Teil VI: Chloe auf Parship

Blow-up – Über die männliche Berufung…

Chloe versucht immer wieder über ihre Vorurteils-Schatten zu springen, schafft es aber selten. Und wenn Sie denkt, sie gibt einer Berufsgruppe doch mal die Chance, sie eines Besseren zu belehren, dann klagt Maya ein: „Chloe! Was hast Du denn erwartet? Einen Piloten! Spinnst Du? Der hat doch in jeder Ecke der Welt eine auf Abruf bereit.“

Aber auch Berufsgruppen, denen ich eigentlich positiv gegenüber gesinnt bin, überraschen mich immer wieder aufs Neue. Das Date mit einem Architekten endete für mich mit einer unverschämten Beleidigung.

Am Kottbusser Damm – auch bekannt unter den Namen Kotty D’azur – nach einem eigentlich netten Abend auf die U-Bahn wartend.

Architekt frank und frei: „Du bist ja noch nicht so lange in der Stadt. Also Dir zur Info, wenn Du mal was brauchst, dann bist Du hier genau richtig.“

Chloe auf dem Schlauch: „Was brauch?“

Architekt weiter unverblümt: „Drogen.“

Chloe noch lachend: „Nee, also da schätzt Du mich total falsch ein.“

Architekt schmunzelnd: „Ach, das musst Du doch nicht vor mir abstreiten.“

Chloe ernst: „Ich mein das Ernst.“

Architekt: „Also im vollen Ernst. Wenn Du Koks brauchst, bist Du hier genau richtig.“

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Teil IV: Chloe auf Parship

Über die leidige Kinderwunschfrage

Seit ich in Kreuzberg wohne, fühle ich mich deutlich wohler in meiner Schwangerschaftsstreifen freien Haut. Während meiner Zeit im Pregnancy Berg wurde ich bei jeder Gelegenheit mit meiner Kinderlosigkeit konfrontiert. Um mich herum rollten die Kampfmütter mit ihren Kumpaninnen tratschend die lang ersehnten Wunschkinder – nach Studium, Sinnkrise, Indienreise, VHS-Bauchtanzkurs, neuer Frisur, Parship-Männersuche & Wohnungskauf – durch die Straßen. In manchen Cafés hatte ich das Gefühl, dass man ohne die Eintrittskarte „Kind“ eigentlich nicht mehr reinkommt. Eine strengere Tür als im Berghain.

Aber inzwischen gibt es auch Gegenbewegungen. Viel Aufsehen erregte vor kurzem die Geschäftsidee des Cafés Niesen an der Schwedter Straße.

An der Eintrittstür weist das Schild „Für Ältern ohne Kinder“ auf die erste Kinderfreie Zone hin. Anscheinend flüchten sich gerade Stillgruppen geplagte Eltern zum ruhigen Gespräch und Kaffeegenuss unter Erwachsenen in dieses Refugium.

Chloe hat ja nix gegen Kinder. Ganz im Gegenteil. Aber diese hohe Konzentration auf einen Kiez verteilt finde ich doch etwas unnatürlich. Ich mag die gesunde Durchmischung der Generationen. Als es neulich wärmer wurde und ich mir ein Eis im „Kauf Dich glücklich“ gönnte, durfte ich zwei verzweifelte Mütter beobachten, die mit der Situation vor ihnen völlig überfordert waren: Ihre Sprösslinge schlugen sich mit Schaufeln gegenseitig die Köpfe ein! Sollte man eingreifen? Oder den Kindern den Freiraum lassen, ihre Konflikte selber zu lösen? Sicherlich hätte die Oma, die einsam in einem Altersheim in Hunsrück sitzt, einen weisen Rat für die überqualifizierten Mütter gewusst…

Und was hat das alles mit mir zu tun? Naja, ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste. Man unterstellt mir inzwischen täglich, dass meine Uhr doch ticken müsse. Ich höre nix! Dafür muss ich mir einigen Schmu von meinen Dates anhören! Die Kinderwunsch-Frage ist bei allen Partnersuchportalen ein wichtig belegtes Datenfeld. Aber während des Dates wird dennoch gleich vehement nochmals darauf eingegangen. Man will ja mit über Dreißig keine Zeit verlieren! Jetzt hat man so viel in Bildung und Beruf investiert, nun soll doch endlich das Leben losgehen. Am besten sofort!

