Neuste Zettelwirtschaft

Ich liebe es nach Hause in die SpreeSee WG zu kommen! Immer wieder ergeben sich neue Eindrücke. An Silvester war es die Zerstörung die Einzug hielt, im Alltag sind es die verschiedenen Sperrmüll-Überreste im Flur, hinzugekommene und wieder entfernte Graffitis oder Aufkleber und Flyer an der Tür, die für Abwechslung sorgen. Am meisten ins Herz geschlossen habe ich aber die Zettelwirtschaft der neuen Nachbarinnen (zur Erinnerung hier und hier nachlesen).

Nach einem wunderbaren Wochenende am Rhein, das neben vielen anderen schönen Erlebnissen auch eine dreistimmige Lobpreisung auf die Kommunikation beinhaltete, durfte ich mit besonderer Freude feststellen, dass der neuste Zettel an der Tür als direkte Botschaft an uns gerichtet ist. Zur Feier des besonderen Anlasses ist er sogar gedruckt – sehr formell:

Mieterinnen für Zettel-bleibe-Recht

Mieterinnen für Zettel-bleibe-Recht

Ich finde das toll! Und natürlich soll der Zettel bleiben. Ich bin immer für Kritik aber genauso sehr gegen Zensur.

Unter mayner Aufsicht wird dem Schriftgut kein Leid geschehen, versprochen.

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Und ewig lockt der Sale…

Manchmal sind wir SpreeSee-Mädels auch einfach nur ganz normale Frauen. Nur um der Originalität willen kann man eben nicht auf Teufel komm raus jedes Klischee vermeiden. Und so klingt trotz Schuh-Schrein im Flur und gut gefüllten Kleiderschränken in den WG-Zimmern des Öfteren ein durchaus abgegriffener Seufzer durch Friedrichshain:

Ich hab nichts anzuziehen!

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Nachbarn kommen und gehen…

Ein halbes Jahr ist die SpreeSee WG jetzt schon alt. Die Wohnung wird allgemein als eingerichtet betrachtet, auch wenn Chloe an manchen Stellen noch nachbessert. Was beim Umzug verkramt wurde, taucht spätestens jetzt mit der Umstellung der Garderobe auf Frühling wieder auf.  Vieles hat sich eingespielt, einiges wurde zerstört. Neben Gläsern, Tischplatten und Duschköpfen zum Beispiel auch Illusionen. Ich weiß jetzt: Wände in Altbauten sind nicht zwingend dick und schalldämpfend. Auch die Ankündigung unserer Vormieterin, der Nachbar mit dem wir den Balkon teilen und Chloe eine Zimmerwand, höre lediglich einmal die Woche einen Shakira-Song, ansonsten sei er ganz unauffällig, hat sich  als völlig frei erfunden herausgestellt. Er ist viel zu Hause, hört Musik von Oper bis Massive Attack, liebt Action Filme und läutet gerne den Freitag mit lautem Sex ein. Das  alles kann ich über ihn sagen, nur wie er aussieht weiß ich nicht, ich höre ihn immer nur wenn ich mal bei Chloe auf dem Sofa sitze.  Praktischerweise macht er sich auf dem Balkon weniger breit, außerdem vermischt sich dort sein Lebenssound mit der Geräuschkulisse der Straße.

Ein ganz anderes Soundproblem besteht in meinem Zimmer. Hier ist der Fußboden der Schwachpunkt. Chloe berichtete schon in ihrem ersten Post aus der WG von mayner Provokation der unter mir lebenden Menschen durch nächtliches Staubsaugen. Ich quittierte damals prompt ein Besenstielklopfen. Dieses wiederholte sich gelegentlich noch bei lauter Musik nach 12 und einmal sogar beim Vorglühen und Film Schauen mit Chloe. Ich reagierte stets brav und reduzierte die Lautstärke oder griff zum Kopfhörer. Umgekehrt vernahm ich nie einen Laut.

You get what you give – oder wie es zum unteren Nachbarn hinunterschallt, so schallt es hinauf: Jetzt ist das anders! Die ganze Woche schon höre ich ein Möbelrücken, Bohren, Hämmern und Gesprächsfetzen bis zum ausgelassenen Kichern unter mir. Dorthin waren also die Umzugshelfer en masse, die wir am Wochenende im Treppenhaus getroffen hatten unterwegs. Heute hing die Bestätigung im Flur.

