Das Geschäft mit der Liebe

(Huch – zweideutiger Titel…keine Angst Chloe – hier geht es nicht um die Gelegenheitsprostitution, die sich die Damen in deinem Bekanntenkreis gegenseitig unterstellen, bei dem Thema besteht noch etwas Recherche-Bedarf!)

„Maya ist seit 13 Jahren mit ihrem Freund zusammen!“ mit diesem Attribut charakterisieren mich Chloe und der Regisseur gerne unabhängig voneinander, wenn sie mich neuen Leuten vorstellen. Die Reaktionen reichen von überrascht, ungläubig, fassungslos bis neugierig. Fast wie vorprogrammiert kommt die Frage:

Was ist euer Geheimnis?

Meine Antwort darauf fällt hilflos aus:

Wenn ich das so klar benennen könnte, dann würde ich ein Buch schreiben und reich werden. Aber ich glaube, dass Glück dazu gehört und es keine allgemein gültigen Erfolgskriterien für Beziehungen gibt, schließlich sind die Erwartungen ja auch sehr individuell.

Andere Menschen sind da weniger vorsichtig. Sie schmeißen locker mit Garantien um sich. Die Ratgeber-Literatur ist DAS Profitcenter auf dem Buchmarkt und da wird das Blaue vom Himmel versprochen. Auf ein besonders widerliches Exemplar machte mich meine Kollegin aufmerksam, als sie die Redaktionsstube aufräumte:

Hier: Das Geschenk für Freundinnen in Liebesnöten – wenn du das ner Single-Freundin schenkst, haut die dir das doch umme Ohren!

Ich wurde hellhörig, „Freundin in Liebesnöten“ – würde ich so nicht ausdrücken – aber da kenne ich doch jemanden…

Ich: Wie kommst du jetzt da drauf? Ich hätte vielleicht eine Abnehmerin.

Kollegin präsentiert mir eine knallgelbe Doppelseite, schüttelt den Kopf und warnt:

Nein – das ist kein Geschenk, sondern ein Beleidigung, das geht doch nicht!

In der Hoffnung, dass das Ausmisten auch Ordnung im Kopf schaffen würde, hatte die Kollegin Schreibtisch und Regale geleert, zum Vorschein kamen unzählige Verlagsprogramme, aus denen wir uns sonst gerne Rezensionsexemplare aussuchen. Aus Langeweile fiel ihr Blick auf die Seiten, die wir sonst sofort überblättern:

Lebenslanges Liebesglück zum Preis von 12,99€ verspricht das Produkt aus dem Hause rütten&loening unter dem Dach des renommierten Aufbau-Verlags

Lebenslanges Liebesglück zum Preis von 12,99€ verspricht das Produkt aus dem Hause rütten&loening unter dem Dach des renommierten Aufbau-Verlags

Das erwähnte Machwerk, bei dem ich sofort an Chloe denken musste, heißt Wirklich alles über Männer und es enthält hauptsächlich sexistische Unverschämtheiten über Männer, die mir Schauer über den Rücken jagen. So viele Plattitüden und einfache Lösungen auf so kleinem Raum, das gab es nicht mal in der Bravo Girl. Und dann richtet sich das ausgesprochen dumme Buch auch noch an „schlaue, selbstbewusste Frauen, die es in die Vorstandsetage geschafft haben“.

Äußerst amüsiert über die Dreistigkeit von Autorin – „Dating-Queen und Männerflüsterin“ die laut Werbung nach abgebrochenem Studium der Kunstgeschichte ihre Berufung in einer Online-Partneragentur fand – und Verlag schickte ich Chloe die quietschgelbe Verheißung samt Schlüsselsatz per Whatsapp:

Ich: Schöne, kluge, erfolgreiche Frauen scheitern an dem Irrglauben, dass der Mann ein eben so komplexes Wesen sei, wie sie selbst.  Jetzt weißt du Bescheid.

Chloe: Kann es nicht mehr hören… Dieser Kommerz um meinen Beziehungsstatus!!!

Meine Kollegin hüpfte gleichzeitig aufgeregt auf und ab, als sie mayn erschrockenes Gesicht sah, platzte es aus ihr heraus:

Was sagt deine Freundin? Kannst du es mir sagen? Oder ist es zu privat, was sagt sie???

