Monika, das war wohl nichts

Mein Chef schaute mich völlig enttäuscht an, als ich gestern auf seine Frage: „Sehen wir uns morgen?“ mit einem klaren Nein antwortete. Ich stellte ihm frei, mir die Notwendigkeit meines Erscheinens zu erklären, aber das war ihm dann doch zu viel. Also versicherte ich ihm, meinen Aufgaben zu Hause gewissenhaft nachzukommen – ich brauche einfach dringend eine Büropause. Tatsächlich hatte ich angenommen, auch er wäre froh, am Freitag mal Ruhe in den Redaktionsräumen zu haben. Mittags war er rückwärts wieder aus der Tür gegangen, weil meine Kollegin Monika und ich uns einem Kreisch-Lachanfall hingaben. Auf seiner Flucht rief er verdattert: „Was ist denn das hier für ein Hühnerhaufen?“.
Grund für die Unterbrechung der konzentrierten Arbeit auf meiner und der anderen Seite des Schreibtischs war die Veröffentlichung von Morrisseys Autobiographie. Ich musste meine enttäuschte Kollegin trösten, sie wollte sich das Buch für eine Rezension bestellen und aus den Ankündigungstexten las sie heraus, was sie nie hatte wahr haben wollen. Jetzt ist es ihr zur traurigen Gewissheit geworden: der charismatische Sänger steht auf Männer!!! Skandal!
„Man hat doch immer nur gemunkelt, aber jetzt ist es raus. Ich hatte mir immer noch Chancen ausgerechnet…“, lamentierte sie.
Ich bin einiges von Monika gewöhnt, sie ist eine sehr liebe, äußerst lebensfrohe Berliner Blondine (beides original!) mit einer manchmal unerträglich großen Naivität und Unbedarftheit, die sich aufführt wie eine Teenager, je näher das Wochenende rückt. Ihre Star-Schwärmereien sollten mich also kaum überraschen, sie schafft es aber doch immer wieder, mich mit ihrem kindlichen Gemüt aus der Fassung zu bringen. Fasziniert von soviel Ignoranz, versuchte ich meine Verblüffung zu verstecken und zog sie auf: „Dabei habt ihr so viel gemeinsam, er ist ja Vegetarier wie du!“ –
Monika: „Du sagst es, Maya, ich habe sogar eine „I want you to go vegetarian“-Postkarte von ihm an meinem Kühlschrank, aber jetzt ist unser Verhältnis getrübt, mit der neuen Erkenntnis, ist es nicht mehr das gleiche.“
– Dann war es vorbei, ich konnte nicht mehr an mich halten, der Lachanfall begann. Mit großen Augen schaute sie neben ihrem Monitor vorbei zu mir: „Was hast du?“ – „Ich fasse einfach nicht, das war doch schon immer klar, seit the Smiths Zeiten schon…“ schluchz-kichere ich und winde mich im Lachkrampf – so ansteckend, dass Monika einstimmt, allerdings immer noch nicht überzeugt: „Woran hast du das erkannt?“
Sie hat natürlich recht, der gute Morrissey träumt bekanntlich nur von sich selbst, Hinweise gab es ansonsten keine…

Das Buch hat Monika nun dennoch bestellt, ich hoffe, es folgen keine weiteren schockierenden Enthüllungen. Um vorbereitet zu sein, lasse ich mir sie jetzt stilecht vorsingen:

Loriot ist tot

…aber im SpreeSee-Kosmos ist er allgegenwärtig. Ich kann mir ein Leben ohne Loriot gar nicht vorstellen.

Immer wenn Jos Lars von seinem Chef erzählt, frage ich:

Heißt er wirklich H O P P E N S T E D T ?

Und dann ist der ganze  Arbeits-Ärger fast schon vergessen, weil wir grinsen müssen. Kaum einer hat sich so vielfältig und grandios im kulturellen Lexikon verewigt wie Loriot. Fast für jede Lebenslage findet sich ein passender Kommentar in seinem Werk. Und die großartige Qualität daran ist, dass der Humor immer treffend aber nie verletzend oder derb ist.

Schon von frühester Kindheit an war ich mit verschiedensten Figuren und Redewendungen des wohl größten deutschen Humoristen unserer Zeit umgeben.

Das mag daran liegen, dass mayne Eltern als Einzelhändler an Loriot-Sketchen geschult wurden, wie man nicht verkauft. Ich sage nur: „Das trägt sich noch ein.“ Auch an der Uni haben wir lehrreiche Stunden mit der Kommunikationsanalyse der „Szenen einer Ehe“ verbracht.

Aber auch außerhalb von Arbeitsalltag und akademischen Betrachtungen ist Loriots reiche Text-Hinterlassenschaft anschlussfähig und permanent  im Einsatz.

