Spanferkel à la Halal

Chloe befindet sich auf ihrer großen Haddsch von Spree gen See. Bevor ich mich jedoch nach sechsmonatiger Abstinenz direkt nach Oberschwaben begebe, akklimatisiere ich mich noch ein paar Tage bei meinen Eltern in Schwaben. Die „physiologische Anpassung“ läuft bei meinen Eltern unter dem Begriff „Mästung“. Als mein Vater mich sah, forderte er meine Schwester doch tatsächlich entsetzt auf:

Besorg aus Deinem Büro eine Paketschnur. Wir müssen Deine Schwester an einen Küchenstuhl festbinden und erstmal ordentlich mit Nahrung vollstopfen!

Wenigstens bei diesem latenten Bulimiker-Vorwurf habe ich inzwischen gelernt, einfach wegzuhören. Denn eine Frau im Kulturkreis meiner Eltern – bei der Massenkinderhaltung einer Großfamilie fällt nicht viel Fleisch ab! – ist erst dann eine Frau, wenn sie kaum mehr durch den Türrahmen passt. Während ich meinem Über-Ex Torben bei einem Body Mass Index von 19,4 zu fett war, kann ich für meine Eltern nie fett genug sein. Das nenne ich unabdingbare Liebe. Wer braucht da schon einen Mann mit einer narzisstischen Störung?

Kaum hatte ich meine Stiefel ausgezogen, schmetterte mir meine Mutter einen Teller nach dem anderen auf den Tisch. Neben all dem Fleisch – Chloe muss kurz anmerken, dass sie immer ein Faible für Armeleuteessen hatte – erspähte ich lüstern die Perle unter den Pitas: Brennnessel!!!

Brennnesseln sind mir lieber als Kaviar !

Meine Eltern hatten als Flughafen-Anrainer die Kerosin freie Zeit genutzt und extra für mich auf dem Land wild wachsende Brennnesseln gesammelt. Ha! Das hat noch keine Öko-Imbissstube im Prenzlauer Berg gesehen. Meine Eltern sind retro-öko in der Diaspora! Erquickt ob meines mampfenden Anblicks fragten sie mich jedoch, was ich zu meinem großen Fest am See den Gästen eigentlich servieren werde… und ich lief rot an und gab zu: Spanferkel!

Nun muss ich etwas ausholen: Chloe reist an den See, um ihren 30. Geburtstag nachzufeiern (obwohl sie ja schon längst 30ig ist, wie treue SpreeSee-Leser wissen). Irgendwann fällt es auf, wenn man immer 29 wird. Daher komme ich dieses Jahr nicht um das Fest zum Sturz der 2 zugunsten der 3 herum. Meine Freunde vor Ort sind so herzzerreißend und helfen mir mit der Organisation. Natürlich wird es ein Grillfest am Ufer des Schwabenmeers geben. In meiner Abwesenheit diskutierten Tim und Kino-Woody über die extravagante Showeinlage: ein Spanferkel!

Das Schwein wird von Tim extra in Dornbirn (Österreich) abgeholt!

Ich finde die Idee ja auch toll. Aber meine muslimisch angehauchte Erziehung lässt mich beim Wort „Schwein“ immer noch etwas zusammenzucken, zumal meine Mutter nicht einmal Marzipanschweine im Haushalt duldet!

Chloe überlegte noch, ob sie Tim nicht doch ein Lamm am Spieß vorschlagen sollte. Aber als sie sich an den Geschmack etlicher albanischer Hochzeiten im Grünen erinnern musste, konnte sie das kulinarisch nicht vertreten. Auch hätte mir Maya sicherlich heftig auf den Fuß getreten. Lamm – das geht nicht!

Chloe am Telefon: „Hm… Ich bin ja der Profi in Doppelmoral. Wir können einfach so tun, als wäre das kein Schwein. Wir stellen ein Schild auf, auf dem steht: Frischer Fisch vom Bodensee. Keiner darf bloß das Wort Schwein in den Mund nehmen!“

Tim besänftigend: „Für Dich mach ich das Schwein auch Halal, Chloe!“

Heute griff Tim die Idee mit dem Schild auf und ließ mir auf Facebook diesen Text als Aufdruck zukommen.

shkoni në ferr! kjo gic është hallall

Ich stand gerade am Gepäckband und bin zusammengebrochen vor Lachen. Die restlichen Passagiere schüttelten nur den Kopf über diese iPhone-Göre in Leggins. Ich weiß echt nicht wie Tim, das Sprachwunder, das immer hinbekommt. Krallt er sich einen albanischen Staplerfahrer zum Übersetzen? Der Kerl ist so beflissen. Dafür werde ich ihn am See erstmal abknutschen.

