Menu für schwäbische Wutbürger

Maynen Urlaub im Stuttgarter Kessel versucht Charly so urban wie möglich zu gestalten. Urban heißt – Achtung Dialektik! – für Berliner bekanntlich, dass man sich nicht aus dem Dunstkreis von 1 km herausbewegt und sich seine dörfliche Gemeinschaft um sich herum neu erfindet. Im hippen Stuttgarter Süden machen wir das jetzt auch so, wir streifen durch den Kiez und gehen ZU FUSS (eine völlig absurde Handlung in Benztown!!!) und ohne uns chic zu machen auf eine Party. Was die Stuttgart 21 Gegner (einige unbeugsame Protestler konnte ich auch bei diesem Besuch noch ausmachen) nicht hinbekommen haben, schaffen wir: die Umwertung aller Werte an einem Freitag Abend.

Weil das so gut geklappt hat, machen wir am Sonntag auf der Jagd nach Burgern und Eis gleich so weiter. Problem: Stuttgart ist zu klein für unsere dynamischen Schritte, ehe wir uns versehen, sind wir schon mittendrin gelandet, aber wir wollen mal nicht zu dogmatisch sein!

Auf dem Weg habe ich entdeckt, dass die einheimischen Konditoren ihren Wutbürger die Waffen direkt zum Frühstück servieren:

Frühstück - Pflastersteine

Der Schwabe scheut die schwere Kost nicht!

Geschäftstüchtig, wie es sich für diesen Landstrich gehört, hat der Konditor für den Fall, dass das steinige Gutsle dann doch ein wenig auf den Magen schlägt noch eine entlastende Draufgabe im Angebot:

Antistress Pralinen

Was genau da drin ist, konnte ich noch nicht herausfinden.

Eigentlich dachte ich ja immer, Pralinen wirken grundsätzlich gegen Stress. Chloe zum Beispiel greift nach stressigen Meetings gerne in die Mon Cherie Schachtel. Ich persönlich glaube an die entspannende Wirkung von Seppis Hopfenkügele, diese könnte nur von Süßkram mit illegalen Substanzen übertroffen werden und soweit, die hier so offen zu bewerben, wird es wohl noch nicht gekommen sein.

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Es googlet sich was zusammen…

Die SpreeSee WG Küche ist ein beliebtes Versuchsfeld. Hier entstanden im vergangenen Jahr diverse Pide-Variationen, persönliche Erstausgaben traditioneller deutscher Kost wie Rinderrouladen oder Kassler mit Sauerkraut und viele mediterrane Sommergerichte. Unvergessen bleiben auch die hochprozentigen Gaumenfreuden von der Feuerzangen- bis zur Erdbeerbowle. Selbstverständlich immer passend zur Saison. Meistens waren die Ergebnisse zufriedenstellend. Nur die aus Mangel und Verzweiflung geborene Aperol-Orangensaft-Komposition wird ihren Weg nicht wieder in unsere Gläser finden.

Beim Braten eines Huhns, sowie dem Panieren eines Schnitzels und vielen weiteren Aktivitäten nahe des Herdes hat Chloe eine sehr anstrengende Seite an mir entdeckt, die bisher gut verborgen geblieben war. Offensichtlich bin ich ein Kitchen-Psycho. Wirble ich am Herd, steigt das Stresslevel, ich nehme autistische Züge an, schreie entsetzt die Helfer an, wenn sie sich nicht als nützlich erweisen  oder gar mit absurden Gewürzvorschlägen die Soße zu verderben drohen. Kurz: mayne Besserwisserei steigert sich ins Unerträgliche. Es bleibt dem Umfeld nur das Weite zu suchen oder sich über das groteske Schauspiel aus sicherer Distanz zu amüsieren.

Heute jedoch, da ich einen Arbeitstag verbringe, während Chloe und Charly einen Brückentag abfeiern, bin ich zum Zusehen verdonnert. Wegen mayner entsetzten Blicke wurde ich aber sogar des Raumes verwiesen.

