Aufständisches Milchprodukt

Dass mayn Single-Einkaufsverhalten dank Fernbeziehung im Supermarkt  oft zu unerwünschten Avancen führt, habe ich ja bereits früher einmal berichtet, dass ich regelmäßig beim Erstehen von Alkohol die Ausweishürde nehmen muss, regt mich auch einigermaßen auf. Ich finde es im Gegensatz zu den meisten Menschen nicht unbedingt schmeichelhaft, ein Jahrzehnt Lebenserfahrung aberkannt zu bekommen – jünger auszusehen ist ok, wie ein Kind nicht.

Aber manchmal gibt es auch schöne Erlebnisse im Supermarkt. Zum Beispiel wenn die Dame an der Frischetheke ihren guten Tag hat. Ich muss leider sagen, dass das nicht sooo oft vorkommt. Häufig ist sie die typische Berliner Schnauze, oft müde und auch gerne mal wortkarg. Wenn sie aber aufdreht, dann so richtig. Zum Beispiel heute.

Heute war sie schon begeistert dabei, den Herren vor mir in der Schlange zu bedienen, konnte ich auch verstehen, denn er hat wirklich leckere Sachen eingekauft und nicht auf den Preis geschaut. Erleichtert konnte ich immerhin feststellen, dass auch er kein Freund der großen Portionen war (ich bin noch nicht ganz frei von der Scham über die Mini-Mini-Mini-Ecken, die ich mir abschneiden lasse). Bei der Käseauswahl um Rat gefragt, blühte sie dann völlig auf. Und so kam ich dann gleich mit in den Genuss, verschiedene Sorten durchtesten zu dürfen.

Zum krönenden Abschluss bekamen wir, schon ganz eingelullt von soviel Servicelust, noch ein Highlight serviert:

Dit kann ick nich beschreiben, den MÜSSEN se probiern!

Der würzige Käse, dessen Beschreibung wirklich nicht ganz leicht fällt und von der Firma mit dem Wort g’schmackig bezeichnet wird, trägt den lustigen Namen Rüblirebell. Er besticht nicht nur mit absolut leckerem würzigem Aroma, sondern auch durch eine leuchtend orange Farbe.

Die Geschmack und Farb gebende Karotte ziert auch die Rinde des Rebellen.

Ich war überzeugt, mein Vordermann auch und die Dame hinter mir ebenfalls. Bevor ich dran kam, verabschiedete unsere Käse-Sommelière den Herren mit:

Wie? Sie haben schon genug? Hat doch gerade so Spaß gemacht!

Und weil sie noch ein wenig Charme für mich übrig hatte, bekam ich statt der genügsam georderten bereits vorhandenen Lage Kernschinken aus der Theke mayne Scheiben ganz frisch aufgeschnitten:

Der sieht aber nicht mehr so gut aus – machen wir neu!

Verkaufsaktion perfekt! Dankeschön.

Fenster zur Straße – ein Weihnachtsmysterium

Die Gans ist verspeist, die Geschenke sind ausgepackt und die Plätzchen dezimiert: es ist der 1. Weihnachtsfeiertag und man liegt zufrieden auf dem Sofa, zieht sich das absurde Weihnachtsfernsehprogramm rein und weil das so einschläfernd ist, schweift der Blick zum Fenster hinaus.

Und was erspähe ich da? Einen Schmuck, der den Lichtmüll auf Landstraßen im letzten Jahr noch an Seltsamkeit übersteigt:

Gefiederte Flügel im Fenster

Und da beginnt schon die Traditon des Weihnachtsrätsels in mir zu arbeiten. An was erinnert diese Form noch gleich? Natürlich: was da aussieht wie harmlose Engelsflügel, erinnert im Dunklen doch ganz stark an das Markenzeichen eines irdischen Helden: Batman!

Handelt es sich beim Fenster gegenüber tatsächlich nur ein Weihnachtsschmuck oder doch ein Hinweis darauf, dass Stuttgart nichts geringeres als Gotham City ist?

