Menu für schwäbische Wutbürger

Maynen Urlaub im Stuttgarter Kessel versucht Charly so urban wie möglich zu gestalten. Urban heißt – Achtung Dialektik! – für Berliner bekanntlich, dass man sich nicht aus dem Dunstkreis von 1 km herausbewegt und sich seine dörfliche Gemeinschaft um sich herum neu erfindet. Im hippen Stuttgarter Süden machen wir das jetzt auch so, wir streifen durch den Kiez und gehen ZU FUSS (eine völlig absurde Handlung in Benztown!!!) und ohne uns chic zu machen auf eine Party. Was die Stuttgart 21 Gegner (einige unbeugsame Protestler konnte ich auch bei diesem Besuch noch ausmachen) nicht hinbekommen haben, schaffen wir: die Umwertung aller Werte an einem Freitag Abend.

Weil das so gut geklappt hat, machen wir am Sonntag auf der Jagd nach Burgern und Eis gleich so weiter. Problem: Stuttgart ist zu klein für unsere dynamischen Schritte, ehe wir uns versehen, sind wir schon mittendrin gelandet, aber wir wollen mal nicht zu dogmatisch sein!

Auf dem Weg habe ich entdeckt, dass die einheimischen Konditoren ihren Wutbürger die Waffen direkt zum Frühstück servieren:

Frühstück - Pflastersteine

Der Schwabe scheut die schwere Kost nicht!

Geschäftstüchtig, wie es sich für diesen Landstrich gehört, hat der Konditor für den Fall, dass das steinige Gutsle dann doch ein wenig auf den Magen schlägt noch eine entlastende Draufgabe im Angebot:

Antistress Pralinen

Was genau da drin ist, konnte ich noch nicht herausfinden.

Eigentlich dachte ich ja immer, Pralinen wirken grundsätzlich gegen Stress. Chloe zum Beispiel greift nach stressigen Meetings gerne in die Mon Cherie Schachtel. Ich persönlich glaube an die entspannende Wirkung von Seppis Hopfenkügele, diese könnte nur von Süßkram mit illegalen Substanzen übertroffen werden und soweit, die hier so offen zu bewerben, wird es wohl noch nicht gekommen sein.

Mittag beim Bürgermeister

Pünktlich zum Beginn der Karwoche – End- und Höhepunkt der christlichen Fastenzeit – hier eine kleine Huldigung der leckersten Scheinheiligkeit, die der schwäbische Erfindergeist hervorgebracht hat:

Es lebe das Herrgottsbescheißerle!

Maultaschen – ein schwäbisches Nationalgericht; es kann auch an Fastentagen, sprich fleischlosen Tagen gegessen werden d.h. es ist in katholischen Gegenden ein typisches Freitagsgericht und wird an Gründonnerstag landauf und landab gegessen, also auch bei den Evangelischen. Weil die Schwaben so gern Fleisch essen, kommt in die Fülle neben Fleisch sehr viel „Grünzeugs“ – meistens Spinat und/oder Kräuter, das Ganze wird dann mit Nudelteig umhüllt. So sieht der Herrgott den Verstoß gegen das Fastengebot nicht.

Als Exilschwäbin in Berlin – höre ich immer – könne ich mich wohl kaum beschweren. Schließlich gibt es jede Menge Lokale und Kneipen mit Maultaschen in allen Variationen auf der Speisekarte. ABER die Sortimente im Supermarkt sind gar nicht auf maynen Geschmack abgestimmt, wenn es überhaupt mal Maultaschen im Kühlregal gibt, dann immer nur die Standardversion und nie die richtigen saftigen gerollten. Es herrscht also ein gewisser Notstand, deshalb begebe ich mich bei den regelmäßigen Besuchen in der Kesselheimat stets auf der Suche nach traditioneller regionaler Nahrung  ins Städtle. Mir völlig schleierhafte Schlangen unzähliger Menschen, die sich zweifelhaftes Essen, dessen Bezeichnung „asiatisch“ wohl eher von der Aufmachung als der Zubereitung herrührt, lasse ich dabei links liegen.

Asiaimbiss

Ha noi - hier gibts nix umsonscht...nur gebratene Nudeln ausm Pappbecher!