Mit Kino-Woody hatte ich diese Woche auch schon über das Spanferkel diskutiert. Da wog es plötzlich 25 Kilo, während es einen Tag zuvor laut Tims Aussage 20 Kilo auf den Rippen hatte. Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Entweder sind die Jungs Meister der Schweinüberschätzung oder das Schwein wird von einem albanischen Metzger gemästet.

Jedenfalls freue ich mich jetzt schon auf mein Ziel. Muckie wird mir bestimmt auch einen Kaaba zum Frühstück machen. Ich liebe Wallfahrten!

Samstag am See

Freitag Abend vor dem nächsten Wochenende – das hier ganz vom Seehasenfest und der Outdoor Messe überschattet ist – schmerzt mich noch der Gedanke an das allerletzte. Von wegen aller Guten Dinge sind DREI. Letzten Samstag fiel ich gleich drei Mal auf die Schnauze.

1. Ein neues Museum für Friedrichshafen !

Ganze vierzehn Tage vor der offiziellen Eröffnung kam ich über Kollegen in den Genuss, das neue Dornier Museum Friedrichshafen zu besichtigen. Dornier, chlaubte Chloe, klingt nach einer fantastischen Gemäldesammlung! Sicherlich hat der Großindustrielle Claude aus Kempten mit den Einkünften seiner Flugzeugkonstruktionen für den Grafen Zeppelin großartig in Kunst investiert. Ein kleiner Fön drübte zwar morgens schon meine Stimmung, aber zur Mittagszeit standen wir neugierig vor den Pforten dieser modernden Architektur:

Eingangspforte Dornier Museum Friedrichshafen

Eingangspforte Dornier Museum Friedrichshafen

Langsam ahnte mir auch Ungeheuerliches. Das Gebäude ward nicht nur auf das Flugzeuggelände verpflanzt, es war auch von solchen umgeben! Lauter Dos verdeutlichten mir, worum es eigentlich ging: Ein technisches Museum! Der Claim auf der Eintrittskarte „Dornier Museum Friedrichshafen – Where Great Pioneers Meet” gab mir den Rest. Dennoch konnte ich keinen Rückzieher mehr machen. Wir hatten ein Kind dabei… aber viel Spaß hatte die Kleine auch nicht. Der Werdegang einer Luft- und Raumfahrtfirma haut nur Ingenieur-Nerds von den Socken. Ferner regte ich mich maßlos über die schlechten Texte auf, die gleich den Anspruch erhebten, die komplette deutsche Geschichte zu rekonstruieren (selbst Siegmund Freud tauchte beiläufig in einem Satz auf!). Für unsere Heranwachsende waren die Tafeln viel zu hoch angebracht. Deshalb dichteten wir für sie eigene Geschichten zusammen. Von durchsichtigen Plexiglasscheiben mit Fotos im Hintergrund ließ sich nämlich nur zu schwer ablesen. Weder Satelliten noch Raketen beeindruckten mich. Also versuchte ich mein Glück im Museums Café und Shop. Aber beides war so hässlich eingerichtet und bestückt, dass ich mich nur noch mit dem Fragebogen auseinandersetzte und den Hangar kopfschüttelnd verließ. Maschinen statt Monets…

2. Boulder Cup in Überlingen

Eine Stunde brauchten wir um hinzukommen. Und eine Stunde um zurückzukommen. Mehr Worte braucht man hierbei auch nicht zu verlieren. Nur der Kletter-Karikaturist Erbse, der Kinder malte, veranlasste mich, meinem MOMA ein Foto zuzumailen. Ich wollte mich zwar noch von Erbse als chletternde Chloe zeichnen lassen, aber leider musste er sofort weg, da seine Frau in den Wehen lag. Gegen die Geburt des dritten Kindes kam ich nicht an…