O-Ton: „Du Giftzwerg mit deinen skeptischen Nachfragen, vermiese uns doch nicht alles.“

Um des lieben Friedens willen überlasse ich nun also den beiden das Küchenschlachtfeld, gebe höchstens noch Orientierungshilfe bei der Suche nach Geräten und freue mich auf das Ergebnis. Hier nur noch ein paar optische Eindrücke:

Die modernen Chefköche googlen sich ihre Rezepte fleißig mit den I-Phones zusammen:

Kochbuch der Postmoderne

Kochbuch der Postmoderne

Die neurotische Chloe ist besonders stolz auf ihre aufgeräumte Arbeitsweise: „Siehst du wie ordentlich wir arbeiten: alles wird sofort wieder sauber gemacht.“

Der Nachtisch ist schon in der Kühlung:

Granatapfel-Soße mit Verdickungsmittel

Granatapfel-Soße mit Verdickungsmittel

In den Einkäufen hatte ich ein Päckchen Vanillesoße entdeckt.

Kritisch fragte ich nach: „Habt ihr denn dafür auch Milch gekauft?“

Verächtlich entgegnete mir die Süßspeisen-erprobte Patissière Chloe: „Davon hast du keine Ahnung, das benutze ich doch als Verdickungsmittel für die Granatapfelkerne…“

Panna Cotta

Panna Cotta

Auf dem Herd köchelt Charlys Meisterstück, die Tomatensoße, die während ich zusehen konnte, unter anderem mit Orangensaft und Lorbeerblatt verfeinert wurde.

Sugo Charly

Sugo Charly

Ab acht kommen die Gäste. Es bleibt spannend…

Ist Wodka der neue Prosecco?

Chloe maynt in letzter Zeit einen Trend zu beobachten: Wodka buhlt um die feminine Zielgruppe! Der Triumphzug von Prosecco & Alkopops bei Mädels und Frauen lässt das Hochprozentige schließlich ins Hintertreffen geraten. Wie bringt man also das farblose Wässerchen unters weibische Volk?

Wodka ORAL

Maya und ich sind große Fans von Themeneis. Gerne probieren wir neue Eissorten aus.

Aber diese geschmacklose Verpackung in der Aufmachung eines trivialen Nackenbeißers brachte mich nicht auf den Geschmack.

Auch Maya wiegelte gleich ab: „Wer braucht bei so einer so kitschigen Verpackung denn noch Eis? Hab schon vom Anschauen einen Zuckerschock!“

Ick staunte noch kurz: „Wie immer kommt es auf das Kleingedruckte drauf an: Da ist Wodka drin!“

Maya: „Hab ich gesehen, dafür brauch ich doch kein Eis!!!“

Wir entschieden uns dann für das Themeneis “Dschungelzauber” mit Pistazien, Choco-Cocos Sauce und Schokoäffchen. In der Casa SpreeSee fiel das Urteil jedoch vernichtend aus.

Maya – kurz vorm Ausspucken – urteilte: „Das schmeckt als würde man jmd lecken, der Bräunungscreme drauf hat!“

Ich aß meine kleine Portion mit Gänsezunge noch tapfer auf. Maya konnte sich nicht durchringen. Wir überlegten kurz wie man das Eis am besten loswird. Maya sprang prompt mit ihrem Schälchen auf die Toilette. Ich hörte von der Küche aus nur noch die Spülung und schrie hinterher: „Das kriegst Du doch nie runter! Das ist Fett und schwimmt! Wie auch immer, das Eis war wortwörtlich ein Griff ins Klo.“

Maya schüttelte den ganzen Abend den Kopf: „Gerade in der Lebensmittelbranche gibt es doch hunderte von Geschmackstests, bevor ein neues Produkt gelauncht wird! Wie konnte denen D A S durchgehen???“

Auch Chloe willigte ein: „Das chann wirklich niemanden schmecken! Wir sollten versuchen die restlichen 800 ml auf unserer morgigen Party loszuwerden. Sobald die Gäste betrunken genug sind, packe ich den „Nachtisch“ aus.“

Mit Erschrecken musste ich im Nachhinein im Netz entdecken, dass auf ciao.de das Produkt in höchsten Tönen gelobt wird. Das ist doch sicherlich getürkt!

Wodka VAGINAL

Chloe vom See liest immer noch gerne Nachrichten vom Schwabenmeer. Dort kämpft die Polizei mit ganz neuen Alkoholleichen. Da wollen sie einem Teenager mit Alkoholvergiftung den Magen auspumpen und finden nix vor! Die zwei Promille gerieten über einen in Wodka getränkten Tampon in die Blutbahn der Partymaus! SpreeSee ist schockiert: Der gute Alkohol!!! Alkohol ist doch nicht Mittel zum Zweck bzw. Rausch, sondern Genuss! Hört auf die Tanten: Trinkt und tränkt nicht!