Ich bin über diesen männlichen Fortpflanzungsaktivismus immer wahnsinnig schockiert und fühle mich oft als Gebärmutter auf zwei Beinen reduziert. In meinem weiblichen Freundeskreis suchte ich neulich nach Erklärungen. Eine Freundin meinte, dass es für die Männer inzwischen eben durchaus lauter ticke. Schließlich sind die Frauen heutzutage so unabhängig, dass sie im schlimmsten Falle das Kind nach einer Trennung einfach wieder dem Vater entziehen. Endlich bewegt sich also die Emanzipation der westlichen Frau auf dem Niveau der Pinguine. Es gibt ja den Mythos, dass Pinguine sich ein Leben lang treu bleiben. Wie ich jedoch in Ushuaia bei einem Ausflug unter Pinguinen von unserer Führerin erfahren durfte, kann das Pinguin-Weibchen das Männchen verlassen, wenn dieser seinen Pflichten nicht richtig nachkommt. Druck!

Somit steht der Mann also vor einer ganz neuen Herausforderung: Er muss die Mutter seiner Kinder finden, die trotz eigenen Einkommens langfristig bei ihm bleibt und ihm somit den intensiven Wunsch nach Nestwärme erfüllt. Muckies Mama erklärt sich die Verweichlichung der Männer ganz anders: Alles lasse sich auf die hohe Östrogenkonzentration im Grundwasser zurückführen! Immer mehr Frauen nehmen die Anti-Baby-Pille und schädigen mit ihren Ausscheidungen die Männer. – Hm, ich weiß nicht, ob Muckies Mama nicht einfach Opfer einer Vatikan-Meldung wurde. Für Interessierte findet sich dennoch mehr zum Thema Medikamente im Grundwasser in diesem Blog.

Chloe beurteilt es ja durchaus positiv, dass Männer zu ihrem Vaterwunsch stehen. Mein Bruder ist der stolzeste Papa der Welt. Was mir jedoch aufstößt ist die verklärte Einstellung zum Prestigeobjekt Kind. Wer wie ich aus einem Dritt-Welt-Land kommt, der ist sein Leben lang von Babys umgeben gewesen. Ich kann wickeln, füttern & die Kleenen zum Schlafen legen seit ich zwei Jahre alt bin. In einer Großfamilie muss jeder ran! Der Nachwuchs erfüllte in meinem Kulturkreis für die jungen Eltern vor allem einen Sinn: Die Altersvorsorge.

In der Gesellschaft der Riester-Rente und Alleinerben wird das Kind zur Projektionsfläche der Sinnsuche. Das Studium erfüllte nicht, der Beruf saugt aus, im Ashram in Indien verlor man höchstens ein paar Kilos – und nun? Vor bauen sich IKEA-Katalogseiten einer fröhlichen Familie auf. Blond gelockte Kinder in Hemd und Pullunder als Glücksspritze für den vereinsamten Single? Statt sich das neueste Rennrad zu leisten, wird nun also in Parship investiert. In Wunschgedanken sieht man sich mit seinem Baby im Arm im Café sitzen und einen frischen Ingwer-Tee schlürfen.

Und nun zu meinen Erfahrungen mit den Parship-Eizellen-Jägern!

Super peinlich finde ich es, wenn sich mein Date plötzlich mitten im Gespräch von mir abwendet und zehn Minuten lang mit dem fremden Baby am Nachbartisch herumalbert. Will er mir damit gaaaanz subtil seinen Kinderwunsch vermitteln? Noch fremdschämiger wird es, wenn mein Date dann plötzlich das Gespräch mit den Eltern sucht: „Wie heißt der Kleine?“ Natürlich ist der Mann nicht in der Lage zu erkennen, dass es sich um ein Mädchen handelt… Aber mein Gegenüber möchte fachkundig erscheinen und fängt ferner an das Alter des Kindes zu erraten. Da wird ein 12 Monate altes Baby plötzlich auf sechs Monate geschätzt und umgekehrt. Ein Warnsignal für Chloe: Dieser Mann hat so viel Ahnung von Kindern wie ich von Formel Eins!

Ob der vielen Kinder in den Berliner Cafés, nicht dass mein Date plötzlich beim Babygeplapper mit der Mutter anfängt zu flirten, habe ich inzwischen meine Taktik geändert und treffe meine Parshipper nur noch in Raucherbars. Ich als „Halbpension“ kann ja wohl nur schlecht mit dem „All inklusive“-Angebot der alleinerziehenden Mütter konkurrieren.

