Der Abschiedsblues

Es ist beschlossene Sache: Chloe verlässt den See, um nach Übersee zu gehen. Kurz vor dem einjährigen Jubiläum von SpreeSee. Aber das Konzept und der Blog bleiben erhalten. Denn die Freundschaft von Maya und Chloe ist unerschütterlich wie ein Schüttelreim. Kurz vor Chloes Abflug jährt sich ferner noch ein viel wichtigeres Ereignis: Die erste Begegnung der wissensdurstigen Schöngeisterinnen im alternativen Tübingen vor zehn Jahren an einem goldenen Oktobertag:

Lese ich Franz Kafka
muss ich an dich denken,
bei Jacques Lacans
kann mich nicht ablenken,
Entfremdet im Imaginären, so standst du da
Um uns wurde interpretiert und wir kamen uns nah
Lese ich Franz Kafka
muss ich an dich denken,
bei Jacques Lacans
kann mich nicht ablenken,
Entfremdet im Imaginären, so standst du da
M-A-Y-A

Gestern sang ich jedoch erstmal für Muckie, die sich groß in den Urlaub verabschiedete. Es wurde in süditalienischem Flair am See mit Familie und Freunden gekocht. Muckie reist für drei Wochen mit dem Rucksack alleine durch Norwegen.

Auch wir beiden Seefrauen jubilieren diese Woche! Muckie ist eine recht „frische“ Freundin, mit der ich im letzten Jahr einer sehr intensive Freundschaft aufbauen konnte. Jede Lebensphase birgt Schätze. Muckie war hier unten vor Ort am See meine große weibliche Schulter. Jede Single-Frau braucht eine Single-Freundin. Und als ich gerade im vollsten Männerstress allen meinen Schlümpfen die Freundschaft gekündigt hatte, stand sie so unverhofft da! Mitten auf dem Kulturufer kam die rasante Donna letztes Jahr auf ihrer Vespa an den Pavillon angerollt. Seitdem teilen wir Freud und Leid. Begießen Sekt und Tränen auf misslungene Dates. Der Samen ist gesät für eine langjährige Beziehung!

Unser missionarischer Einsatz verbinden uns: Muckie und Chloe sind die leidenschaftlichsten ehrenamtlichen Filmvorführerin, die Friedrichshafen je gesehen hat. Schade, dass Muckie zum großen Open Air Happening auf dem diesjährigen Kulturufer fehlt. Wahrscheinlich wird sie im hellen Norden die Fjorde rocken!

Dafür kehrt mein alter französischer Lehrmeister – der den See seit einem halben Jahr gen Heimat verlassen hat – zu einem Gastspiel zurück. Die Vorfreude über das Celluloid in seinen Händen ist kaum zu überlesen:

Wenn Ihr kein Problem hättet, würde ich sehr gern die Filme von Fr und Sa richten und die Filme von Do und Fr zurückziehen (ich bin echt davon süchtig 😉 ). Dafür wäre es möglich einen Schlüssel des Vereins für die Zeit zu organisieren?

François hat mich als erster in die hohe Kunst des Filmeinlegens eingeführt. Heute noch höre ich seine Stimme im Off,

Chloe, spüührst Du den öchsten Punkt?

wenn ich den Film am Projektor justiere. Der strenge Ingenieur putze nach jeder Vorstellung die Eingeweide der Linse mit einer Zahnbürste. Muckie und ich befürchten, dass François bei seinem Gastspiel eine paar Schlampereien unsererseits aufdecken könnte…

Ach, wie sehr kann ich jetzt – da ich die schwere Luft im Vorführraum bald nicht mehr atmen werde – ebenfalls die unerfüllte Liebe unseres François nachempfinden. Mein Herz schmerzt beim Gedanken daran, das Kino und meine liebgewonnen Kinoten zu verlassen.

Gestern führten wir für die Bewerberauswahl der Zeppelin University eine Fallstudie im Namen des Kulturvereins durch. Ein Abiturient fragte mich, was mich denn dazu bewegen würde, ehrenamtlich für den Verein zu arbeiten. Ich antwortete schlicht:

Ich liebe es, wenn der Film angeht!