Ich erklärte ihr, dass Chloe es weniger lustig fände und sich von der Industrie geschröpft fühle, währenddessen tippte ich schnell noch meine Entschuldigung an Chloe und schwor, sie niemals auf ihr Single-Dasein reduzieren zu wollen. Mich hatte ja eher der platte Ansatz und die Verunglimpfung der Männer abgestoßen, mit der die „taktisch versierte“ Autorin den Leserinnen die Jagd auf das Steinzeitmännchen erklärt. Der Mann – so Anna Wilde – sei ein scheues Reh auf einer Lichtung, der sich lediglich für Frauen mit den Eigenschaften „willig, griffig, doof“ interessiere. Ihre Empfehlung an die „Schwestern“: absolute Selbstverleugnung. Wer ein geeignetes Brechmittel sucht, dem empfehle ich die Leseprobe auf der Verlagsseite, es geht in diesem Stil weiter. Die Männer, die ich kenne, sind glücklicherweise nicht so, oder verstellen sich ihrerseits sehr erfolgreich.

Chloe hingegen hielt sich nicht an Details auf, sondern will überhaupt nichts mehr verkauft bekommen, kein Wunder, geneigte Leser erinnern sich sicher, dass sie der Branche der „Dating-Queen“ schon ein paar Euro in den Rachen geschmissen hat. Als Gegenleistung gab es zwar keinen Traummann, aber einige unterhaltsame Geschichten.

Die Kollegin relativierte  Chloes Einwand schnell:

Ach was – Kommerzialisierung betrifft doch jeden Beziehungsstatus – die Singles bekommen den Ratgeber und die Partnerbörse, die Pärchen Romantik-Wochenenden im Hotel, Blumen, Pralinen und Partnermassage-Kurse.

Recht hat sie – aber das Geschäft mit der Liebe schlagen wir aus: Wir kaufen nix!

Bang Bang – Neid aufs Wunderkind

Ganz Friedrichshain war 2011 mit diesen Postern plakatiert und anfangs im Vorbeigehen dachte ich, es handle sich um eine Band. Bei näherer Betrachtung ging es tatsächlich um einen Film. Und was für ein Film!

Les Amours Imaginaires – Heartbeats – Herzensbrecher auf deutsch – zeigt in wunderschöner Optik wie sich Francis und Marie, Hipster-Freunde aus Montreal in den blondgelockten Nico verlieben.

Er wird das Objekt ihrer Begierde.

Sie werben um ihn.

Sie kämpfen um ihn.

Sie kommen über ihn hinweg.

Das ganze sieht unfassbar gut aus, ist voller Zeitlupen inszeniert, ohne kitschig zu werden und dazu kommt ein grandioser Soundtrack. Beim Abspann dieses wirklich fantastischen Films bekam ich allerdings auch noch einen mittelgroßen Wutausbruch – ich muss es zugeben – aus niederen Beweggründen. Neid stieg in mir hoch, als ich feststellte, dass ein Name hier überall auftauchte: Xavier Dolan. Charly und ich waren uns während des Guckens schon einig: der Junge ist einfach unverschämt attraktiv. Und dann stellt sich auch noch heraus, das 1989 geborene Bürschchen hat hier nicht nur sein hübsches Gesicht in die Kamera gehalten, er hat auch noch das Drehbuch geschrieben und Regie geführt. Und zwar so gekonnt, dass nicht nur ich bezaubert vom Ergebnis war, sondern auch die Programmacher des Festivals von Cannes, dort lief der Film nämlich. Und als wäre das nicht genug ist auch sein erster Film „I killed my mother“  viel beachtet. Talent, Aussehen, Erfolg – mayn Papa sagt immer, es gibt keine letztendliche Gerechtigkeit auf Erden, wenn ich mir die ungerechte Häufung auf diesem goldigen Wunderkind anschaue, muss ich ihm beipflichten. Mayn Neid wird nur gezügelt von der Freude darüber, dass Dolan einen wenigstens an seinem Glück teilhaben lässt. Der nächste Film „Laurence Anyways“ ist in Arbeit…

Theatersaison wird radikal eröffnet! Teil 1 – Die Entscheidung für ein Stück

Die Masse und die Menge aller durchschnittlichen Menschen, die verstehen uns nicht.

