The (Super)grass is still green on The Hot Rats side

Als Teenager der Neunziger habe ich mich zwar brav auf der Schuldisco durch Eurotrash  und Bombastrock getanzt, mayn Herz schlug aber von der ersten Minute an für gute Musik. Also war ich überzeugte Britpopperin. Wie es aussieht, bleibt das auch so, nur dass sich das Spektrum international erweitert hat und ich jetzt ein erwachsenes Indie-Mädchen bin. Im Unterschied zur nachwachsenden Generation fand ich aber ERST die Musik fantastisch und dann die Skinny Jeans cool und nicht umgekehrt.

Heute müsste nun also ein sehr trauriger Tag für mich sein, denn eine mayner ganz großen Helden-Bands gab gestern ihr letztes Konzert: Supergrass.

Kein Abend an dem ich aufgelegt habe, ist je vergangen, ohne dass nicht mindestens Alright oder Pumping on your stereo gelaufen wäre. Die Tanzfläche war dabei immer voll und die Gesichter der Leute freudestrahlend. Kein Wunder bei soviel Witz und beschwingter Energie!

Und nun ist das Ende da – nach 17 Jahren (scheiße bin ich alt). Aber glücklicherweise gehen die Jungs nicht ganz! Sänger Gaz Coombes und Schlagzeuger Danny Goffey machen gemeinsam weiter und haben als The Hot Rats ein neues Projekt begonnen und ihre Lieblingshits aufgenommen. Rausgekommen ist mayner Maynung nach das beste Cover Album aller Zeiten (sorry Nouvelle Vague, sorry Paul Anka)!

Ist natürlich totale Geschmacksache, ich mag halt wenn’s treibt und rumst und tanzbar ist. Und das haben The Hot Rats supergrasstastisch hinbekommen. Übrigens ist das nicht nur mir aufgefallen, Boss Orange hat die Hot Rats Version von „drive my car“

für einen Werbespot verwendet. Fürs finanzielle Auskommen der Herrschaften dürfte also weiterhin gesorgt sein.

Ich freu mich – the pumping goes on…

and on and on and on

My Number 1 „Cover“-Girl

Manic Mayas Ausbruch über die Coverband, zu der Chloe sie einst schleppte, ist ja längst Schnee von gestern, die Liebe zu gelungen Coverversionen echter Künstler ist jedoch so groß wie eh und je. Ganze Playlists von seltsamen Neuinterpretationen laufen in meine Gemäuern und es macht einen riesen Spaß Besucher raten zu lassen, WER hier WAS von WEM covert.

Das neueste Lustobjekt in dieser Reihe entdeckten meine Besucherin Prissy und ich letzten Freitag auf meiner liebsten Berliner Partyreihe namens Whip it Good im Magnet. Zwei Floors feinster Indie-Musik und zur Einstimmung kickt einen immer ein Livegig direkt in die Party. Wie gut das funktioniert, kann auch Chloe bestätigen, sie jagte nach einem solchen Starter hier schon meinen alten Schulfreund Raconteur über die Tanzfläche, bis sie selbst von einem Faun beinahe erlegt wurde. Auch dieses Mal hat Whip it nicht enttäuscht, auch wenn die Ereignisse weithin auf die Musik-Rezeption beschränkt blieben.

Die bezaubernde New Yorkerin Lissy Trullie verzweifelte zwar beinahe an schwer kontrollierbaren Rückkopplungen, legte aber ansonsten mit ihrer fabelhaften unverwechselbaren Stimmfarbe ein wunderbares Konzert hin. Und dann schenkte sie uns auch noch dieses Hot Chip-Cover, das – mit Prissys Worten – dem Lied noch einmal eine völlig neue Dimension verleiht:

You´re my number 1 guy

Sitzt mir jetzt ungelogen seit einer ganzen Woche im Ohr – und ich steh‘ immer noch drauf.

Danke Lissy!

