Das Geschäft mit der Liebe

(Huch – zweideutiger Titel…keine Angst Chloe – hier geht es nicht um die Gelegenheitsprostitution, die sich die Damen in deinem Bekanntenkreis gegenseitig unterstellen, bei dem Thema besteht noch etwas Recherche-Bedarf!)

„Maya ist seit 13 Jahren mit ihrem Freund zusammen!“ mit diesem Attribut charakterisieren mich Chloe und der Regisseur gerne unabhängig voneinander, wenn sie mich neuen Leuten vorstellen. Die Reaktionen reichen von überrascht, ungläubig, fassungslos bis neugierig. Fast wie vorprogrammiert kommt die Frage:

Was ist euer Geheimnis?

Meine Antwort darauf fällt hilflos aus:

Wenn ich das so klar benennen könnte, dann würde ich ein Buch schreiben und reich werden. Aber ich glaube, dass Glück dazu gehört und es keine allgemein gültigen Erfolgskriterien für Beziehungen gibt, schließlich sind die Erwartungen ja auch sehr individuell.

Andere Menschen sind da weniger vorsichtig. Sie schmeißen locker mit Garantien um sich. Die Ratgeber-Literatur ist DAS Profitcenter auf dem Buchmarkt und da wird das Blaue vom Himmel versprochen. Auf ein besonders widerliches Exemplar machte mich meine Kollegin aufmerksam, als sie die Redaktionsstube aufräumte:

Hier: Das Geschenk für Freundinnen in Liebesnöten – wenn du das ner Single-Freundin schenkst, haut die dir das doch umme Ohren!

Ich wurde hellhörig, „Freundin in Liebesnöten“ – würde ich so nicht ausdrücken – aber da kenne ich doch jemanden…

Ich: Wie kommst du jetzt da drauf? Ich hätte vielleicht eine Abnehmerin.

Kollegin präsentiert mir eine knallgelbe Doppelseite, schüttelt den Kopf und warnt:

Nein – das ist kein Geschenk, sondern ein Beleidigung, das geht doch nicht!

In der Hoffnung, dass das Ausmisten auch Ordnung im Kopf schaffen würde, hatte die Kollegin Schreibtisch und Regale geleert, zum Vorschein kamen unzählige Verlagsprogramme, aus denen wir uns sonst gerne Rezensionsexemplare aussuchen. Aus Langeweile fiel ihr Blick auf die Seiten, die wir sonst sofort überblättern:

Lebenslanges Liebesglück zum Preis von 12,99€ verspricht das Produkt aus dem Hause rütten&loening unter dem Dach des renommierten Aufbau-Verlags

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Das erwähnte Machwerk, bei dem ich sofort an Chloe denken musste, heißt Wirklich alles über Männer und es enthält hauptsächlich sexistische Unverschämtheiten über Männer, die mir Schauer über den Rücken jagen. So viele Plattitüden und einfache Lösungen auf so kleinem Raum, das gab es nicht mal in der Bravo Girl. Und dann richtet sich das ausgesprochen dumme Buch auch noch an „schlaue, selbstbewusste Frauen, die es in die Vorstandsetage geschafft haben“.

Äußerst amüsiert über die Dreistigkeit von Autorin – „Dating-Queen und Männerflüsterin“ die laut Werbung nach abgebrochenem Studium der Kunstgeschichte ihre Berufung in einer Online-Partneragentur fand – und Verlag schickte ich Chloe die quietschgelbe Verheißung samt Schlüsselsatz per Whatsapp:

Ich: Schöne, kluge, erfolgreiche Frauen scheitern an dem Irrglauben, dass der Mann ein eben so komplexes Wesen sei, wie sie selbst.  Jetzt weißt du Bescheid.

Chloe: Kann es nicht mehr hören… Dieser Kommerz um meinen Beziehungsstatus!!!

Meine Kollegin hüpfte gleichzeitig aufgeregt auf und ab, als sie mayn erschrockenes Gesicht sah, platzte es aus ihr heraus:

Was sagt deine Freundin? Kannst du es mir sagen? Oder ist es zu privat, was sagt sie???

