SpreeSee-WG: Chloe und der „Optimizer“

Von ihrem eigenen Wecker wacht Chloe eigentlich nie auf. Den schlägt sie einfach mundtot. Aber wenn Mayas Wecker durch die Wand zirpt, springt Chloe in nur drei Schritten unverzüglich ins Bad. Damit sich die Damen in der Porzellanabteilung nicht ins Gehege kommen, geht Chloe schnell rechtzeitig duschen, bevor Maya nach ihrem ersten Kaffee in der Lage ist, einen Duschkopf gefahrlos zu bedienen. Meistens ist Maya aber sehr viel später dran als Chloe. Dann sehen wir uns morgens gar nicht. So konnte ich neulich erst abends ein Rätsel lösen…

Morgens griff ich also mit übermüdeten Augen nach der elektrischen Zahnbürste (meiner neuen Lieblingsanschaffung mit Ladeglas!!). Plötzlich sah ich auf meiner rechten Hand braune Flecken. Aber nur auf den Knochen von Mittel- und Zeigefinger, oberen Handrücken und unterer Handinnenseite. Maya und ich hatten nachts noch Nogger auf dem Balkon verdrückt. War ich bei meiner Katzenwäsche so nachlässig gewesen? Ich versuchte die vermeintlichen Eisspuren mit Wasser und Seife wegzuwaschen. Nichts! Es kam nichts herunter. Jetzt wurde ich doch nervös. Was ist das?

Bei der Arbeit starrte ich beim Tippen derart besorgt auf die rechte Hand, dass meine Kollegin nachfragte, was denn los sei. Ich zeigte ihr das Desaster. Nach ihrer Vermutung handelte es sich aufgrund des Rotstichs um einen Henna-Unfall. Ich solle mir keinen Kopf machen, das gehe schon wieder weg. In meinem Kopf ging der Film jedoch nun richtig ab: Wo sollte ich mir das denn zugezogen haben? Henna?!?!

Apropos Kopf… Als ich dann das erste Mal im Büro auf Toilette lief, sah ich – die vorher völlig von der Hand abgelenkt – noch zusätzliche Verfärbungen: Auf meiner linken Wange war ich fleckig wie die Milka Kuh! Ich ersparte es mir, nach Hautkrankheiten zu googeln. Der Tag war für mich gelaufen. Und Maya bekam ich erst um 19 Uhr zum Yeah Yeah Yeahs Konzert zu Gesicht.

Abends kam dann die Erleuchtung mit Frau von Spree….

Chloe völlig aufgelöst: „Maya, Maya! Der Tag hat ganz schrecklich angefangen…“

Maya: „Ja, klar! Du hast Deine Konzertkarte zuhause liegen lassen und ich musste für Dich nochmals den ganzen Weg zurücklaufen.“

Chloe fast den Tränen nahe: „Weil ich so durch den Wind war. Schau Dir mal meine Hand an!“

Mayas Gesicht entgleist vollkommen bei Chloes Anblick. Seit kurzem kämpft Chloe mit der schlimmen „Tangostirn“. Und nun noch ein weiterer Ausschlag? Ob das nicht der Bote einer unheilbaren Krankheit ist? Was wäre Spree ohne See? WG ohne Chloe? Wer taucht dann in einer ollen Bootcut Jeans plötzlich unerwartet vor Maya auf und bringt sie damit wochenlang zum Lachen? Oder wessen neue elektronische Einkäufe könnte Maya sonst im Bad als Vibrator fehlinterpretieren?