Wobei… Maya wäre neulich sicherlich ein schlimmer Anblick erspart geblieben, wenn der Stoinerne Ma sich über das andere Ende angenähert hätte…

Von GAU zu GAU – 25 Jahre Tschernobyl

Ende der 90er war ich eine brave Gymnasiastin im Schwabenland. Eine der ersten Fragen, die uns 10 hoffnungsfrohen Besuchern des Leistungskurses Geschichte von unserer schrulligen aber sehr liebenswürdigen Lehrerin gestellt wurde, war die nach dem ersten historischen Ereignis zu unseren Lebzeiten, an das wir uns erinnern könnten. Eine Frage, die ich heute noch gerne mal ab und zu stelle, sie bringt nämlich Spannendes zu Tage: Gemeinsamkeiten von Generationen und unterschiedliche Prägungen. Und da die Erinnerung sich ja mit dem Fortschreiten des Lebens ändert, kann man sie sich sogar gemeinsam immer wieder mal stellen. Man gräbt sich langsam durch sein Gedächtnis rückwärts, stellt fest, wie alt man schon wieder geworden ist und wie vieles, das im Moment wichtig und dramatisch erschien, ganz schnell vergessen oder vom nächsten Ereignis relativiert wurde und vieles in der Geschichte sich (leider) immer wieder wiederholt.

Das früheste Ereignis, auf das wir jungen Hüpfer uns damals einigen konnten, war Tschernobyl. Kaum hatte einer es in den Raum geworfen, konnte jeder eine konkrete Erinnerung damit verknüpfen. Die Hysterie um die Lebensmittel, ganze Ernten der schwäbischen Gärten wurden damals vernichtet. Für Kinder im Vorschulalter war es schwer begreiflich, warum die schönen makellosen Erdbeeren statt mit Schlagsahne im Bauch im Feuer landeten. Was für eine Verschwendung! Ich weiß noch genau, wie in maynem Kindergarten damals die Spielzeiten im Freien verkürzt wurden. Wenn wir doch einmal draußen waren, wurde danach zum kollektiven Händewaschen aufgerufen. Damals erklärte uns die Erzieherin in ernstem Ton: „Da gibt es was in der Luft, das heißt Strahlung, ihr könnt es nicht sehen, oder riechen, oder hören. Aber es ist trotzdem da.“ Da blieb einem als Kind wie so häufig nur übrig, das mal zu glauben. (Bis heute fragt sich die Skeptikerin in mir allerdings, ob  Händewaschen ein probates Mittel ist, Strahlung loszuwerden.)

Mitbekommen, das etwas passiert war, hatte ich schließlich auch zu Hause. Das Schweigegebot zwischen 20 und 20.15 Uhr wurde nämlich vom Herrn Papa mit noch mehr Vehemenz eingefordert als sonst:

Ganz nebenbei, denn wie man weiß, bestrafe ich Modesünden gerne sofort: Wenn ich die Bluse mit Sternchenmuster und Puffärmeln sehe,  finde ich es doch ziemlich schade, dass Nachrichtensprecherinnen sich heute so zurückhaltend  geschäftsmäßig kleiden. Früher war mehr Lametta!

25 Jahre später – am Jahrestag der Katastrophe – hat sich vieles geändert, nicht nur die Landkarte von Europa, das Outfit der Tagesschau und ihrer Sprecher und das Schulsystem.

Aber so viel dann auch wieder nicht.

Denn in ungefähr 13 Jahren wird vermutlich eine Generation von Abiturienten beim Grübeln nach ihren Erinnerungen an die ersten geschichtlichen Meilensteine ihres Lebens an „Atomkraft? Nein Danke!“- Sonnen, Demos und diese Vorher-Nachher-Bilder von Google Earth aus Japan denken. Und an Fukushima.

Am 11. März 2036, wird es dann Benefizkonzerte und Gedenkstunden für diese Katastrophe geben. Und hoffen wir mal, dass die neuen Ereignisse, die uns dann umtreiben werden, nicht immer noch die alten aus den 1980ern sein werden…

Freie Bahn für Chloes Reise in den Migrationshintergrund

Was bin ich doch erleichtert, dass die Regierung rechtzeitig vor Chloes Reise in den Kosovo den Gesetzesentwurf zur Integration auf den Tisch gebracht hat!

Nicht, weil ich sie nach ihrer Rückkehr wegen ihrer steten Weigerung, sich doch bitte endlich mal richtig zu integrieren, zum Sprachkurs schicken möchte. Nein, diese sind hier in Berlin ja eh überfüllt und Chloe würde ohnehin nur die Unterrichtsvorlagen des Kursleiters optimieren.

