Zum Schreien!


Letztes Wochenende machte sich Chloe statt gen Spree auf Heimatbesuch an den See auf. Widerwillig stieg sie am Freitag nach der Arbeit in die Regionalbahn nach Lindau ein. Die Reisenden mit Ländertickets der Deutschen Bahn sind oft recht nervig…

Mit Lennys und Eunices Problemen auf dem Schoß und Kopfhörern im Ohr versetzte ich mich also in ein Lesekoma. Die frühe Dunkelheit und der nuschelnde Schaffner machten mich etwas nervös. Ich hatte Angst, meine Haltestelle im Westallgäu zu verpassen. Daher googelte ich mich nebenher mit dem iPhone auf der Landkarte zur Sicherheit nach und checkte über die Deutsche Bahn App alle fünf Minuten die Ankunftszeit ab. Um 19.19 Uhr kam ich pünktlich in Kißlegg an (ein Wort, das sich für unsere Engländerin nach einer Beleidigung anhört). Diese Allgäuer Bahnhöfe haben meist zwischen den zwei Gleisen keinen richtigen Übergang. Man läuft einfach über die Schienen drüber. Auch das macht mich gerade im Dunkeln stets nervös!

Vom Bahnhof zur neuen Wohnung meines Freundes – es wurde zu einer legendären Lekkar Lakers Kochrunde-Reunion geladen – sollte ich laut Routenplaner noch 12 Minuten Gehzeit haben. Meinen Koffer musste ich aufgrund der vielen Weinflaschen mehr durchs Laub ziehen als rollen. In der Innenstadt (ein 300 Meter langer Straßenstreifen) angekommen steckte ich plötzlich auf einer wundersam stark befahrenen Kreuzung fest. Zehn Minuten lang kam ich nicht auf die andere Straßenseite! Ein Milchlaster und Pennälergolf nach dem anderen fuhren ignorant an mir vorbei. Ich blickte derweil an mir herab und musste herzhaft lachen: Mit Jackett, Röckchen und Stöckelschühchen sah ich inkl. Rollkoffer wie eine bescheuerte Großstadtzicke aus, die gleich vor den Augen der kernigen Dorfbewohner in Gülle ausrutscht…

Unter Lebensgefahr passierte ich dann doch noch die Rennstrecke. Der blaue Punkt auf meinem iPhone leuchtete mir ja auch eigentlich schon das Ziel vor. Aber ich sah weit und breit keine Hausnummer. Eine urige Frau bemerkte meine Ratlosigkeit und lief schnurstracks auf mich zu.

Frau Hilfe anbietend: „Sie sind bestimmt auf der Suche nach dem Sonnenstrahl!“

Chloe wurde sofort unheimlich ob dieser verwirrten Frau. Schließlich war es stockdunkel!

Chloe eingeschüchtert: „Ich suche die Hausnummer XY.“

Frau freundlich: „Ach so. Das hier ist ALLES die Hausnummer XY. Zu wem wollen Sie denn?“

Chloe: „Herr XY.“

Frau bestimmt: „Den kenne ich nicht! Wie heißt er denn mit Vornamen?“

Chloe: „XY“

Frau beschwingt: „Ach DER XY. Wir duzen uns hier doch alle. Aber natürlich! XY ist ja erst vor einem Monat eingezogen. Der wohnt im hintersten Haus.“

Chloe trug nun den Koffer, da der Schotterweg durch die große Parkanlage ein Rollen unmöglich machte, bis an den kleinen Kißlegger See und ließ sich ab sofort im Kreise ihrer engsten Freund mit Köstlichkeiten verwöhnen…

Drei Stunden später klingelte es an der Tür. Der Nachbar meines Gastgebers wollte noch auf ein Glas Wein vorbeischauen. Als er mich sah musterte er mich von oben bis unten.

Nachbar neugierig: „Kann es sein, dass Du vorhin mit einem Rollkoffer und einem Handy in der Hand an der Kreuzung standest?“

Chloe: „Ja, gegen 19.30 Uhr. Das muss in diesem Ort wohl ein ungewöhnlicher Anblick sein.“

Nachbar: „Nein, ganz und gar nicht. Viele laufen zum Sonnenstrahl. Du sahst wie eine von ihnen aus.“

Da war es schon wieder!!! SONNENSTRAHL?! Was ist hier los.

Chloe: „Sonnenstrahl?“

Nachbar: „Ja, das ist hier ein sehr berühmtes Hotel für gestrandete Esoterikerseelchen. So sahst Du für mich im ersten Moment auch aus. Im Sommer hört man die bis zu uns herüber, wenn sie den Urschrei üben. Manchmal laufen die auch nackt über der Wiese an den See. Also wenn Du mal auf der Suche nach…“

Chloe ironisch abwehrend: „Kein Bedarf! Ich habe mich noch nie verloren und muss mich somit auch nicht finden! Und schreien kann ich von Natur aus laut genug!“

Heute Abend in der Puppenkiste schlug ich das Seminarzentrum Sonnenstrahl dennoch mal nach. Vielleicht hätte ich doch vor Ort in der “Feel Good Boutique” die bio-energetische Kleidung von The Spirit of Om® anprobieren sollen? Apropos Einfühlungsvermögen… Beim Durchstöbern des breiten Seminarangebots habe ich nun auch endlich herausgefunden, dass Yoni und Lingam die Worte für Vagina und Penis auf Sanskrit lauten. Der Terminkalender füllt mich jetzt schon auch ohne Seminarteilnahme mit jedem Eintrag voll Energie aus! Lachen ist gesund…

Und wieder wurde belegt, dass Chloe eine große weiße Leinwand ist, auf die alles reinprojiziert werden kann. Egal ob Sonnenstrahl oder Barden

Advertisements

Eine Antwort

  1. […] Chloe, man darf die Esoteriker nicht unterschätzen. Wenn du das nächste mal in die Nähe der Sonnenstrahl-Jünger gerätst, statte ihnen doch einen Besuch ab. Das wäre sicher ein spannender Blogeintrag. Nimm aber […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s