Music Diary 2013

Ups – unter „Das Neueste“ steht tatsächlich noch der Link zum Jahresrückblick 2012.
Zugegeben – im letzten Jahr hat sich SpreeSee rar gemacht. Aber nur weil hier fast nichts zu hören/lesen war, heißt das nicht, dass es in der WG still war. Aus Chloes Zimmer dringt üblicherweise melancholisches Tango-Gesäusel – Insider behaupten gar, sie wolle demnächst selbst am Bandoneon herumquetschen. Ein Best of mayner Ohrwürmer 2013 habe ich im traditionellen musikalischen Jahresrückblick zusammengestellt:

Musikalischer Jahresrückblick 2013 by Popkonsulin on Mixcloud

Advertisements

Monika, das war wohl nichts

Mein Chef schaute mich völlig enttäuscht an, als ich gestern auf seine Frage: „Sehen wir uns morgen?“ mit einem klaren Nein antwortete. Ich stellte ihm frei, mir die Notwendigkeit meines Erscheinens zu erklären, aber das war ihm dann doch zu viel. Also versicherte ich ihm, meinen Aufgaben zu Hause gewissenhaft nachzukommen – ich brauche einfach dringend eine Büropause. Tatsächlich hatte ich angenommen, auch er wäre froh, am Freitag mal Ruhe in den Redaktionsräumen zu haben. Mittags war er rückwärts wieder aus der Tür gegangen, weil meine Kollegin Monika und ich uns einem Kreisch-Lachanfall hingaben. Auf seiner Flucht rief er verdattert: „Was ist denn das hier für ein Hühnerhaufen?“.
Grund für die Unterbrechung der konzentrierten Arbeit auf meiner und der anderen Seite des Schreibtischs war die Veröffentlichung von Morrisseys Autobiographie. Ich musste meine enttäuschte Kollegin trösten, sie wollte sich das Buch für eine Rezension bestellen und aus den Ankündigungstexten las sie heraus, was sie nie hatte wahr haben wollen. Jetzt ist es ihr zur traurigen Gewissheit geworden: der charismatische Sänger steht auf Männer!!! Skandal!
„Man hat doch immer nur gemunkelt, aber jetzt ist es raus. Ich hatte mir immer noch Chancen ausgerechnet…“, lamentierte sie.
Ich bin einiges von Monika gewöhnt, sie ist eine sehr liebe, äußerst lebensfrohe Berliner Blondine (beides original!) mit einer manchmal unerträglich großen Naivität und Unbedarftheit, die sich aufführt wie eine Teenager, je näher das Wochenende rückt. Ihre Star-Schwärmereien sollten mich also kaum überraschen, sie schafft es aber doch immer wieder, mich mit ihrem kindlichen Gemüt aus der Fassung zu bringen. Fasziniert von soviel Ignoranz, versuchte ich meine Verblüffung zu verstecken und zog sie auf: „Dabei habt ihr so viel gemeinsam, er ist ja Vegetarier wie du!“ –
Monika: „Du sagst es, Maya, ich habe sogar eine „I want you to go vegetarian“-Postkarte von ihm an meinem Kühlschrank, aber jetzt ist unser Verhältnis getrübt, mit der neuen Erkenntnis, ist es nicht mehr das gleiche.“
– Dann war es vorbei, ich konnte nicht mehr an mich halten, der Lachanfall begann. Mit großen Augen schaute sie neben ihrem Monitor vorbei zu mir: „Was hast du?“ – „Ich fasse einfach nicht, das war doch schon immer klar, seit the Smiths Zeiten schon…“ schluchz-kichere ich und winde mich im Lachkrampf – so ansteckend, dass Monika einstimmt, allerdings immer noch nicht überzeugt: „Woran hast du das erkannt?“
Sie hat natürlich recht, der gute Morrissey träumt bekanntlich nur von sich selbst, Hinweise gab es ansonsten keine…

Das Buch hat Monika nun dennoch bestellt, ich hoffe, es folgen keine weiteren schockierenden Enthüllungen. Um vorbereitet zu sein, lasse ich mir sie jetzt stilecht vorsingen:

Bye bye 2012 – musikalischer Jahresrückblick

Früher war mehr Lametta! dachte ich Ende November.

Um mich herum und auf allen Medien begannen die Leute, auf 2012 zurückzublicken und ich überlegte, wie das Jahr so geklungen hatte. Spontanes Schulterzucken im Dialog mit mir selbst.

Die Zeit schritt voran, es wurde enger, der Druck stieg, eine Buchpräsentation riss mich aus der Lethargie: „Keine Sorge Mutti am Steuer“ Heiko Sakurai – Cartoons des Jahres 2012.

