Ich bin ein Berliner und wir sind alle Schlampen

Politischer Samstag bei SpreeSee. Schließlich ist heute der 50. Jahrestag des Mauerbaus und in der studentischen Texterschmiede berichte ich bereits seit Wochen über das Thema. Vom Chef zum Auffangen der Stimmung an einen beliebigen Bahnhof geschickt, suchte ich also pünktlich zur Schweigeminute um 12 Uhr unsere Heimatstation, die Warschauer, auf. Die wenig ambitionierte Durchsage erreichte die Fahrgäste jedoch nicht. Die Bahn blieb kurz stehen, das tut sie aber sonst auch. Glockengeläut von der einzigen Kirche in der Nähe konnte ich nicht vernehmen, dafür bemerkte ich einen neuen Seitenhieb auf uns Berlin-Bewohner mit schwäbischem Migrationshintergrund:

Immer auf die Schwaben

Die Gedenkminute zum Mauerbau interessiert hier keinen - vielleicht alles Schwabylon-Gegner, die uns Zugereiste gerne weiter mit dem Antifaschistischen Schutzwall ferngehalten hätten?

Hier war keine angemessene Stimmung zu erspüren, mal sehen was ich mir dazu am Montag aus den Fingern sauge. Maynen persönlichen Gedenktag zur deutschen Teilung beging ich dann einfach, indem ich die schöne Oberbaumbrücke und damit die ehemalige Wassergrenze zwischen Ost und West zweimal überschritt. Wo vor genau 50 Jahren der Stacheldraht hochgezogen wurde, befinden sich heute massenhaft Touristen auf Motiv- und Souvenirsuche.

Oberbaumbrücke

Auf dem Rückweg entdecke ich, dass unser Kaisers Supermarkt an der Ecke jetzt nach Umbauphase wiedereröffnet hat. Nun ist er mit 24-Stunden-Öffnung zurück. Wir können hier ab sofort von Montag um 7 Uhr bis Sonntag 24 Uhr einkaufen. Gummibärchen und Wein rund um die Uhr – nie mehr Späti-Preise bezahlen, was für eine Freude!

Irgendwie passend, dass ich das neue Konsum-Angebot heute am Geburtstag der eingerissenen Mauer entdecke, schließlich erklärte mir mayn einziger echter Ostberliner Bekannter Hörnchen vor Jahren, dass der Wunsch nach Konsum der entscheidende Grund für die Friedliche Revolution war. „Wir wollten auch die ganzen Sachen kaufen können, darum haben wir die Mauer eingerissen!“ Hörnchen ist das mit dem Konsum inzwischen zu viel geworden, er hat als Asket in Südostasien sein Glück gefunden.

Ich gehe dann weiter zum zweiten politischen Abschnitt des Tages. Und der wird deutlich bunter.

Slutwalk

Let's go to the Slutwalk...

„Wo gehst du hin? Wie klingt das denn? Da fällt mir was dazu ein, das sage ich jetzt aber besser nicht!“ grunzt der Regisseur am Telefon, weil ich ihn mit Hinweis auf den nächsten Termin, den Slutwalk, abwimmle. „Nicht was du denkst! Das ist politisch, Mann!“ schimpfe ich zurück. „Ja, ja – everything’s political…“ feixt der Unwissende.

OK – es scheint wohl doch erklärungsbedürftig, warum selbsternannte Schlampen (über die Umdeutung des Begriffs hat sich Bascha Mika hier Gedanken gemacht) organisiert durch die Großstadt marschieren.  Kompliziert ist es jedoch nicht. Ein besonders fürsorglicher Polizeibeamter aus Toronto hat Anfang des Jahres während eines Vortrags zur präventiven Verbrechensbekämpfung den hübschen Einwurf mit folgendem Wortlaut gebracht:

women should avoid dressing like sluts in order not to be victimized

Fürsorge der Art des Polizisten mit seinen Tipps für sichere Garderobenplanung ist seit Jahrhunderten der Deckmantel für die Unterdrückung von Frauenrechten. Im 19. Jahrhundert, als Frauen begannen, sich den öffentlichen Raum der Stadt zu erobern, erzählte man ihnen die Geschichte von Jack the Ripper und erklärte, warum man als anständiges Mädchen besser nicht alleine das Haus verlässt. Selbst schuld, wer sich in Gefahr begibt, die These der Vergewaltigungsmythen hat sich seit dem kaum verändert.