Chloe wird bei Mayas traurigem Blick erst recht panisch: „Ja! Als erstes dachte ich auch, dass ich über Nacht Altersflecken bekommen hätte!“

Mayas kurzer Ausflug ins Dramatische weicht bei diesem Schwachsinn sofort ihrem gewohnten Pragmatismus: „Chloe! Seit wann kommen die in Schlieren!“

Chloe redet einfach weiter: „Jedenfalls glaube ich jetzt, dass der Perser daran Schuld ist!“

Maya verwirrt: „Was?“

Chloe völlig sachlich: „Naja. Meine Kollegin meinte, dass das sehr nach Henna aussähe. Und gestern war ich doch auf der Museumsinsel Tango tanzen. Vermutlich hatte mein persischer Tanguero Henna in der Hand! Schau mal, wenn Du Dein linke Hand in Tanzhaltung in meine rechte legst, kommen genau die Hennaspuren raus!“

Maya bei vollkommen klaren Verstand: „Chloe! Kranker als Deine Flecken sind gerade Deine abgesponnen Erklärungen. Zeig nochmals die Hand!“

Maya wirft nun endlich einen kühlen Blick auf die Hand und fängt tierisch an zu lachen: „Chloe! Also wenn Du mich fragst, sieht das nach einem klassischen Unfall mit einem Selbstbräuner aus!“

Chloe in Abwehrhaltung: „Niemals! So etwas benutze ich nicht! Habe ich auch noch nie benutzt! Zu viel Chemie, vergiss es!“

Maya: „Bist Du Dir ganz sicher? Hast Du vielleicht eine Creme umgestellt?“

Und da schämt sich Chloe nun ganz arg. Hatte sie doch in ihrer Argumentationskette gar den unschuldigen Perser zum Hennaattentäter ernannt.

Chloe: „Doch! Ich habe eine Probe von meinem Kosmetiker aus der Puppenkiste benutzt. Aber da stand mit keinem Wort drauf, dass es ein Selbsttöner sei!“

Maya schüttelt den Kopf: “Sei froh, dass es kein billiger Töner war, sonst wärst Du jetzt orange! Mensch, Chloe! Solche Erfahrungen macht man mit seiner Zeit. Als Teenager zum Beispiel und nicht mit Mitte Dreißig!“

Chloe vehement: „Ich lüge doch nicht! Vor Dir verheimliche ich doch keine Selbsttönerexperimente und verleumde im gleichen Atemzug einen persischen Tanguero!“

Erst als wir wieder in der WG waren und ich Maya die Verpackung zeigen konnte, schenkte sie mir Glauben.

Maya: „Unfassbar! ‚Optimize – Verfeinert & Mattiert’. Mehr steht hier nicht. Die müssen das mit dem Selbstbräuner doch draufschreiben! Du solltest Dich bei denen beschweren. Stell Dir mal vor, Du wärst so vor Deinen Kunden aufgetaucht!“

Dr. Grandel Optimize - Eine Probe mit Folgen

Dr. Grandel Optimize – Eine Probe mit Folgen

SpreeSee-WG: Zweiraumwohnung für Zwei

Zwei Jahre lang führten Maya und Chloe also eine „Fern-WG“. Daher waren beide doch etwas aufgeregt, ob mit Chloes Wiedereingliederung an der Spree die WG auch den Alltag überleben würde. Und nicht nur die beiden, sondern auch alle um sie herum sind überrascht, wie harmonisch die 24/7 Druckbetankung verläuft. Bei jedem Telefonat fragen Chloes Eltern besorgt: „Streitet Ihr beiden Euch auch nicht? Versteht Ihr Euch weiterhin gut? Wie läuft das gemeinsame Zusammenleben?“

Das neue Umfeld reagiert auch oft verstört, wenn ich erzähle, dass ich mit über dreißig Jahren mit „meiner besten Freundin“ zusammenwohne.

Chloe und Maya – der Inbegriff der Deutsch Albanischen Freundschaft (DAF) – tauchten vor kurzem gemeinsam auf einem albanischen Konzert in Berlin auf.