Das Geräusch, wenn der Projektor zu knattern anfängt. Der Augenblick, in dem der Bildstrich hektisch angepasst werden muss. Die Stille, wenn ich den Ton vergesse. Die wackelnden Hinterköpfe, wenn das Publikum lacht. Die Aufregung, wenn ich um Verständnis bei einem Kabelsalat bitten muss (einen Filmriss hatte ich zum Glück noch nie!)… Ach, was werde ich das Kino vermissen!

Die Ironie will es, dass mein Nachfolger in meinem unehrenamtlichen Job zuletzt ein großes vom Staat subventioniertes IT-Projekt betreut hat, in dem das Kino von analog auf digital umgestellt wurde. Chloe ist anachronistisch, Chloe ist Geschichte! Die Herrin vom See sagt Ade!

Samstag am See

Freitag Abend vor dem nächsten Wochenende – das hier ganz vom Seehasenfest und der Outdoor Messe überschattet ist – schmerzt mich noch der Gedanke an das allerletzte. Von wegen aller Guten Dinge sind DREI. Letzten Samstag fiel ich gleich drei Mal auf die Schnauze.

1. Ein neues Museum für Friedrichshafen !

Ganze vierzehn Tage vor der offiziellen Eröffnung kam ich über Kollegen in den Genuss, das neue Dornier Museum Friedrichshafen zu besichtigen. Dornier, chlaubte Chloe, klingt nach einer fantastischen Gemäldesammlung! Sicherlich hat der Großindustrielle Claude aus Kempten mit den Einkünften seiner Flugzeugkonstruktionen für den Grafen Zeppelin großartig in Kunst investiert. Ein kleiner Fön drübte zwar morgens schon meine Stimmung, aber zur Mittagszeit standen wir neugierig vor den Pforten dieser modernden Architektur:

Eingangspforte Dornier Museum Friedrichshafen

Eingangspforte Dornier Museum Friedrichshafen

Langsam ahnte mir auch Ungeheuerliches. Das Gebäude ward nicht nur auf das Flugzeuggelände verpflanzt, es war auch von solchen umgeben! Lauter Dos verdeutlichten mir, worum es eigentlich ging: Ein technisches Museum! Der Claim auf der Eintrittskarte „Dornier Museum Friedrichshafen – Where Great Pioneers Meet” gab mir den Rest. Dennoch konnte ich keinen Rückzieher mehr machen. Wir hatten ein Kind dabei… aber viel Spaß hatte die Kleine auch nicht. Der Werdegang einer Luft- und Raumfahrtfirma haut nur Ingenieur-Nerds von den Socken. Ferner regte ich mich maßlos über die schlechten Texte auf, die gleich den Anspruch erhebten, die komplette deutsche Geschichte zu rekonstruieren (selbst Siegmund Freud tauchte beiläufig in einem Satz auf!). Für unsere Heranwachsende waren die Tafeln viel zu hoch angebracht. Deshalb dichteten wir für sie eigene Geschichten zusammen. Von durchsichtigen Plexiglasscheiben mit Fotos im Hintergrund ließ sich nämlich nur zu schwer ablesen. Weder Satelliten noch Raketen beeindruckten mich. Also versuchte ich mein Glück im Museums Café und Shop. Aber beides war so hässlich eingerichtet und bestückt, dass ich mich nur noch mit dem Fragebogen auseinandersetzte und den Hangar kopfschüttelnd verließ. Maschinen statt Monets…

2. Boulder Cup in Überlingen

Eine Stunde brauchten wir um hinzukommen. Und eine Stunde um zurückzukommen. Mehr Worte braucht man hierbei auch nicht zu verlieren. Nur der Kletter-Karikaturist Erbse, der Kinder malte, veranlasste mich, meinem MOMA ein Foto zuzumailen. Ich wollte mich zwar noch von Erbse als chletternde Chloe zeichnen lassen, aber leider musste er sofort weg, da seine Frau in den Wehen lag. Gegen die Geburt des dritten Kindes kam ich nicht an…