Erbse 2009

Erbse 2009

3. Provinzrummel

Pünktlich um Mitternacht waren wir also wieder in Friedrichshafen angekommen und beschlossen, dem Partyabend noch eine faire Chance zu geben. Insider hatten uns per SMS gesteckt, dass am Hexenhaus die Sommerparty groß am Start sei. Hexenhaus? Chloe chonnte sich rein gar nix darunter vorstellen und choogelte heimlich auf der Rückbank nach. Ein gewisser Maler Melchior Setz hatte in der Nähe von Neukirch sein Haus über Jahre hinweg zum Kunstwerk verwandelt. Mensch, dem armen Künschtler muss ganz schön langweilig auf dem Land gewesen sein, dachte Chloe… Also fuhren wir zum Fescht hinterm Mond – äh, der Ort hieß „Hinteressach“. Um das kleine Hexenhäuschen, das doch reizend anzuschauen war, hortete sich die betrunkene Landjugend und veranstaltete ein Miniatur-Oktoberfest mit Boxautos und Bierzelten.

Hexenhaus in Hinteressach

Hexenhaus in Hinteressach

Es herrschte ein Lärm wie ich ihn hier unten am See sonst nie vernehme. Wo kriechen bloß immer all diese Menschen heraus, um sich an einem völlig absurden Ort plötzlich zum Volksaufsauf zu treffen? Mir bleibt das ein Rätsel. Ich blieb auch nur fünf Minuten und fuhr – nachdem ich noch den Blick rechtzeitig vom speienden Übel neben mir weg gen Himmel wandte sowie eine Sternschnuppe sah – einfach direkt in mein Bett.

Keine Selbstversuche mehr ! Und mein Wunsch sei nicht verraten…

Mayas Zugfahrten durch die Mark Brandenburg – Caputh macht kaputt

In der Studentischen Texterschmiede an der Spree ist die „Touri-Reportage“ das gefürchtetste Ressort geworden. Wann immer mein Chef anruft und motivierend in den Hörer ruft:

Frau von der Spree, ich habe einen tollen Spezialauftrag für Sie, recherchieren Sie mal XXX im Umland!

zucke ich innerlich zusammen und denke an misslungene Ausflüge in ausgestorbene Orte und verödete Landstriche. Diesmal hieß das Thema attraktive Ziele für einen Sonntag am See, bitteschön leicht mit der Bahn zu erreichen. Dumm gelaufen, denn meine favorisierten Seen liegen entweder im Stadtgebiet, oder sind nicht mit der Bahn zu erreichen. Also hieß es für Reporter-Maya ein weiteres Mal auf in die Einöde, zudem alleine, denn bei bedecktem Himmel und 20 Grad kann man Freunden auch nicht zumuten jetzt doch mal eine Stunde mit dem Zug zu fahren, um Seen zu testen.

Das Witzige am Reisejournalismus in Brandenburg ist aber, dass man sich immer ein bisschen fühlt wie der Hase beim Wettlauf mit dem Igel, denn ein großer Urvater war immer schon vorher da: bei Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ findet sich Vorabinformation über so gut wie jeden Flecken der Steppe, die die Oase Berlin umgibt. Auch mein auserkorenes Ziel, die Gemeinde Schwielow, die gleich an drei Gewässern – Schwielowsee, Templiner See und Havel – liegt, hat der große Realist besucht:

Der Schwielow ist breit, behaglich, sonnig und hat die Gutmütigkeit aller breit angelegten Naturen

Subtext: es ist stink langweilig.

Da auf dem Brandenburger Land die Mühlen des Fortschritts langsam mahlen, hätte diese ca. 140 Jahre alte Aussage eigentlich genügt, dennoch maynte Maya, sich selbst überzeugen zu müssen und ergänzte nun die Eindrücke des alten Meisters anhand moderner Handy-Fotografie mit ein paar digitalen Bildern:

Trostlos steht die einst sicher hübsche Bahnhofsstation in typischer Backtsteingothik da und sofort schießen wieder Fluchblitze durchs Reporterinnenhirn: War ja klar, eine weitere Brandenburger Landpartie voller Öde und Trostlosigkeit steht an.

Foto0378

Einladender Empfang - das verfallene und verschlossene Bahnhofsgebäude von Caputh

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Relikt aus alten Zeiten: die gelbe Telefonzelle. Hier kann man vom Planeten Brandenburg nach Hause telefonieren.

Aber nein, die Hoffnung stirbt zuletzt, und überhaupt, vom ersten Eindruck darf man sich niemals abschrecken lassen. Schließlich geht es um unberührte Natur und das idyllsche Wasserland Brandenburg. Also auf zum Badesee!