Albaner: „Oh! Deine Freundin ist Deutsch. Woher kennt Ihr beiden Euch eigentlich?“

Chloe: „Wir wohnen zusammen.“

Albaner zählt unsere Falten und hakt nach: „Und warum?“

Chloe nutzt die Vorlage: „Weil wir ein Paar sind!“

Albaner versucht die Contenance zu wahren: „Ja. Ja, das ist gut für den Verein, wenn er auch soooolche Leute hat. Das zeigt wie offen wir sind. Aber dahinten in der Ecke solltet Ihr es nicht zu laut sagen.“

Neulich wurden wir auch gefragt, ob wir eine Zweck-WG seien. Schließlich sei das oft ein finanzielles Kalkül. Maya stellte überrascht fest: „Ja, am Anfang war das tatsächlich irgendwie so. Aber inzwischen verdienen wir beide und sind aus freien Stücken zusammen. Es ist tatsächlich schön, jemanden um sich herum zu haben. Das hat sich so entwickelt.“ Chloe stimmt dem zu. Manchmal tut es einfach gut, auf dem Weg zur Küche einen Menschen zu sehen, der sich in seinem Bett mit hochgestreckten Beinen und Laptop auf dem Bauch über eine Sitcom krank lacht. Ein Stück Seelenfrieden.

Aber viel lieber als Maya anzuschauen, quatsche ich sie natürlich mit frischerlebten Geschichten voll! Nach einem Date kam ich zur Berichterstattung in die Küche.

Maya: „Und?“

Chloe: „Ich glaube, ich habe es verbockt!“

Maya: „Wie geht das denn so schnell?“

Chloe: „Ich lachte an der falschen Stelle.“

Maya: „Komm zum Punkt!“

Chloe: „Also… Wir saßen so zusammen und er erzählte mir, dass er mit Ende dreißig immer noch mit seinem besten Freund zusammenwohne. Ich fand das natürlich total sympathisch und schrie freudig heraus, dass auch ich dieses Lebenskonzept teile. Er meinte dann jedoch, dass er gerade auf Wohnungssuche sei. Ich bestätigte, dass auch wir beide uns vergrößern wollen, da uns die Wohnung zu klein wird. Er meinte, dass…“

Maya: „Dass, dass, dass… komm zum Punkt!“

Chloe: „Dass es bei ihm anders sei! Beide haben beschlossen auseinanderzuziehen, um frei für die große Liebe zu sein, die im Jahre 2013 kommen könnte! Ich prustete laut heraus: ‚Du glaubst an die große Liebe?’ Dumme Reaktion meinerseits…“

Maya: „Autsch! Aber auch selten dämlich, präventiv eine WG aufzulösen!“

Chloe: „Ebend!“

Maya etwas nachdenklich: „Aber vielleicht hat er doch irgendwie recht. Vielleicht blockiere ich Dich auch? Vielleicht lernst Du deshalb niemanden kennen?“

Chloe: „Ich war zwei Jahre quasi von Dir getrennt und habe dennoch niemanden kennen gelernt. Da habe ich doch lieber Spaß und belaste mich nicht mit falschen Hoffnungen in einer einsamen Wohnung!“

Nur ein einziges Mal gab es einen kleinen Zwist… Chloe kam spät von der Arbeit nach Hause und sah ihre Pflanze im Zimmer leblos durchhängen.

Chloe: „Ui. Ich muss mal gießen.“

Maya völlig außer sich, als hätte ich auf einen Knopf gedrückt: „Ja! Ja! Ich habe dieses verwahrloste Mahnmal extra so stehen lassen, damit Du siehst was Du ihr antust. Ich habe doch nicht zwei Jahre lang für Dich die Pflanze liebevoll gehegt und gepflegt, damit Du sie in nur zwei Wochen Anwesenheit umbringst! Schau bloß hin was Du ihr angetan hast.“

Chloe: „Ach, Du kennst sie doch. Einmal ordentlich gießen und am nächsten Morgen steht sie wieder wie eine Eins! Kein Grund zum Drama.“

Maya: „Du Barbar!“

Ich glaube, ich muss mal etwas Blumenerde von unserem Balkonnachbarn stibitzen…

Chloe schlägt die ewige Jugend aus!

