Die Geschichte von der serbischen Birne


Chloe hat sich für das Neue Jahr vorgenommen mehr zu bloggen. Die Zeit verfliegt schneller als dass die guten Vorsätze fruchten… Rechtzeitig zum Start des zweiten Monats möchte ich zumindest eine kleine Fallobstgeschichte aufschreiben, die ich vor zwei Wochen beim Besuch des Journalisten in Berlin erzählte. Wir saßen zu Dritt mit Maya bei Wein und Mahl in der Turnhalle.

Meine Einwanderereltern sind vor zwei Jahren in die alte Heimat zurückgewandert und leben nun in einem neuen modernen Viertel der Kosovarischen Hauptstadt. Als mich der Journalist einst im Wohnzimmer meiner Eltern für einen Wochenendtrip nach Tirana abholte, zwinkerte er mir zu: „Deine Eltern leben im Beverly Hills von Prishtina.“

Ich verstand! Meine Eltern, die pensionierten Schwabovaren, sind Teil einer Gentrifikationsbewegung. Ihr Reihenhaus mit Buchsbaum und deutschen Stiefmütterchen steht ferner im vormals stark serbisch besiedelten Bereich der Stadt. Ein Investor hat nach dem Krieg das begehrte Grundstück – fernab von der lauten und dreckigen Innenstadt – gekauft, um den zurückgekehrten Albanern in einer Gated Community einen Hauch von bekannter westlicher Sicherheit und Ordnung zu schenken. Mit Erfolg! Diese Wohnanlagen sprießen nun wie Pilze aus dem Boden. Inklusive Schranken vor dem Häuserwald natürlich…

In der Gegend meiner Eltern leben weiterhin ein paar serbische Mitbürger. Sie halten auch einen eigenen Wochenmarkt ab. Mein Vater ging – da der Markt gleich um die Ecke – eines Tages mit meiner Mutter und meinem Onkel zum Einkaufen hin. Was er vorfand war bitterlich erbärmlich anzusehen. Uralte Greise knieten auf Hosen mit mehreren Schichten aufgenähten Flicken vor ihren Habseligkeiten. Ausgelegt auf Tüchern oder Decken lagen einzelne Knoblauchzehen, Eier oder mickriges Obst. Mehr schien ihr Land nicht zu erwirtschaften. Mein Vater war von dem Anblick erschüttert und fragte seinen Bruder was wohl für ein Geldwert hinter all den Waren auf dem gesamten Markt stecke.

„Neunzig Euro“, vermutete mein Onkel.

„Lass uns alles aufkaufen!“, schrie mein Vater enthusiastisch bei dem Spottpreis auf.

Mein Onkel belächelte seinen älteren Bruder: „Und was willst Du in Deinem Zwei-Personen-Haushalt mit dem ganzen Kram anfangen?“.

Mein Vater – der selbst noch seinen neu aufkeimenden Altruismus verdauen musste, entgegnete, „Ach, wir können das doch alles dahinten in den Fluss schmeißen. Das sieht doch keiner.“

So weit kam es aber nicht, da plötzlich ein Häufchen Birnen seine komplette Aufmerksamkeit auf sich zog. Meine Mutter liebt Birnen. Und statt Lebensmittel für den Fluss zu kaufen, erschien es meinem Vater durchaus sinnvoller, seiner Frau die begehrten Früchte zu schenken. Die steinalte Verkäuferin hatte tatsächlich für nur drei Kilo Birnen den ganzen weiten Weg zum Markt auf sich genommen. Mein Vater fragte nach einem Kilo. Die Greisin flehte ihn an, dass er doch für zwei Euro den ganzen Stand aufkaufen solle. Das butterweiche Herz meines Vaters konnte natürlich nicht Nein sagen. Er legte ihr zehn Euro hin. Sie schaute ihn verzweifelt an: „Ich kann auf so viel Geld nicht herausgeben. Bitte wechseln sie da hinten die zehn Euro in Serbische Dinar ein.“

Mein Vater erzählte mir, dass die Kosovarischen Serben noch finanziell von Belgrad aus im Sinne ihrer Identitätswahrung mit der eigenen Währung unterstützt werden.

Kurz vorm Ziel wollte er nun nicht aufgeben und wechselte die zehn Euro in Dinar um. Den Sack Birnen nahm er in die Hand und das Restgeld schob er dem Schatzmeister, meiner Mutter, unter.

Die pure Anwesenheit der Dinare in ihrem Geldbeutel machte meine Mutter völlig nervös: „Ich fühle mich, als seien die Serben in meine Hosentasche gekrochen! Ich will deren Geld nicht an meinem Körper wissen.“

Mein Vater erbost: „Das sind auch nur Menschen. Auch sie haben unser Mitleid verdient!“

Meine Mutter weiter eingeschüchtert: „Die haben uns im Krieg umgebracht!“

Mein Onkel mit funkelnden Augen: „Ha! Deine Frau ist eine größere Patriotin als Du, Bruder!“

Mein Vater genervt: „Ihr Nationalisten!“

Meine Mutter gab dann in Rage alle Dinare auf einmal aus. Mein Onkel, der Nutznießer der süßlichen Trauben und sonstigen Lebensmittel, aß brav alles auf.

Nun ist es so, dass zusätzlich eine uralte Serbin mit ihren Eiern bei meinen Eltern hausieren geht. Mein Vater, der felsenfest behauptet, dass serbische Eier besser, ja fast wie Fleisch!, als die albanischen Eier schmecken kann sich nicht gegen die Hausherrin auflehnen. Meine aufgescheuchte Mutter scheucht die Serbin immer weg.

Bei dieser Erzählung bitte auch ich meine Mutter um Nachsicht: „Sei bitte kein Unmensch!“

Meine Mutter: „Aber manchmal versucht sie auch Rosen zu verkaufen! Stell Dir mal vor!!! Blumen! Ich soll Blumen von einer Serbin kaufen?“

Tja, Liebesboten vom Klassenfeind zu erstehen ist für meine Mutter ein Konflikt, den sie moralisch nicht lösen kann.“

Mein Vater, der gute Esser, zu meiner Mutter: „Ja, ja, Blumen. Hach! Aber die guten Eier! Was haben Dir denn die Eier getan? Und die serbischen Birnen erst!“

Meine Mutter einsichtig zu mir: „Ja, die Birnen waren in der Tat sehr lecker. Aber weil es so viele waren, sind sie am Schluss doch alle verfault.“

Maya antwortete auf meine Erzählung mit einem schlichten Bonmot:

„Es liegt in der Natur des Menschen, sich Feinbilder zu schaffen. Deine Mutter sorgt sich darüber, ob die Birnen serbisch sind. Hier in Berlin sorgt man sich darüber, ob die Birnen ökologisch sind. So hat jeder seine eigenen Probleme.“

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