Das Seebad lockt mit einer sehr ansehnlich gestalteten Homepage, auf der neben dem Strand auch die drei umliegenden Gastronomien angepriesen und mit hübschen Bildern illustriert werden. Der Faktencheck in bester Plasbergischer Hart aber Fair -Manier bringt die ernüchternde Wahrheit ans Licht:

Die gesuchte Idylle?

Die gesuchte Idylle...

...im Realitätscheck

...im Realitätscheck mit Bauruinen verschandelt!

Noch gibt die verbissene Reporterin aber nicht auf, schließlich liegt hinter dem See ein Ort mit Schloss und Einsteinhaus. Mal sehen, ob hier die Highlights versteckt sind. Doch die Einblicke, die ich hier gewinnen konnte, waren noch ernüchternder. 20 Meter Sandstrand und die gepflegte Havelpromenade, auf der die Rentner stolzieren, müssen wohl ausreichen, die Touristen anzulocken, denn der Ort gibt nicht gerade viel her außer Sperrmüllhaufen, die sicher keiner plündern möchte:

Die "Straße der Einheit" - ein Gerümpelhaufen, sehr sinnbildlich...

Komm nach Caputh, pfeif auf die Welt

mit diesen Worten soll Albert Einstein seinen Sohn zu einem Besuch in die väterlicher Sommerresidenz hier überredet haben, die bunte schillernde Welt muss man wohl auch erst vergessen oder auf sie pfeifen, um sich in dieser grauen faden Verlassenheit wohlzufühlen. Aber wer hätte je erwartet, dass ich die Vorlieben eines Physikers nachvollziehen kann…

Doch es gibt auch Lichtblicke, die Bürger nehmen ihr Glück selbst in die Hand. Wahrscheinlich haben schon fast alle Lehrer und Bibliothekare Reißaus genommen, auch einen Buchladen konnte ich nicht entdecken, damit die Jugend dennoch nicht auf das geschriebene Wort verzichten muss, tragen die findigen Brandenburger die Bildung einfach auf die Straße und Lehrmittelfreiheit wird hier ganz unkompliziert gelebt, wie der Bücherkoffer zur freien Verfügung beweist:

Bildungsoffensive

Sehr löblich: die Caputher Bildungsoffensive ist für den Nachwuchs kostenfrei...

Tatsächlich scheint die Jugend, trotz ihres Aufwachsens in größter Abgeschiedenheit, bemüht den Anschluss an moderne Subkultur zu halten.  Ganz auf der Höhe der Zeit waren zum Beispiel schablonierte Streetartefakte, die ich entdecken konnte:

...und erste urbane Streetart-Früchte

...und erste urbane Streetart-Früchte, der kulturelle Fortschritt ist unaufhaltsam.

Der kleine Streetart-Lichtblick kann jedoch nicht über die verheerenden Zustände in diesem Tal der Tränen, das nur wenige Fahrminuten außerhalb Berlins beginnt, hinwegtäuschen und so bleibt mir als Resumee nur ein weiteres Mal meinem geschätzten Nachbarn beizupflichten, der alles, was es zu Brandenburg zu sagen gibt, in dieses traurige Lied verpackt hat:

Die Suche und die Zugfahrten gehen dennoch weiter.

Drei Bengel für Blum

Tatort aus Konstanz “Im Sog des Bösen”, Sonntag 07.06.2009. um 20.15 Uhr
Note: eine strenge 3,5

Mayas ehrenamtlicher Einsatz bei der Europawahl befreite sie um den Tatort am Bodensee. Da Maya jedoch die Woche zuvor Chloe vertrat, die den Bodensee mit dem Rad trotz Sturz und Bänderriss tapfer Hügel für Hügel erkundete, war das recht demokratisch verlaufen.

Als Ortsansässige sollte ich mich eigentlich nicht über die zugeloste Rezension beschweren. Aber Klara BLUM (Eva Mattes) bringt mich um! Das ist mit Abstand die schlechteste Betroffenheits-Kommissarinnen-Fresse (entschuldigt den Ausdruck!), die im Fernsehen herumläuft. Pah! Und dieses Mal mimt Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) auch noch einen Josef K. für Legastheniker! Da wird dem drolligen kleinen Kai der Prozess von der eigenen Kollegin gemacht. Ui, ui, ui. Und dann tauchen auch noch zwei Praktikanten auf, die ihre Diplomarbeit im Präsidium schreiben. Der eine Halbstarke, Moritz, ähnelt von seiner Schmierigkeit und Selbstgefälligkeit einem Raskolnikow. Die Trefferquote meines Mitsehers nach nur fünf Minuten ist nicht zu verachten: „Die Studenten waren es, damit sie eine spannendes Diplomarbeitsthema haben!“