Neulich saßen Maya und Chloe mit einem Stapel alter ZEIT Magazine auf der grünen Couch und lasen sich nach altem Brauch gegenseitig die großen Fragen der Liebe vor. Maya erlaubte sich den Spaß und machte Chloe auch auf eine besonders kryptische und außergewöhnliche Kontaktanzeige aufmerksam: „Das klingt doch spannend! Schreib dem doch mal.“

Chloe schrieb, chlaubte aber nicht daran, dass sich der Suchende jemals mit einer Antwort melden würde. Eine Woche und ein paar E-Mails später trat Chloe mit hängenden Schultern in die Küche.

Chloe seufzend: „Na, da haste mir ja mal wieder was ganz Besonderes eingebrockt!“

Maya: „Was ist denn jetzt schon wieder los?“

Chloe: „Erinnerst Du Dich noch an die Kontaktanzeige?“

Maya: „Hast Du etwa auf mich gehört und ihm geschrieben?“

Chloe: „Klar. Ich hör ja immer auf Dich!“

Maya: „Und? War er so speziell wie die Selbstaussage in der Anzeige?“

Chloe: „Man denkt ja immer, dass man alles erlebt hat…“

Maya: „Erzähl schon!!!“

Chloe: „Am Anfang war der Briefwechsel noch ganz nett. Aber dann hat er mir unterstellt, dass ich zu dumm für ihn sei!“

Maya: „Wie?“

Chloe chramt Ihr i-Phone hervor: „Ich muss das vorlesen. Den Schwachsinn kann ich unmöglich in eigenen Worten widergeben. Es ist zu schräg. Also… Er schrieb:

Ja, das Auslaufmodell ist noch nicht untergebracht, und Du scheinst nicht zu wissen, auf wen Du dabei bist, Dich einzulassen.

Ich versuchte in meiner Antwort die Situation etwas aufzulockern und dann kam das zurück:“

Was Du Dir da so zu meiner Wenigkeit zusammenreimst ist schon recht amüsant wie erhellend für mich, zeigt es doch in welcher Gedankenwelt Du Dich so eingerichtet hast. Zu lesen, was Du so locker zu Dingen ablässt, wovon Du außer vom Hörensagen keine große Ahnung haben kannst, ist schon aufschlussreich lustig.

Aber immerhin sprichst Du trotz heraushängender Lässigkeit auf meinen Erkenntnisvorsprung günstig an.

Leider ist es nicht angeraten, diesen explizit unter die Leute zu bringen, schließlich sind diese mir – obwohl anfangs mal der Allgemeinheit zum Nulltarif zugedacht –  goldwert geworden, nachdem ich sie klugscheißernden Besserwissern immer wieder wie Sauerbier anpreisen musste.

Maya wie immer neugierig: „Was für ein Erkenntnisvorsprung?“

Chloe: „Er ist Biophysiker und glaubt auf was ganz Großes gestoßen zu sein.“

Maya misstrauisch: „Und das hat bis jetzt noch keiner gewürdigt?“

Chloe: „Nein. Er hat schon diverse Anläufe, gar Dissertationen, gewagt. Aber die Akademie ignoriert sein Wissen!“

Maya: „Wie schrecklich! Diese Vorstellung! Da arbeitet ein Mensch ein Leben lang an einer Idee und keiner glaubt ihm. Was hat er denn untersucht?“

Chloe: „Ja, ja… ich lese weiter…“

Aber wie gesagt, ursprünglich ging es mir nur darum, endlich mal herauszufinden was unser Leben natürlich begrenzt.

Maya höchst erquickt: „Chloe! Der Mann besitzt den Schlüssel zum ewigen Leben und Du schlägst das Angebot einfach aus! Denk an uns, an Deine Freunde! Wir könnten das durchaus gebrauchen!“

Chloe mit ruhiger Stimme: „Warte, warte! Jetzt kommt es ganz dicke, Maya!!“

Da ich unerwartet in einer derart sensiblen Angelegenheit statt auf Interesse nur auf besserwissende Klugscheißer gestoßen bin, habe ich über den Abschluss meiner Forschungen hinaus keine weitere Anerkennung gesucht.

Wozu etwas in falsche Hände geben, wenn es in den eigenen besser aufgehoben scheint?

So bin ich nun mal im Besitz eines Wissens zu gesundheitlichem Selbsterhalt, welches nicht nur Dich ziemlich alt aussehen lässt.