Diesen Satz sagt (laut Nachtkritk) Ibsen-Figur John Gabriel Borkmann des aktuellen „Skandal-Theaters“ im Prater wiederholt. Damit nimmt die Inszenierung ihre Rezeption bereits vorweg, sehr viel Hellsichtigkeit brauchte es für diese Einschätzung wohl nicht, wenn man sich ein wenig näher damit beschäftigt. Das Geschehen auf der Bühne scheint die traditionellen Funktionen des Theaters zu erfüllen, zumindest das von Aristoteles geforderte Hervorrufen von Jammer (eleos) und Schaudern (phobos) ist wohl gegeben, wie es um die Reinigung besteht, wissen wir noch nicht. Jedoch kennen wir das Phänomen, im Theater zu sitzen und ganz im Gegensatz zur Masse ein Stück, das uns zutiefst berührte, einsam zu beklatschen während der Rest schon geht und dafür bei enorm erfolgreichen Produktionen  (mayn Problem mit der Musical-Gattung z.B.) irgendwie den Zugang nicht zu finden. Und so wird auch die Suche nach dem passenden Drama manchmal schon zum Drama, oder auch zur Tragikomödie…

Prolog

Jos Lars und Maya suchen schon seit Wochen nach dem geeigneten Theaterstück mit dem sie die Theatersaison eröffnen könnten. Diverse Planungen platzten aus Termingründen und Ticketverfügbarkeit. Zudem ist das Angebot in diesem Herbst nur teilweise verlockend. (Der talentierte Mister Ripley in der Schaubühne ???!!!)

Szene

Am Küchentisch der SpreeSee WG

Beim gemütlichen Kaffee und hervorragendem Apfelkuchen werden digitale Spielpläne gewälzt und man kommt einem würdigen Favoriten für den Saisonstart auf die Spuren. Der Prater der von der Volksbühne bespielt wird, lieferte schon einige tolle Abende. Nun hat er seit ein paar Tagen „John Gabriel Borkmann“ den 4. Teil der Ibsen Saga im Programm. Mal beiseitegeschoben, dass die ersten drei Teile irgendwie an ihnen vorbeigelaufen sind, suchen beide neugierig nach einer Beschreibung. Die fällt von der Theaterseite her eher mager aus. Eine ellenlange Liste der Beteiligten sowie die Bemerkung „Jede Vorstellung ist anders!“ wecken das Interesse, der Hinweis „Eintritt ab 18 Jahren.“ wirkt gar wie ein Gütesiegel. Informationen zu Thematik und Stil der Inszenierung fehlen, aber man ist trotzdem schon angefixt.

Bei der Terminauswahl kommt die Frage auf, wie lange das Stück wohl dauern könnte: Ist es abendfüllend oder kann man danach noch auf eine private Feier gehen, etc.? Auch der für den Spielort relativ hohe Ticketpreis wirkt verdächtig.

Also konsultiert Maya Kritiken. Es scheint ein Stück zu sein, das nahezu die gesamte Breite der Medienlandschaft beschäftigt. taz und BILD äußern sich. Nun gerät Maya – nur weil  die BILD-Kritik mit einer Zeitangabe beginnt, unglaubliche 11 Stunden (ok, und die Schlagzeile ist auch recht griffig) – zum ersten Mal in den Genuss einer Theaterkritik des nicht für seinen Feuilleton bekannten Blattes.

Kritik in Bild Online

Kritik in Bild Online

Maya: Ich muss sagen, da ist mir bisher doch eine Menge Amüsement entgangen!

Maya trägt Jos Lars den vehementen Artikel  vor und kann sich vor Lachen über die rückständig-spießige Diktion der Empörung kaum halten. Es klingt fast wie die Satire auf einen Bild-Artikel der 60er Jahre. Vielleicht sind das aber auch nur die einzigen, die sie kennt, als historische Quellen in der Auseinandersetzung mit der Studentenbewegung. Sollte es wirklich war sein, dass sich da in der Mentalität seit 50 Jahren so wenig verändert hat? Anscheinend schon.