Erbse 2009

Erbse 2009

3. Provinzrummel

Pünktlich um Mitternacht waren wir also wieder in Friedrichshafen angekommen und beschlossen, dem Partyabend noch eine faire Chance zu geben. Insider hatten uns per SMS gesteckt, dass am Hexenhaus die Sommerparty groß am Start sei. Hexenhaus? Chloe chonnte sich rein gar nix darunter vorstellen und choogelte heimlich auf der Rückbank nach. Ein gewisser Maler Melchior Setz hatte in der Nähe von Neukirch sein Haus über Jahre hinweg zum Kunstwerk verwandelt. Mensch, dem armen Künschtler muss ganz schön langweilig auf dem Land gewesen sein, dachte Chloe… Also fuhren wir zum Fescht hinterm Mond – äh, der Ort hieß „Hinteressach“. Um das kleine Hexenhäuschen, das doch reizend anzuschauen war, hortete sich die betrunkene Landjugend und veranstaltete ein Miniatur-Oktoberfest mit Boxautos und Bierzelten.

Hexenhaus in Hinteressach

Hexenhaus in Hinteressach

Es herrschte ein Lärm wie ich ihn hier unten am See sonst nie vernehme. Wo kriechen bloß immer all diese Menschen heraus, um sich an einem völlig absurden Ort plötzlich zum Volksaufsauf zu treffen? Mir bleibt das ein Rätsel. Ich blieb auch nur fünf Minuten und fuhr – nachdem ich noch den Blick rechtzeitig vom speienden Übel neben mir weg gen Himmel wandte sowie eine Sternschnuppe sah – einfach direkt in mein Bett.

Keine Selbstversuche mehr ! Und mein Wunsch sei nicht verraten…

Liza, ich will einen Rasenschnitt-Protest-Bossa von Dir !

Frag nicht, was die Provinz für Dich tun kann. Frag, was Du für die Provinz tun kannst! Maya, die bei ihrem Debütantinnen-Dienst am letzten Sonntag gleich was für ganz Europa tat, beschreibt meine Mission am See wie folgt:

Chloe versucht im Kulturverein dem See ein wenig cineastisches und dramatisches Seelenfutter zu kredenzen.

Kredenzen? Naja, in der Tat schenke ich den Leuten einfach nur reinen Wein ein. Zumindest bei meinem zweiten Kultur-Standbein, dem Theater, beschränkt sich das Ehrenamt auf den Thekendienst. Ich suche mir jedoch meinen Arbeitseinsatz nie nach Vorlieben aus. Ganz im Gegenteil, meistens stürze ich mich völlig unvorbereitet in den Abend und lass mich von Bands wie Esha Ness positiv überraschen. Aber oft sind auch Lesungen oder Theaterstücke dabei, bei denen ich selbst ordentlich was trinken muss, um ob meiner drohenden Hybris die darstellenden Skurrilitäten unbeschadet zu überstehen. So sehr ich zum Beispiel die Leistung der Bodensee Players

Our amateur theatre group (mostly native speakers) presents plays in the English language for the Bodensee region.

schätze, kann ich es jedes Mal einfach nicht fassen, dass die Hauptrolle eigentlich die Souffleuse spielt. Im Eifer des Gefechts wurde schon mal ein halber Akt gestrichen… Meine Wut lasse ich nicht nur am Wein aus. Zwischendrin halte ich meine Freunde über mein iPhone up to date. Muckie, deren Kollegin bei den Bodensee Players mitspielt, stichelt dann auch gerne:

Chloe: Murdered to Death @Atrium Theater ! Das Stück ist wirklich tödlich! Provinztheater! Aaaaaaaaaah!

Muckie: Erstmal nachmachen Madammchen!

Chloe: Ne, Ne, Comtesse! Manche Sachen überlässt man lieber Profis. Ich lasse mir ja auch nicht von nem Schauspieler nen Zahn ziehen.