Ich erklärte ihr, dass Chloe es weniger lustig fände und sich von der Industrie geschröpft fühle, währenddessen tippte ich schnell noch meine Entschuldigung an Chloe und schwor, sie niemals auf ihr Single-Dasein reduzieren zu wollen. Mich hatte ja eher der platte Ansatz und die Verunglimpfung der Männer abgestoßen, mit der die „taktisch versierte“ Autorin den Leserinnen die Jagd auf das Steinzeitmännchen erklärt. Der Mann – so Anna Wilde – sei ein scheues Reh auf einer Lichtung, der sich lediglich für Frauen mit den Eigenschaften „willig, griffig, doof“ interessiere. Ihre Empfehlung an die „Schwestern“: absolute Selbstverleugnung. Wer ein geeignetes Brechmittel sucht, dem empfehle ich die Leseprobe auf der Verlagsseite, es geht in diesem Stil weiter. Die Männer, die ich kenne, sind glücklicherweise nicht so, oder verstellen sich ihrerseits sehr erfolgreich.

Chloe hingegen hielt sich nicht an Details auf, sondern will überhaupt nichts mehr verkauft bekommen, kein Wunder, geneigte Leser erinnern sich sicher, dass sie der Branche der „Dating-Queen“ schon ein paar Euro in den Rachen geschmissen hat. Als Gegenleistung gab es zwar keinen Traummann, aber einige unterhaltsame Geschichten.

Die Kollegin relativierte  Chloes Einwand schnell:

Ach was – Kommerzialisierung betrifft doch jeden Beziehungsstatus – die Singles bekommen den Ratgeber und die Partnerbörse, die Pärchen Romantik-Wochenenden im Hotel, Blumen, Pralinen und Partnermassage-Kurse.

Recht hat sie – aber das Geschäft mit der Liebe schlagen wir aus: Wir kaufen nix!

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Wahlkampf auf amerikanisch

Die Weltherrschaft der USA ist ungebrochen – zumindest in maynem Freundeskreis. Denn jedesmal, wenn der Präsidentschaftswahlkampf wieder losgeht, kann der Regisseur über kaum etwas anderes sprechen.

Eine neue Bekannte lobte ihn neulich: „Ich kann es kaum glauben, wir sind schon eine Stunde zusammen in dieser Bar und du hast  noch kein Wort über Obama gesagt…“. Damit war der Wahlkampf-Waffenstillstand natürlich vorbei und es ging wieder los.

Als könnten wir alle in den USA wählen, bekommen wir Obamas Verdienste eingehämmert. Gegenargumente, wie die gescheiterte Guantanamo-Schließung werden einfach beiseite gewischt. Das verlorene erste TV-Duell? Taktik! Und alles was ich zum Thema  sage, wird mit dem Totschlag-Argument: „Komm schon Maya, du warst damals eh für HILLARY!“ entkräftet.

Schade ist nur, dass wir über Wahlkampf im eigenen Land – auf welcher Ebene auch immer – selten mit soviel Spaß und Engagement diskutieren, obwohl wir hier ja als Wähler tatsächlich Adressaten sind. Klar sprechen wir darüber, aber es ist kein den gesamten Alltag durchdringendes Thema und wegen der Zurückhaltung der Kulturschaffenden ist Wahlkampf in Deutschland viel weniger interessant. Einerseits sind wir als gut gebildete Staatsbürger natürlich froh, dass es bei uns um Programme  und nicht so  sehr um Performance in den Medien geht. Andererseits kann es nicht schaden, wenn Politik unterhaltsam ist  und Aufmerksamkeit erregt, denn irgendwie muss man die Leute ja auch in die Wahlkabine kriegen.

Wer macht also bei uns den Clint Eastwood und quatscht mit nem Stuhl? Wer ist unsere Scarlett Johansson und bekennt sich öffentlich, berührend und verständlich zu seiner Wahlentscheidung?

Und wer verbreitet bei uns soviel Spaß und gute Laune, wenn es um Frauenrechte geht, wie diese Ladys?

„You Don’t Own Me“ PSA -Official from You Don’t Own Me on Vimeo.

Selbstverständlich ist es eher kitschig als pragmatisch, aber vermutlich auch sehr viel wirksamer als ein trockenes Thesenpapier.

Byebye Bene!