(Übrigens, das knutschende Pärchen unter dem doppeldeutigen Symbol ist mir erst nach der fotografischen Dokumentation aufgefallen. Die werden mich jetzt wohl für immer als Spannerin abgestempelt haben)

Vorweihnachtliche Tatort-Nachlese – Die guten ins Bayern-Töpfchen, die schlechten ins Sachsen-Kröpfchen

Lange, lange haben wir die Tatort-Rezensionspflichten vernachlässigt und zwar sogar so lange, dass ich mir jetzt vorkomme wie Aschenputtel in SpreeSees liebstem Weihnachtsfilm: vor mir hat die böse Stiefmutter ARD den Inhalt zweier Schüsseln ausgeschüttet und gesagt:

Faule Maya – jetzt aber hurtig, klaube das mal auseinander…und zwar so schnell wie gründlich.

Nun sitze ich hier und versuche mich zu erinnern, was so los war an den letzten Sonntagen, zum Glück war es fast so einfach und schwarz-weiß wie im Märchen, also schaffe ich es womöglich ohne die Hilfe von Federvieh. Los gehts mit „die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen„:

1. Tatort aus Leipzig, Falsches Leben, 6.12.2009, Note 4
Am Nikolaustag kamen Maya und Charly berauscht von Bratapfel und Glühwein vom Adventstreffen mit Freunden und stöhnten verzweifelt auf. Ein Leipziger Tatort stand auf dem Programm, mit unserer meistgehassten Ermittlerin Eva Saalfeld, gespielt von Simone Thomalla, die derart verzweifelt auf jugendlich macht, dass man Mitleid bekommen könnte, würde sie nicht so nerven. Zum Glück gibt es da aber einen Lichtblick im sächsischen Team, der mich davon abhält, mich in Zukunft diesem Tatort völlig zu verweigern: Kai Schumann als äußerst ansehnlicher Rechtsmediziner ist auf jeden Fall ein Pro für den Leipziger Tatort, leider war er viel zu kurz im Bild…

Zur Story: Pünktlich zum ausgehenden Mauerfalljubiläumsjahr wurde hier mal versucht, ordentlich DDR-Geschichte aufzuarbeiten. Dabei weist schon der Titel daraufhin, dass sich hier kaum die Suche nach dem eventuellen richtigen Leben im falschen anbietet, sondern vielmehr lauter falsche Leben im falschen aufgetan um nicht zu sagen „aufgeklärt“  werden.

Ein abgebranntes Jugendhaus in dem sich eine Leiche befindet ist der Ausgangspunkt, die Ermittlungen führen zu einem Knäuel voller verschiedener Spuren, die alle einen gemeinsamen roten Faden in der Vergangenheit haben. Eine Rose aus Gold (haben die Tatortschreiberlinge etwa kürzlich einen Opernbesuch beim Rosenkavalier gemacht? die Reinkarnation Hugo von Hofmannsthals sind sie nämlich sicher nicht, der war millionenmal besser!- aber das nur nebenbei-) wird nämlich am Tatort gefunden. Das Knäuel an Menschen ist wirr, mögliche Schuldige sind zunächst die Antiquitätenhändler Kleeberg, denen das Grundstück gehört, auf dem das Jugenhaus steht. Schließlich laufen die Geschäfte nicht mehr so blendend und da wäre ein lukrativer Immobilienverkauf womöglich die Rettung. Und Huch – auch die Kleebergs sind Rosenbesitzer. Heiße Spur, sag ich mal. Weiterlesen

Abreibung für den Rockstar des Jahres

In der gestrigen 20-Uhr Tagesschau nur am Rande mitbekommen, da der heiße Draht nach Maui gerade glühte, dafür aber heute die Boulevard-Nachricht des Tages:
Hat doch tatsächlich unser herzallerliebster Rockstar des Jahres, der uns mit Lifting, Frauengeschichten, dummen Scherzen, Gaunereien aller Art und seinem Nebenberuf als italienischer Ministerpräsident stets gut unterhält, mal ordentlich auf die Mütze bekommen!