P.S.: Ganz fantastisch und ein bisschen zum neidisch Werden ist auch das hier, wer möchte nicht mal mit Adam aufm Klo singen:

MTV EMA USA LOL

Ich schimpfe ja immer gerne auf MTV, weil sie keine Musik mehr spielen und stattdessen lieber am laufenden Band die absurdesten Reality-Formate senden unterbrochen von der noch absurderen Werbung. Zum Glück gibt es das Internet und tape.tv (siehe Zerstreuungs-Link).

Für eines ist der ehemalige Musiksender aber immer noch gut: Für Live-Shows und Preisverleihungen. Da sitzt selbst Maya wieder vor der Glotze und singt beseelt:

I want my MTV

So auch gestern, als es um die EMA – die Europe Music Awards – ging, die diesmal in der Geburtsstadt der Popmusik stattfanden – in Liverpool. Britisch war da ansonsten allerdings recht wenig. Als hätte MTV geahnt, dass einen Tag nach der Wahl in den USA ein neues Zeitalter der Europäisch-Amerikanischen Freundschaft anbrechen würde, waren sowohl Host Katy Perry (in bezaubernden Pinup-Outfits und Bühnenbildern) als auch die Betreuer der on-stage VIP-Lounge  30 Seconds to Mars (mit Jared Leto, dessen Nirvana-Gedächtnis-Klamotte schrie: „ich wäre soooo gerne wie Kurt Cobain“) aus Obama-Land. Nicht nur sie, sondern auch die vielen amerikanischen Musiker betonten ausnahmslos erstmal, wie glücklich sie über den Ausgang der US-Wahlen seien, die EMAs kamen mir deshalb zeitweise wie eine musikalische Wahlparty vor, aber was solls, ich habe mich ja schließlich auch gefreut.

Zurück zur Musik: Ein paar Briten durften in Liverpool schließlich doch auftreten, zum Beispiel die gealterten Jungs von Take That, die das 15-jährige Jubiläum symbolisierten, traten sie doch schon bei den ersten EMAs auf. Sie waren diesmal ziemlich am Anfang dran und brachten mich unfreiwillig zum Lachen. Der Titel, na ja, nicht gerade ein Knaller, die Gesangsqualität war bei Boybands eigentlich eh schon immer Nebensache, nur damals konnten sie sich das noch leisten, weil sie ganz lecker aussahen und sich durch außergewöhnliche Kostüme und schweißtreibende Tanzeinlagen hervortaten.

Und hier sind wir beim Problem von Boybands über 30: Die lassen sich nicht mehr von Produzenten und Drillmeistern zu sexy Outfits und spektakulären Gruppenchoreografien verdonnern. Bei Take That war das gestern allerdings ein schwieriges Thema, denn offensichtlich wissen die nicht so richtig, was sie mit ihrem Körper machen sollen, wenn nicht jede Bewegung vorher geübt wurde:

Was macht denn Mark Owen da? Sieht aus als würde er ein imaginäres Gegenüber abwatschen…

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Wer hats erfunden und wer hats gesungen?

Die musikalische Besserwisserei hat einen Namen- und der lautet nicht immer Maya, in diesem Fall ist es Charly, der auf Ergänzung von Chloes Betrachtungen der Friedrichshafener Szene und Richtigstellung drängt. Bei einer Besprechung des Artikels kamen wir zu unterschiedlichen Interpretationen des Satzes:

Da ich an dem Abend Autofahren musste, konnte ich mir selbst die Rock’n’Roll-Version von “Tainted Love” nicht schön klingend trinken…

Maya maynte: Die genannte Band spielte das Stück im Rockabilly-Set.

Charly legte aus: Bestimmt wurde vom DJ im Lauf des Abends das Original, von dem zu wenige Leute wissen, dass es das Original ist, gespielt.

Zumindest liegt es ihm sehr am Herzen, dass eine Tatsache zur Sprache kommt, die da lautet:

Nicht die 80er Jahre Soft Cell Version, die als DIE bekannte Tainted Love Ausgabe fungiert, ist als Original zu nennen, sondern die Northern Soul-Variante aus den 60er Jahren, gesungen von Gloria Jones! (Geschrieben wurde es übrigens von Ed Cobb)


Da im Kommentar kein Video gepostet werden kann, beziehungsweise ich noch nicht weiß, wie es geht, bekommen die Dame und unser Interpretationszwist einen eigenen Eintrag.