Derzeit gibt es für mich auch keinen Grund, dieses mit mehr als einer idealen Partnerin zu teilen, bis sich vielleicht mal eine sichere Möglichkeit zur Vermarktung ergibt.

Maya: „Chloe! Das ist hochromantisch. Der Mann ist auf der Suche nach einer Frau, der idealen Partnerin!, die als einzige an seine Idee glaubt. Und die darf dann auch aus dem Jungbrunnen trinken!“

Chloe: „Nur zu schade, dass es mir an der nötigen Intelligenz oder Naivität fehlt. Das folgende Angebot nahm ich nicht an.“

Ich würde also einer Partnerin einiges bringen und ihr auch die Teilhabe an einer großen Idee eröffnen.

Allerdings hat sich bisher nur mein Eindruck verfestigt, dass um diesen besonderen Wert zu erkennen, die Intelligenz der Angesprochenen nicht über das Brett vorm Kopf hinausreicht.

Mir soll’s recht sein. Dir auch?

Sicher sind wir nicht in der gleichen Liga, aber wenn Du wirklich noch wo anders ankommen willst, solltest Du einer herausfordernden Idee folgen. Ich habe eine, aber ließe sich damit Dein Altersvorbehalt neutralisieren? Fragen über Fragen.

Chloe erbost: „Altersvorbehalt! Der Kerl ist jetzt schon dreißig Jahre älter als ich. Und was hat das ganze überhaupt mit wahrer Liebe zu tun? Welche Frau will denn mit so einem Mann ernsthaft eine Beziehung eingehen!“

Maya mit erhobenem Zeigefinger: „Die ideale Partnerin, Chloe! Du verstehst das nicht. Für ihn bedeutet doch gerade das die große wahre Liebe: Wenn er eine Frau findet, die seine Idee, die alle seit Jahren belächeln, teilt.“

Chloe ernüchternd: „Ja, vielleicht bin ich sogar für die Liebe zu doof. Dann sterbe ich halt dumm und alt und trinke lieber Gin statt Jugendbrunnen“

Mayas und Chloes neuer Jungbrunnen aus Kanada

Mayas und Chloes neuer Jungbrunnen aus Kanada

SpreeSee-WG newborn: Chloe fehlt der Schatten!

Ich bin wieder hier! Seit zwei Monaten ist Chloe nun zurück. Zurück in Berlin! Somit konnte ich auch endlich ruhigen Gewissens Charlys bissigen Kommentar von vor 2,5 Jahren freischalten…

Am Anfang musste Maya jedoch erst meinen Abschiedsschmerz von der Puppenkiste ertragen. Bei -20 Grad Ankunftstemperatur froren mir die kullernden Tränen über der Warschauer Brücke fest. Als wäre das nicht genug, wurde ich in meinem neuen Lebensabschnitt als „Beraterin“ zusätzlich ins eiskalte Wasser geworfen.

Mit hängenden Schulten saß ich in der Küche.