Ach, Chloe wird schon wieder cholerisch. Kino-Woody meinte neulich erst, dass er sich nach der Lektüre unserer mit Groll verfassten Tatort-Rezensionen nur darin bestätigt fühlt, diesen nicht anzuschauen. Das ist natürlich nicht unser Ziel. Aber beschönigen sollte man die Misere auch nicht! Hier geht es ja schließlich um Kritik. Bauchpinseln lassen kann sich der Regisseur Didi Danquart von unterbezahlten Praktikanten bei Online-Redaktionen. Bei SpreeSee sind die Gedanken frei und das Motiv nicht monetär. Danquart stellt zum Beispiel meine Ortskenntnisse in Frage. Eine der befahrenen Straßen am See ist zum Beispiel gar nicht für Autos zugelassen. Die Parkbank am Schluss ist verstellt und mit dem Rücken zum See gekehrt. Gut, diese Bemerkungen stammen von meinem Sitznachbarn, der an Konstanzer Ufern aufgewachsen (er bildete sich gar ein, sein Familienboot erkannt zu haben. Ob die Tatort-Crew einfach so ohne Erlaubnis seiner Eltern gefilmt hat?). Aber auch ich erkannte zumindest die Straße zur Insel Reichenau, die ich noch mit heilem Fuß beradelte.

Beim Szenenbild – liebe Frau Stephanie Brenner – muss ich auch mosern! Als alter TV-Junkie fühlte ich mich aufnahmetechnisch in die Achtziger Jahre versetzt! Dieses blasse Licht, diese langweiligen Kameraeinstellungen (Jürgen Carle) – da strahlt Gute Zeiten Schlechte Zeiten mehr Modernität aus. Oder sollte das eine perfide Anspielung auf die verstaubte Provinz am See sein? Schließlich läuft im einzigen Club „Limelight“ nur Musik aus den Neunzigern. Als Perlmann mit den zwei Praktikanten die Konstanzer Szenebar betritt, legt Perlmanns Schnecke doch glatt Falkos „Der Kommissar“ ein. Das ist so schlecht! Aber gekotzt wird erst, als Perlmann seine tote Schnecke am nächsten Morgen im Müllcontainer entdeckt. Und ab sofort wird der Jäger zum Gejagten. Weil er sich nicht traut vor den Praktikanten Moritz Fleiner (Hanno Koffler) und Karl Mackert (Oliver Urbanski) zuzugeben, dass er ein Verhältnis zur toten Konstanze hatte, begeht er in den Augen seiner Kollegin Blum einen starken Vertrauensbruch.

Blum muss – nachdem der drogenabhängige Lebensgefährte der Ermordeten von Perlmanns Ausrutscher erzählt – ab sofort misstrauisch sein. Auch wenn Perlmann sie wie eine beleidigte Leberwurst (es fehlt nur noch, dass er mit dem Fuß aufstampft – schauspielerisch ein Katastrophe!) von seiner Unschuld überzeugen will. In seiner Verzweiflung gibt er gar zu, dass es ihm peinlich war, in solchen Kreisen geliebt zu haben. Als Perlmann stotternd erklären will, warum er trotzdem auf Konstanze stand, bringt es Blum zumindest für ihn auf den Punkt: „Sie war so hilfsbedürftig!“ Tja, darauf fährt nun mal auch der Mann im 21. Jahrhundert ab.

Blum hat mit ihren drei Männern Moritz, Karl und Kai einiges zu schaffen. Viel Zeit für ihre Freundin, die Frau des Oberstaatsanwaltes, bleibt nicht. Alle Indizien deuten auf Perlmann, weshalb sie diesen erstmal vom Dienst suspendiert. Ohne Dienstmarke lässt es sich für Perlmann nur schlecht gegen die Aids-Tabletten-Schmuggler ermitteln, die alle einst in der Band „Wonderpills“ um Konstanzes Drogenjunkie herum spielten. Perlmann vermutet den Mörder in diesem Milieu und kann es nicht fassen, wie einseitig sich Blum auf ihn als Hauptverdächtigen einschießt. Er muss gar eine Speichelprobe abgeben.