Und nun – liebe Chloe – kläre uns auf!

Wie war es wirklich?

Die Friedrichshafener Szene

Friedrichshafen wird unter den zugereisten Locals auch gerne „Friedrichschlafen“ genannt. Dennoch versuche ich mich ja auch immer wieder eines Besseren zu belehren. Normalerweise trifft man sich hier eher zum gemeinsamen Kochen oder auf „Grillen & Chillen am See“. Die hiesige Ausgehkultur habe ich bis auf die legendäre Outdoor Party, die jedoch nur einmal im Jahr stattfindet, noch nicht richtig auskosten können. Als wir also neulich zu Acht nach einem Essen sowie einer Schlammbowle etwas angeheitert waren, kam bei den anderen die spontane Idee auf, mich ins „Belushis“ zu schleppen. Ich ließ es geschehen. Plötzlich standen wir vor diesem Schild.

The place to be in FN

The place to be in FN

Déjà-vu! Mir war die Bar bei einer meiner Irrfahrten durch FN bereits schon mal aufgefallen. Die Außenfassade ließ mich jedoch vermuten, dass es sich hierbei um eine der typisch albanischen Diaspora-Treffpunkte handelt. Gute Tarnung! Ich wäre von mir aus wohl nie reingelaufen. Innen sah ich dann ein großes Bild der Blues Brothers hängen. Die Tanzfläche war so groß wie mein Wohnzimmer und auf derselbigen tobten die drei Jungs der Cover Band Danny and the Wonderbras. Plötzlich erklärte sich mir auch das Publikum in Petticoat und Haartolle. „Rockabilly“, schrie Maya am Telefon nach meinen Schilderungen. Maya maynt, dass die Groupieanzahl nicht zu unterschätzen sei!

Da ich an dem Abend Autofahren musste, konnte ich mir selbst die Rock’n’Roll-Version von „Tainted Love“ nicht schön klingend trinken… Nein, ich sollte die schlechte Laune nicht auf die Band schieben. Vielmehr war ich sehr traurig darüber, einen guten Friend am Berg verloren zu haben. Nicht einmal mehr mein Tanzbein wollte zucken vor betrübter Stimmung.

Robbie Rammstein

Auf der Outdoor-Party zu der die gute Chloe mich beim Besuch in ihrer lieblichen Wohngegend schleppte – mangels anderer nächtlicher Attraktionen und wegen meines ethnologischen Forschungsdranges hatte ich eingewilligt – ereilte uns der größte gemeinsam erlebte musikalische Tiefschlag überhaupt:

Bravo Poster Boy goes Rammstein

Bravo Poster Boy goes Rammstein

Eine Cover-Band heizte dem Publikum so richtig ein.
Das Ensemble, das sich in tiefster Inspirationslosigkeit und völlig ohne eigene Ideen oder auch nur den Hauch von Stil, den größten „Hits der 80er, 90er und von heute“ widmete, schien in seiner technischen Ausstattung von allen Grand Prix Eurovision – Teilnehmern, die es jemals gegeben hat, unterstützt worden zu sein.
Wind- und Nebelmaschine sowie eine Armee von bunten Strahlern kamen quasi permanent zum Einsatz, während die 4 Sänger der Band sich abwechselten, Klone von „Wir sind Helden“, den „Red Hot Chily Peppers“, „Roxette“ etc. zu werden. Weiterlesen