Aber auch ohne Kind im Raum vermittelt Mann zwischen den Zeilen den Lebenstraum. Er zählt einfach alle Kinder, die er kennt, auf. Lotta, die Großnichte. Egon, der Sohn seines Nachbars. Aziza, das World Vision Paten-Kind seiner Geschäftskollegin in Somalia. Zwischendrin checkt er noch schnell ab, wie alt ich bin und inwiefern es Erbkrankheiten in meiner Familie gibt. Um dennoch etwas romantisch zu erscheinen, baut er folgendes Bild auf: Für ihn gäbe es keinen schöneren Anblick als ein Neugeborenes auf dem nackten Oberkörper des Vaters. Ach, und wie sehr er den Geruch von Babys liebt… Bei diesem Satz würgt Chloe schnell ihren Gin herunter und sucht das Weite… Unglaublich! Statt mich zu beschnuppern, verliert sich der Kerl in der Phantasie eines Romantik-Posters in Schwarzweiß!

Viel krasser als die indirekte Bekundung des Kinderwunsches ist die offene Aussprache der gewünschten Anzahl! Beim zweiten Date!!! Hier ein Ausschnitt aus einem Gespräch:

Date: „Blablabla… im Sommer werde ich fertig mit meinem berufsbegleitenden MBA.“

Chloe rein auf den Beruf bezogen: „Und wo siehst Du Dich dann in fünf Jahren?“

Date: „In einem Garten mit drei Kindern!“

Chloe schluckt und wird panisch… In ihrem Kopfkino reißt ein Kind beim Stillen an ihren Haaren, das zweite Kind rupft gerade die Begonien raus und das dritte Kind fällt vom Baum und schreit… Der dreimonatige Aufenthalt bei meinem Bruder und meiner Nichte war wohl die beste Anti-Baby-Pille der Welt. Drei Kinder in fünf Jahren? Spinnt der Kerl? Weiß der überhaupt was so ein Kind bedeutet? Dieser Egomane wird schon sehen, wo seine Bedürfnisse dann landen!

Toll sind auch Künschtler mit Kinderwunsch. Auf der einen Seite erzählen sie mir, dass man Verständnis dafür haben müsse, wenn sie sich in einer Schaffensphase für fünf Tage einschließen und keinen Kontakt nach Außen haben. Auf der anderen Seite können sie sich ein Leben ohne eigenen Nachwuchs – davor wurde noch betont, dass Adoption nicht in Frage kommt! – nicht vorstellen. Mir fehlt hier einfach jeglicher pragmatischer Ansatz! In meinem Kopfkino sehe ich mich schon die Tränen des kleinen Kal-el trocknen, der beim Auftritt für Jugend musiziert seinen Vater im Publikum vermisst, weil dieser gerade an einer neuen Installation aus Pappbechern arbeitet.

Der mit Abstand krasseste Spruch, den ich je aus dem Mund eines schöngeistigen Mannes gehört habe: „Ich könnte nie mit einer Frau zusammen sein, die nicht zeugungsfähig ist.“ Ich verbitte mir jegliche Kommentare hierzu…

Es gibt jedoch auch Männer, die das Thema Kinderwunsch auffällig meiden. Mit dieser Gattung Mann hat eher Muckie Erfahrung gemacht. Gleich bei zwei Partnern kam Monate später heraus, dass die Jungens ihre Kinder aus den One Night Stands verheimlicht hatten. Ja, wir werden älter… während man mit 18 Jahren nie auf die Idee gekommen wäre, nach vorhandenen Kindern zu fragen, sollten wir das nun in unserem Alter rechtzeitig tun… Ein Mann, der nicht zu seinem Kind steht, hat eh verloren!

Und was ist Chloes Antwort, wenn sie nach ihrem Kinderwunsch gefragt wird? Da zitiere ich Mayas Vater:

Der Kinderwunsch kommt mit dem richtigen Partner!

Bis dahin bleibe ich stolzes Mitglied der Facebook Fanseite „Everyone I know is getting married or pregnant, I’m just getting drunk“. Etwas Ironie ist diesbezüglich ruhig angebracht! Ich ermutige gerne auch alle meine männlichen Freunde mir mit einer Gegendarstellung zu kontern.

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Alle Artikel dieser Kolumne findest Du hier.

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Der große Singlecheck – Datest du noch oder zappst du schon?