Das ganze Spiel hat schreckliche Längen. Etwas Schwung kommt rein, als Perlmann den Drogenjunkie tot in seiner Wohnung auffindet und Blum parallel Perlmanns Wohnung aufsucht und Konstanzes Geld sowie Drogen in den reich möblierten Wänden ihres Kollegen findet. Die Beweislast wiegt schwer. Blum muss Perlmann vernehmen. Zuvor erfährt sie aber noch von ihrer Freundin, dass der Oberstaatsanwalt eine Affäre hat und sie verlassen wird. „Es ist so demütigend!“, bemerkt die schöne Blonde noch. Neben mir schreit es: „Ha, der hat eine Affäre mit einem der Praktikanten!“ Dabei hatte der Oberstaatsanwalt noch kurz zuvor zu Blum gemeint, dass Perlmanns Reputation mit der Liebelei im Milieu eh schon dahin sei. Ja, ja, die Doppelmoral!

Blums Trick, Karl das Vernehmungsprotokoll schreiben zu lassen ist somit durchschaut. Statt Perlmann wird Karl während der Vernehmung in die Ecke gedrängt. Die Vernehmung war dramaturgisch nicht schlecht ausgearbeitet. Aber was sind fünf gute Minuten in Relation zu 85 schlechten? Karl gibt zum Schluss zu, dass sein Freund Moritz das Opfer erstickt hat. Warum kommt nicht wirklich rüber. Der Trend beim Tatort geht wohl zum Mord ohne Motiv! Die Liebe zur Wissenschaft war es jedenfalls nicht. Moritz scheint einfach etwas zu viel Testosteron über gehabt zu haben (die einen schützen die Hilfsbedürftigen, die anderen schlagen sie zu Tode). Ach ja, Karl ist natürlich mit dem Oberstaatsanwalt liiert. Um bei der Polizei nicht als „Schwuli“ aufzufliegen, deckte er Moritz Missetat.

Der unschuldige Perlmann darf endlich aus dem Alptraum erwachen und kann mit der Dienstmarke in der Tasche wieder auf Verbrecherjagd gehen. Der Drogenjunkie wurde von seinen Ex-Band-Mitgliedern ermordet. Die ganze Afrika-Aids-Tabletten-Geschichte war daran Schuld und Perlmann darf die Jungs einbuchten! Die Welt ist wieder in Ordnung. Da sitzt es sich auch bequem auf der Parkbank am See. Vielleicht symbolisiert die falsch herum aufgestellte Parkbank auch lediglich den Zustand, den Perlmann laut Blum erleben durfte: einmal auf der anderen Seite zu sitzen!  Mit dieser Erfahrung kann er nun ein nur noch besserer Polizist werden. Mehr Sülze mag ich nicht zitieren…

Männer haben doch ein Rad ab!

Wie Maya bereits richtig erkannt hat, muss Chloe sich

wegen ihres kulturfernen Aufenthaltsortes dauernd in Sport und Kulturreisen flüchten.

Auf meiner letzten Kulturreise in Wien war ich auf das uns neue Wort „Reparatur-Seidl“ gestoßen. Maya ist ja stets entzückt über die Erweiterung des Wortschatzes. Nun bin ich beim Sport, denn den übt hier am See wirklich jeder Einwohner aus, auf ein neues absurdes Wort gestoßen. Ich vermute jedoch, dass Maya der folgende Begriff ob ihrer sportlichen Kinderstube – die anscheinend NULL gefruchtet hat – bereits geläufig ist… mir blieb es „leider“ fern, meine Eltern jemals in Fahrradtrikots sehen zu müssen.

Kurz zum Gespräch mit dem Radler Nero – auch bekannt als Chauffeur und Bouillon-Koch:

Chloe: Alles okay bei Dir? Du schaust so traurig.
Nero lethargisch: Ich habe einen Nippelbruch.
Chloe entsetzt: Was bedeutet das jetzt?
Nero: Ich kann vorerst nicht mehr trainieren.
Chloe: So schlimm? Musst Du ins Krankenhaus?
Nero: Nicht ich! Mein Fahrrad hat einen Nippelbruch und muss nun in die Werkstatt!
Chloe: Sag’s doch gleich!