[Ein  Buch, das wir jedem wärmstens empfehlen. Chloe und ich sind sehr glücklich, dass wir zu Weihnachten mit Geschenken aus den Federn unsere Freunde punkten konnten. Uns von der Sprees brachte der Anblick der großartigen Polit-Muppet-Show zudem eine gelungene Ablenkung von der nervenaufreibenden Trotzphase des jüngsten Sprösslings. Lachen hilft ja immer, sogar bei mittelschwerem Familienwahnsinn!]

Unser werter Zeichner legte also seinen Jahresrückblick an feinsten Karikaturen chronologisch geordnet vor –  und ich war immer noch nicht weiter.

 

Also diesmal kein Jahresend-Mixtape??? Doch natürlich!

Zur Not hätte ich auch einfach diverse Sommer und Reise-Playlists, die ich Chloe zusammengestellt hatte, aneinander kleben können, aber an einem trüben Samstagnachmittag kam schließlich die Inspiration – oder vielmehr der Mut zur Entscheidung – und aus einer konfusen Liste wurde doch noch ein veritables Mix-Tape.

Was ich aus den Sound-Trauben des durchwachsenen Jahrgangs zusammengebraut habe, fand dann sogar ein mildes Urteil vor Charlys kritischem Gehör:

Ich bin überrascht Maya, das ist ein schmissiger Mix ganz ohne den Quatsch, den du sonst so gerne einbaust.

In diesem Sinn – einfach mal klicken und reinhören – viel Spaß und ein frohes Neues!

Music Diary 2012 by Popkonsulin on Mixcloud

Mick und Keith feiern Goldene Hochzeit

SpreeSee gratuliert den großen alten Herren des Rock zum halben Jahrhundert!

50 Jahre Rolling Stones – ist denn das zu fassen? In einer Zeit in der nur wenige Musiker mit mehr als ein paar Alben erfolgreich sind – beziehungsweise überhaupt nicht mehr über Alben, sondern nur noch über einzelne Download-Tracks wahrgenommen werden – erscheint ein 50-jähriges Bühnenjubiläum völlig anachronistisch.

Mayne Nostalgie, die schon neulich mit dem Radio Eins Radio Day zum Stones-Jahrestag (Es ist nur Rock’n’Roll – doch ich mag es) einsetzte, ist heute vermutlich auf dem Höhepunkt.

Einerseits geht es mir dabei wie beim Betrachten der anderen großen Popkultur-Phänomene, die dieses gigantische welt-und dekaden-umspannende Ausmaß haben, das es wohl in Zukunft nicht mehr geben wird, weil man sich auf solche Ikonen nicht mehr einigt. Ich frage mich, ob wir wohl die letzte Generation sind, die noch erlebt hat, dass eine Band schon stilbildend Musik gemacht hat, bevor wir selbst auf die Welt kamen, und uns bis ins Erwachsenenalter begleitet.  So ähnlich ging es mir ja schon anlässlich des Tods von Michael Jackson.

Andererseits hängt die große Faszination für die Stones natürlich mit ihrem Geburtsjahrzehnt zusammen. Die Zeit der 60er Jahre ist ja nicht umsonst eine bis ins unendliche zitierte und in Retrobewegungen vielfach gespiegelte immer wieder aufgerufene Ära. Protest, Bürgerrechts- und Studentenbewegung, Beat, LSD und Sexuelle Revolution. Wer wäre nicht gerne an diesem Kulminationspunkt dabeigewesen? Was wir heute in popkulturellen Retrophasen nur noch nachspielen können, war das Leben im absoluten Hier und Jetzt. Der Versuch, sich von diesem Lebensgefühl als spätgeborener Konsument ein Stückchen abzuschneiden, kann immer nur ein bisschen abgestanden schmecken. Wie Rosinen, süß und eigen aber eben auch kein Vergleich zur knackigen frischen Traube. Ein Bild, dass mich zu den  Stones von heute zurückbringt. Die sind ja inzwischen auch eher im Rosinenstatus angelangt. Allerdings hat das eben auch etwas Reizvolles, als wären ein paar entfernte schrullige Onkel, beobachtet man, wie sie sich so durchs Leben bewegen.

Der dritte  Anknüpfungspunkt für mayne Rolling Stones Nostalgie ist rein persönlicher Natur und reicht zurück ins Jahr 1999. Ich hatte gerade mayn Abi gemacht und verbrachte den Sommer mit jobben, feiern, faulenzen und dem Abschied von der Schulzeit. Wir cruisten in klapprigen ersten eigenen Autos oder den Kombis der Eltern durch die schwäbische Vorstadt, machten Ausflüge aufs Land und mayn damaliger Freund brachte als riesiger Stones-Fan Oldie-Abwechslung in den zeitgenössischen 90er-Soundtrack dieses letzten Kindheits-Sommers zwischen Schule und Uni. Unter Lou Begas Mambo Nr. 5 und Pretty fly for a white guy von The Offspring mischte sich