Wenn Charly nicht weiß für welchen Schal er sich entscheiden soll, ärgere ich ihn mit der Empfehlung „nimm doch zur Abwechslung den im frischen Steingrau“.

Mayne Mutter pflegte, wenn mir beim Essen etwas im Mundwinkel hängen blieb,  gerne mit „Sie haben da was!“ zu beginnen, um dann prustend den kompletten Nudelsketch zu rezitieren. Beim Lotto Spielen, prophezeite sie mir den Schein wedelnd eine glänzende Zukunft: „Wenn ich gewinne, eröffnet im Herbst der Papst mit meiner Tochter eine Herren-Butikke in Wuppertal.“

Mayn Vater leitet seit ich mich erinnern kann gerne das Weihnachtsfest mit Frau Hoppenstedts „So Kinder und jetzt machen wir es uns gemütlich“ ein und hat die Lesung der biblischen Weihnachtsgeschichte längst zugunsten eines Vortrags der mörderischen Ballade „Advent“ aufgegeben.

Selbstverständlich besaßen mayn Bruder und ich Wum- und – Wendelin-Figuren. Eine alte Flamme bediente sich sogar um mich zu parodieren gerne der piepsigen Stimme des Elefanten und Wums Gesang ist Abbinder auf zahllosen Mixtapes aus dieser Zeit:

MoMa verglich einmal Chloes Date mit dem „blauen Klaus“, was uns tagelang amüsierte.

Die Wahlkanadierin ist unschlagbar, wenn es um Loriots Familienstorys geht. Den kompletten Film „Pappa ante Portas“ kann sie aus dem Stehgreif aufsagen. Bei allzu absurden betriebsblinden Handlungen des Umfelds reagiert sie mit einem routinierten „die Welt geht unter aber wir haben Senf, Wurzelbürsten und Badeszusatz“.

Mit Loriots Tod geht zwar die Welt nicht unter, aber ein ganz Großer verlässt die Welt und wird uns fehlen. Er hinterlässt uns einen unbezahlbaren Schatz von Zitaten und Einsichten in die unendliche Komik des menschlichen Daseins.

Happy Birthday Bob Dylan

How does it feeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeel?

Wie sich das wohl anfühlt, 70 und einer der  einflussreichsten Musiker der Gegenwart zu sein? Auf jeden Fall kann der Jubilar in den nächsten Wochen und Monaten noch einen ganzen Haufen Artikel über sich lesen. Falls er selbst nicht so genau weiß, wie es um ihn steht – Feuilletons und so ziemlich jedes Magazin, das auch nur irgendwas mit Kultur zu tun hat, haben sich zum 70. ausführlich mit dem großen alten Mann des Folk und Rock auseinandergesetzt.

Ich habe mich sogar aus diesem feierlichen Anlass dazu hinreißen lassen, mal wieder die Spex zu kaufen. Nur um

1. festzustellen, dass ich selbst nach 20 Semestern Geisteswissenschaften noch immer ein Fremdwörterbuch brauche, um die intellektuellen Leitwölfe des verfeinerten Musikgeschmacks zu verstehen;

2. nach Konsultation des orangefarbenen Dudens zu bemerken, dass auch der Besitz dessen bei dieser Lektüre gar nichts bringt, da die Spex-Leute sich ihre Fremdwörter einfach selber erfinden (das hat natürlich was und beruhigt mich);

3. letzendlich zu erkennen, dass die Redaktion ganz und gar nicht so originell ist, wie ich es erwartet hätte. Haben sie doch als Dylan-Geburtstags-Gaudi dazu aufgerufen, Protestsongs einzureichen – dies sei schließlich eine aussterbende Kunstform.

<gäääähhhn> Dank Chloes Leidenschaft fürs österreichische Radio, weiß ich zumindest von einem Protestsongcontest, den es es schon längst gibt.

Na ja. Zurück zum Mixtape für den seltsamen Jubilar, der in mayne musikalische Sammlung definitv durch die Hintertür gelangt ist – und damit gehöre ich garantiert zur Mehrzahl. Wer hört sich schon gerne einen Mann an, dessen nuschelige Singstimme wenig attraktiver ist als seine Sprechstimme und die klingt ja bekanntlich so:

Da ist es schon besser, dass andere sich um die Präsentation der schon seit Jahren nobelpreisverdächtigen Dylan’schen Lyrik kümmern, dann bekommt man wenigstens was mit. Bis ich dahinter kommen sollte, dass der damals schon reichlich verwitterte Bob Dylan verantwortlich für unzählige großartige Musikstücke war, musste ich 13 Jahre alt werden.

Once upon a time at teenage parties…

Das war ein Engtanz-Hit. Man musste wegen der Stücklänge nur furchtbar aufpassen nicht an den Falschen zu geraten. 10 Minuten himmlische Verzückung oder höllische Pein – die Pubertät eben! Aber diese Wirkung hatte Dylan vermutlich nicht beabsichtigt, also möchte ich ihn auch nicht für das ein oder andere Desaster verantwortlich machen.