Maya deklamiert: „Jedes Jahr haben Hunderte Theaterstücke Premiere in der Hauptstadt, viele sind umstritten.
Doch was die Volksbühne im Prater aus Ibsens Klassiker „John Gabriel Borkman“ gemacht hat, ist das Widerlichste, was Berlins Theaterpublikum seit Langem zu sehen bekommen hat. Im Zehn-Minuten-Takt gehen Leute aus dem Saal.“

Jos Lars ruft: Das ist was für uns!

Maya entdeckt weitere Hinweise auf die enorme Länge des Stücks: „Zum Beispiel wenn sich der Vater den Intimbereich rasiert und die Haare seiner Ehefrau an den Kopf klebt – vor dem Hintergrund einer riesigen Vagina. Die Gewalt- und Ekel-Orgie geht stundenlang weiter.“

Jos Lars beschließt: Danach kann man nicht auf eine Geburtstagsfeier gehen, es  startet um 19 Uhr, dann bleiben wir (er rechnet nach) na sagen wir mal bis ca. 4 Uhr, dann können wir in nen Club gehen.

Maya (weiterhin fassungslos in die Kritik vertieft): Hör dir das an!  „Krasser Tiefpunkt: Vier Soldaten vergewaltigen 30 Minuten lang Mutter Gunhild.“ So lange müssen wir auf jeden Fall bleiben!

Jos Lars: Aber natürlich. Nach dieser Kritik ist entschieden: wir müssen dahin. Wo es für die Bildzeitung aufhört, da fängt doch für uns der Spaß erst an, da fühlen wir uns wohl, da packen wir den Picknick-Korb aus.

Ich: Ja – Verpflegung muss sein, bei so einer Mammutshow. Und auf die Intimrasur stoßen wir an! Wie das wohl mit der Getränkeversorgung ist?

Jos Lars: Kein Ding, wir nehmen Sprudelwasser und die Winnieh the Pooh Becher von unserer letzten S-Bahnfahrt mit.

Vorhang

Epilog

Der Plan steht: 8 Stunden Theater – was für ein Saisonauftakt!

Bleibt nur die Frage, ob die BILD-Redaktion so einem dämlichen Satz wie diesen:

Übrigens: Die Kosten für das Mammut-Stück (43 Mitwirkende) werden vom Steuerzahler mit getragen.

bei jeder Theaterkritik einfügt, denn der ist ja quasi immer gültig, auch bei jeder verschlafenen Inszenierung und (maynes Erachtens völlig überflüssigen) Wiederaufnahme der ewigen Spielplandauerbrenner, die es natürlich auch geben soll, für Schulklassen und Abo-Publikum und alle anderen auch, die sich mal wieder einen Klassiker in klassischer Inszenierung geben möchten. Aber Vielfalt und nicht ausschließlich Mainstream bleibt erstrebenswert.

Kunst muss frei sein, auch welche die dem Bild -Schreiber oder Leser nicht passt, deshalb wird sie in diesem Land auch aus Steuern finanziert, weil nicht alles, das wichtig, gut, bewegend ist auch gleichzeitig gefällig sein kann. Und wenn Sex, Blut und Massaker auf der Welt vorkommen, dann dürfen sie das wohl auch auf der Bühne. Wem’s nicht passt, der findet bei den – ebenfalls durch öffentliche Gebühren-Gelder finanzierten – zeitgenössischen Heimatfilmen von ARD und ZDF genügend Unterhaltung im Wohlfühlbereich.

One Weekend @Casa SpreeSee

Im letzten halben Jahr haben die SpreeSee-Damen in ihrer WG einige lustige Traditionen eingeführt. Freitag abends steht Chloe beispielsweise vor der Haustür und versucht erfolglos die Tür aufzuschließen, da Mayas Schlüsselbund von innen im Schlüsselloch steckt. Entweder chlopft Chloe, chlingelt Sturm oder ruft im Extremfall auf dem Handy an, damit Maya ihr die Tür öffnet.

Was dann folgt ist für Unbeteiligte sicherlich die reinste Qual:

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Warmwasser fürs Geburtstagskind!

Am 112. Geburtstag von Erich Kästner lacht hier in Berlin die Sonne standesgemäß. Allerdings ist es auch so kalt, dass man sich gerne in der Badewanne aufwärmt. Deshalb gibt es passend zu Wetter und Anlass heute den „Monolog in der Badewanne“ auf SpreeSee.