Als nicht-teilnehmende Beobachterin bin ich oft sehr erstaunt über Chloes Such-Erlebnisse. Besonders ihr Dating-Gebaren und die Interaktionen mit all den verschiedenen männlichen Exemplaren amüsieren mich sehr. Da ich selbst (zum Glück) seit ewigen Zeiten aus dem Thema raus bin, komme ich mir manchmal vor, als hätte man mich in einem vergangenen Jahrtausend eingefroren und ich müsste nun – in einer völlig anderen Welt wieder aufgetaut – ganz neu das Paarungsverhalten von Menschen 2.0 verstehen lernen. Sich im Internet durch Bilder klicken, Menschen an Hand von Werten wie Größe, Alter, Haarfarbe und Verfügbarkeit zu filtern – nichts für mich. Ich bin eher ein Fan des Zufalls, ersten Eindrucks und der maynetwegen auch mal ungelenken ersten Kontaktaufnahme im echten Leben.

Was ich von Chloes Abenteuern mit bekomme, erinnert mich mehr an Hochleistungs-Shopping – nur die Trefferquote beim Männerfang ist geringer als bei der Suche nach dem perfekten Kleid. Ich darf das (hoffentlich) sagen, da Chloe nicht unbedingt verzweifelt die Liebe ihres Lebens sucht, sondern kürzlich selbst gestanden hat, es gehe mehr um den Spaß und die Erkundung von Flora, Fauna und Barkultur des neuen Biotops…

Kein Wunder, dass ich bei der Shopping-Assoziation ab und zu versuche mich an ähnlichen Prinzipien zu orientieren, um die Vorgänge nachzuvollziehen. So ist auch die mit Chloe gemeinsam auf die Spitze getriebene Idee zum verbesserten Dating-Portal mit Bewertungssystem entstanden.

Offensichtlich ist das Bedürfnis zum Abgleich mit anderen Singles tatsächlich vorhanden. Dabei geht es nicht nur um die Daten der potentiellen Partner, auch die Selbsteinschätzung kann überprüft werden. Traurig aber wahr, dass das anscheinend notwendig ist. Schließlich kommt höchstwahrscheinlich jede(r), der sich in diesen ganzen Datingzirkus begibt, irgendwann einmal an den Punkt, an dem er sich fragt: „Sind die anderen eigentlich wirklich alle verrückt, oder habe ich die Grenzen der Normalität überschritten?“

Abhilfe bei solchen Unsicherheiten möchte jetzt vorgeblich die Frauenzeitschrift Brigitte bieten, indem sie mit diesem hübschen Fragebogen Auskunft darüber gibt, was allgemein so üblich ist in der Singlewelt:

Bin ich noch normal? Parship und Brigitte wissen Bescheid!

Seit wann ist es eigentlich eine drängende Frage geworden, wieviel Geld man ausgibt, um nicht mehr Single zu sein? Und was bitte soll es helfen, zu wissen, ob man mehr oder weniger Dates hat als der Rest der Single-Nation? Muss man sich als Vieldater dann schlecht fühlen und denken: „Warum ist nie einer für mich dabei?“ Oder muss man sich als Dating-Muffel vorhalten lassen, dass man nicht genug Einsatz bringt? Die Ökonomisierung des Liebes- und Sexuallebens finde ich ziemlich abstoßend. Ich halte das für eine ganz miese Nummer, ein übles unverschämtes Cross-Marketing und gerade einer Illustrierten, die sich neuerdings mit der Ablehnung von Models für die Einzigartigkeit von Frauen einsetzen möchte, äußerst unpassend.

Maya maynt: Liebe Singles, auch wenn Ihr Euch ab und an diese Frage nach der Normalität stellt, bitte bleibt individuell und schielt nicht nach dem statistischen Mittel, das hat für ein persönliches Lebens- oder Liebesglück nun wirklich keine Relevanz!

Teil III: Chloe auf Parship

Zurück in Berlin. Zurück auf Generalsuchemodus.

Einen Tag vor Abflug gen Süden sagte mir die WG kurz vor Einzug ab. Nun befinde ich mich also wieder als Tramp in der Obhut von Freunden und bin auf Wohnungssuche. Am Donnerstag kämpfte ich mich mit den maroden Nahverkehrsmitteln bis nach Treptow vor. Aufgrund einer Umleitung war ich sieben Minuten zu spät dran. Aus Angst, der Vermieter könnte des Wartens Leid sein, schrieb ich zur Sicherheit eine SMS.

Pardon. Ich bin in sieben Minuten da. LG, Chloe.