Meine – eine von vielen ! – Sportbildungslücke googelte ich heimlich auf der Toilette nach. Aber siehe da: Kein Eintrag zu „Nippelbruch auf Wikipedia! Also muss ich das auch nicht kennen…

Eine Woche später kaufte mein schlechtes Gewissen Nero, den ich inzwischen mit meinen Bakterien aus Barcelona angesteckt hatte, in der Schloss-Apotheke „Tettnanger Brustkaramellen“ gegen seinen starken Husten.

tettnanger-brustkaramellen

Chloe: Ich habe Dir etwas mitgebracht!
Nero packt aus: Brustkaramellen?? Meinst Du das jetzt wegen des Nippelbruchs?

Wer mich so auf den Arm nimmt, der soll dieses Wochenende ruhig den letzten Platz beim Garda Bike Festival fahren! Chloe chlaubt kein Mitleid zu haben…

Bodensee West-Coast Rockers

Nachtrag zum Konzerterlebnis am 6. März 2009

Konzerte am Bodensee sind in meiner Erinnerung stark von Cover Bands geprägt. Kein Wunder also, dass Friedrichshafen in voller Aufruhr ist, wenn sich ein echter Weltstar wie Pink ans Schwabenmeer begibt. Die musikalische Alternativveranstaltung „Esha Ness“ im Atrium fernab von Security Guards und Schwarzmarktkarten konnte jedoch mit der frechen Sängerin aus Amerika mehr als mithalten.

Esha was? Wer bei Ness an ein schottisches Seeungeheuer denkt, liegt hier nicht ganz falsch. Der Name der 2005 gegründeten Band stammt wie die Vorfahren des sympatischen Sängers Kevin Paterson von der Steilküste auf den Shetland Inseln. Bei den musikalischen Einflüssen bedienen sich die vier Jungs sowie die mit allen Instrumenten gewappnete Janina Walter (Akkordeon, Geige, Trommel, Keyboard etc.) jedoch nicht nur keltischer Einflüsse. Wer Vulkangestein im Blut hat, der rockt und reißt in den buntesten Tönen mit. Die spanischen Stücke und sanften Balladen passen zwar nicht ganz ins Konzept und zu Kevins Stärken, sind aber ob ihrer Authentizität (im Urlaub mit dem Lexikon geschrieben) noch zu verzeihen. Vom Talent der Unbekannten war das gesamte Publikum überzeugt. Janina, die sich hauptberuflich der Musiktherapie widmet, könnte ruhig auch zur Trompete greifen, um die teils skurrilen Tarantino-Elemente zu unterstreichen. Wenn die Band zu einem einheitlichen Stil findet sollte, steht einer großen Karriere sicherlich nichts im Wege. Zeit haben sie ja dafür auf ihrer zweiwöchigen Tour, für die alle fünf Urlaub nehmen mussten. Und obwohl sie am nächsten Tag um 6 Uhr gen Jena fuhren, ging das hautnahe Konzerterlebnis sagenhafte drei Stunden lang und endete mit einer spontanen Jam Session auf dem Boden für das begeisterte Publikum. Beim Gänsehaut-Stück „Neverland“ musste einfach melancholisch mitgesummt werden.

Es bleibt zu hoffen, dass die Band selbst niemals an den Titel ihrer ersten CD, den „Point of no return“, kommt. Denn für uns augehungerte Musikfans darf die umwerfende Mannschaft, deren aller Wurzeln am westlichen Bodensee liegen, ruhig öfters in ihrer Heimat rocken. Wer hätte das gedacht: Das Gute liegt doch so nah!

Tessa-Bashing beim Seehasen-Casting

Wie füllt man seinen valentinschen Samstag Nachmittag aus, wenn man sich am Vorabend nicht derart abgefüllt hat, um den Tag alleine verkatert im Bett verbringen zu müssen? Muckie und Chloe ließen sich vom süddeutschen SPON inspirieren und fanden prompt einen mondänen Dreiländereck-Zeitvertreib. Das RTL-Videoclip-Portal Clipfish sucht für seine Internetserie Beach House Darsteller. Ha, da stellten wir uns doch mal nicht so an und – was tut man nicht alles für den BLOG ! – schauten uns das Casting-Treiben im Flughafen Restaurant Hallhuber an!

clipfish-casting

Zuerst brieften wir uns aber selbst über den Inhalt der Sendung:

Im Strandhaus leben ein Extremsportler, ein Model, eine Schauspielerin, ein Musikproduzent, eine Musical Tänzerin und eine Modedesignerin zusammen unter einem Dach. Sie befinden sich alle noch in den Anfängen ihrer Karrieren und haben aber eines gemeinsam: Sie möchten berühmt werden. Das Strandhaus bietet einige Sportarten direkt vor der Haustüre an.