Als dann auch noch Michelle Pfeiffer in Gangstas Paradise mit ihren Schülern Mr. Tambourine Man interpretierte, wurde ich so begierig, das Original besser kennenzulernen, dass ich mir eine Greatest Hits-CD besorgte.

Und dann hatte er mich – trotz Knarzestimme und Folkgitarre! Keine Ahnung, wie er das macht, bei mir funktionierts bis heute…

Mayn absoluter Dylan-Favorit bleibt trotzdem der Herzschmerz-Klassiker „It’s all over now Baby Blue“ und den singt keiner besser als Van Morrison…

Happy Birthday Rainald

Gestern Moma, heute Rainald. Die großen kritisch-humoristischen Kommentatoren des Landes erreichen in diesen Tagen ein ehrwürdiges rundes Alter. Zum Glück ist 40 das neue 20, so dass keiner von beiden uns in Zukunft mit dem Langweiler-Geschwätz  30-jähriger quälen wird…

Herzlichen Glückwunsch und: Weiter geht’s!

Bye bye Liz

Gerade noch haben wir sie beim SpreeSee Schnulzenabend als „Cleopatra“ bei Schminkübungen, großer Politik und tiefer Leidenschaft bewundert und nun ist ihr Leben, das selbst Stoff für mehr als einen Film bietet, leider beendet.

Nach 8 Eheschließungen, einer beispiellosen Karriere und diversen Exzessen mit einem „Je ne regrette rien“ abtreten zu können, halte ich für eine absolut beneidenswerte Leistung. Respekt!

Ich schau mir heute Abend zu ihren Ehren noch mal „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ an.

Warmwasser fürs Geburtstagskind!

Am 112. Geburtstag von Erich Kästner lacht hier in Berlin die Sonne standesgemäß. Allerdings ist es auch so kalt, dass man sich gerne in der Badewanne aufwärmt. Deshalb gibt es passend zu Wetter und Anlass heute den „Monolog in der Badewanne“ auf SpreeSee.

Besonders die Stelle über die (mangelnde) Attraktivität des männlichen Geschlechts und die Möglichkeiten, dem Anblick zu entgehen, erinnert mich stark an einen Dialog, den Chloe, zwei weitere Freundinnen und ich im letzten Herbst in Düsseldorf geführt haben. Wir kamen dabei zu keinem einstimmigen Ergebnis. Kästners Vorschlag wäre von dem genannten Plenum allerdings durchaus als akzeptabel eingestuft worden.

Mir bleibt nur dem Geburtstagskind zu wünschen, dass es bei diesen Temperaturen tatsächlich den Warmwasserhahn im Grab aufdrehen kann.

2 – 1 = ?

Heute ist der Tod von Loki Schmidt bekannt geworden. Das ist traurig. Nicht nur, weil eine sehr kluge Frau in der Öffentlichkeit fehlen wird. Natürlich kann man in einem derart hohen Alter und nach einem reichen Leben gehen. Betroffen macht mich vor allem, dass nun immer wieder dieser große – nun unerfüllte – Wunsch, den sie geäußert hatte, zitiert wird: Gemeinsam mit ihrem Mann gehen zu können.

Jetzt – da von diesem großartigen Paar nur noch einer übrig bleibt – fällt mir auch einmal wieder auf, dass es an ähnlichen Vorbildern fehlt. Große Paare, die ein Leben miteinander verbringen, kenne ich kaum. Eltern sind im Freundeskreis ja meist geschieden, wer noch zusammen ist, ist wenigstens gepflegt unglücklich, die meisten haben sich wohl irgendwie arrangiert und langweilen sich so durch die Jahre.

Auf wen soll man noch schauen, wenn man den Glauben an das „lebenslängliche“ Konzept nicht ganz verlieren möchte?

Lebensbund, Ehe, Partnerschaft, Beziehung, Liebe, Kameradschaft, Freundschaft – viele Wörter und keines davon trifft den Inhalt von einem geteilten Leben zweier Menschen so ganz im Kern. Ich habe keine Ahnung, wie gut oder schlecht die Ehe der Schmidts tatsächlich war, aber für mich waren sie immer ein überragendes Beispiel für einen gemeinsamen Lebensweg auf Augenhöhe. Einigermaßen pragmatisch, sehr geerdet und hanseatisch, aber trotzdem umwerfend liebevoll. Wann immer ich Loki und Helmut Schmidt zusammen gesehen habe, wie sie miteinander sprachen, umgingen und auftraten, wusste ich: DAS ist es.

Schade, dass es vorbei ist und gut, dass es da war. Eine gelebte Idee für pragmatische Romantikerinnen wie mich!

Danke Loki