Sonntagnachmittag lief ich in bester Laune über die von schönster Spätsommersonne beschienene Warschauer Brücke nach Hause und musste das letzte – diesmal aus Menschenmassen gestaltete – Labyrinth für die nächsten paar Tage durchqueren. Nach den Hindernisläufen durch die – erst für den Staatsbesuch des Heiligen Vaters mit den coolen Schuhen und dann wegen der Marathonläufer und -roller – gesperrte Stadt nahm ich die Eisbärenfans in ihrem vollen Ornat gerne hin. Ist für uns, die wir die O2-Arena vom Balkon aus sehen, inzwischen ja eine liebgewonnene Eigenheit des Heimatkiezes, dass die Anhänger des Berliner Eishockey-Teams sich an den Buden unserer S-Bahnhaltestelle vor dem Spiel in Stimmung bringen.  Schließlich kann man bei der illustren Truppe nicht nur stylingtechnisch einiges an Konsequenz lernen, es werden auch die wichtigen Themen verhandelt. Am Sonntag nämlich empörte sich der eine (offensichtlich schwule) Fan dem anderen gegenüber wie folgt:

Wat??? Du bist katholisch!? Schäm dich!!!! Warste etwa auch im Olympiastadion zur Messe?

Merke die gleiche „Konfession“ im Sport täuscht eben nicht über alle Unterschiede hinweg. Mayn Lieblingskommentar zum Papstbesuch stammt von Harald Schmidts Gagschreibern:

Der Papst ist in Berlin! Wie schön, endlich spricht mal jemand im Olympiastadion, der nicht dauernd Geschichten über seine Freundin erzählt…

Da sind gleich zwei nervige Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Und wie zur Abrundung und Bestätigung des Ganzen fiel mir dann auch noch dieses modifizierte  Mario Barth Plakat ins Auge:

Sexistische Sch*** - ein Label, das auch den Äußerungen des Papsts aufgepappt werden könnte.

Sexistische Sch*** - ein Label, das auch den Äußerungen des Papsts aufgepappt werden könnte.

Ich bin ein Berliner und wir sind alle Schlampen

Politischer Samstag bei SpreeSee. Schließlich ist heute der 50. Jahrestag des Mauerbaus und in der studentischen Texterschmiede berichte ich bereits seit Wochen über das Thema. Vom Chef zum Auffangen der Stimmung an einen beliebigen Bahnhof geschickt, suchte ich also pünktlich zur Schweigeminute um 12 Uhr unsere Heimatstation, die Warschauer, auf. Die wenig ambitionierte Durchsage erreichte die Fahrgäste jedoch nicht. Die Bahn blieb kurz stehen, das tut sie aber sonst auch. Glockengeläut von der einzigen Kirche in der Nähe konnte ich nicht vernehmen, dafür bemerkte ich einen neuen Seitenhieb auf uns Berlin-Bewohner mit schwäbischem Migrationshintergrund:

Immer auf die Schwaben

Die Gedenkminute zum Mauerbau interessiert hier keinen - vielleicht alles Schwabylon-Gegner, die uns Zugereiste gerne weiter mit dem Antifaschistischen Schutzwall ferngehalten hätten?

Hier war keine angemessene Stimmung zu erspüren, mal sehen was ich mir dazu am Montag aus den Fingern sauge. Maynen persönlichen Gedenktag zur deutschen Teilung beging ich dann einfach, indem ich die schöne Oberbaumbrücke und damit die ehemalige Wassergrenze zwischen Ost und West zweimal überschritt. Wo vor genau 50 Jahren der Stacheldraht hochgezogen wurde, befinden sich heute massenhaft Touristen auf Motiv- und Souvenirsuche.

Oberbaumbrücke

Auf dem Rückweg entdecke ich, dass unser Kaisers Supermarkt an der Ecke jetzt nach Umbauphase wiedereröffnet hat. Nun ist er mit 24-Stunden-Öffnung zurück. Wir können hier ab sofort von Montag um 7 Uhr bis Sonntag 24 Uhr einkaufen. Gummibärchen und Wein rund um die Uhr – nie mehr Späti-Preise bezahlen, was für eine Freude!

Irgendwie passend, dass ich das neue Konsum-Angebot heute am Geburtstag der eingerissenen Mauer entdecke, schließlich erklärte mir mayn einziger echter Ostberliner Bekannter Hörnchen vor Jahren, dass der Wunsch nach Konsum der entscheidende Grund für die Friedliche Revolution war. „Wir wollten auch die ganzen Sachen kaufen können, darum haben wir die Mauer eingerissen!“ Hörnchen ist das mit dem Konsum inzwischen zu viel geworden, er hat als Asket in Südostasien sein Glück gefunden.