Besonders die Stelle über die (mangelnde) Attraktivität des männlichen Geschlechts und die Möglichkeiten, dem Anblick zu entgehen, erinnert mich stark an einen Dialog, den Chloe, zwei weitere Freundinnen und ich im letzten Herbst in Düsseldorf geführt haben. Wir kamen dabei zu keinem einstimmigen Ergebnis. Kästners Vorschlag wäre von dem genannten Plenum allerdings durchaus als akzeptabel eingestuft worden.

Mir bleibt nur dem Geburtstagskind zu wünschen, dass es bei diesen Temperaturen tatsächlich den Warmwasserhahn im Grab aufdrehen kann.

Lokalhelden von dahoim

Wäre ich heute in Stuttgart, würde ich auf jeden Fall zur Lesung von Jörg Rohleder aus seinem Roman „Lokalhelden“ in die Schräglage gehen. Und zwar obwohl der Schowi danach auflegt und wahrscheinlich jeden Titel nur 20 Sekunden antäuschen wird.

Warum? Kürzlich im LCB erinnerte ich Chloe noch daran, dass auch wir eine Jugend als Doppelkennzeichen-Mädchen hinter uns haben. Hier in Berlin, wo kaum einer mit dem Auto unterwegs ist und deshalb andere Merkmale zur Kategorisierung des Gegenübers herangezogen werden, kennt man diesen Begriff nicht. In der feinen Kesselgesellschaft allerdings rümpft man gerne die Nase, wenn am Wochenende all die mit Mittelstandskids vollgepfropften Autoles aus WN, BB und ES in die Stadt einfallen. Worauf genau die Stuttgarter sich was einbilden weiß ich nicht mehr, dafür bin ich dann doch schon zu lange raus…

Zurück zur Lesung, bzw. zum Buch, das ich mir gekauft habe, weil ichs ja nicht in die Schräglage schaffen werde. Lokalhelden dreht sich nicht nur um das Aufwachsen in irgendeinem Doppelkennzeichen-Gäu, sondern ausgerechnet in maynem. Dass jemals jemand ein Buch in Echterdingen handeln lassen würde, scheint mir so unwahrscheinlich, dass ich das Buch sicher auch gekauft hätte, wenn es nicht auch noch um eine Jugend in den 90ern gehen würde und der Autor nicht das gleiche Gymi besucht hätte wie ich. Klar – in Echterdingen gibt es auch nur eins…

Also hänge ich seit gestern über den Seiten und bekomme einen Flashback nach dem anderen: Krautfest, Jungendhaus Areal, Zeus und der erste Suff im „Jackies“, später Party im Müsli, der 38er Bus und das Totenwegle, Brezelkauf beim Hausmeister in der großen Pause, der Mathe-Geier und die Knitter… alles fast 1 zu 1 mayne Jugend. Hatte ich ziemlich weit hinten vergraben, diesen ganzen Quatsch, vor allem diese albernen Fehden zwischen Einwohnern unterschiedlicher Ortsteile. Heute Nacht habe ich doch glatt von den orange-farbenen Türen der Klassenzimmer geträumt.

Sicher muss man nicht unbedingt jeden Stein kennen, der im Buch beschrieben wird. Diese Elemente, die zwangsläufig zum Aufwachsen in der Provinz gehören, gibt es so ähnlich wahrscheinlich überall – zumindest in Süddeutschland. Die Jugendhäuser, die Lehrer, die Schlägertypen, die Feste, die Langeweile und die improvisierten Drogen, das Abhängen in üblen Kneipen oder an der Tanke, das Glücksgefühl wenn sich der Radius endlich erweitert und die Sehnsucht dort rauszukommen…kennt wohl jeder mit Doppelkennzeichen-Hintergrund.

Lokalhelden funktioniert aber nicht nur als Heimatroman. Er schafft es auch authentisch und einfühlsam den Ausnahmezustand namens Pubertät zu beschreiben. Dieser ganze Wahnsinn der ahnungslosen Annäherung ans andere Geschlecht, die Fassungslosigkeit über das erste Liebesgeständnis, das nicht Wissen was man eigentlich will, das Wollen und nicht Können, das tiefschürfende Philosophieren, die Verzweiflung und der Übermut – das steckt alles drin und liest sich runter wie nichts!