Endlich ist nun das grausigste Schreckgespenst rund um die Reise ins Land der Eltern gebannt: die Zwangsehe erfüllt in Zukunft einen eigenen Straftatbestand. Wer im Ausland gegen den Willen verheiratet wird, dem soll außerdem die Rückkehr erleichtert werden. Alle von Chloes Angstphantasien rund um das Wurzelland hängen schließlich mit ihrem größten Makel aus kosovarischer Sicht zusammen: sie ist unverheiratet und auch eine Verlobung steht nicht in Aussicht. Die konservative Verwandtschaft betet täglich für sie, auch abergläubische Rituale werden abgehalten – alles ohne Erfolg. Chloe steht unter starkem Druck!

Radikale Onkel und Cousins werden da imaginiert, die – kaum dass die Madame den Fuß aufs  Heimatland gesetzt hat – den deutschen Pass einsacken und einen Heiratskandidaten aus dem Hut zaubern. Auch wenn ich bei jeder dieser Panikattacken versichere: „Chloe, ich hol dich da raus, wenn sie dich nicht mehr gehen lassen!“, wiegelt sie mit Verweis auf ihre doppelte Staatsbürgerschaft ab: „Das geht nicht, die dürfen gar nichts machen, ich bin da unten Kosovarin.“

Maynen Plan, mit wehenden Fahnen und einem ganzen Dokumentar-Filmteam die Rettung aus der Zwangsheirat zu organisieren, quittierte sie immer mit Kopfschütteln. Das mag daran liegen, dass man in dem Balkan-Binnenland noch ein sehr viel engeres Verhältnis zu Schusswaffen hat. Angesichts von Chloes Verwandtschaft, die sich auf Facebook-Profilbildern auch gerne mal mit der Uzi in der Hand präsentiert, scheint mayne mediale Armada für diese Befreiungsaktion zumindest kurzfristig ungeeignet. Aber ich war mir ziemlich sicher, durch internationale Aufmerksamkeit ließe sich da einiges machen… Die Frage blieb, wie vielen Kindern Chloe in der Zwischenzeit das Leben schenken müsste, bevor ich sie – nicht mehr ganz heil – zurück in der Berliner WG hätte.

Das ganze Szenario gehört dank des neuen Gesetzes nun der Vergangenheit an. Wie läuft das wohl? Ich zeige vielleicht einfach direkt bei Chloes Abflug schon mal pro forma eine Zwangsverheiratung an…

Währenddessen hat die Schwab&ovarin ganz eigene Probleme. Nicht nur, dass sie Präsente für die gesamte Mischpoke besorgen muss. Sie benötigt auch eine ausgeklügelte Planung, um ständige Besuche von Bekannten und Verwandten im neuen Elternhaus zu vermeiden. Dies bedeutet nach dem alten Ritus nämlich jede Menge Stress und außerdem hüpft hier ebenfalls der Heirats-Springteufel aus dem Kasten. Es muss ja nicht immer eine Zwangsehe sein. Auch die hoffnungsfrohe Vorstellungsrunde lauter heiratsfähiger Kandidaten klingt nicht gerade nach Urlaub. Wieder wünsche ich mir ein kleines Filmteam, das diese Szenen für die Ewigkeit festhält:

„50 Arten einen Bräutigam abzulehnen“ – ein Film über und mit Chloe vom See.

Auch wenn Chloe daraufsetzt, zumindest hässliche Bewerber mit dem Segen ihres Vaters in die Flucht schlagen zu können, da diese der Maynung ist, die Tochter hätte nur die schönsten Männer des Landes verdient, wird das Eis auf dem die ledige Frau steht, immer dünner. Das Schutzschild „Bildung“, das während Magister und MBA so wirksam gegen eine Hochzeit war, lässt sich nur noch zweimal aktivieren: Promotion und Habilitation. Auf diesen Verzweiflungsakt hat Chloe aber keine Lust. Neue Ausreden müssen her, auf die Kreativität mayner lieben Freundin in diesem Bereich wäre ich dann doch sehr gespannt. Leider hat sie vor, sich ganz passiv-aggressiv durch tagelange Ausflüge zu entziehen. Aber sicher wäre sie im Vertrösten der Männer mindestens so schlau wie das berühmte Role Model aus der griechischen Mythologie. Penelope, die lieber auf ihren Odysseus warten wollte, der sich ein bisschen verfahren hatte,  als einen neuen Mann zu akzeptieren, webte einfach ein paar Jahre lang.