Ich gehe dann weiter zum zweiten politischen Abschnitt des Tages. Und der wird deutlich bunter.

Slutwalk

Let's go to the Slutwalk...

„Wo gehst du hin? Wie klingt das denn? Da fällt mir was dazu ein, das sage ich jetzt aber besser nicht!“ grunzt der Regisseur am Telefon, weil ich ihn mit Hinweis auf den nächsten Termin, den Slutwalk, abwimmle. „Nicht was du denkst! Das ist politisch, Mann!“ schimpfe ich zurück. „Ja, ja – everything’s political…“ feixt der Unwissende.

OK – es scheint wohl doch erklärungsbedürftig, warum selbsternannte Schlampen (über die Umdeutung des Begriffs hat sich Bascha Mika hier Gedanken gemacht) organisiert durch die Großstadt marschieren.  Kompliziert ist es jedoch nicht. Ein besonders fürsorglicher Polizeibeamter aus Toronto hat Anfang des Jahres während eines Vortrags zur präventiven Verbrechensbekämpfung den hübschen Einwurf mit folgendem Wortlaut gebracht:

women should avoid dressing like sluts in order not to be victimized

Fürsorge der Art des Polizisten mit seinen Tipps für sichere Garderobenplanung ist seit Jahrhunderten der Deckmantel für die Unterdrückung von Frauenrechten. Im 19. Jahrhundert, als Frauen begannen, sich den öffentlichen Raum der Stadt zu erobern, erzählte man ihnen die Geschichte von Jack the Ripper und erklärte, warum man als anständiges Mädchen besser nicht alleine das Haus verlässt. Selbst schuld, wer sich in Gefahr begibt, die These der Vergewaltigungsmythen hat sich seit dem kaum verändert.

„Treib dich nicht auf der Straße herum und ziehe dich nicht wie eine Schlampe an.“

Vielen Dank für diesen weisen Ratschlag! Abgesehen davon, dass es keinen erwiesenen Zusammenhang zwischen aufreizender Kleidung und Vergewaltigung gibt, selbst wenn ich mit einem bauchfreien T-Shirt mit der Aufschrift „Rape me“ auf die Straße trete, habe ich ein Recht auf körperliche Unversehrtheit und sexuelle Selbstbestimmung, egal wohin ich gehe. Der Vegewaltiger ist der Kriminelle. Die Schuldzuweisung, Frauen würden mit Kleidung sexuelle Gewalt provozieren, ist falsch. Darum geht es.

we can go where we want, we can wear what we want...

Der Name als Flirtfaktor

Gerade hörte ich auf Radio eins ein Interview mit der Erziehungswissenschaftlerin Astrid Kaiser aus Oldenburg (kann man noch eine Woche lang hier nachhören).

Kaiser hatte uns vor einiger Zeit mit dem Phänomen des Kevinismus bekannt gemacht.  Demnach haben – wie wohl der größte Teil der mit etwas Geschmack und einem Quäntchen zu wenig Gerechtigkeitssinn ausgestatteten Gesamtbevölkerung – (Grundschul)Lehrer Vorurteile gegenüber Schüler mit bestimmten Vornamen. Während Sophie und Alexander als schlau und leistungsstark eingestuft werden, erwartet man von Kevin und Chantal eher langsame Auffassungsgabe und Verhaltensauffälligkeit. Schlimm genug für die Kinderlein, nun wurden auch ihre Chancen im späteren Leben untersucht.  An der HU hat man mal ein wenig weiter gedacht und sich gefragt, wie denn der Name sich auf die imaginierte Attraktivität des Trägers auswirkt. Das ist ja in Zeiten von Onlinedating enorm wichtig.  Schließlich geschieht der erste Eindruck oft nicht mehr unmittelbar- also haben Mandy oder Justin keine Gelegenheit potentielle Partner  direkt zu bezaubern, bevor sie ihren (von den Eltern aufgedrückten) Proll – Makel beichten müssen. Was raus kam ist natürlich das Äquivalent zur Grundschulstudie. Scheint, als seien Kevin und Co. nicht nur karrieretechnisch sondern auch privat auf der Verliererstraße…

 Neben den Daten des Datingportals legten die Wissenschaftler ihrer Studie Rankings zur Beliebtheit von Vornamen zugrunde. So konnten sie ermitteln: Werden Träger von unbeliebten Vornamen häufiger missachtet?