P.S.: Chloe, du hast ja manchmal Angst, wegen des Schreibens verklagt zu werden, falls sich jemand erkennt. Nimm dir den Rohleder zum Vorbild, der hat bei den Lehrern gerade mal ein bis zwei Buchstaben des Nachnamens verändert.

SpreeSee und die Dichterzunft

Akrablablablabla…Worte die kein Mensch braucht – Klirr Klirr Kristall! Furchtbar – und die Nacktschnecke – das ist doch durch

Chloe steht erzürnt in meiner Pantry Küche und wettert über die vergangenen paar Stunden. Sie schämt sich für unsere Zunft – die literaturwissenschaftliche…

Denn was wir bei der sommerlichen Pflichtveranstaltung „Kleine Verlage am Großen Wannsee“ im ehrenwerten lcb erleben mussten, war laut der Madame vom See ein „literarischer Klimperkasten“. Mit Wehmut denkt sie an die Kinderbuch-Lesungen in der Filderstädter Stadtbibliothek. Ich finde zwar, dass sie übertreibt – aber natürlich ist ein Besuch dort immer sehr speziell. Veranstalter sollten wohl grundsätzlich darauf achten, ihre geladenen Gäste und das Zielpublikum mit ein paar völlig Branchenfremden zu verdünnen, damit das gesamte Gebräu anschließend allgemein erträglich wird.

Allein der Style der meisten Besucher war schon jenseits der Grenzen des guten Geschmacks – soviele Sünden auf einem Haufen sind schwer zu beschreiben und die schwarzen Brillen verlieren enorm an markantem Charakter, wenn jeder zweite sie trägt. Zwischen nerdigen Jungs, mit Unterhemden bekleideten Wirrköpfen, Herren mit grotesk gemusterten Hemden und dicken Damen, die als Zeichen ihres Literatinnentums Tücher um den Kopf geschlungen hatten,  lauschten wir also zunächst auf der windumtosten Terrasse einer Lesung über weiße Nacktschnecken.

Der Ort des Geschehens...

Zwar konnten wir damit nichts anfangen, aber so schnell lassen wir uns auch nicht abschrecken. Also rein ins Zentrum des Geschehens. Der Einstieg im eigentlichen Lesungssaal geriet dann eher ein wenig Loriot-artig, wir trafen das weibliche Gegenstück zu diesem Herrn:

Fazit: Verlegerinnen sollten nicht auf schwedische Bauernhöfe ziehen und sich dann noch von durchgeknallten Übersetzerinnen irgendwelche russische Lyrik-Autoren vorschlagen lassen. Der Vortrag der „Variationen“ des Drei-Blatt-Zyklus infizierten Chloe spontan mit Narkolepsie – auch ich selbst konnte ein herzhaftes Gähnen bald nicht mehr unterdrücken.

Einzige wachhaltende Rettung war das Schauspiel der extrem auffällig hereinschleichenden Dame in schwarz-weiß, die ein schwules barhäuptiges Pärchen in Partner-Hemden lautlos nötigte aufzustehen und sie in die Reihe hineinzulassen, nur um dann, als die fürchterliche Lyrik-Session ein Ende hatte (ca. 9 Minuten) wieder zu gehen.

Anschließend traten zwei Österreicher auf, die sich anlässlich des Kulturhauptstadtjahres Ruhrgebiet 2010 in einem ethnologischen Basisforschungsband dieser seltsamen Region widmeten. Einzig und allein der Blick aufs Programm rettete uns…

und der Verbrecher Verlag mit seinem gigantischen wie alerten 83-jährigen Autor Giwi Margwelaschwili (cooler und fitter als alle anderen Vortragenden)  hat uns nicht enttäuscht. Vom von zwei „T“s eingekreisten „O“ bis zum lyrischen Ich im Zwist mit seinem Leser  war alles völlig überzeugend.

Leider blieb Chloe am schlechten Stoff der Lyrik hängen und wiederholt nun angewidert in Endlosschleife: Klirr klirr Kristall – und „Dreiblatt – ein Zyklus!“ – ich versuche ihr nun mit Musik, Wein und Eiscreme ein paar wirkungsvolle Gegenmittel einzuflößen mal sehen, ob es klappt…

Bis zum nächsten Mal lcb!