Einladung zur Einweihungsparty

No sleep on friday

Liebe Chloe: No sleep on friday. Unsere Planung, die Blessuren der Woche am Freitag rauszuschlafen dürfte schwer umzusetzen sein. Ich habe einen Blick auf zwei der drei Mädels geworfen. Die sind noch genau so verdammt jung, wie dieser niedliche unbedarfte handgeschriebene Zettel vermuten lässt, die werden sicher einiges abkönnen – partytechnisch. Vielleicht sollten wir alten Tanten mal runtergehen und ihnen ein paar Weisheiten über das Leben erzählen…zum Beispiel dass Nachbarn kommen und gehen und man erst weiß, was man hatte, bis es weg ist. Na ja. Ruhe in oder her,  den Besenstiel werde ich wohl nicht vermissen. Jetzt muss ich wenigstens  kein schlechtes Gewissen mehr haben.

Heiter bis holzig

…so könnte man die seltsamen Gebilde beschreiben, die mir bei den letzten Landpartien im Südwesten und Nordosten der Republik begegnet sind.

Der natürliche unbehandelte Werkstoff Holz hat in ländlichen Gefilden doch eine ganz andere urwüchsigere Bedeutung. Während im urbanen Raum allenfalls gehärtetes, lackiertes oder irgendwie sonst behandeltes Holz als Möbel für den Außenbereich herumsteht, nutzt die Landbevölkerung den toten Baum für allerlei Tand und Schabernack:

Angermünder Prangeresel

Angermünder Prangeresel

Was mir in meiner naiven Art bei der Besichtigung des historischen Stadtkerns von Angermünde wie ein lustiges mittelalterliches Kinderspielzeug vorkam, war tatsächlich in früheren Zeiten ein Instrument zur Bestrafung durch soziale Ächtung. Gauner und Banditen mussten auf diesem öffentlichen Holzesel Platz nehmen und wurden der Öffentlichkeit präsentiert, die dann mit Schimpf und Schmähungen reagierten. Offensichtlich war in der Uckermark schon damals wenig los, so dass man viel Zeit hatte, sich eine amüsante Alternative zum üblichen Pranger (Pfahl oder Holzwand mit Löchern, durch die man Kopf und Hände steckte) auszudenken.

Im Schwabenländle, wo die Bauern auf der Filderebene noch heute ihren beschten Böden nachtrauern – die Ärmsten mussten ihre Äcker für ne Menge Geld verkaufen und jetzt wächst da weniger Kraut aber mehr Wirtschaft (Messe) und Mobilität (Flughafen) – hat die Jugend das enge Verhältnis zur Natur dennoch nicht aufgegeben. Hier wird der Naturstoff genutzt, um so etwas wie naiven Gestaltungswillen und ökologische Botschaft zu vereinen:

Filder Holzköpfe

Filder Holzköpfe

Maya maynt: Bisschen hölzern das alles, aber lachen musste ich doch!

Schluss mit Dienstwagenaffären – jetzt fährt die Kanzlerinnen-U-Bahn

Partystimmung im Regierungsviertel!

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Auf zur Eröffnungsfahrt auf der kurzen teuren Edelstrecke

Was 14 Jahre dauerte und bisher 320 Millionen verschlang, pendelt jetzt lustig auf 1,8 km zwischen Hauptbahnhof und Brandenburger Tor – selbstverständlich mit einem Zwischenstopp am Bundestag. Die U 55 ist eröffnet.

Angie und die Unglücksräbin Ulla Schmidt könnten nun also umweltfreundlich und kostengünstig vom Arbeitsplatz zum Hauptbahnhof oder  Brandenburger Tor pendeln, ganz ohne Dienstwagen und Fahrer. Dass dies allerdings passieren wird, ist unwahrscheinlich und zwar nicht nur weil Ullas kurzzeitig in Spanien entwendetes Auto ja glücklicherweise wieder aufgetaucht ist. Selbst wenn die beiden Lust hätten, sich mal unters Volk zu mischen und den Dienstwagenfahrern eine Pause zu gönnen…

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Stummellinie für Kurzstreckenfans