„Treib dich nicht auf der Straße herum und ziehe dich nicht wie eine Schlampe an.“

Vielen Dank für diesen weisen Ratschlag! Abgesehen davon, dass es keinen erwiesenen Zusammenhang zwischen aufreizender Kleidung und Vergewaltigung gibt, selbst wenn ich mit einem bauchfreien T-Shirt mit der Aufschrift „Rape me“ auf die Straße trete, habe ich ein Recht auf körperliche Unversehrtheit und sexuelle Selbstbestimmung, egal wohin ich gehe. Der Vegewaltiger ist der Kriminelle. Die Schuldzuweisung, Frauen würden mit Kleidung sexuelle Gewalt provozieren, ist falsch. Darum geht es.

we can go where we want, we can wear what we want...

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Ist Wodka der neue Prosecco?

Chloe maynt in letzter Zeit einen Trend zu beobachten: Wodka buhlt um die feminine Zielgruppe! Der Triumphzug von Prosecco & Alkopops bei Mädels und Frauen lässt das Hochprozentige schließlich ins Hintertreffen geraten. Wie bringt man also das farblose Wässerchen unters weibische Volk?

Wodka ORAL

Maya und ich sind große Fans von Themeneis. Gerne probieren wir neue Eissorten aus.

Aber diese geschmacklose Verpackung in der Aufmachung eines trivialen Nackenbeißers brachte mich nicht auf den Geschmack.

Auch Maya wiegelte gleich ab: „Wer braucht bei so einer so kitschigen Verpackung denn noch Eis? Hab schon vom Anschauen einen Zuckerschock!“

Ick staunte noch kurz: „Wie immer kommt es auf das Kleingedruckte drauf an: Da ist Wodka drin!“

Maya: „Hab ich gesehen, dafür brauch ich doch kein Eis!!!“

Wir entschieden uns dann für das Themeneis “Dschungelzauber” mit Pistazien, Choco-Cocos Sauce und Schokoäffchen. In der Casa SpreeSee fiel das Urteil jedoch vernichtend aus.

Maya – kurz vorm Ausspucken – urteilte: „Das schmeckt als würde man jmd lecken, der Bräunungscreme drauf hat!“

Ich aß meine kleine Portion mit Gänsezunge noch tapfer auf. Maya konnte sich nicht durchringen. Wir überlegten kurz wie man das Eis am besten loswird. Maya sprang prompt mit ihrem Schälchen auf die Toilette. Ich hörte von der Küche aus nur noch die Spülung und schrie hinterher: „Das kriegst Du doch nie runter! Das ist Fett und schwimmt! Wie auch immer, das Eis war wortwörtlich ein Griff ins Klo.“

Maya schüttelte den ganzen Abend den Kopf: „Gerade in der Lebensmittelbranche gibt es doch hunderte von Geschmackstests, bevor ein neues Produkt gelauncht wird! Wie konnte denen D A S durchgehen???“

Auch Chloe willigte ein: „Das chann wirklich niemanden schmecken! Wir sollten versuchen die restlichen 800 ml auf unserer morgigen Party loszuwerden. Sobald die Gäste betrunken genug sind, packe ich den „Nachtisch“ aus.“

Mit Erschrecken musste ich im Nachhinein im Netz entdecken, dass auf ciao.de das Produkt in höchsten Tönen gelobt wird. Das ist doch sicherlich getürkt!

Wodka VAGINAL

Chloe vom See liest immer noch gerne Nachrichten vom Schwabenmeer. Dort kämpft die Polizei mit ganz neuen Alkoholleichen. Da wollen sie einem Teenager mit Alkoholvergiftung den Magen auspumpen und finden nix vor! Die zwei Promille gerieten über einen in Wodka getränkten Tampon in die Blutbahn der Partymaus! SpreeSee ist schockiert: Der gute Alkohol!!! Alkohol ist doch nicht Mittel zum Zweck bzw. Rausch, sondern Genuss! Hört auf die Tanten: Trinkt und tränkt nicht!

Wobei… Maya wäre neulich sicherlich ein schlimmer Anblick erspart geblieben, wenn der Stoinerne Ma sich über das andere Ende angenähert hätte…

Teil III: Chloe auf Parship

Zurück in Berlin. Zurück auf Generalsuchemodus.