Hä? Was sollen denn all diese Leute – bis auf den Extremsportler natürlich – hier unten am See ernsthaft suchen? Die Musical Tänzerin kann sicher große Karriere im Ravensburger Spieleland als Käpt’n Blaubär machen. Und das Model kommt garantiert ganz groß auf der Tuning World Bodensee Messe in Friedrichshafen raus. Nun gut, der Musikproduzent kann sich immerhin wie Cohen-Solal in TennesSEE vom BodenSEE zu neuen Country-Klängen betören lassen. Die Welt ist endlich bereit für ein Revival Gotthilf Fischers und seiner Fischer-Chöre…

Und beim Auftakt eines solch großen Ereignisses darf das Fernsehen ja nicht fehlen. Neben fünf 16-jährigen und dem Chef trafen wir im Castingraum prompt das Regio-TV-Team an. Chloe stand natürlich – klar, der einzige Bewerberin über Dreißig ist schon eine Rarität! – nicht zum Interview zur Verfügung und wurde prompt beschimpft: „Und Du willst ins Fernsehen?!?“ Tja, alles reine Definitionssache. Chloe lebt doch im Internet! Und die neue Serie Beach House auch. Ich will sicher nicht ins Regio-TV, wo mich alte geisteswissenschaftliche Kommilitonen von Maya wiedererkennen könnten. Die Welt ist klein und ich will mich nicht aufgrund meiner SpreeSee-Recherchen ins falsche Licht gerückt sehen: „Schau mal, was aus Chloe geworden ist! Bewirbt sich schon für Internet-Soaps!“

Egal wie und was. Auf meine Reporternase ist doch stets Verlass! Während Muckie ihre Sprechprobe abgab, wurde ich Zeuge dieses lustigen Gesprächs zwischen Casting-Chef und einer der Hauptdarstellerinnen:

Hauptdarstellerin völlig erzürnt: Hast Du Germany’s Next Top Model gesehen?
Casting-Chef: Nein. Aber ich weiß natürlich, worauf Du jetzt anspielst.
Hauptdarstellerin erbost: Ich kann es nicht fassen, dass es Tessa reingeschafft hat!
Casting-Chef allwissend: Die bringt halt Quote!
Hauptdarstellerin beleidigt und moralisch: Aber die Sendung soll doch Vorbildfunktion haben! Millionen von Jugendlichen schauen das an! Das können die doch nicht machen.
Casting-Chef besserwisserisch: Tja, ich habe sie damals schon rechtzeitig rausgeschmissen. Ich habe Dir ja damals schon gesagt, dass die gar nicht geht.
Hauptdarstellerin zückt spontan die Bild-Zeitung aus der Handtasche und schlägt eine Seite auf: Lies das! Das ist das allerletzte! Tessa ist jetzt schon die Mega-Zicke.
Casting-Chef ohne Blick zu mir: Alles nur eine Frage der Zeit, bis die auch bemerken, dass Tessa rauschgiftsüchtig ist. Alles nur eine Frage der Zeit! Und so etwas werden die nicht im Programm behalten können. Auch wenn Skandale Quote bringen. Aber ich wusste das damals schon und habe sie rechtzeitig rausgeschmissen. Ich habe es Dir ja gleich gesagt. Damals schon. Bei mir kommt so etwas nicht unter!

Das war’s von der Seefront. Ich melde mich Ende der Woche wieder. Bis dahin werden wir hoffentlich benachrichtigt, inwiefern wir alten Schachteln es bis in den Recall geschafft haben. Bei Stärken habe ich zumindest im Casting-Bogen: „Intelligent, gebildet und offen für Neues“ angegeben. Und bei Sportarten konnte ich mit Klettern auftrumpfen! Chloes Chancen stehen also nicht schlecht. Wer weiß, vielleicht spiele ich bald an der Seite von Renate Moser, der Inhaberin der Fluglinie Intersky, die in der Serie spontan die Rolle der Schuldirektorin übernimmt. Aber reich, reich wird man damit noch lange nicht. Weshalb sämtliche Drehtage am Wochenende stattfinden werden. So die Aussage der Casting-Fragebogen-Verteilerboys.