Auf dem Hopfenpfad

Maya und ich waren im Hinblick auf unsere Trinkgewohnheiten die untypischsten Studenten, die eine alternative Traditionsuni wie die unsrige je gesehen hat. Ob am Flussufer oder auf den von der Fachschaft organisierten Feten: Wir verabscheuten Bier! Auch wenn wir extrem pleite waren, griffen wir niemals auf das 1,50 Deutschmark günstige Suffgetränk zurück. Die grünen bis zuteil braunen Flaschen fassten wir höchsten an, um uns um 2 Uhr nachts vom gesammelten Pfand der herrenlosen Rothäuser einen Sekt zu finanzieren. Für den Schön- gab es lieber einen Himbeergeist. Auf die Freundschaft einen Gin und für den Filmriss Absinth. Da mir nach meinem Studienfachwechsel das Bafög gestrichen wurde, opferte sich Maya für unsere teure Trinksucht auf und besorgte sich gar einen Nebenjob an einer Cocktailbar. Nass bzw. feuchtfröhlich ging es hinter der Theke her. Bevor Sex and the City den Cosmopolitan bis nach Europa brachten, konnte Maya diesen bereits ohne eine Wimper zu zucken mixen. Die feine Maya mit ihrer Körpergröße von 1,53 m hielt ihren zwangsneurotischen Chef sowie die schwäbischen Trinkgeldknauser immerhin drei Monate lang aus, bis sie ob ihres grobmotorischen Gläserverschleißes – die Trendwende vom zierlichen Martinitrichter zum grobschlächtigen Caipi-Glas verkrafteten ihre kleinen Hände einfach nicht – gefeuert wurde. Ein paar Tage später rächten wir uns damit, dass wir, während der Barbesitzer die Theke für eine neue Kiste Limetten verließ, alle Tische und Stühle umstellten. Dieser enorme Eingriff in sein Ordnungssystem verursachte einen derartig cholerischen Ausbruch, dass dabei leider der verschreckte Pudel eines Gastes einen Herzinfarkt erlitt. Den Kern der Geschichte – unsere Missetat – konnten Maya und ich bei der Zeugenbefragung vor Ort trotz schlechten Gewissens nicht zugeben. Der Rechtsfall machte meine Mitbewohnerin, die sich gerade im zweiten Staatsexamen befand und das Herrchen vertrat, kurzzeitig sehr berühmt.

Mit dem Bild des toten Tieres vor Augen mussten wir uns nun erst recht benebeln. Mein Dispokredit ließ aber inzwischen keinerlei Spielraum für Rauschmittel zu. In solchen Fällen hilft nur noch die Familie. So lud ich meinen Bruder, der es zu diesem Zeitpunkt bereits ohne Studium und dank stundenlanger Bildschirmstrahlung zu etwas gebracht hatte, auf eine Studentenfete ein. Im Schlepptau hatte er ein paar Gestalten der Stuttgarter Szene dabei. Mich interessierte natürlich viel mehr das Büchergeld, um das ich ihn gebeten hatte. Auf den großen Bruder war zum Glück immer Verlass. Während wir uns bei Kopfnüssen und Zopfziehen vergaßen, geschah hinter unserem Rücken Unerhörtes! Zu Madonnas „Like a Prayer“ schwang Charly, ein Freund meines Bruders, Maya, meine Freundin, plötzlich in die Luft. Das hatte in meiner Welt nicht zu passieren! Deshalb erinnerte ich meinen Bruder daran, dass es Zeit zu gehen war. Maya, die der ganzen Sache nicht viel Bedeutung zusprach, tanzte glückselig alleine weiter. Nach einem Pernot schien sie den Zwischenfall schon ganz vergessen zu haben. Meine Weltordnung war wieder zurechtgerückt: Bruder- & Schwester-Freunde sollten weiterhin sortenrein bleiben! Charly hielt sich jedoch nicht an meinen Masterplan. Nur zehn Stunden später, während ich noch meinen Rausch ausschlief, klingelte das Telefon. Er sei völlig vom Blitz getroffen und benötige unbedingt die Nummer dieser schillernden Frau von der gestrigen Party. Ich bockte natürlich weiterhin. Seine Hartnäckigkeit beeindruckte mich aber doch. So gab ich ihm eine Chance, sich mir erstmal vorzustellen. Beruf, Beziehungsvergangenheiten und Biertrinkgewohnheiten überzeugten mich vorerst nicht. Irgendwann fragte ich ihn dann, woher er denn eigentlich meinen Bruder kenne. Sie hätten beide schon zusammen aufgelegt. Ich war auch schon kurz vorm Auflegen. Aha, auch noch DJ! Schlimmer Finger! Doch dann schrie mein Unbewusstsein, dass Maya Musik mag und ich meinen Kontrollzwang endlich mal ablegen sollte. Nun gut, bevor ich Mayas Nummer weitergab, erbat ich zumindest ihre Genehmigung. Für Fortfolgendes war ich nicht mehr verantwortlich. Die Liebe geht ihre eigenen Wege.