Am Freitag, dem 29. Mai hatte ich nun also mal wieder Dienst. Wie immer kam ich zu spät los von der Arbeit und kassierte erstmal eine gehörige Standpauke von den Heavy Volunteers (Hausfrauen und Lehrerinnen), die in der letzten Vereinssitzung eine neue Satzung zur Anwesenheit bestimmt hatten. Dabei stand ich eh wieder eine halbe Stunde blöd herum, da nichts zu tun war. Die Band kam auch zu spät, da sie den Pfingstreiseverkehr völlig unterschätzt hatten – bei mir ernteten sie somit tausend Sympathiepunkte! Der Soundcheck wurde parallel zur Eröffnung der Abendkasse in Jogginghosen gestartet.

Meine männliche Begleitung hatte mich aufgrund spießbürgerlicher Pflichten sitzen lassen. Dafür rief Muckie noch rechtzeitig an und fragte, was Hotel Bossa Nova denn für eine Truppe sei und was sie sich unter Bossa Nova vorzustellen habe. Ich – nur Maya weiß, wie ungern blöd Chloe Lieder in größter Verzweiflung nachsummt – erbarmte mich also und zwitscherte vor allen Anwesenden laut in den Hörer hinein:

Paam – pampaamam – pam pam – papaamam… – erkennst Du das nicht? Das ist der berühmteste Bossa, den es gibt: The Girl From Ipanema

Immerhin ließ sich Muckie trotz meines Gestammels nicht von dem Konzert abschrecken und schaute mit ihrem Bruder Fox vorbei. Fox war ob der Gestalt der hübschen sowie temperamentvollen halb indischen, halb portugiesischen Sängerin Liza da Costa, die sich nach dem Soundcheck noch schnell ins kleine Schwarze geschwungen hatte, völlig hingerissen. Sogar die weibliche Thekendame neben mir musste später an Liza loswerden, dass sie sie total um ihre schönen Beine beneide.

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Die widerspenstige Liza

Chloe chrübelte hingegen… Woher kannte sie bloß diese Stimme? Auch das Gesicht erinnerte sie irgendwie an ihre Jugendzeit. Und plötzlich summte es aus dem Unter-Chloe:

Eyo, Captain Jack!

Chlaro, das war die Frau an der Seite von Captain Jack! Wow! Und nun dieses klasse Quartett aus Wiesbaden! Ab sofort lauschte ich noch intensiver den Jazz-Bossa-Klängen, um mich komplett von der Musik fesseln zu lassen! Ich liebe ja Menschen mit Brüchen. Die Dissonanz gebiert Schönheit. Und außerdem fand sich auf der Bühne auch noch der meta-musikalische Brückenschlag zwischen Maya – Einflüsse des melancholischen Fados sind der Spiegel zum Blues, den sie an der Spree gerne bekommt – und der Chansonier Chloe – die am Bossa die Lateinamerikanische Leichtigkeit liebt – ein.

Liza erzählte in einer furchtbar kecken Art vor jedem Stück kurz den Inhalt nach. Bei O Pato, einem Stück von der ersten CD „Ao Vivo“, das irgendwie mit Enten zu tun hat, rief ich meine verhinderte Begleitung an und ließ ihn mitlauschen. Während ich in der Pause arbeiten musste, schickte ich Muckie vor, um für mich eine CD bei Liza zu kaufen, die für meinen Bossa-Schwänzer und iPhone-Schwarzhörer signiert sein sollte.

Nach der Unterbrechung ging es fürs Publikum mit Eigenkompositionen aus der neuen CD „Supresa“ weiter. Ganz, ganz großes Kino! Apropos Kino, Muckie nutzte die Pause, um schnell nebenan den Film für den nächsten Tag einzulegen. Als Liza auch noch einen Protest-Bossa ankündigte, war Revoluzzer-Chloe, die größte Anhängerin vom FM4-Protestsongcontest, völlig hin und weg von der Band.