Prompt rief mich der Mann mit einer völlig erstaunten Stimme zurück.

Wofür?

Am liebsten hätte ich in den Hörer reingeschrien: „Ich bin die bestellte Prostituierte!“, blieb jedoch vernünftig:

Die Wohnungsbesichtigung!?!

War ja klar. Er hatte die Wohnung inzwischen schon an einen Freund vermietet und vergessen mir abzusagen. Diese Stadt der Unverbindlichkeiten nagt tödlich an meiner Frustrationstoleranz…

Und die Männersuche? Eigentlich wollte ich eine kleine Pause einlegen, jedoch reizt es mich zugleich, Kreuzberg näher kennen zu lernen. Zu zweit macht das mehr Spaß. Da mir das Männer-Portfolio auf Parship etwas auf die Nerven geht (ich bin keine Gebärmutter auf zwei Beinen!), inspizierte ich diese Woche das Angebot auf Dating Café. Ich muss wirklich sagen, dass das Portal überzeugt (nicht nur weil die Mitgliedschaft für Frauen unter 40 Jahren umsonst ist)! Man bekommt zwar keine Psychoanalyse und „Matchingpoints“ wie auf Parship, aber dafür einfach banale Funktionen wie Chat und einen übersichtlicheren Posteingang. Und die Männer scheinen auch einfach unkomplizierter zu sein.

Inzwischen glaube ich auch, dass man generell alle zwei Wochen die Partnersuchmaschine wechseln sollte. Nie bekommt man so viele Anschriften wie kurz nach der Anmeldung. Ich gehe mal davon aus, dass das das Frischfleischsyndrom ist.

Ich bin all der Worte jedenfalls überdrüssig. Scheiß auch auf Sympathieklicks und Anstupser oder wie das alles heißt. Einem netten Profil schrieb ich daher direkt:

Gut. Machen wir es mal wirklich „blind“ ! Kein Foto, kein Name, kein Austausch von Belanglosigkeiten vorab. Denn die blinden Dater sehen mehr. Du oder ich – je nachdem wer zuerst da ist – sitzen also an der Bar mit einem Gin. Die Gurke ist wichtig.

Der Herr gab mir als Austragungsort den Würgeengel und die Olfe zur Auswahl. Ich entschied mich für den Würgeengel. Sein Kommentar:

Ich dachte mir schon, Du würdest den Würgeengel bevorzugen. Klingt dramatischer.

Nach meiner Tangostunde lief ich also gut gelaunt mit Mayas Spanferkelcompilation im Ohr durch den Regen zum Würgeengel. Und in der Tat saß ein Mann alleine an der Bar mit einem Glas Hendrick’s Gin und Gurke. Eigentlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass sich jemand auf so was einlässt. Jedenfalls stellte ich mich souverän daneben und bestellte:

Für mich bitte das gleiche wie der Herr.

Die Musik, das Interieur, der Barkeeper, die Getränkeauswahl – ich befand mich im hochprozentigen Himmel! Daher hatte ich in der Tat einen ausgelassenen Abend mit meinem Gegenüber, der sich ebenfalls als standfester Kenner und Trinker erwies. Unser genialer Barkeeper – ich hätte stundenlang zuschauen können; was für ein Handwerk! – tanzte die Cocktails förmlich zusammen und schmeckte zum Abschluss jeden Drink mit einem Röhrle kurz ab. Um uns türmten sich die Menschen und bestellten Flüssigkeiten, die nicht einmal ich kannte! Ich kam aus dem Staunen kaum heraus, als ich eine Flasche sah, aus der ein blutochsenfarbenes Getränk floss. Der Barkeeper ertappte mich in meiner Neugier und stellte die Flasche unauffällig vor meine Nase, damit ich schnell ein Foto schießen konnte.

Rīgas Melnais Balzams

Rīgas Melnais Balzams

Hinter mir wurde es plötzlich laut. Ein Mann kam schnurstracks aus dem Off auf mich zugelaufen und meinte:

Ah! Hast Du etwa diese iPhone-App mit der man den Barcode einscannen und gleich online Preissuchmaschinen für das beste Angebot aktivieren kann?

Ich schrie nur entsetzt:

Nein! Ich finde nur die Flasche so schön.