Wieso sollte ich stundenlang für Fastfood anstehen, wenn ich beim Bürgermeister speisen kann?  Ich geh zum schwäbischen Schnellimbiss, hier kann man zum unschlagbaren Preis von 90 Cent bereits eine der geliebten Maultaschen bekommen – die gute gerollte ist ihre 1,50 natürlich mehr als wert. Gestern war ich allerdings experimentierfreudig und habe mich an diese – ebenfalls sehr leckere –  Innovation gewagt:

Lecker, g'sond und günschtig - Maultaschenquiche mit Salätle

Da lacht das Exilschwäbinnen-Herz ganz laut und herzhaft. Besonders schön ist die Lage des Bistros – nebenan hat sich nämlich das Kauf dich glücklich mit seiner südlichsten Filiale breitgemacht, leider bisher ohne das hervorragende Eis und die Waffeln, die in Berlin regelmäßig den SpreeSee-Zuckerspiegel hoch halten, dafür aber mit wunderschönen Klamotten und Krimskrams. Glücklich kaufen und futtern – was willsch mehr?

SpreeSee-Ausflug nach Frankfurt am Main

Dickes B oben an der Spree im Sommer tust du gut und im Winter tut`s weeeee-eeeh…!

deshalb macht SpreeSee sich morgen früh mit Hilfe dieses kleinen aber sehr feinen Gutscheinpakets vom Acker:

Fahrkarten, Friseur, Futter, Feierei - ein Wochenende in Gutscheinen.

Chloe vom See ist ja erst kürzlich hier in der großen Stadt im tiefen Osten angekommen, sie verträgt das raue Klima und die schlechten Straßenverhältnisse noch nicht so gut. Damit es nicht zu einem allergischen Schock kommt, hat sich SpreeSee entschieden gemeinschaftlich einen Ausflug in eine kleine westliche Stadt zu machen. Chloe kann hier auf überschaubarerem Terrain noch einmal Urbanität üben, während sich Maya vom Großstadtspleen erholt und endlich eine seit Monaten dringend benötigte Frisur erhält. (Chloe drohte neulich schon an, mich wegen mayner zerzausten Haare als Wischmopp für ihre neue Bude zu benutzen, wie bei den Flintstones.) Deshalb fungiert dieser Beitrag sowohl unter Landflucht als auch unter Stadtflucht – alles ist schließlich eine Frage der Perspektive.

Bei Friseur, Futter und Feierei werden die Batterien in der Mainmetropole aufgeladen!

Freundlicher Sponsor dieser Aktion ist die Kosmetik-Industrie, die ich per anhaltender Gewinnspielsucht angezapft habe. Das ist nur gerecht: betrachtet man mal allein den Wert der Lidschatten, die sich in unserem Besitz befinden, erscheint das Gutschscheinpaket wie ein kleiner Treuebonus.

Viel weniger selbstverständlich und äußerst entzückend ist, dass die orstansässige Lena uns eine Nacht aufnehmen wird und versprochen hat, alle mayne Vorurteile gegenüber der Mainmetropole abzubauen. Ich bin so gespannt!

Einziger Wermutstropfen: die Weather-Pixies streiken, gerade jetzt, da wir Beratung in Sachen Reise-Garderobenplanung bräuchten. Doch davon lassen wir uns nicht aufhalten.

Frankfurt, pass auf! Morgen kommen wir- um durch die Straßen zu latschen und dich vollzuquatschen…

Augenschmäuschen

Hedi Slimane versteht was von schmalen Bürschchen, das wissen wir schon seit er für Dior Homme unglaublich schöne Mode entworfen (das war im letzten Jahrzehnt) und den Männern damit die Magersucht nahegelegt hat. Selbst King Karl höchstpersönlich unterzog sich einer strengen Diät, nur um in diese wunderbaren exxxxxxtraslim geschnittenen Hemden und Anzüge zu passen.

Für das Magazin V Man hat Slimane einen bestechend schlichten und einfach zauberhaften Film gedreht. In meinen Augen eine  Hommage an verrückte Drummer und natürlich dünne aber äußerst wohlgeformte Boys.

Im Alltag wissen wir Frauen ja Männer mit was auf den Rippen zu schätzen, denn dass wir uns gegen den Diätenwahn erfolgreich zur Wehr setzen, können wir wohl kaum genießen, wenn das Bubi gegenüber nur einen Salat nimmt…

Nur gucken, nicht anfassen also.

Ist in diesem Fall auch besser:  Der Tänzer ist erst 16 Jahre alt!