Das sorgt für Diskussionen am Mittagstisch von Charly und Maya.
Denn Maya maynt (fast schon bewundernd):

Iste Silvio super Medien-Profi – gehte nicht in die Wagen bevor noch einmal hat gezeigt blutige Gesichte in alle Kameras!

(Sorry für die miese Italo-Akzent-Nummer, habe aber gerade zum leichten Zeitvertreib diesen Bestseller „Maria ihm schmeckt`s nicht“ gelesen und danach geht das einfach wie geschmiert.)

Charly hingegen vermutet gar die ganz miese Verschwörung:

Kann ich mir super vorstellen, dass er sich mit Absicht die Fresse polieren lässt. Ganz miese Mitleidsnummer dank Auftragsschläger!

Neee, ne. Das traue nicht einmal ich dem Silvio zu, obwohl ihm die Geschichte bestimmt einen schönen Grund für eine neue Renovierung seiner Opi-Fassade liefert. Na dann – Gute Besserung Silvio!
Und liebe Italiener: KEINE GEWALT – besser nächstes Mal anders wählen!!!

Tatort – Schweinereien

Tatort aus Münster, Tempelräuber, 25.10.2009 – bleibt unbewertet

Tatort aus Berlin, Schweinegeld, 1.11.2009 – Note 2

Während Chloe in Argentinien gegen die Windböen kämpft, versuche ich im verregneten Deutschland der Tatort Pflicht alleine nachzukommen. Das ist nicht immer ganz einfach und deshalb musste die Rezension der Abenteuer unserer vielgeliebten Münsteraner ausfallen. Maya maynte nämlich das Wort „Live“ in Livestream nicht allzu ernst nehmen zu müssen und hatte gehofft, die Mediathek würde „Tempelräuber“ ein wenig länger zur Verfügung stellen – nix wars. So bleibt mir nur aus der Aussage meiner Mutter „Es war ganz witzig – der Gerichtsmediziner hatte beide Arme in Gips“ zu schließen, dass es mal wieder mehr Klamauk als Krimi war. Mehr als diese Vermutung steht mir jedoch nicht zu und auch der sonst so zuverlässige Tatortfan Stadtneurotiker scheint nicht geschaut zu haben.

Nach längerer Abstinenz gab es an diesem Sonntag also endlich mal wieder einen Tatort-Abend – und was soll man sagen? Er war sogar ganz gut.

Die Vorfreude trieb Charly und mich pünktlich vor den Fernseher, beim sonntäglichen Schnitzel mit Freunden wurde zuvor noch besprochen, was man vom Berliner Kommissar-Team zu halten hat. Einigkeit herrschte bei der Sympathie für das Ermittler-Duo Ritter und Stark. Wir mögen die beiden und sie begegnen uns auf unterschiedliche Weise im Alltag:

Während hier im Kessel angeblich gar ein Doppelgänger des stets verständnisvoll agierenden und mit scharfen analytischen Fähigkeiten ausgestatteten Stark alias Aljinovic herumläuft, beschreibt meine Berliner Redaktionskollegin ihn gerne mit dem wenig schmeichelhaften Vergleich „der, der aussieht wie ein Gnom“. Differenzen in der Einschätzung der Hierarchie – einige wollten den Stark doch glatt zum Helfer degradieren – sollten bereits kurz nach Sendebeginn von „Schweinegeld“ ausgeräumt werden.

Ritter landet nach einem ordentlichen Schlag auf dem Hinterkopf im Krankenhaus, zwar lässt der Fall ihn auch dort nicht los, die vordergründige Ermittlung übernimmt Stark jedoch alleine – von wegen Helfer. Unterstützung erhält er von Weber (immer schön kauzig und für einen trockenen Witz gut: Ernst-Georg Schwill), der endlich – nach Jahren des Faktenchecks vom Büro aus- auch einmal wieder „raus“ darf und sich dabei gar nicht so blöd anstellt. Sorry Ritter, das war mal eine ganz angenehme Abwechslung zu deinem sonstigen Stadtcowboy-Gehabe.