Ergebnis: Seiten von Männern mit dem beliebtesten Namen wurden mehr als doppelt so häufig angesteuert als die der Träger des unbeliebtesten Namens. Oder anders ausgedrückt: Alexander schnappt Kevin reihenweise Frauen weg.

Moment mal – denke ich mir – selbstverständlich ist das ein Thema. Und die niemals für eigene Vorurteile blinde Chloe sollte gerade dieses entscheidende Auswahlkriterium in ihrer umfassenden Parship-Kolumne nicht behandelt haben???

Seltsam. Doch einerseits weiß ich schon jetzt, dass Chloe bei der Bewertung des Vornamens potentieller Partner noch viel feinere Filter anwendet, als nur die vordergründig absurden auszusortieren. Wäre diese tatsächlich bei der Auswahl scharf geschaltet, blieben bei der überzeuten Anhängerin der Vokaltheorie nur wenige Kandidaten übrig. Zweitens aber- und das ist viel wichtiger – habe ich von Chloe gelernt, dass man keineswegs zwangsläufig den eigenen Namen im Profil angibt.

Jeder ist der Designer seines eigenen Images im Internet. Und gerade beim Dating. Wer also bei Alter, Größe und Hobbys lügt, der ist ja wohl selbst schuld, wenn er nicht auch den Kevin-Fluch ablegt.

Insofern hat die Wissenschaftlerin Frau Kaiser natürlich recht, wenn sie uns so vehement auffordert, doch nicht Menschen nur aufgrund ihres Namens zu diskriminieren. Andererseits sind nur die wenigen, krankhaft ehrlichen Onlinedater von der Ungerechtigkeit wirklich betroffen. Und wie viele können das schon sein?

Die Kevins und Chantals, die nun wissentlich ihren Namen bei der Partnersuche im Internet behalten, sind entweder wirklich doof, weil sie freiwillig den Nachteil in Kauf nehmen, oder sie haben selber einen sehr anspruchsvollen Filter gesetzt und suchen Menschen ohne Vorurteile. Wie auch immer – man kann ihnen dabei nur Glück wünschen!

Von GAU zu GAU – 25 Jahre Tschernobyl

Ende der 90er war ich eine brave Gymnasiastin im Schwabenland. Eine der ersten Fragen, die uns 10 hoffnungsfrohen Besuchern des Leistungskurses Geschichte von unserer schrulligen aber sehr liebenswürdigen Lehrerin gestellt wurde, war die nach dem ersten historischen Ereignis zu unseren Lebzeiten, an das wir uns erinnern könnten. Eine Frage, die ich heute noch gerne mal ab und zu stelle, sie bringt nämlich Spannendes zu Tage: Gemeinsamkeiten von Generationen und unterschiedliche Prägungen. Und da die Erinnerung sich ja mit dem Fortschreiten des Lebens ändert, kann man sie sich sogar gemeinsam immer wieder mal stellen. Man gräbt sich langsam durch sein Gedächtnis rückwärts, stellt fest, wie alt man schon wieder geworden ist und wie vieles, das im Moment wichtig und dramatisch erschien, ganz schnell vergessen oder vom nächsten Ereignis relativiert wurde und vieles in der Geschichte sich (leider) immer wieder wiederholt.

Das früheste Ereignis, auf das wir jungen Hüpfer uns damals einigen konnten, war Tschernobyl. Kaum hatte einer es in den Raum geworfen, konnte jeder eine konkrete Erinnerung damit verknüpfen. Die Hysterie um die Lebensmittel, ganze Ernten der schwäbischen Gärten wurden damals vernichtet. Für Kinder im Vorschulalter war es schwer begreiflich, warum die schönen makellosen Erdbeeren statt mit Schlagsahne im Bauch im Feuer landeten. Was für eine Verschwendung! Ich weiß noch genau, wie in maynem Kindergarten damals die Spielzeiten im Freien verkürzt wurden. Wenn wir doch einmal draußen waren, wurde danach zum kollektiven Händewaschen aufgerufen. Damals erklärte uns die Erzieherin in ernstem Ton: „Da gibt es was in der Luft, das heißt Strahlung, ihr könnt es nicht sehen, oder riechen, oder hören. Aber es ist trotzdem da.“ Da blieb einem als Kind wie so häufig nur übrig, das mal zu glauben. (Bis heute fragt sich die Skeptikerin in mir allerdings, ob  Händewaschen ein probates Mittel ist, Strahlung loszuwerden.)