Tatort – Schweinereien

Tatort aus Münster, Tempelräuber, 25.10.2009 – bleibt unbewertet

Tatort aus Berlin, Schweinegeld, 1.11.2009 – Note 2

Während Chloe in Argentinien gegen die Windböen kämpft, versuche ich im verregneten Deutschland der Tatort Pflicht alleine nachzukommen. Das ist nicht immer ganz einfach und deshalb musste die Rezension der Abenteuer unserer vielgeliebten Münsteraner ausfallen. Maya maynte nämlich das Wort „Live“ in Livestream nicht allzu ernst nehmen zu müssen und hatte gehofft, die Mediathek würde „Tempelräuber“ ein wenig länger zur Verfügung stellen – nix wars. So bleibt mir nur aus der Aussage meiner Mutter „Es war ganz witzig – der Gerichtsmediziner hatte beide Arme in Gips“ zu schließen, dass es mal wieder mehr Klamauk als Krimi war. Mehr als diese Vermutung steht mir jedoch nicht zu und auch der sonst so zuverlässige Tatortfan Stadtneurotiker scheint nicht geschaut zu haben.

Nach längerer Abstinenz gab es an diesem Sonntag also endlich mal wieder einen Tatort-Abend – und was soll man sagen? Er war sogar ganz gut.

Die Vorfreude trieb Charly und mich pünktlich vor den Fernseher, beim sonntäglichen Schnitzel mit Freunden wurde zuvor noch besprochen, was man vom Berliner Kommissar-Team zu halten hat. Einigkeit herrschte bei der Sympathie für das Ermittler-Duo Ritter und Stark. Wir mögen die beiden und sie begegnen uns auf unterschiedliche Weise im Alltag:

Während hier im Kessel angeblich gar ein Doppelgänger des stets verständnisvoll agierenden und mit scharfen analytischen Fähigkeiten ausgestatteten Stark alias Aljinovic herumläuft, beschreibt meine Berliner Redaktionskollegin ihn gerne mit dem wenig schmeichelhaften Vergleich „der, der aussieht wie ein Gnom“. Differenzen in der Einschätzung der Hierarchie – einige wollten den Stark doch glatt zum Helfer degradieren – sollten bereits kurz nach Sendebeginn von „Schweinegeld“ ausgeräumt werden.

Ritter landet nach einem ordentlichen Schlag auf dem Hinterkopf im Krankenhaus, zwar lässt der Fall ihn auch dort nicht los, die vordergründige Ermittlung übernimmt Stark jedoch alleine – von wegen Helfer. Unterstützung erhält er von Weber (immer schön kauzig und für einen trockenen Witz gut: Ernst-Georg Schwill), der endlich – nach Jahren des Faktenchecks vom Büro aus- auch einmal wieder „raus“ darf und sich dabei gar nicht so blöd anstellt. Sorry Ritter, das war mal eine ganz angenehme Abwechslung zu deinem sonstigen Stadtcowboy-Gehabe.

Inhaltlich bot der Film neben dem Tod des Besitzers einer Fleischfabrik, der nach ein paar Tagen Abwesenheit im Kühlhaus des eigenen Schlachthauses gefunden wird, eine Unmenge an Handlung und eine Vielzahl an Verbrechen und Verwicklungen. Das war einerseits verwirrend, andererseits ersparte es mir den vernichtenden Ruf

LANGWEILIG

aus Charlys Kehle, der wie ein Damoklesschwert über jedem Tatort hängt.

Die überladene Story voller Straftaten (Subventionsbetrug, Organisiertes Verbrechen, Menschenhandel, feindliche Übernahme, Körperverletzung, vorgetäuschte Entführung…) und menschlichen Abgründen (Betrug, Ehebruch, Vater-Sohn-Konflikt, verstorbenes Kind, Schuldgefühle, zerplatze Migrantenträume…) ließ in der Tat kaum etwas aus aber eben auch keinerlei Gähnen zu.

Am Ende hatte man eine ganze Menge Menschen mit ganz viel Dreck am Stecken gesehen und das Motiv des eigentlichen Täters, der als relativ sympathischer Unglücksrabe innerhalb der ganzen Schweinerei rüberkam, ist vielleicht etwas zu kurz gekommen.

Mehr ins Detail mag ich gar nicht gehen und nur sagen, dass ich mich trotz einiger Schwächen in Dramaturgie und Konstruktion durchaus gut unterhalten fühlte, es spannend und auch berührend fand. Da die Geschichte mir aber in fantastischen Bildern und von einem ganz hervorragenden Ensemble voller guter Schauspieler erzählt wurde, fällt die Note sogar überdurchschnittlich aus.