Maya: StoppStoppStopp – hier darf ich mich einmal kurz in Chloes gesteigerten Textausfluss einschalten! Man verzeihe mir das Korrekturrot, aber man muss sich ja irgendwie bemerkbar machen. Vielen Dank für diese hübschen Erinnerungen an vergangene „Feier“tage, aber von Trinksucht kann nun wirklich nicht die Rede sein, außerdem kann ich mich zwar sehr wohl ans Tischerücken erinnern, aber dass dem Schabernack eine Anstellung vorangegangen sein soll? Verbuchen wir es mal unter künstlerischer Freiheit.

Und dann bedanke ich mich natürlich noch ganz herzlich für deinen subjektiven Eintrag in der Chronik einer großen Liebe!

Warum bin ich aber jetzt so vom Weg abgekommen? Zurück zum Hopfen. Mit der Liebe fängt es wieder an bzw. mit dem Ende derselbigen. Nachdem sich mein Über-Ex getrennt hatte, stand ich plötzlich völlig aufgelöst vor Mayas Wohnung in Berlin. Trotz all der Trauer muss ich in meiner Verzweiflung dennoch an ein Mitbringsel gedacht haben. Bei meinem Bäcker, der in meiner Erinnerung zu dieser Zeit noch keinen Namen für mich besaß, kaufte ich wohl neben der belegten Seele für die Zugfahrt eine Pralinenschachtel für Maya. Eigentlich erstand ich den Süßkram nur, da eine kitschige Goldprägung eines lokalen Barockschlosses zu sehen war und mir in der Eile auch nichts besseres einfiel. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich damals zu Hause nicht eine einzige Flasche Wein oder sonstige Spirituosen vorrätig hatte. Seit ich in der Wirtschaft tätig war, hatte ich schon seit Wochen keine Wirtschaft mehr von innen gesehen, geschweige denn ein Gläschen getrunken. Der Job ließ kaum einen Freiraum zum Nippen.

Beim Schluchzen und Teeschlürfen in Mayas Reich erinnerte ich mich wieder an die Schokolade. Sie öffnete begeistert die Schachtel. Innen lag ein Zettel von „Dr. Locher“, der Herr bei dem das Hopfenbitter für die „Hopfenkügele“ gebrannt wird. Hopfenkügele? Wir beiden bierphoben Frauen waren entsetzt über diese in unseren Augen Kastration von Kakaobohnen. In Ermangelung anderer Glückshormon verursachender Stoffe sowie ob des wohligen Geruchs der Kügele, unternahmen wir dennoch einen Versuch bzw. eine Praline in den Mund. Was fürderhin geschah, hätte nicht einmal der genial dekadente Joris-Karl Huysmans – „Im übrigen entsprach seiner Ansicht nach jeder Likör im Geschmack dem Ton eines Instruments“ [Gegen den Strich, Stuttgart: 1992, S. 76] – mit seiner Mundorgel hören können! In unseren Ohren war das Leslie Feist, die ihre Stimme live im Admiralspalast loopt…

Ich musste Maya noch etliche Hopfenbomber nach Berlin schicken, bevor sie bei ihrem letzten sowie ersten Besuch bei mir, den Schöpfer dieser Köstlichkeit kennen lernen durfte. Er war über seinen größten Fan derart entzückt, dass Maya gleich eine ganze Schachtel ohne Angabe ihrer Adresse – wie von ihren Gewinnspielen gewohnt – geschenkt bekam. Ob dieser unverhofften Freundlichkeit war Maya noch den ganzen Tag völlig benommen. Ich hoffe nur, dass sie sich inzwischen wie versprochen mit einer Postkarte aus Kreuzberg bei der Bäckereigattin, einem wahren Berlin-Fan, bedankt hat.