Weiterlesen

Music – reduced to the max…

Weniger ist mehr – mit dieser uralten Erkenntnis starten wir musikalisch gesehen ins Jahr des Drachens. Feuerwerk und BigBand auf der Bühne, alles nett und schön, aber viel beeindruckender ist das virtuose Treiben dieser Künstler hier. Einer, der ein ganzes Orchester ist und fünf, die sich ein Instrument teilen…

Wenn man alles alleine macht, dann ist das Tourleben zwar einsam, die Gage muss aber auch nicht geteilt werde, so begründet Jarle Bernhoft, die sagenhafte Ein-Mann-Show aus Norwegen, in einem Interview sein Single-Dasein auf der Bühne. Wer derart begnadet ist, der würde wohl andere Mitmusiker auch nur verschrecken. Mehr als einen braucht es bei solchem Können nicht:

Während Jarle sich alleine vervielfältig und so sehr ausdehnt, dass man dabei gar nichts vermisst, schart sich in diesem Clip ein buntes Grüppchen gemeinsam um eine Klampfe und bearbeitet diese gemeinsam – besonders toll ist die Rolle des Bartträgers rechts außen…

 

Bang Bang – Neid aufs Wunderkind

Ganz Friedrichshain war 2011 mit diesen Postern plakatiert und anfangs im Vorbeigehen dachte ich, es handle sich um eine Band. Bei näherer Betrachtung ging es tatsächlich um einen Film. Und was für ein Film!

Les Amours Imaginaires – Heartbeats – Herzensbrecher auf deutsch – zeigt in wunderschöner Optik wie sich Francis und Marie, Hipster-Freunde aus Montreal in den blondgelockten Nico verlieben.

Er wird das Objekt ihrer Begierde.

Sie werben um ihn.

Sie kämpfen um ihn.

Sie kommen über ihn hinweg.

Das ganze sieht unfassbar gut aus, ist voller Zeitlupen inszeniert, ohne kitschig zu werden und dazu kommt ein grandioser Soundtrack. Beim Abspann dieses wirklich fantastischen Films bekam ich allerdings auch noch einen mittelgroßen Wutausbruch – ich muss es zugeben – aus niederen Beweggründen. Neid stieg in mir hoch, als ich feststellte, dass ein Name hier überall auftauchte: Xavier Dolan. Charly und ich waren uns während des Guckens schon einig: der Junge ist einfach unverschämt attraktiv. Und dann stellt sich auch noch heraus, das 1989 geborene Bürschchen hat hier nicht nur sein hübsches Gesicht in die Kamera gehalten, er hat auch noch das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. Und zwar so gekonnt, dass nicht nur ich bezaubert vom Ergebnis war, sondern auch die Programmacher des Festivals von Cannes, dort lief der Film nämlich. Und als wäre das nicht genug ist auch sein erster Film „I killed my mother“  viel beachtet. Talent, Aussehen, Erfolg – mayn Papa sagt immer, es gibt keine letztendliche Gerechtigkeit auf Erden, wenn ich mir die ungerechte Häufung auf diesem goldigen Wunderkind anschaue, muss ich ihm beipflichten. Mayn Neid wird nur gezügelt von der Freude darüber, dass Dolan einen wenigstens an seinem Glück teilhaben lässt. Der nächste Film „Laurence Anyways“ ist in Arbeit…

Neues zum digitalen Nachlass

Im letzten Herbst machte Chloe sich bereits einmal Gedanken über den Widerspruch von physischer Sterblichkeit und digitaler Unendlichkeit der Identität des modernen Menschen. Die Frage, was aus den Facebook-Profilen Verstorbener würde, trieb sie um. Und ihre Überlegungen resultierten in folgender Bitte an mich:

Liebe Maya, sollte ich sterben, dann lösche doch bitte mein Profil und mach zumindest eine Fanseite draus… Ich will auf ewig mithilfe der Suche gefunden werden!

Sollte ich jemals in die traurige Lage kommen, und das will ich überhaupt nicht hoffen, werde ich diesem Wunsch selbstverständlich entsprechen, genauso wie ich mich persönlich einsetzen werde, dass ihr Grabstein von dem Satz geziert wird, der ihr Vermächtnis sein soll:  „Sie hat immer synchronisiert“.

Die Frau ist eben durch und durch Web 2.0 und Neue Medien-affin. Beim Anhören von PeterLichts neuer Platte „Das Ende der Beschwerde“ habe ich einen weiteren Themenbereich entdeckt, der mich als potentielle Nachlassverwalterin stark beschäftigt: „begrabt mein iPhone an der Biegung des Flusses“ singt Peter.

Nun frage ich mich, wo Chloes Äppärät die letzte Ruhe finden soll. Neben ihr? Am Bodensee, wo wir einst unseren Blog gründeten? Am Ufer der Spree, möglichst in einer gut besuchten Strandbar? Oder möchte sie es gar den Nachkommen vererben, so dass sie durch das Gerät zum ewigen Leben findet?

Fragen über Fragen!