Einen Tag vor Abflug gen Süden sagte mir die WG kurz vor Einzug ab. Nun befinde ich mich also wieder als Tramp in der Obhut von Freunden und bin auf Wohnungssuche. Am Donnerstag kämpfte ich mich mit den maroden Nahverkehrsmitteln bis nach Treptow vor. Aufgrund einer Umleitung war ich sieben Minuten zu spät dran. Aus Angst, der Vermieter könnte des Wartens Leid sein, schrieb ich zur Sicherheit eine SMS.

Pardon. Ich bin in sieben Minuten da. LG, Chloe.

Prompt rief mich der Mann mit einer völlig erstaunten Stimme zurück.

Wofür?

Am liebsten hätte ich in den Hörer reingeschrien: „Ich bin die bestellte Prostituierte!“, blieb jedoch vernünftig:

Die Wohnungsbesichtigung!?!

War ja klar. Er hatte die Wohnung inzwischen schon an einen Freund vermietet und vergessen mir abzusagen. Diese Stadt der Unverbindlichkeiten nagt tödlich an meiner Frustrationstoleranz…

Und die Männersuche? Eigentlich wollte ich eine kleine Pause einlegen, jedoch reizt es mich zugleich, Kreuzberg näher kennen zu lernen. Zu zweit macht das mehr Spaß. Da mir das Männer-Portfolio auf Parship etwas auf die Nerven geht (ich bin keine Gebärmutter auf zwei Beinen!), inspizierte ich diese Woche das Angebot auf Dating Café. Ich muss wirklich sagen, dass das Portal überzeugt (nicht nur weil die Mitgliedschaft für Frauen unter 40 Jahren umsonst ist)! Man bekommt zwar keine Psychoanalyse und „Matchingpoints“ wie auf Parship, aber dafür einfach banale Funktionen wie Chat und einen übersichtlicheren Posteingang. Und die Männer scheinen auch einfach unkomplizierter zu sein.

Inzwischen glaube ich auch, dass man generell alle zwei Wochen die Partnersuchmaschine wechseln sollte. Nie bekommt man so viele Anschriften wie kurz nach der Anmeldung. Ich gehe mal davon aus, dass das das Frischfleischsyndrom ist.

Ich bin all der Worte jedenfalls überdrüssig. Scheiß auch auf Sympathieklicks und Anstupser oder wie das alles heißt. Einem netten Profil schrieb ich daher direkt:

Gut. Machen wir es mal wirklich „blind“ ! Kein Foto, kein Name, kein Austausch von Belanglosigkeiten vorab. Denn die blinden Dater sehen mehr. Du oder ich – je nachdem wer zuerst da ist – sitzen also an der Bar mit einem Gin. Die Gurke ist wichtig.

Der Herr gab mir als Austragungsort den Würgeengel und die Olfe zur Auswahl. Ich entschied mich für den Würgeengel. Sein Kommentar:

Ich dachte mir schon, Du würdest den Würgeengel bevorzugen. Klingt dramatischer.

Nach meiner Tangostunde lief ich also gut gelaunt mit Mayas Spanferkelcompilation im Ohr durch den Regen zum Würgeengel. Und in der Tat saß ein Mann alleine an der Bar mit einem Glas Hendrick’s Gin und Gurke. Eigentlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass sich jemand auf so was einlässt. Jedenfalls stellte ich mich souverän daneben und bestellte:

Für mich bitte das gleiche wie der Herr.

Die Musik, das Interieur, der Barkeeper, die Getränkeauswahl – ich befand mich im hochprozentigen Himmel! Daher hatte ich in der Tat einen ausgelassenen Abend mit meinem Gegenüber, der sich ebenfalls als standfester Kenner und Trinker erwies. Unser genialer Barkeeper – ich hätte stundenlang zuschauen können; was für ein Handwerk! – tanzte die Cocktails förmlich zusammen und schmeckte zum Abschluss jeden Drink mit einem Röhrle kurz ab. Um uns türmten sich die Menschen und bestellten Flüssigkeiten, die nicht einmal ich kannte! Ich kam aus dem Staunen kaum heraus, als ich eine Flasche sah, aus der ein blutochsenfarbenes Getränk floss. Der Barkeeper ertappte mich in meiner Neugier und stellte die Flasche unauffällig vor meine Nase, damit ich schnell ein Foto schießen konnte.