Maya: Seppi rules! Hopfenkügele sind einfach das Beste was die Pralinenwelt je gesehen hat. Hopfenkügele – ganz umsonst einfach so – vom Schöpfer persönlich – ich war sooo glücklich, so begeistert, ich bin es noch!

Anfangs führten wir diese plötzliche Verfallenheit zum Hopfen auf die fest-cremige Konsistenz der Pralinenfüllung zurück. Diese Theorie wurde jedoch mit der zwischenzeitlichen Entdeckung des Hopfengeistes, den wir ebenfalls in die Liste unserer geistigen Getränke aufgenommen haben, widerlegt. Wenn Maya und Chloe mit ihrem Verstand nicht weiterkommen, dann schauen sie immer in ihre Glasgoogel! An allem ist also nur diese Formel Schuld:

8-Prenylnaringenin

8-Prenylnaringenin

OH, OH, HO ?!? Da gefällt mir die folgende Erklärung doch sehr viel mehr:

Kritiker der Phytotherapie behaupten gerne, dass pflanzliche Präparate keine nachweisbare bzw. eine zu geringe therapeutische Wirkung haben. Der Hopfen (Humulus lupulus L.) beweist das Gegenteil: Schon beim Ernten des Hopfens sind Wirkungen auszumachen, die zum Teil so stark sind, dass es bei Hopfenpflücker sogar zu einer – in Deutschland anerkannten – Berufskrankheit kommen kann: Die „Hopfenpflückerkrankheit“ bricht nur während des Erntens aus. Die Hopfenpflückerinnen – es waren meistens Frauen – litten an typischen Symptomen der Erkrankung wie Kopfschmerzen, Schläfrigkeit, Augenbindehautentzündung („Hopfenauge“), entzündlichen Hautrötungen und/ oder Gelenkschmerzen. Das Charakteristische dieser Krankheit war, dass die Symptome nach der Arbeit wieder verschwanden. Junge Frauen konnten außerdem während der Ernte noch Zyklusstörungen bekommen, die durch den hohen Östrogengehalt des Hopfens ausgelöst wurden. (Hopfen – mehr als nur Bierwürze).

Nachgeschaut habe ich nun zumindest in der Vergangenheit. Damals also kein Anzeichen von Bier. Dumm geschaut hat Maya, als sie mich dann am See plötzlich Bier trinken sah: „Spinnst Du! Seit wann trinkst Du BIER???“ Nun gut, an dem Abend konnte ich mich etwas tarnen, da der Wein ausgegangen war und es auf der Party nur noch Freibier gab. Maya rührte aber selbst das mit der Begründung „Du weißt doch: Von Bier wird mir immer so komisch!“ nicht an.

Und nun meine liebe Freundin, muss ich beichten! Ja, ich tausche Trauben gegen Dolden! Seit meinem Zweitstudium und diesem Landleben bin ich tatsächlich auf den Biergeschmack gekommen. Man kann sich hier doch bei all den Bockbierfesten, Platzkonzerten, Dorfhocketsen, Grillparties mit Lagerfeuer am See usw. kaum dem golden Saft entziehen. Ein Sonnenuntergang ohne Seeradler mit Frauenverschluss ist wahrlich unvorstellbar.

Maya: Ach Chloe – ich wusste es kann nicht gut sein in Orte zu ziehen, deren Einwohnerzahl weniger als 6-stellig ist!
Nun denn: schweren Herzens – ego te absolvo.
Seeradler gilt übrigens nicht als Bier, ich habe es probiert, es schmeckt ja fast gar nicht nach Bier und weder wird mir – noch werde ich im vollen Ausmaß „komisch“ davon, außerdem gibt es das Zeug sogar hier in der Bar 25, dort sind die Leute allerdings komisch, liegt aber wahrscheinlich nicht am Hopfen sondern an ganz anderen Substanzen.

Inzwischen mokiere ich mich gar als Frau schon über die furchtbaren Bier-Mixgetränke, da diese ja überhaupt nicht mehr nach Bier schmecken! So weit ist es mit mir gekommen. Und gegangen bin ich nun auch noch bzw. viel mehr gewandert!

