tee vorbereiten – verächtlich gemustert.

Daher – und ob der Tatsache, dass wir außnahmsweise zur Hochsaison verreisen – hatten M und ich im Vorhinein die Reiseplanung brüderlich geteilt. Bis zur Albanischen Grenze hatte sie alle Zimmer ausgesucht und gebucht. Nur bei Zagreb hatte sie enorme Probleme gehabt noch etwas passendes zu finden. Sie konnte uns nur in einem „Shared bedroom“ unterbringen. Chloe, die noch letztes Wochenende im Matratzenlager in der Allgäuer Rappenseehütte neben dem Epizentrum der tektonischen Schnarchverschiebung verbringen durfte, hatte sich nach dieser Ansage mit neuen Ohrstöpseln ausgerüstet.

Als wir am Hostel eintreffen, ist Ms gute Stimmung „gone“. Die Frau am der Rezeption braucht zwanzig Minuten, um die drei Jungs vor uns einzuchecken. Über so viel Inkompetent rastet M aus. Ferner können wir in der Zeit das Ausmaß unserer Misere ausmachen: Eklige Küche, verwinkelte über diesen brüchigen Altbau verstreute Mehrbettzimmer und nur Teenager um uns herum! Als wir endlich einchecken die nächste Erkenntnis: im vollgepackten 10-Bett-Zimmer inkl. Gemeinschaftsbad mit Hochbetten aus gelb lackierten Stahl (es sieht mehr nach Gefängnis aus als das ehemalige Gefängnis in Ljubljana) gibt es keine Steckdose, die trotz unserer diversen 3-Welt-Adapter funktioniert. Was fange ich hier mit free WiFi an, wenn ich mein Handy nicht aufladen kann? M hat ganz andere Probleme: „Tell Maya our misery has already begun!“ M spielt auf Mayas Facebook-Kommentar „What a relief – vacuum pump and hair straightener, now it’s for sure: you will survive“ an. M: „This is worse than India! My smooth hair is everything I have! I hate this place. Big time Scheiße!“

Ich versuche abzulenken und unterhalte mich mit den zwei Jungs in unserem Zimmer aus Kanada. Da sechs Betten noch frei sind, wundern wir uns nun, was noch eintreffen wird. M, die nicht unbedingt frankophil ist, befürchtet schlimmstes. Und bevor sie es aussprechen kann, belagert uns auch schon die Französische Invasion. Sechs 18-jährige gemischten Geschlechts knallen sich lauthals in ihre Betten. Wir verschwinden und schließen vorher unsere Wertsachen in den gelben Spints ein. Ms Tagesrucksack passt nicht mehr rein, aber: „I do not have valuables in this backpack. Only hair products. I mean my hair products are the only valuables I have.“

M steigert sich immer mehr und mehr in die Sache rein: We are too old for this shit! I hate the French. I wanna punch them!
Ich muss andauernd lachen.
Sie warnt mich: No sleep tonight! While you were laughing I analyzed the situation. They put cheap alcohol in the fridge! They are cheap, and will party in the room. Puking. No sleep for us! I feel bad. You just told me I am brilliant. Now we have to sleep with the Teenagers. At least teenager sex is short… Karma is catching us up!!!

Wir konzentrieren uns auf das Wesentliche. Wir müssen Geld wechseln. Aufgrund der späten Uhrzeit hat jedoch alles geschlossen. Da manche Hotels auch wechseln, versuchen wir es im Hotel Dubrovnik. Keine Chance, der Herr empfiehlt und aber eine Location um die Ecke. Zur Sicherheit fragen wir nach einem freien Zimmer. 180 Euro. Zu teuer.
Bevor wir rauslaufen können krallt sich eine chinesische Business Women penetrant an mir fest: tell me where the wifi icon is! Ich klicke auf das Symbol und das Fenster öffnet sich. Alles auf Chinesisch und ich inzwischen genervt. Als ich gehen will, packt sie mich wieder: Tell me! M eilt mir zur Hilfe und schaltet das WLAN am Computer an. Es war einfach nicht empfangsbereit.

Wir dürfen also endlich die Lobby verlassen und begeben uns zu der empfohlenen Location. Wir müssen eine mit einem rotem Teppich ausgelegte Treppe in den Keller runterlaufen. M: What the fuck is this? A casino or a whore house?
Ein Security Mann mit einer Waffe am Gürtel begleitet uns zur Wechselstube.

Mit ausländischer Währung in der Hand steuern wir erstmal eine Bäckerei an. Chloe: Strudel, hvala!
M schaut mich entgeistert an: Do you speak Englisch?
Ich brech wieder zusammen vor Lachen. Wir spazieren durch die Stadt. Immer mit einem Auge ein Hotel suchend. Nix! Als zwei Rucksacktouristen vor uns herlaufen maynt M: Let’s chase them and see where they are living. I am even tempted to ask them straight away where they are staying.

Wir tun es nicht, streunen den kühlen Sommerabend weiter herum. Ich hatte noch auf meiner Tango App nach einer Milonga gesucht. Nix los. Nun gehen wir auf die Suche nach einem alternativen Club. Dieser befindet sich direkt neben der Kathedrale in einem dunklen Park. Es ist Montag. Nix los. Jedes Mal, wenn uns auf dem Weg Franzosen begegnen, murmelt M: Enough!

Wir geben auf. Die Hostel- sowie Partysuche. Hier scheinen alle nur in Cafės zu sitzen. Eines heißt „Plan B“. Wir müssen beide lachen. In dem Moment erhält M eine SMS vom hiesigen Netz mit „Discover the Best of Croatia“. Genug ist genug. Wir fassen Mut und gehen ins Massenlager zurück.

Doch siehe da: keiner hier! Wir freuen uns wie Honigkuchenpferde und machen uns schnell Bettfertig. Im Bett liefert sich M eine Facebook-Schlacht mit meinem Bruder.

Wir stellen den Wecker auf sechs Uhr, damit wir vor den Fröschen in Ruhe duschen können. Es ist 23 Uhr und die zwei alten Ladies pretend that they are sleeping, damit die Franzosen nicht auf die Idee kommen im Zimmer zu feiern.

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