Inhaltlich bot der Film neben dem Tod des Besitzers einer Fleischfabrik, der nach ein paar Tagen Abwesenheit im Kühlhaus des eigenen Schlachthauses gefunden wird, eine Unmenge an Handlung und eine Vielzahl an Verbrechen und Verwicklungen. Das war einerseits verwirrend, andererseits ersparte es mir den vernichtenden Ruf

LANGWEILIG

aus Charlys Kehle, der wie ein Damoklesschwert über jedem Tatort hängt.

Die überladene Story voller Straftaten (Subventionsbetrug, Organisiertes Verbrechen, Menschenhandel, feindliche Übernahme, Körperverletzung, vorgetäuschte Entführung…) und menschlichen Abgründen (Betrug, Ehebruch, Vater-Sohn-Konflikt, verstorbenes Kind, Schuldgefühle, zerplatze Migrantenträume…) ließ in der Tat kaum etwas aus aber eben auch keinerlei Gähnen zu.

Am Ende hatte man eine ganze Menge Menschen mit ganz viel Dreck am Stecken gesehen und das Motiv des eigentlichen Täters, der als relativ sympathischer Unglücksrabe innerhalb der ganzen Schweinerei rüberkam, ist vielleicht etwas zu kurz gekommen.

Mehr ins Detail mag ich gar nicht gehen und nur sagen, dass ich mich trotz einiger Schwächen in Dramaturgie und Konstruktion durchaus gut unterhalten fühlte, es spannend und auch berührend fand. Da die Geschichte mir aber in fantastischen Bildern und von einem ganz hervorragenden Ensemble voller guter Schauspieler erzählt wurde, fällt die Note sogar überdurchschnittlich aus.

Kann natürlich auch daran liegen, dass ich für die ganz besondere Ästhetik von Schlachthofszenen dank Abitur-Sternchenthema Döblins Berlin Alexanderplatz extra viel übrig habe…

Gewerkschaftsobama verstrickt sich im Multi-Level-Game

Tatort aus München, Um Jeden Preis, Sonntag, 18.10.2009

Note: Tatort ohne Mord – München wird alt, nicht vergleichbar

Vorschlag zur Güte liebe Müncher: lasst die uns so ans Herz gewachsenen Batic und Leitmayr den Dienst quittieren und gebt ihnen ein schickes Spin-Off. Da können sie in ihrer Männerfreundschaft schwelgen und weitere Geschichten aus der Vergangenheit ausgraben, vielleicht Partnerinnen suchen, finden und wieder verlieren und saufen und kicken und sich gegenseitig ankauzen.Vielleicht könnten sie in neuem Format auch den alten Weggefährten Carlo wiederfinden – das waren noch Zeiten!

Aber als Tatort-Kommissare sind die beiden ganz offensichtlich auserzählt, haben schon jeden denkbaren Fall gehabt und waren schon in allen möglichen Konstellationen – mal der eine mal der andere – befangen, haben sich zerstritten und am Ende wiedergefunden. Weil auch die Schreiber das wissen, halsen sie uns Zuschauern in ihren verzweifelten Versuchen neues Blut heranzuschaffen „Austauschkollegen“ auf – ja sind wir denn wieder in der Schule?

Und heraus kommt dann sowas, wie am Sonntag:

Ein Tatort ohne Mord und ohne größere Ermittlung. Eine grotesk als Hassobjekt ausgestellte Journaille, die als dieses aber schon genauso abgegriffen ist wie die guten Kommissare. Ein Kollege, der als kleiner pummeliger Klischee-Italiener selbstverständlich permanent die MAMA am Telefonino hat, die bayerischen Jungs beim Fußball foppt, aber auch mit Espresso und Tramezzini tröstet, garniert mit dem Satz: „Nicht’e traurig, lieber essen!“

Dabei hatte die Story durchaus was für sich. Die Geschichte des „Arbeiterführers“ Leo Greedinger, der im schicken Anzug eine „Agenda“ vorlegt und Gefahr läuft, den Kontakt zur Masse zu verlieren, weil er um jeden Preis seine Vision der global vernetzten Gewerkschaften verfolgen möchte, wirkte doch durchaus realistisch fast schon parodistisch, wenn man an die Zeiten denkt, als noch ein Gerhard S. Kanzler und die SPD eine Volkspartei war.