Während Du am Sonntag wieder mal am Hopfengeist-Cocktail gewerkelt hast, schlich ich mich heimlich auf den Hopfenwandertag. Letztes Wochenende präsentierte die Schwäbische Zeitung den Tettnanger Hopfenpfad. Tettnang ist in dieser Region berühmt für seinen Aromahopfen. Auf vier Kilometern konnte man mit dem Endziel Hopfenmuseum gleich vier Bierdörfer mit insgesamt 30 Brauereien ablaufen. Zum Start des Bierathlon bekam man ein kunstvolles proBierglas in die Hand gedrückt. Bei strahlendem Sonnenschein haute der Hopfe schön auf den Detz. Den Einbruch meines Sprachzentrums konnte ich mit wilder Fotografie kompensieren. Daher kommen nach all den schönen Worten zu unserer Vergangenheit nun ein paar weniger eloquent kommentierte Fotos aus der Gegenwart.

1. Internationalität
Die unterschiedlichsten Brauereien aus aller Herren Länder, die den berühmten Aromahopfen verwenden, warteten stolz zum Einschank auf.

Internationales Bierdorf

Internationales Bierdorf


2. Regionalität
Ist mein proBierglas nicht schön? Von den Böhringer Bieren hat ich bisweilen auch noch nichts gehört. Getrunken dann ein Dunkles!

proBierglas und Braukultur

proBierglas und Braukultur

3. Zeitgeist, die Erste
Die Biermarke „WalderBräu“ versucht mit ganz perfiden Methoden die Jugend auf sich aufmerksam zu machen.

Modernes Biermarketing

Modernes Biermarketing


4. Zeitgeist, die Zwote
Nur eine halbe Stunde später begegnet mir das erste WalderBräu-Opfer. Die Dimension des Bierglases ist als Symbol für die Generation Komasaufen zu sehen. Das schöne an diesen traditionellen Festen auf dem Land ist jedoch, dass man von keinem randalierenden Jugendlichen auf die U-Bahn-Gleise geschuppst werden kann. Man landet im Extremfall in der Jauchegrube. Ferner sorgt das Familienprogramm für ausreichend Promilleabbau: Bierkrugschießen – Bull-Riding – Fotoaktion – Jonglierschule.

Wenn schon, denn schon !

Wenn schon, denn schon !


5. Zeitgeist, die Dritte
Öko-hol! Direkt vor dem Hopfen steht der zukünftige Brauer nicht nur mit seinem Namen, sondern gleich mit Gesicht und Mannschaft.

Des Hopfens Brauer

Des Hopfens Brauer

6. Cover Band Fever
Wenn die Rolling Stones noch Tourneen geben, stehen auch die Thin Mothers zwischen den Reben. Man beachte auch den Sonnenschirm mit dem Claim „Was uns die Heimat gibt!“

Die "Thin Mothers"

Die "Thin Mothers"

7. Resümee
Ich war begeistert vom Fest und könnte mich dafür hauen, dass ich die letzten Hopfenwandertage alle in meiner arroganten Art arschig ignoriert habe. Statt mit Laptops auf dem Schoß im Sankt Oberholz, ist auf dem Land von Aug zu Aug was los. Man grüßt sich und kann auch mal bei Tageslicht völlig benebelt sein, während die Großstadtneurotiker ihren Latte-Chai mit Sonnenbrillenintimschutz einsam löffeln.

Maya: Also ich weiß gar nicht was du meinst und wen du meinst – das echte Berlin – habe ich mir von einem Insider sagen lassen – soll ganz anders sein. Immer diese Übertreibungen und Klischees!

Nur die Hopfenkönigin war etwas verdutzt, als ich sie um ein Foto bat. Daher füge ich als Abschlussbild lieber den Eintrag ins Gästebuch des Hopfenmuseums, in dem ich aber eigentlich nur auf Toilette war, ein. Zum Wohl !!

Gästebucheintrag im Hopfenmuseum
Gästebucheintrag im Hopfenmuseum