Dabei erinnerte ich mich an einen Diskurs, den ich mit Maya und Woody neulich hatte. Woody war mit Muckie in München und wollte den Saffron Gin über den ich neulich berichtete testen. Fand ihn aber an keiner Bar und fragte, wo ich denn meinen Stoff immer her habe. Ich gab zu, dass ich das recht unkompliziert über Online Versand abwickle. Woody war etwas verwundert. Kurz danach telefonierte ich mit Maya und maynte, dass Woody wohl entsetzt darüber war, dass ich Alkohol online bestelle und mir in Päckchen anliefern lasse. Schließlich hatte ich vier Jahre lang im oberschwäbischen Hinterland gelebt, da muss man sich SCM Strategien überlegen, um an seine Güter ranzukommen! Andere kaufen sich Schuhe online. Das würde ich nie tun! Bei Spirituosen weiß ich doch schließlich, was drin ist.

Maya lachte lediglich:

Andere bekommen Newsletter mit der neuesten Unterwäschekollektion und Du wirst über die Top-Spirituosen informiert.

Ja! Meine Mai-Angebote habe ich gerade frisch erhalten:

Spirituosen Newsletter

Jedenfalls war der Abend im Würgeengel ein voller Erfolg. Die Bar ist in meiner Top-Ten-Liste aufgenommen! Mein Date – ein Vegetarier – und ich diskutierten noch kurz was schlimmer ist: Männer, die nicht trinken oder Männer, die kein Fleisch essen. Die Antwort könnt Ihr Euch wohl denken.

Am Kotti stiegen wir dann in entgegengesetzter Richtung in die U-Bahn ein. Neben mir stand eine stark unter Rauschmitteln stehende Jugendgang. Das Gewaltpotential richtete sich jedoch nur gegen sich selbst. Der Anführer, ein kleiner Mann mit Migrationshintergrund, beschimpfte seine bildhübsche um einen Kopf größere blonde Freundin. Mit voller Wucht knallte er ihr plötzlich eine Ohrfeige, deren Echo die ganze Vorhalle erfüllte. Mich beeindruckte es stark, mit welch dumpfer Stille das Mädel diese Aggression ertrug. Kein Schreien, kein Weinen. In der Luft hing lediglich die rote Wange.

Willkommen in Berlin, Chloe!

Teil II: Chloe auf Parship

Datingunterschiede: Spree vs. See

Okay, okay, Kino-Woody vom See ermahnte mich gestern per Skype, dass ich doch bitte mal wieder was schreiben soll. Zwischen all meine Suchen schiebe ich also schnell eine Runde Reflektion rein.

Bevor ich später auf einzelne Dates eingehe, möchte ich hier auf einer Macro-Ebene noch ein paar Worte zum Gesamtprozess verlieren.

Das Treffen – Der Austragungsort

Am See hatten wir Singleseehasen immer das Problem, dass die Männer erstmal aus den diversen Großstädten inkl. Übernachtung anreisen mussten (natürlich auch vice versa!). Daher mündete ein Date meist in eine Frühjahrsputzaktion. Wer dafür wie Chloe sich morgens um 5 Uhr den Wecker stellt, ist mehr als durch! Aber als berufstätige Frau blieben damals recht wenige Zeitfenster zum Putzen offen. Vor allem im Winter, wenn es um 17 Uhr schon dunkel wird und der streifenfreie Glanz auf dem Parkett bei schattigem elektrischen Licht nicht mehr gewährleistet werden konnte. Um deutliche Zeichen zu setzen, wurde im Übrigen auch brav das Gästebett bezogen.

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Schau in Chloes Augen

Maya droht mir bereits, dass sie Gabriel – der schon einige Therapeuten durch hat – um eine Telefonnummer bitten wird, wenn ich nicht bald aufhöre zu behaupten „Gefühlstod“ zu sein. Maya mahnte auch, ich solle endlich wieder bloggen. Also bemühe ich mich seit kurzem um lebendige Gedanken. Wann hatte ich das letzte Mal herzlich gelacht? Stimmt, Tim hatte es mal wieder geschafft!

Letzten Sonntag gammelten wir Stunden lang in Cafés am See herum und genossen den Indian Summer (Altweibersommer klingt nicht so berauschend). Tim, der mir gleich zwei Gläser Weißweinschorle vom Kiosk mitbrachte, dokumentierte mit seinem iPhone Chloes Gesicht im Herbstlicht. Als Herbsttyp bekommt mir diese Jahreszeit außerordentlich. Willi stichelte hingegen statt zu schmeicheln:

Bei dem Licht ist es doch keine hohe Kunst gut auszusehen. Aber warte mal… was ist das denn? Deine Augen, die strahlen in der Herbstsonne wie, wie: OCKER!