Kann natürlich auch daran liegen, dass ich für die ganz besondere Ästhetik von Schlachthofszenen dank Abitur-Sternchenthema Döblins Berlin Alexanderplatz extra viel übrig habe…

Wahlsonntag in der Hauptstadt (Part 2)

Public Viewing im Regierungsviertel

Public Viewing im Regierungsviertel

Nach dem erfolgreichen Auffinden des Wahllokals und der Stimmabgabe machte ich noch einen kleinen Spaziergang zwischen Kanzleramt und Reichstagsgebäude. Rund ums Zentrum der politischen Macht scharten sich haufenweise Journalisten und mit vielen anderen teilte ich ein bisschen das Gefühl hier vor den Toren der politischen Machtzentrale „näher dran zu sein“ am Geschehen. Statt in der Hand einer Partei oder des Volkes schien allerdings  besonders der Reichstag komplett durch die ARD besetzt zu sein, zumindest die riesigen Traversen und Banner ließen diesen Verdacht zu. Ein Public Viewing gab es sogar auch – allerdings genügte im Gegensatz zu Sportereignissen eine einzige Videoleinwand.

Große Begeisterung löste das Infocenter des ARD-Hauptstadtstudios mit einer Gratis-Kuchen-Aktion aus. Auch ich brachte es natürlich nicht über mein neugieriges Exilschwabenherz, an diesem Schild vorbeizugehen:

Hier gibt's was umsonscht!

Hier gibt's was umsonscht!

Dass gerade in Krisenzeiten jeder ein Stück vom noch übrigen Kuchen ab will, ist ja klar, dass die Parteien am Wahlabend ein möglichst großes Stück vom Kuchendiagramm möchten auch, aber sollte die ARD derart viele Gebührengelder auf der hohen Kante haben, dass sie tatsächlich einfach mal Freikuchen für alle ausruft?

Natürlich nicht! Vor den Kuchen hat das Hauptstadtstudio ein paar Quizfragen gestellt und die beziehen sich natürlich auf das eigene Programm – schön die eigenen Zuschauer belohnen, so ist’s fein.

Eine ganz hübsche Metapher war die Sache mit dem Kuchen natürlich schon. Vor allem weil der Trend der Zerstückelung des Kuchens in viele schmale Scheibchen, der am Abend das Wahlergebnis-Kuchendiagramm prägte, beim echten Schokokuchen hellseherisch vorweggenommen wurde.

Hier meine Koalition aus drei kleinen Kuchenparteien, die für Verhandlungen in meinem Bauch verschwanden:

Schon Marie-Antoinette wusste: Wer kein Brot hat, isst einfach Gratis-Kuchen.

Schon Marie-Antoinette wusste: Wer kein Brot hat, isst einfach Gratis-Kuchen.

Versorgungsnotstand in der Berliner-Bananenrepublik

Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und fragt Euch mit Maya:

Was soll denn eigentlich noch alles passieren im gebeutelten Berlin?

Erst brechen im S-Bahn-Chaos entscheidende Teile des ÖPNV in der Hauptstadt völlig zusammen und nun steige ich aus der überfüllten Bahn um prompt vor gähnend leeren Supermarktregalen zu stehen:

Foto0515

"Aus technischen Gründen zur Zeit kein Verkauf kühlpflichtiger Artikel"

Eingeschränkte Mobilität und kein frischer Käse: Bei solchen Zuständen werde ich doch glatt zur Manic Maya!

Was ist hier eigentlich los, ist ein Krieg ausgebrochen und ich habe es nicht mitbekommen? Wird die Mauer wieder hochgezogen und ich befinde mich wieder im real existierenden Sozialismus samt Mangelwirtschaft?

Kommt jetzt nach Notfahrplan auch noch die Notversorgung? Sollte ich etwa beginnen Kommissbrot, Dauerwurst und haltbaren Analogkäse zu hamstern?

Soll ich am besten auch gleich ein paar Kanister Wasser und Kerzen einlagern, falls auch Strom- und Wasserleitungen gekappt werden?

Was eignet sich wohl als beste Währung, wenn der Schwarzmarkt rund ums Brandenburger Tor wieder aufgemacht wird? Vielleicht tausche ich zur demnächst stattfindenden Leichtathletik WM mit den Marathonläufern – ich könnte ihnen eventuell gegen ein Blasenpflaster hochkonzentrierte Kraftriegel und Bananenstückchen abluchsen.