Maya irritiert: „Chloe! Was ist denn los? Gefällt Dir der neue Job nicht?“
Chloe verwirrt: „Naja. Die arbeiten mit anderen Methoden!“
Maya: „Aber Du kannst doch Scrum!“
Chloe: „Ja, ja. Aber, aber… die wollen, dass ich male!“
Maya mit großen Augen: „M A L E N?“
Chloe: „Ja… Kein Power Point! Ich soll meine morgige Präsentation komplett auf Flipchart halten.“
Maya völlig verständnislos: „Aber warum?“
Chloe erschöpft: „Das scheint wohl gerade der neueste Beraterschick zu sein. Weg von Digital, zurück zum Papier. Mit Zeichnungen statt mit Worten sollen die Kernbotschaften ausgedrückt werden. Gedanken visualisieren… Ach, was weiß ich! Aber alle meine Kollegen waren auf ganztätigen Schulungen, um diese Präsentationstechnik zu lernen!“
Maya besorgt: „Du kannst…“
Chloe: „… gar nicht malen!“
Maya: „Was hast Du jetzt gemacht?“
Chloe: „Naja. In der Küche lag so ein Ringbuch mit Skizzen-Vorlagen herum. Bikablo heißt das „Trainerwörterbuch der Bildsprache“. Ich setzte mich dann hin und suchte passende Motive zu meinem Inhalt heraus. Links mit dem Buch in der Hand und rechts mit einem Edding bewaffnet traute ich mich an mein erstes Flipchart-Blatt heran.“
Maya: „Ist es was geworden?“
Chloe: „Meine Kollegin trat prüfenden Blickes neben mich heran. Und dann kam das vernichtende Urteil: Es fehle der Schatten!“
Maya entsetzt: „Der S C H A T T E N?!?“
Chloe: „Ja! Der Schatten! Schließlich falle das Licht von O B E N!“
Maya trocken: „Von oben!“
Chloe: „Ich sag Dir, da steckt die Büromaterial-Mafia dahinter! Mit der Digitalisierung werden immer weniger Ordner und Klarsichthüllen verkauft. Das muss ja irgendwie kompensiert werden. Also redet man den Leuten ein, dass sie noch mehr White Boards, Flipcharts, Post its in allen Farben der Welt, Klebepunkte zum Auswerten von Ideen…“
Maya bremst aus: „Was ist jetzt mit dem Schatten??“
Chloe: „Und dann gibt es diese speziellen Stifte mit einem besonders großer Keilspitze, um auf Flipchart-Zeichnungen Schatten einzumalen. Wirkt perspektivischer. Aber natürlich nicht irgendwelche Stifte! Die müssen dann schon von der Marke „Neuland“ sein.“
Maya: „Und?“
Chloe: „Ich habe jetzt auch nen Schatten!“
Maya: „Wahnsinn! Diese ganze Industrie. Vielleicht springt dabei auch mal ein Job für MoMa heraus? Die Printmedien zahlen doch immer weniger für Karikaturen. Das wäre quasi eine sichere Investition in MoMas Zukunft! Er könnte Kurse anbieten wie ‚Merkel oder Manager: Bei uns lernen Sie wie Sie vor einer großen Gruppe sicher und mit ruhiger Hand Führungspersönlichkeiten aufs Flipchart bringen!’
Chloe: „Nette Idee, Maya. Aber ich muss jetzt ins Bett. Und vielleicht sollte ich vorher noch ein paar Stimmübungen wie unser nerviger neuer Nachbar machen. Wer weiß, ob ich nicht in naher Zukunft die Gitarre auspacken und mit den Schulungsteilnehmern die Prozesse nachsingen muss!“
Maya: „Du kannst doch nicht einmal…“
Chloe: „.. ich weiß: Gitarre spielen! Für diese zahlreichen ‚Coaches’ bin ich wohl eine Goldgrube!  Die Visual Facilitators reiben sich schon die Hände… Der vom See muss alles noch beigebracht werden! Malen, singen… “
Maya: „… tanzen kannst Du doch aber schon ganz… „
Chloe: „Naten e mire!“

Am nächsten Morgen schaute Maya der traurigen Chloe verständnisvoll hinterher, als diese mit einer riesigen Papierrolle unterm Arm aus der Tür watschte.

Man muss erwähnen, dass Maya sterben würde, bevor sie nur ein einziges Smiley irgendwohin malen oder gar in einer E-Mail einsetzen würde! Neuerdings bietet sie auch auf eine ganz perfide Art und Weise den Emoticons die Stirn:

Maya ist gegen Emoticons

Maya schreibt die Emoticons einfach aus! Mit der Begründung: „Unsere Sprache bietet so viele schöne Möglichkeiten sich auszudrücken, da braucht es keine Bilder!“

Bye bye 2012 – musikalischer Jahresrückblick

Früher war mehr Lametta! dachte ich Ende November.

Um mich herum und auf allen Medien begannen die Leute, auf 2012 zurückzublicken und ich überlegte, wie das Jahr so geklungen hatte. Spontanes Schulterzucken im Dialog mit mir selbst.