Dieser „Gewerkschaftsobama“ wird witziger Weise von Thomas Sarbacher verkörpert, der letzte Woche als Trüffelfan und Frauenmörder Lena O. bezirzte, hätte auch mal jemandem auffallen können, dass man das nicht unbedingt an zwei aufeinander folgenden Sonntagen bringt.

Greedinger ist verstrickt in ein allzu kompliziertes Spiel. Sein Job sieht ein typisches Two Level Game vor, er muss im Aufsichtsrat Entscheidungen mittragen und diese an der Basis den Arbeitern schmackhaft machen, umgekeht bei den Bossen das Beste für seine Klientel herausholen, ein ständiges Verhandeln an zwei Fronten also. Doch wer Ambitionen hat, hats noch schwerer und spielt auf viel mehr Levels. Beim modernen Gewerkschaftsgame muss er mit seinem Vater, der ein Arbeiterführer der alten Schule war, über die neuen Zeiten streiten, sich gegen intrigante Genossen aus den eigenen Reihen behaupten, vom Aufsichtsrat wird er wiederum in schmutzige Bestechungsgeschäfte hineingezogen und ob seiner charismatisichen Ausstrahlung auf den schwulen investigativen Journalisten Rainer Truss angesetzt, der die Sauerei aufdecken möchte. Blöd nur, dass der junge Idealist noch nicht so abgebrüht ist, wie der Agenda-Autor. Er baumelt zu Beginn des Tatorts an einer Brücke und bringt die Ermittlungen der Kommissare in Gang, denn dieser Suizid scheint doch ein wenig herbeigenötigt und soll zu schnell unter den Teppich gekehrt werden. Deshalb muss Greedinger dann auch noch ein Level gegen seinen alten besten Kumpel Batic und die Polizei spielen. Weil Ivo sich aber genau erinnert, welche Cheats der Leo schon als Kind drauf hatte, heißt es dann am Ende für den Gewerkschaftsobama:

GAME OVER

Unter Pennern

Tatort aus Köln „Platt gemacht“, Sonntag 4.10.2009, 20.15 Uhr

Gut gedacht, schlecht gemacht – Trivial, überzeichnet, fehlbesetzt, bisschen spannend 3-4

dietmar bär hat coole mütze im tatort

so uninteressant war der Tatort, dass die Menschen vor lauter Langeweile die Mütze des Kommissars googleten. Chloe und ich sind uns nach kurzer Lagebesprechung einig: die Mütze war echt nichts besonderes. Während die Madame am See sich an die 90er Kangoo-Caps erinnert fühlte, fiel mir Heinz Beckers Kappe ein, COOL – lieber Googler – ist anders.

Allerdings sagt die Anfrage doch einiges über die Qualtität des Tatorts aus Köln aus. Der trat zwar ambitioniert mit einem sozialkritischen Thema und einem spannenden Fall an – zwei Tote mit Glykolvergiftung im Pennermilieu – machte den Ansatz aber durch ganz platte Nebenhandlungen und schreckliche Überzeichnungen nieder. Wer sich mit dem Leid von Obdachlosen auseinandersetzen und etwas darüber erfahren möchte, der lese den Erfahrungsbericht von Günther Wallraff in der Zeit. Hätten sich die Tatort-Schreiber mal lieber davon inspieren lassen anstatt vom Lokalkolorit-Song „Alles verlore“ der unerträglichen Karnevalsband Höhner.

Was wir hier geboten bekommen ist ein fein nach dem Rezept des Trivialromans zusammengemanschtes Kriminalragout.