…angesichts dieses Streckenplans wird ihnen wohl das Gleiche durch den Kopf gehen, wie meinem Kollegen, dem FotogrÄffchen. Als ich ihm neulich erklärte, warum er mal wieder ein Bild von „dem alten Gebäude mit der neuen Glas-Kuppel vor dem immer viele Touristen anstehen“ (bei „Reichstag“ blickte er mich nur fragend an)  machen sollte, entrüstete er sich:

Ne U-Bahn vom Hauptbahnhof, dahin und dann zum Brandenburger Tor? Det Stückchen kamma doch echt loofen

Ausnahmsweise hat er mal ein bisschen Recht, die Hörsäle und Klassenzimmer der Hauptstadt sehen teilweise erbärmlich aus, aber wir haben jetzt drei edle Hochglanz-U-Bahnhöfe für all die Touristen mit schmerzenden Füßen vom tagelangen Sightseeing, denen es aber doch zu unangenehm ist, sich in einer Rikscha kutschieren zu lassen.

Andererseits ist man beim derzeitigen Zustand der S-Bahn dann doch für jeden Meter U-Bahn dankbar. Irgendwann im Laufe des Jahrhunderts soll die Strecke übrigens bis Alex verlängert werden, dann hätte sie in der Tat einen Sinn, aber bis dahin dauert es wohl noch, besonders wenn es im gehabten Tempo weitergeht.

Das Gimmick des Tages - seltene U55 Playmobil-Männchen, Frauen gab es leider nicht...

Das Gimmick des Tages - seltene U55 Playmobil-Männchen, Frauen gab es leider nicht...

Und vielleicht hat sich bei den ganzen Eröffnungsfeierlichkeiten ja wenigstens noch eine tolle Finanzierungsmöglichkeit für das ein oder andere Haushaltsloch aufgetan. Die Playmobil-Männchen in U55-Bauarbeiterkluft, die heute und morgen umsonst verteilt werden, sind streng limitiert und erleben angeblich bald eine enorme Wertsteigerung. Ich hoffe sehr, der Senat hat sich ein paar Kartons zurückgelegt und richtet sich schon mal einen ebay-Account ein…

Von der Loveparade zum Loveboat

Erinnert ihr euch an die 90er? An Buffallo-Schuhe mit absurden Plateaus, an Piercing-Euphorie, beißende Farbigkeit die selbst die Augenbrauen nicht ausließ, diese Plastikschnuller, die man ans Federmäppchen, den Schlüsselbund und um den Hals hängte? An bauchfreie Tops mit „frechen“ Girlie-Sprüchen und Jeans mit aufgesetztem Blümchen-Stoffschlag? Neonflokatistulpen und Kuhfellmuster? An Freunde, die vergaßen ihre Hausaufgaben zu machen und ihr Tamagotchi zu füttern, einem aber am Montag mit verpickeltem dehydriertem Gesicht, riesigen Pillen-Pupillen und ganz viel Friede Freude Eierkuchen-Gelaber euphorisch fürs Abschreiben dürfen und die Wiederbelebung des digitalen Haustiers dankten?

Erinnert ihr euch an One-Two-Three-Techno? Erinnert ihr euch an die

loveparade?

Wenn ja, dann habe ich schlechte Nachrichten für euch: ihr seid alt!

Wäre sie nicht mausetot, wäre die Loveparade heute stolze 20 Jahre alt – etwas älter als der Mauerfall also und längst kein Teenie mehr. Denn diese größte aller Tanzveranstaltungen, die in Berlin stattfand und die ganze Dekade der 90er – nun ja nennen wir es mal ästhetisch – geprägt hat, hatte ihren Beginn im letzten Sommer der deutschen Teilung, am 11.7.1989. 150 Leute auf dem Ku’damm waren das, bevor es zu den gigantischen Faschingsumzügen zur Siegessäule und dem Urinpool im Tiergarten kam. Wer sich noch genauer in dieses historische Ereignis einarbeiten möchte, findet hier einen ausführlichen Augenzeugenbericht inclusive eines kurzen Abrisses über das Leben und Sterben der Parade vom Chef von dit Janze höchstpersönlich:

Die Love Parade ist jetzt ein Marketing-Event, das der Inhaber steuerlich absetzen kann, also im Grunde: ein Abschreibungsprojekt. 2009, im Jahr des 20. Jubiläums, findet in Deutschland keine Love Parade statt. Ganz ehrlich: Ich bin nicht traurig drum.