Die Zeit schritt voran, es wurde enger, der Druck stieg, eine Buchpräsentation riss mich aus der Lethargie: „Keine Sorge Mutti am Steuer“ Heiko Sakurai – Cartoons des Jahres 2012.

[Ein  Buch, das wir jedem wärmstens empfehlen. Chloe und ich sind sehr glücklich, dass wir zu Weihnachten mit Geschenken aus den Federn unsere Freunde punkten konnten. Uns von der Sprees brachte der Anblick der großartigen Polit-Muppet-Show zudem eine gelungene Ablenkung von der nervenaufreibenden Trotzphase des jüngsten Sprösslings. Lachen hilft ja immer, sogar bei mittelschwerem Familienwahnsinn!]

Unser werter Zeichner legte also seinen Jahresrückblick an feinsten Karikaturen chronologisch geordnet vor –  und ich war immer noch nicht weiter.

 

Also diesmal kein Jahresend-Mixtape??? Doch natürlich!

Zur Not hätte ich auch einfach diverse Sommer und Reise-Playlists, die ich Chloe zusammengestellt hatte, aneinander kleben können, aber an einem trüben Samstagnachmittag kam schließlich die Inspiration – oder vielmehr der Mut zur Entscheidung – und aus einer konfusen Liste wurde doch noch ein veritables Mix-Tape.

Was ich aus den Sound-Trauben des durchwachsenen Jahrgangs zusammengebraut habe, fand dann sogar ein mildes Urteil vor Charlys kritischem Gehör:

Ich bin überrascht Maya, das ist ein schmissiger Mix ganz ohne den Quatsch, den du sonst so gerne einbaust.

In diesem Sinn – einfach mal klicken und reinhören – viel Spaß und ein frohes Neues!

Music Diary 2012 by Popkonsulin on Mixcloud

Revaler Fundstücke – mein luxuriöses Hobby

Dieses selten schöne Exemplar entdeckte ich kürzlich im Hausflur:

Sieht nicht so aus, ist aber ein Luxusmöbel

Sieht nicht so aus, ist aber ein Luxusmöbel

Wie immer zückte ich die Kamera, denn seit unserem Einzug gehe ich mit Begeisterung dem Hobby nach, Fundstücke in unserem Flur und Eingangsbereich zu dokumentieren. Die Zettel im Treppenhaus sind dem geneigten SpreeSee-Leser längst bekannt, doch neben Nachrichten aller Art fällt in unserem Haus eine Menge Warschauer-Strandgut an. Ich finde es faszinierend, was da nicht alles zu den verschiedensten Tageszeiten auftaucht und ganz schnell wieder verschwindet. Die Veröffentlichung war immer mal wieder geplant, es kam jedoch nie dazu. Allenfalls halte ich Freunden ein Bild von ein paar ausgelatschten Schuhen unter die Nase und sage: „Guck mal, was unsere Nachbarn großzügig der Allgemeinheit schenken!“

Ab und an denke ich dann an unseren Hausverwalter, der uns beim Einzug ermahnte, nicht diese üble Sitte anzunehmen, denn er müsse regelmäßig den Sperrmüll rufen. Nichts ahnend zuckten wir damals mit den Schultern, als schwäbisch erzogene brave Bürgerinnen würden wir derlei nie tun. Allerdings schien es auch kein allzu großes Drama, dass der Mann mal zum Telefon greifen muss.

Wie unwissend wir waren! Noch kannten wir nicht die enorme Fluktuation in diesem Haus. Hier zieht eigentlich jeden Monat jemand ein und aus. Und jeden Monat stehen dann die aussortierten Waisen dieser Wohnungswechsel in unserem Hausflur:

Nun bekam ich jedoch die Rechnung für mayn Hobby präsentiert.  Auf der Betriebskostenabrechnung des Hauses für 2011 beträgt der Posten für Sperrmüllentsorgung sage und schreibe

Euro 3606,87  !!!