Man nehme einen Haufen Gegensätze:

die ärmsten der Armen – eine Horde Obdachlose inklusive einer jungen schönen Stricher-Leiche

die reichsten der Reichen – Plastische Chirurgen, Anwälte, Elektromarkt-Imperien-Besitzer

zwei aufrechte und einen gefallenen Helden – die Kommissare Ballauf und Schenk sowie ein ehemaliger Kollege und jetzt Privatdetektiv

eine große Portion Schicksalschläge – hier eine HIV-Infektion, da ein tötlicher Autounfall, der die Familie des Ex-Polizisten zerstörte. Dieser griff aus Trauer zur Flasche und musste den Polizeidienst quittieren. Der Unfallverursachers tut nun seine Buße, indem er als Obdachloser lebt und dauernd jedem, der es hören mag oder nicht, ein situationsbezogenes Zitat aus der Hochliteratur  hinwirft.

eine große Aufregung, die alle Beteiligten zusammenbringt – unter den Obdachlosen treibt ein Mörder sein Unwesen, er killt die Leute perfide mit Frostschutzmittel in teuren Weinflaschen – wer sollte da widerstehen können…

Jung und alt, reich und arm, Betroffenheitsgeschwafel, schwere Schuld und Läuterung, Selbstjustiz, Undercover-Obdachlosen-Einsätze, böse Kioskbesitzerinnen, gierige Erbschleicherei, seltsame Kommissarhintergrundstorys

Alles klar? Dieser Eintopf ist eindeutig überwürzt.

Am Ende hat man einiges Sodbrennen und muss sich erstmal sortieren und zusammenreimen, was einem da alles serviert wurde.

Verdauliche Bestandteile:

Die Aufklärung der verschiedenen Fälle verlief einigermaßen spannend. Der junge Stricher hat sich selbst vergiftet, der zweite Tote fiel einer Verwechslung zum Opfer, weil er dem wahren Ziel des Anschlags – dem Buße-Penner Beethoven – den Mantel geklaut hatte. Der zweite und dritte Mordversuch an Beethoven durch den Detektiv, dessen Familie er damals in einem Unfall getötet hatte und durch die Anwältin, die seine Cousine ist und das Elektro-Imperium alleine erben möchte, konnten verhindert werden. Der Penner Beethoven ist nämlich in Wahrheit steinreich. Da waren schon ein paar irreführende Fährten gelegt, denen man hätte auf den Leim gehen können, wäre da nicht die andauernde Empörung über

die unverdaulichen Bestandteile:

Ich liebe Udo Kier, aber an der Darstellung einer derart fehl-konstruierten Figur muss auch er scheitern. Ich nehme ihm das nicht ab, dieses selbstauferlegte Leben auf der Straße, wo er natürlich allen Anfeindungen standhält, weder schnorrt noch trinkt, noch stinkt, denn als Erbe einer Unternehmerfamilie gehört er ja gar nicht hier her und das Schnorren, Saufen und Stinken, davor schützt einen natürlich die bei Elektromarkt-Betreibern übliche hochkulturelle Bildung (Mediamarkt – „Ich bin doch nicht blöd“???). Ich finde das ziemlich zynisch. Unverständlich ist auch, dass er dann plötzlich am Ende des Films doch wieder aus der Gosse auftaucht und im schnieken Anzug einen Großteil des Erbes an eine Obdachlosenstiftung spendet. Genug gebüßt – ab jetzt gibt er seine Orgelspielkünste und literarischen Anspielungen wieder der vornehmen Gesellschaft zum Besten.

Ebenfalls indiskutabel ist der Plastische Chirurg, der ein Verhältnis mit dem suizidalen Stricher hatte und dem Kommissar Ballauf bei jeder Gelegenheit eine neue Nase aufschwätzen möchte – Klischeealarm hoch zehn.

Dass der fette Mützenträger Schenk ausgerechnet die mörderische Anwältin anheuert, um den besagten Schönheitsdoktor auf Schadenersatz wegen des missglückten Facelifts seiner Frau zu verklagen, hat mir den Eintopf endgültig vergällt.

Kölner Tatort bestelle ich nicht so bald wieder!