Tim haute auch noch druff:

Chloes Augenfarbe ist ein großer Schocker,

wie im Farbmalkasten der Ton rechts außen: Ocker!

Das brachte mich in der Tat herzlich zum Lachen. Selber Schuld, wenn ich meine Date-Anekdoten so offenherzig herumerzähle. Dass ich damit ewig aufgezogen werde ist klar.

Aber weil es so unfassbar ist, verfasse ich das ganze nochmals für den Blog.

Eines Tages traf es sich, dass Chloe in Berlin ihr Date „Jobst, Joghurt auf Obst“ (Maya muss jeden Mann verbal zum Ritter schlagen) auf einen Kaffee traf. Erst wollte der Kerl mit mir den Fernsehturm hoch, dann (bei Regen!) in eine Spree-Strandbar. Ich bremste aus und erlaubte nur eine Stunde (meine mächtige Hauptstadtfreundin Maya säße mir im Nacken) zum Kaffee! Mitten im Verhör – kann man es fassen! Er fragte, was ich mehr möge, Kaffee oder Tee, Hunde oder Katzen? – fror sein Blick beim Anblick meiner Augen ein.

Ich bin das natürlich gewohnt. Seit Jahren erstaunen meine Mitmenschen ob meiner undefinierbaren Augenfarbe. „Sind die echt oder hast Du gefärbte Kontaktlinsen drin?“ – „Eine solche Farbe wird wohl nur noch in abgelegenen albanischen Bergdörfern kredenzt“. Auch Moma hat schon in der Abendsonne am Frankfurter Bahnhof den güldenen Strahl meines Blicks bewundert. Verklärte Bildungsbürger verglichen die Undurchsichtigkeit meiner Augen auch schon mal mit denen von Serpentina, der Figur aus ETA Hoffmanns „Der goldene Topf“. Aber tiefblau sind sie nicht… wahrscheinlich blieb nur die Assoziation der goldgrünen Schlangen haften. Denn goldgrün passt!

Jobst hingegen sah das anders: „Wie… wie… OCKER !!“

Chloe verschluckte sich fast am Kaffee: „Ocker?“ Diese Farbbezeichnung hatte sie selbst zum letzten Mal in ihrem Leben in einem Pelikan Farbmalkasten gelesen. Eine Farbe, mit der keiner malen wollte, die nie leer wurde.

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Das Date war erledigt. Der Schock saß jedoch tief. Einen Monat später fand ich mich mit einer Freundin bei einem Schminkkurs wider. Die Kosmetikerin wählte für mich einen intensiven lila Lidschatten aus. Das passe so gut zu meiner Augenfarbe. Nun zuckte ich schon innerlich zusammen. Das gewohnte Spiel ging los: „Was ist das eigentlich für eine Augenfarbe? Grün, braun, gold…“ – Ich setzte dem trostlosen Raten ein Ende: „Ein Date meinte mal: Ocker!“ Die ganzen liebreizenden Seerentnerinnen um mich herum brachen zusammen vor Lachen: „Ocker? Da hätte er ja gleich Schlamm sagen können!!“

Eine Woche drauf besuchte ich eine Freundin in München. Wir saßen gerade in der S-Bahn, als mir die Sonne direkt in die Augen schien. Die Schwester meiner Freundin setzte schon an: „Wow. Was hast Du denn für eine Augenfarbe? Die sieht aus wie…“ Ich befürchtete wieder nur das Schlimmste. „…wie: Bernstein!“ Nun gut, seitdem bin ich wieder etwas mit meiner Augenfarbe versöhnt.

Und einen Therapeuten, liebe Maya, brauch ich wirklich nicht! Sobald der mir tief in die Augen schaut, ist es doch eh um ihn gelaufen. Das bringt mich doch nicht weiter…

Sportschuhe sind keine Schuhe!

Wer wie Chloe den schwarzen Gürtel für Qualität inne hat, der weiß auch dieselbigen zu organisieren! Ihre Accessoires sind daher alle prozessorientiert nach dem First in – Last out-Verfahren (FILO) im Flur angesiedelt. Für den normalen Anwender wie folgt zu merken:

Tret ich herein, leg ich zuerst ab. Tret ich heraus, leg ich zuletzt an.