Da kann ich mich dem Herrn Doktor eigentlich nur anschließen, als ich nach Berlin zog, gehörte es schon zum guten Ton sich von diesem Marketing-Event fernzuhalten. Die Schwemme an übriggebliebenen und spätegeborenen Ravern, die extra aus entlegenen (Sub)Kultur-fernen Orten (Uckermark, Schwäbische Alb…) angereist waren, verstopften die Stadt und verätzten die Netzhaut mit ihren Outfits.

Heute zum 20. ist die Loveparade-Gedächtnisveranstaltung wieder exklusiv, einigen Anhängern der musikalischen Richtung vorbehalten und ihrem Alter entsprechend unterwegs. Statt Campingurlaub ist Kreuzfahrt angesagt: Berlin, Beats & Boats!

Tja in diesem Sinne, liebe Loveparade, wünsche ich dir dass du in Frieden ruhst und deinen Partyveteranen auf dem Loveboat eine schöne Raver-Rentenzeit!

Glitzer-Kater

UFF – Das wars gewesen, die Glitzer-Überdosis aus Eurovison Song Contest und Life Ball ist absorbiert und durch erhöhten Sprachfluss bei der sonntagmorgendlichen Berichterstattung von der Spree an den See ausgespült worden.

Während meiner punkt, komma- und pausenlosen Suada über die Grauen der diesjährigen Performances unserer lieben Fellow Europeans ermahnte Chloe mich besorgt: „Maya, Maya – hol doch mal Luft!“. Um traumatischen Störungen entgegenzuwirken empfahl sie mir neben der Gesprächstherapie noch eine schriftliche Aufarbeitung:

Mach doch einfach nen Satz zu jedem Land!

Ich bin jedoch noch nicht soweit, das ganze Debakel noch einmal zu erleben, nicht weil Deutschland so schlecht abgeschnitten hat – 20. von 25. – wer hätte angesichts des fürchterlichen Liedes, des sich in fast schon tragischer Weise selbst überschätzenden Alex Christensen und der grotesken Parodie eines Musical-Darstellers denn ernsthaft mehr erwartet?

Die weiteren Auftritte und besonders das Abstimmungsverhalten der Menschen sind mir einfach schleierhaft. Dass Island mit der hübschen Ballade auf Platz 2 gekommen ist, leuchtet mir ja noch ein. Der 3. Platz für Aserbaidschan, die ernsthaft Windmaschine, Feuerwerk und Tänzer in Glitzerkostümen und Shakira-Anleihen einsetzten, um ihr mittelmäßiges Up-Tempo Duett aufzuhübschen  – meint das ganz Europa nun ironisch?

Nicht vorenthalten möchte ich außerdem den albanischen Beitrag und zwar vor allem, weil ich mir von Chloe eine Interpretation erwarte. Was hat es mit diesem grünen paillettenbesetzten ganzkörperverhüllten Tänzer wohl auf sich? Eine mythologische Figur der Skipetaren?

Warum der herzige Norweger gewonnen hat, der ohnehin schon von allen als haushoher Favorit gehandelt war, verstehe ich allerdings auch nicht wirklich. Maya maynt: Ganz nett, nicht ganz so peinlich wie viele andere, aber mehr? Ein bisschen störend sind diese arg einstudiert wirkenden Gesten ja wohl schon:

Nun ja, trotz jahrelanger Grand Prix/Eurovision- Erfahrung gelingt es mir offensichtlich bis heute nicht, den Geschmack der Europäer auch nur ansatzweise nachzuvollziehen. Mein Schlagerverständnis ist eben begrenzt und ich bleibe auf der Pop-Seite der Musik. Da fühle ich mich dann doch wohler.

Wie man Streicher effektvoll und weniger volkstümelnd kitschig einsetzt, gab es nämlich bei einem Auftritt auf der Parallel-Veranstaltung in Wien zu sehen. Zum Gesang dieses irischen Röschens tanzten Maya und Chloe schon seit Jahren leidenschaftlich gerne. Ist das nicht schön?