Rīgas Melnais Balzams

Rīgas Melnais Balzams

Hinter mir wurde es plötzlich laut. Ein Mann kam schnurstracks aus dem Off auf mich zugelaufen und meinte:

Ah! Hast Du etwa diese iPhone-App mit der man den Barcode einscannen und gleich online Preissuchmaschinen für das beste Angebot aktivieren kann?

Ich schrie nur entsetzt:

Nein! Ich finde nur die Flasche so schön.

Dabei erinnerte ich mich an einen Diskurs, den ich mit Maya und Woody neulich hatte. Woody war mit Muckie in München und wollte den Saffron Gin über den ich neulich berichtete testen. Fand ihn aber an keiner Bar und fragte, wo ich denn meinen Stoff immer her habe. Ich gab zu, dass ich das recht unkompliziert über Online Versand abwickle. Woody war etwas verwundert. Kurz danach telefonierte ich mit Maya und maynte, dass Woody wohl entsetzt darüber war, dass ich Alkohol online bestelle und mir in Päckchen anliefern lasse. Schließlich hatte ich vier Jahre lang im oberschwäbischen Hinterland gelebt, da muss man sich SCM Strategien überlegen, um an seine Güter ranzukommen! Andere kaufen sich Schuhe online. Das würde ich nie tun! Bei Spirituosen weiß ich doch schließlich, was drin ist.

Maya lachte lediglich:

Andere bekommen Newsletter mit der neuesten Unterwäschekollektion und Du wirst über die Top-Spirituosen informiert.

Ja! Meine Mai-Angebote habe ich gerade frisch erhalten:

Spirituosen Newsletter

Jedenfalls war der Abend im Würgeengel ein voller Erfolg. Die Bar ist in meiner Top-Ten-Liste aufgenommen! Mein Date – ein Vegetarier – und ich diskutierten noch kurz was schlimmer ist: Männer, die nicht trinken oder Männer, die kein Fleisch essen. Die Antwort könnt Ihr Euch wohl denken.

Am Kotti stiegen wir dann in entgegengesetzter Richtung in die U-Bahn ein. Neben mir stand eine stark unter Rauschmitteln stehende Jugendgang. Das Gewaltpotential richtete sich jedoch nur gegen sich selbst. Der Anführer, ein kleiner Mann mit Migrationshintergrund, beschimpfte seine bildhübsche um einen Kopf größere blonde Freundin. Mit voller Wucht knallte er ihr plötzlich eine Ohrfeige, deren Echo die ganze Vorhalle erfüllte. Mich beeindruckte es stark, mit welch dumpfer Stille das Mädel diese Aggression ertrug. Kein Schreien, kein Weinen. In der Luft hing lediglich die rote Wange.

Willkommen in Berlin, Chloe!

Teil II: Tanguera Chloe und die Männer

Über meine Tanzpartnerbörse fand ich also tatsächlich noch einen potentiellen Kandidaten: Einen Griechen-Lulatsch. Ob meiner Not sah ich großzügig über die Migrationshintergrunds-Ressentiments hinweg. Ferner hatte sich auch mein Tanzlehrer für mich eingesetzt und einen gesetzten Mitte Vierziger namens Jürgen für mich aufgetrieben. So kam es, dass ich an einem Abend beide testete. Nach der ersten Stunde mit dem Griechen verabschiedete ich mich auf eine Runde um den Block und kehrte schnell wieder ins Tanzstudio zurück, um mit Jürgen die Rolle der Folgenden auszuprobieren. Das mit Jürgen war ein Volltreffer! Er tanzt eigentlich schon Mittelstufe, hat aber ein Jahr lang ausgesetzt und möchte nochmals von Anfang an anfangen. Sehr gute Bedingungen für mich. Der Kerl weiß was und vor allem wohin er will! Und mir war sofort klar, dass ich sonst nix von dem will. Eine rein sportlich platonische Angelegenheit.