Chloe sollte es notfalls ähnlich halten, am liebsten aber in der Küche. Schließlich lautet mayn Auftrag an sie: Komm mit neuen Fertigkeiten zurück!

Die perfekte Ausrede aus mayner Sicht lautet also:

„Ich kann nicht heiraten, bevor ich nicht die perfekte Pide und den perfekten Passoul koche.“

Und dann üben, üben, üben – bis zum Rückflug.

Aufständisches Milchprodukt

Dass mayn Single-Einkaufsverhalten dank Fernbeziehung im Supermarkt  oft zu unerwünschten Avancen führt, habe ich ja bereits früher einmal berichtet, dass ich regelmäßig beim Erstehen von Alkohol die Ausweishürde nehmen muss, regt mich auch einigermaßen auf. Ich finde es im Gegensatz zu den meisten Menschen nicht unbedingt schmeichelhaft, ein Jahrzehnt Lebenserfahrung aberkannt zu bekommen – jünger auszusehen ist ok, wie ein Kind nicht.

Aber manchmal gibt es auch schöne Erlebnisse im Supermarkt. Zum Beispiel wenn die Dame an der Frischetheke ihren guten Tag hat. Ich muss leider sagen, dass das nicht sooo oft vorkommt. Häufig ist sie die typische Berliner Schnauze, oft müde und auch gerne mal wortkarg. Wenn sie aber aufdreht, dann so richtig. Zum Beispiel heute.

Heute war sie schon begeistert dabei, den Herren vor mir in der Schlange zu bedienen, konnte ich auch verstehen, denn er hat wirklich leckere Sachen eingekauft und nicht auf den Preis geschaut. Erleichtert konnte ich immerhin feststellen, dass auch er kein Freund der großen Portionen war (ich bin noch nicht ganz frei von der Scham über die Mini-Mini-Mini-Ecken, die ich mir abschneiden lasse). Bei der Käseauswahl um Rat gefragt, blühte sie dann völlig auf. Und so kam ich dann gleich mit in den Genuss, verschiedene Sorten durchtesten zu dürfen.

Zum krönenden Abschluss bekamen wir, schon ganz eingelullt von soviel Servicelust, noch ein Highlight serviert:

Dit kann ick nich beschreiben, den MÜSSEN se probiern!

Der würzige Käse, dessen Beschreibung wirklich nicht ganz leicht fällt und von der Firma mit dem Wort g’schmackig bezeichnet wird, trägt den lustigen Namen Rüblirebell. Er besticht nicht nur mit absolut leckerem würzigem Aroma, sondern auch durch eine leuchtend orange Farbe.

Die Geschmack und Farb gebende Karotte ziert auch die Rinde des Rebellen.

Ich war überzeugt, mein Vordermann auch und die Dame hinter mir ebenfalls. Bevor ich dran kam, verabschiedete unsere Käse-Sommelière den Herren mit:

Wie? Sie haben schon genug? Hat doch gerade so Spaß gemacht!

Und weil sie noch ein wenig Charme für mich übrig hatte, bekam ich statt der genügsam georderten bereits vorhandenen Lage Kernschinken aus der Theke mayne Scheiben ganz frisch aufgeschnitten:

Der sieht aber nicht mehr so gut aus – machen wir neu!

Verkaufsaktion perfekt! Dankeschön.

Essen für 1 Euro

Seit Chloe die Brennnesselpide ihrer Mutter gebloggt hat, liegt ihr Maya in den Ohren: „Ich will das auch. Ich will das auch. Du musst das unbedingt mal für mich machen!!!“

Eigentlich absurd, dass sich die Digitale Boheme das Armeleuteessen von mir aufgetischt wünscht. Da versuche ich mich an Dessertkreationen wie einer Charlotte (die leider ob streikender Gelatine zum Tipi zusammenfloss – Nein, Tim, dieses Mal war kein Gin mit im Spiel!) und Maya will immer nur diese eine Pide!

War trotz der außergewöhnlichen Form köstlich !

Jetzt, da tatsächlich wir beide ausgeraubt worden sind, die Bargeldreserven sich dem Ende hin zuneigen und wir ausgehungert auf EC-Karten sowie PIN-Nummern warten, heißt es tatsächlich: Essen für Low Budget!