Ferner ist mein offenes FILO-Regalsystem ganz nach den Leitfäden des visuellen Managements gestaltet. Auf einen Blick erschließt sich der Garderoben-Projektmanagerin – nachdem sie zur Sicherheit noch ihr Weather-Pixie zu Rate gezogen hat – die Match-Plantechnik. Ob Handschuh, Regenschirm, Gürtel, Handtasche oder Schuhe: alles kann blitzschnell der Damenoberbekleidung zugeordnet werden. Die Reduzierung der Durchlaufzeiten ist höchstes Prozessziel! Dadurch schaffe ich mir mehr Freiräume für Telefonate, Make up und Leibesübungen. Zum Glück kann ich meine 5 S auch morgens um 5 im Schlaf sowie anderen betäubten Zuständen aufsagen:

Seiri (Sortieren: Jahreszeit ferne Handschuhe werden eingemottet)
Seiton (Systematisieren: Schuhe werden nach Absatzhöhe und Farbe abgelegt)
Seisō (Säubern: Das Regal wird stets um alte Saisonmodelle und -farben bereinigt)
Seiketsu (Standardisieren: Handtaschen immer mit der Öffnung nach vorne aufstellen)
Shitsuke (Selbstdisziplin (engl.: MONK): Erhaltung der Ordnung, Sauberkeit und Einhaltung der Standards)

Wenn nun ein Mann zum ersten Mal die Wohnung dieser Total Quality Woman betritt,

könnte er von Chloes bis zur Perfektion angewandten Kaizen-Methoden schon etwas verunsichert sein. Um meine Dates nicht weiter zu irritieren, habe ich daher vorerst von einem Kanban-System im Schuhregal abgesehen. [Anmerkungen des Über-Schuhs: Zu gerne würde ich bei jedem Kauf eines neuen Paar Schuhe die Mindestabsatzhöhe ermitteln, um eine Just-in-Time-Besohlung in Auftrag zu geben].

Zwangsneurotische Abgründe beiseite… wieder zum Wesentlichen: in puncto Handtaschen wissen männliche SpreeSee-Leser bereits, wie sie Maya manisch und mich cholerisch werden lassen. Aufpassen, Jungs! Nun wieder Notizblock und Stift zum Thema No Gos beim ersten Date zücken. Einen wahren Trampel erkennt man am folgenden Satz:

Du hast aber viele Schuhe!

ICH habe keinen Schuhtick! Männer können einfach nicht zählen. Das ist alles. Laut meiner für Chloe typischen 5-Sekunden-Recherche besitzt eine Frau im Durchschnitt knapp 14 Paar Schuhe. Da liege ich sogar drunter!
Denn, nun an alle Männer, hier der wesentliche Tipp zur Schuhrechnung des Fußwerks: Sneaker sind keine Schuhe, Kletterlatschen sind keine Schuhe, Wanderstiefel sind keine Schuhe, Adiletten sind keine Schuhe, FlipFlops sind keine Schuhe, Gummistiefel sind keine Schuhe und meine Joggingschuhe erst recht nicht!

Warum? Weil der Kauf dieser Schuhe mit keinem Glückshormon oder hysterischem Schrei verbunden ist. Weil der Kauf dieser Schuhe uns in den Rande des Wahnsinn treibt. Weil: „Iiiiiihhhhh, das ist so hässlich, das kann ich niemals tragen!!!“ Am Samstag durchlief ich ganz München mit meiner lieben Freundin und bekannten SpreeSee-Chefkommentatorin nach einem beschissenen Paar Indoor-Sportschuhen. Zwei Kriterien waren lediglich zu beachten: helle Sohle und Funktion. Ich konnte mich dennoch nicht überwinden, über die altbackene Optik hinwegzuschauen. Und jeder Versuch gewisser Brands, ihren Hallenschuhen etwas Pepp zu verleihen, war einfach nicht Ernst zu nehmen:

sportschuh

Ja, wir Frauen geben gerne mal 300 Euro für einen Hauch von Leder aus. Aber bei 125 Euro für nen Sportschuh, den ich gerade mal zwei Stunden in der Woche hinter vier geschlossen Turnhallenmauern trage, weicht die Kaufsucht der Nüchternheit. Ja, liebe Männer: Wo die Rationalität anfängt, hört der Schuh auf, Schuh zu sein !

Am Schluss kaufte ich nix. Schob das Problem auf bzw. warte immer noch auf Mayas Hilfe!! Du kannst mich doch nicht so fahrlässig hässlich meine Sportdates… äh Matches antreten lassen! Wo bleibt Dein Mode-Altruismus??