Nun hatte ich aber dem Griechen schon zum Intensiv-Wochenendkurs zugesagt. Da musste ich jetzt durch. Zur Einstimmung lud mich meine Freundin Nisa freitags zur Tango-Show des Quinteto Angel in der Philharmonie ein. Für Gesang sorgte Sergio Gobi. Völlig elektrisiert von dessen übertriebener Gestik meinte ich zu Nisa: “So nen Mann brauch ich! Leidenschaft pur. Lecker, lecker, lecker.“ Beim Showtanz riss Constantin Rüger seiner Partnerin Judith Preuss ausversehen den Rock runter. Man sah die hautfarbene Buxe hervorblitzen. Für meinen Wochenendkurs beschloss ich somit, nur in Hosen zu tanzen. Man weiß ja nie…

Obwohl ich am nächsten Tag früh morgens um 8 Uhr Besuch erwartete sowie den Tango-Kurs zu meistern hatte, begleitete ich Nisa doch noch zu einer Abschluss-Feier eines Freundes. Aus „auf nur auf eine Cola“ wurde ob des freien Kontingents (welcher Schwabe kann da widerstehen!) plötzlich ein hochprozentiger Abend. Die abschüssige Location und der kauzige Barkeeper versetzten mich zurück in die Unterwelt eines Brechtschen Stücks. Berlin schmeckte mir plötzlich ganz fein. Darauf gab es den guten alten Hendrick’s Gin. Der Barkeeper führte mich gar an eine ganz neue Sorte Gin ran. Wer hätte gedacht, dass es in Dijon neben Senf derart vorzügliches gebraut wird?

Eine neue Gin-Sünde für Chloe !

Ich schwebte im Gin-Himmel. Aber die Hölle ist immer näher als man denkt: Ein Kerl neben mir versuchte mich den ganzen Abend mit Anekdoten rumzubekommen.

Kerl: „Ich war schon mal auf der Antarktis.“

Chloe besserwisserisch: „Ja, is klar! Ich stand auch schon kurz davor, als ich am Arsch der Welt in Ushuaia war. Jedoch fehlten mir einfach die letzten 5000 Euro für die Fähre gen Antarktis!“

Kerl: „Nein, im Ernst. Ich arbeite ein Jahr lang als Schiffsarzt. Ich war immer so besoffen, dass der Kapitän, der selbst stets einen sitzen hatte, auf mich zukam und meinte, ich solle doch zumindest den Whiskey in eine Cola-Flasche schütten. Die Passagiere beschwerten sich schon, dass der Arzt immer nach Alkohol riecht.“

Als er mir noch seine mieseste One-Night-Stand-Nummer erzählte – er wachte morgens auf und ward ausgeraubt – ging ich genervt auf Toilette. Auf der Damentoilette wurde jedoch munter gekokst, so musste ich auf die der Herren ausweichen. Um wenigstens eine Stunde Schlaf zu bekommen, machte ich mich auf dem Weg nach Hause. Kurz vor Ankunft beobachte ich ein Paar, das recht angetrunken aus dem Taxi stieg. Der Taxifahrer rief dem Typen noch keck hinterher: „Viel Erfolg!“ Die Berliner Schnauze hat was! Dem Mädel wünschte ich nur, dass sie hoffentlich im Besitz eines iPhones war. Am nächsten Morgen muss die sich in ihrem Zustand sicherlich erstmal zurechtgoogeln, wo sie da gelandet ist. Wie wäre es eigentlich mit einer App für Berliner Hinterhöfe? Ich stehe selbst jedes Mal völlig kafkaesk vor all diesen Türen und weiß nicht, welche mich wieder in die Zivilisation führt.

Später mehr. Ich muss jetzt zum Tango und Maya hat die Brühe für das Gründonnerstagsabendmahl mit Jos und Chloe schon fertig. Meinen Nachtisch habe ich bereits in meiner Handtasche blickdicht verstaut, damit mein Tanzpartner nicht auf falsche Gedanken kommt.

Die Witwe auf dem Jungfernstieg

Da treibt sich doch wirklich eine Witwe kopfüber auf dem Jungfernstieg herum...

Ich bin zu Reportage Zwecken in Hamburg City und denke mir: Mal ein bisschen Eleganz tanken in der edlen Perle, bevor ich zurück in mein raues wüstes Berlin fahre. Das klappt auch wunderbar und da leuchtet mir durchs regennasse Grau in Grau auch noch ein orange-farbener Schein entgegen:

Champagner Pulle als Fahrtbier - das gibt`s in Berlin nicht!