Chloe machte sich am Dienstag zum orientalischen Markt am Maybachufer auf. Jedoch kein Türke verkaufte Brennnesseln. Nur ein ganz verschrobener Deutsch-Öko hatte ein kleines Bündchen herumliegen. Aber bei den überteuerten Preisen rief ich patzig: „Da geh ich doch lieber selber pflücken. Das ist doch Unkraut und wächst überall umsonst!“

Ich rief sofort Maya an, sie solle bitte eine Stunde früher zum Pflücken erscheinen. Alleine mache ich das nicht. Prompt erschien folgender Status auf Facebook:

Maya macht sich mit Chloe auf zum Brennnesselpflücken. Jetzt, da wir bestohlen wurden, nähren wir uns von dem, was die Erde uns schenkt und kochen folkloristisch!

Bevor wir loszogen, informierte ich noch MoMa über unsere neueste Aktion. Seine Antwort folgte zugleich:

Na, dann wünsche ich meinen beiden Naturkindern eine erfolgreiche Suche und ein leckeres Abendessen. Und laßt Euch nicht auch noch die Fahrräder, die selbst geflochtenen Weidenkörblein oder sonst was klauen.

Der Mann denkt halt in Bildern. Wir amüsierten uns köstlich darüber. Von unterwegs sandten wir ihm schnell ein Bild unseres „Weidenkörbleins“ zu.

Unser Weidekörblein

MoMa begeistert:

Ikea-papiertüte, sicherlich irgendwo gefunden oder erbettelt, ist auch super!

Den wichtigsten Tipp meiner Mutter: „Niemals ohne Handschuhe!“ befolgten wir natürlich auch. Maya lief gar mit Handschuh und Schere in der Hand durch die Stadt. Mir war das schon etwas peinlich mit ihr an meiner Seite, oder wie wir unter nach Urin duftenden U-Bahn-Brücken die größte Brennnesselausbeute ernteten. Manchmal waren wir uns auch etwas unschlüssig darüber, ob es sich bei unserem Grünzeug wirklich um Brennnesseln handelte. Aber wer nicht wagt, der hungert!

Zu Hause angekommen rupfte Maya die Brennnesseln und Chloe kümmerte sich um den Teig. Hier zum Nachkochen das Rezept anbei.

Für den Teig mischt man 350 Gramm Mehl und 1 TL Salz mit ca. 200 ml warmen Wasser zu einem Teig zusammen. Die richtige Konsistenz hat man im Gefühl. Den Teig kurz unter einem Tuch gehen lassen und dann 18 kleine Kügelchen daraus formen. Die Kügelchen auf die Größe einer Untertasse ausrollen.

Der erste Schritt zum Blätterteig.

Irgendwann davor sollte man viel Butter in einer Pfanne geschmolzen haben. Aus den 9 Untertassen schichtet man zwei Türme. Zwischen die Teigfladen kommt natürlich je ein Esslöffel Butter.

Der Butterturm.

Zum Schluss rollt man den Butterturm zu einem großen Fladen aus und belegt damit die berühmte Tepsija (Pideform gibt es für 5 Euro beim Türken) aus.

Für die Füllung war Maya zuständig: Brennnesseln waschen, blanchieren und kleinhacken. Eine gehackte Zwiebel in der Pfanne anbraten und die Brennnesseln mit etwas Gemüsebrühe dazugeben. Alles fünf Minuten kochen lassen. Mit Salz, Pfeffer und Muskatnuss würzen. Am Schluss Schmand reinhauen. Fertig!

Die Füllung großzügig auf den Teigfladen verteilen. Deckel drauf!

Der Teigschwung liegt bei Chloe wohl in den Genen.

Den Rand nun kunstvoll einschlagen und auf den Deckel noch eine ordentliche Portion Butter drüber!

Feinschliff.

Pide im vorgeheizten Ofen bei 250 Grad goldbraun backen. Trick meiner Mutter, damit die Kruste nicht zu dunkel wird: Kurz vor Schluss die Pide im Ofen mit einem Papierküchentuch abdecken. Die duftende Flade aus dem Ofen nehmen, die Kruste locker einstechen sowie mit Wasser beträufeln und für zehn Minuten unter einem Geschirrtuch abkühlen lassen. So wird die Kruste herrlich weich. Warm servieren! Reste können am nächsten Tag den Kindern zur Schule mitgegeben werden.

Das war Chloes allererste Pide!

Günschtig, gell? Und die Brennnesseln wirkten bei Chloe und Maya noch besser als Spinat: Am nächsten Tag meisterten die kleinen Frauen 27 km auf der Spree ohne Muskelkater! Natürliches Doping.