Mitbekommen, das etwas passiert war, hatte ich schließlich auch zu Hause. Das Schweigegebot zwischen 20 und 20.15 Uhr wurde nämlich vom Herrn Papa mit noch mehr Vehemenz eingefordert als sonst:

Ganz nebenbei, denn wie man weiß, bestrafe ich Modesünden gerne sofort: Wenn ich die Bluse mit Sternchenmuster und Puffärmeln sehe,  finde ich es doch ziemlich schade, dass Nachrichtensprecherinnen sich heute so zurückhaltend  geschäftsmäßig kleiden. Früher war mehr Lametta!

25 Jahre später – am Jahrestag der Katastrophe – hat sich vieles geändert, nicht nur die Landkarte von Europa, das Outfit der Tagesschau und ihrer Sprecher und das Schulsystem.

Aber so viel dann auch wieder nicht.

Denn in ungefähr 13 Jahren wird vermutlich eine Generation von Abiturienten beim Grübeln nach ihren Erinnerungen an die ersten geschichtlichen Meilensteine ihres Lebens an „Atomkraft? Nein Danke!“- Sonnen, Demos und diese Vorher-Nachher-Bilder von Google Earth aus Japan denken. Und an Fukushima.

Am 11. März 2036, wird es dann Benefizkonzerte und Gedenkstunden für diese Katastrophe geben. Und hoffen wir mal, dass die neuen Ereignisse, die uns dann umtreiben werden, nicht immer noch die alten aus den 1980ern sein werden…

Es ist so weit – Prenzlauer Berg bekommt ein Musical

Das Musical ist für mich schon immer ein Lieblings-Feindbild gewesen, ich kann einfach nicht verstehen, was Menschen dazu treibt, horrende Preise zu bezahlen, um sich vorhersehbare Handlungen durchsetzt von mittelmäßigen Choreographien und glattgebürsteten Pop-Stimmen anzusehen.

Musical ist zudem meistens derart rundgelutschter Mainstream, dass mir direkt schlecht wird, von der Bekömmlichkeit. Denn Themen, die hier aufgenommen werden sind stets massentauglich und tun keinem weh (die Zeiten, in denen es noch ein Skandal war, dass bei „Hair“-Aufführungen nackte Menschen die Bühnen bevölkerten oder übertrieben fromme Christen sich über Jesus als Superstar aufregen konnten, sind längst vorbei.)

Nun lese ich heute im Tagesspiegel, dass der Prenzlauer Berg zum Musical-Thema (Mamma Macchiato) avanciert ist …und fühle mich ertappt.

Selbstverständlich machen auch wir uns schon seit geraumer Zeit über Bionade Biedermeier, Gentrifizierungskrampf und Ökofaschismus im einstigen Szenekiez lustig. Chloe fühlte sich während ihrer Zwischenmiete in Pregnancy Berg ganz ohne Schwangerschaftsbauch oder Kleinkind an der Hand so ausgeschlossen, dass sie den Stadtteil für unsere Wohnungssuche kategorisch ausschloss. Auch wenn ich viele schöne Erinnerungen an den Kiez habe und rund um den Helmholtzplatz mayne ersten  drei Berliner Jahre verbracht habe, war für mich persönlich mit dem Auszug des Magnet Clubs das Ende mayner Freundschaft zum Prenzlauer Berg besiegelt. In den Räumen, die wir früher regelmäßig nachts befeierten, erleben nun die Anwohner an der Käsetheke ihre Exzesse. Gemeinsam mit dem geschätzten Rainald Grebe stimmte ich in die Hasstiraden ein und schimpfte über die radikalen Lifestyle-Ökos.

Komme ich nun also ins Musical-Alter? Heilige Postmoderne – so schnell wird aus Gesellschaftskritik Pop! Jetzt muss ich diese Haltung wohl überdenken oder mayne neue Musical-Affinität akzeptieren.

Trotzdem – ein allerletztes Mal, bevor wir das Lästern über die Mütter und Väter mit Gentrifizierungshintergrund dem Mainstream überlassen, „HO HO HOlzspielzeug…“