Ist das zu fassen? Chloes und mayn Anteil daran sind 107,20, für Sperrmüll von anderen- asozialen – Leuten, in einem Jahr. Maynen Spaß, den ganzen Schrott zu knipsen, bezahlen wir also völlig sinnloser Weise. Nur zur Erinnerung: Sperrmüll wird eigentlich von der BSR kostenfrei abgeholt, wenn man ihn als Privathaushalt ruft. Nur weil die verpeilten Nachbarn ihren Mist einfach abstellen – natürlich auch Dachboden und Keller einfach ungeräumt hinterlassen – und den Anruf dem Hausverwalter überlassen, zahlen wir alle einen absurd hohen Preis. Ich bin nicht knauserig, ich möchte nur die 107,20 lieber in der Nachbarschaft für Essen und Trinken auf den Kopf hauen, anstatt  sie für eine Leistung auszugeben, die ich umsonst haben kann.

Was ist also das Ergebnis mayner Empörung: die Bilder der teuren Fundstücke werden endlich nach und nach gepostet und vermutlich werde ich demnächst selbst zur Zettlerin.

Hilfe – Berlin führt die Kehrwoche ein!

Sieht so aus, als sei die permanente Berliner Angst vor der Überfremdung durch die Schwaben-Invasion doch berechtigt! Prangt doch auf der Webseite des Tagesspiegels dieses Bild, das eindeutig auf eine vollendete Usurpation der Hauptstadt durch die Sauberles hinweist:

"Saubere Sache": Der Berliner Bär "putzt d' Gass".

„Saubere Sache“: Der Berliner Bär „putzt d‘ Gass“. (Grafik via Tagesspiegel)

Dabei beklagte ich mich noch neulich in größerer Runde über das permanente Schwaben-Bashing in der Hauptstadt.

„Alles übertrieben“, versicherte ich, „wir sind eigentlich ganz harmlos.“

„Sie kommen aus Stuttgart“, fragte ein anwesender Tagesspiegel-Redakteur verwundert, „ja wo haben Sie denn Ihren Slang gelassen?“

Schließlich bin ich hier seit Jahren inkognito unterwegs und gebe mayne Herkunft nur ausnahmsweise preis.

Nun hat gerade sein Blatt mich Lügen gestraft und mit der Aktion „Saubere Sache“ die Kehrwoche eingeführt…allerdings Open Air und nicht wöchentlich, sondern jährlich. Am 15. September soll der erste Aktionstag sein.

Die von mir gefürchteten Schmähungen und Assoziationen mit der schwäbischen Invasion blieben allerdings aus. Wenn man die Kommentare durchliest, findet man durchweg positive Reaktionen. Außerdem dient vielen auch ein ganz anderer Erfahrungshorizont als Herleitung: Während ich Süd-West-Kind an den spießig-schwäbischen Ordnungsterror denke, romantisieren die ehemaligen DDR-Bürger die gemeinschafts-stiftenden „freiwilligen“ Arbeitsdienste  namens Subbotnik. Vermutlich übertreiben wir beide in unserer Sichtweise auf diese Reinlichkeits-Konstrukte.

Schwäbisch oder ostig, eine gewisse Grundordung ist ja doch nicht zu verachten.

In die Klagen der Kommentatoren, vor ihren Türen müssen sie ohnehin ständig selbst sauber machen, da der städtische BSR versage, können wir gar nicht zustimmen. Chloe schwärmt sogar regelmäßig von der Zuverlässigkeit und Schnelligkeit  mit der der „Technostrich“ an dem die SpreeSee-WG liegt von den Spuren der Partynächte befreit wird:

„Unglaublich wie die das machen, Maya! Nachts ist noch alles voller Scherben, Flaschen, Kotzlachen und Alkoholleichen und am nächsten Tag: alles weg!“

Wer Chloe kennt, weiß, dass ihr dieser Zustand ein sehr zufriedenes Seufzen entlockt und so wird sich wahrscheinlich auch der Berliner Bär am Abend des 15.9. fühlen, wenn er den Besen aus der Hand legt und sich freut:

„Schön wenn alles sauber ist.“