Noch ein wenig kalter Truthahn?

Seltsam, seltsam, was da in meinem Postfach gelandet ist: „Cold Turkey – An Invitation“, versprach eigentlich die Einladung zu einer Vernissage zu sein…

Man freut sich ja schon über Einladungen – zur Kaffeetafel, wenn Jos Lars gebacken hat, an den Bodensee, wenn Chloe ihre (ehemaligen) Lebensumstände vorführt, zum Essen, wenn eine(r) lecker kocht, zu rauschenden Hochzeitsfeiern (dann hat man offiziell einen Grund sich ein absolut unnötiges Kleid + Schuhe zu kaufen), ins Kino, Theater oder anderen tollen Unternehmungen. Die Einladung verspricht eine tolle und kostengünstige Zeit mit netten Menschen (- wenn man nicht glaubt, dass die Einladung dazu führt, nimmt man sie einfach nicht an).
Und dann gibt es noch diese anderen – nervtötenden – Einladungen, die beginnen mit unerwünschten Anrufen oder Pop-Up Fenstern im Internet, lauten „wir möchten Sie zu einer Umfrage einladen“ und sind nur Datensammlungen oder die Veranstaltungseinladungen, die eigentlich nur Ankündigungen sind, denn zahlen muss man dabei selber.

Ganz schwierig wird es aber, so stellte es sich nach dem Öffnen der „Einladung“ heraus, wenn einer fragt: „Noch ein wenig kalter Truthahn?“ und man sich dafür auch noch bewerben soll:

COLD TURKEY – AN INVITATION

Vom 1. bis zum 30. April 2010 bietet das Hotel Marienbad einen Platz für einen Drogenentzug an.

Künstler, Kritiker und all diejenigen, die professionell mit der Kunst verbunden sind, sind eingeladen, sich hierfür zu bewerben.

Die Suite des Hotel Marienbad bietet einen vertraulichen Rückzugsort unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ihr Entzug findet unter therapeutischer sowie medizinischer Betreuung statt.

Privatsphäre und Anonymität werden während des gesamten Zeitraums gewährleistet.

Die medizinische und therapeutische Betreuung erfolgt durch das Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe, Berlin.

Bitte kontaktieren Sie uns bei Interesse bis zum 28. März 2010 unter contact@hotelmarienbad.com.

Die gesamte Korrespondenz wird vertraulich behandelt.

Ein Projekt von Benjamin Blanke und Claudia Kapp

KW Institute for Contemporary Art

Hotel Marienbad

Auguststr. 69

D-10117 Berlin

www.kw-berlin.de

www.hotelmarienbad.com

Ob die mich wohl auch von mayner Gewinnspielsucht befreien können?

Hawaii-Weh

Heute war ein melancholischer SpreeSee-Tag. Es gibt nicht viel zu schreiben. Obwohl der Tag sehr frühlingshaft angefangen hat, mussten unsere traurigen Herzen MoMas Rat folgen:

Also, gib Dich noch ein bißchen melodramatisch diesem Gefühl hin, dann wisch Dir den Mund ab und optimistisch nach vorn!

Eigentlich wollten wir zumindest ein Bild einer Schaufensterdekoration einer Buchhandlung in Friedrichshain zeigen, aber Maya war nicht mehr dazu in der Lage, ein Foto zu schießen. Sie sitzt neben mir mit einer dunkel gefärbten Rotweinschnute. Die Zähne sehen ebenfalls diabolisch aus. Nun fand sie doch ein Foto der gelben Auslage:

Frühlingshafte Bücher-Deko in Gelb.

Da uns sonst nix zu Bloggen bleibt, chramt Chloe in hawaiianischen Sehnsüchten. Ich vermisse es, meiner kleinen Nichte die hawaiianische Version von Old McDonald vorzusingen:

Old Makana Had a Taro Farm !

Oder… mit meinem Bruder darum zu streiten, wer zum Kühlschrank läuft, um das leckerste Dessert der Welt zu holen, bevor wir gemeinsam Chelsea Lately auf der Couch schauen.

Hawaiianische "Bubbies". Sauleckeres Eis !

Melancholie an der Spree. Melancholie bei 5 Grad.