Nachdem sich meine Augen an der Frontfrau satt gesehen hatten, entdeckte ich zu meiner Verwunderung den hinreißenden Gitarristen Tilmann Höhn. Ein völlig unscheinbarer bis konservativer Mensch mit der Ausstrahlung eines Studienrates, den man auf der Straße nicht eines Blickes würdigen würde. Aber auf der Bühne zupfte er Saiten-Sex zusammen! Allein beim Zuschauen überfiel einen plötzlich die pure Lust, diesen leckeren Mann aufzufressen. Den Korpus seiner Gitarre behandelte er wie eine Rubens’sche Frauensilhouette. Er tätschelte seiner Eroberung zum Rhythmus auf den Hintern! Beim Zuhören verbrannte man sich fast die Finger…

Bei der Ansage zum nächsten, etwas düster kriminellen Stück fragte Liza in die Runde rein: „Gibt es dunkle Ecken in Friedrichshafen? Jede Stadt hat dunkle Ecken. Vorhin hörte ich aus dem Publikum, dass heute jemand nicht anwesend sein kann, da er Strafmähen muss. Der Rasen sei schon einen Meter hoch! So sehen also die dunklen Ecken in Friedrichshafen aus.“

Hä? Woher wusste Liza, dass meine Begleitung in der Tat aus diesem Grund nicht mit konnte? Blick zu Muckie… Aha, sie hatte das beim CD-Kauf ausgeplaudert. Ein lustiger Abend durch und durch.

Jedenfalls möchte ich zum Abschluss noch zwei Resümees ziehen.

1. Superstars sollten besser bei Captain Jack als Dieter Bohlen in die Lehre gehen.

2. Maya, wir haben ein schönes neues Wort geschenkt bekommen: RASENSCHNITT. Schau mal, was in der Tür des pflichtbewussten Rasenmähers trotz Bossa-Verzichts steckte, als er nach der Pfingstradtour wieder zu Hause ankam.

Spießerrüge

Spießerrüge

Auf so nen Spießer-Schock zogen wir uns erstmal etwas Bossa rein. Die CD habe ich sicherlich schon dreißig Mal angehört und sie wird nur von Minute zu Minute interessanter. Wiesbaden hat Weltformat gezeigt! In Friedrichshafen wird derweil weiter Rasenkanten getrimmt und der Rasenschnitt (ich darf nicht verraten wo!) entsorgt…

Seetausch

Heute startet in Friedrichshafen die „Tuning World Bodensee“ – das internationale Messe-Event für Auto-Tuning, Lifestyle und Club-Szene.  Bei dem Publikum dürfte mein Lieblingspuff sicherlich trotz Wirtschaftskrise vollkommen ausgebucht sein. Wie auch immer, es wird also höchste Zeit, den See zu verlassen! Heute Mittag tausche ich den Boden- gegen den Gardasee aus. Dort entfliehe ich der ganzen Miss Tuning-Euphorie…

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Chloe beschäftigt sich statt mit Kurven mit Kanten: Ein neuer Klettersteig will erorbert werden… Und falls wir es zu einer Mehrseillängentour schaffen, kommt auch endlich meine neue Ausrüstung zum Einsatz: Abseilachter, Bandschlingen sowie Prusik. Nie wieder mit Schnürsenkeln improvisieren….

Alkohol ist ein Lösungsmittel !

Manchmal bekommt Chloe ihren Seecholler. Dann jammert sie Maya das Ohr voll. Vor allem, wenn sie gerade mal wieder auf einer „Hausparty“ mit selbsternannten DJs und fehlendem Gästedurchlauferhitzer war. Als Single hat man es am See nun mal nicht leicht… all diese Ingenieure! Maya versteht mich immer nicht. Da sie aber nicht einen einzigen Ingenieur kennt – diese Gattung Mensch breitet sich vornehmlich in Industriestädten und nicht in Berlin aus – ist das auch kein Wunder.

Neulich saß ich mit Finger Food in der Hand auf der Couch eines Geburtstagskindes und beobachte die Hintern der Männer vor mir. Jeder, aber auch wirklich jeder !, hatte eine Levis 501 an. Und von den karierten Hemden brauche ich erst gar nicht anzufangen… diese schreckliche Uniform! Wird man so, weil man dieses Studium hinter sich hat oder ist man so, und studiert dann Maschinenbau etc.?

Aber nicht nur in Einliegerwohnungen und an der Kinotheke werde ich mit dem Ing.-Style konfrontiert. Vor einer Woche wollte ich ganz gemütlich zum ersten Mal im „schicken“ K42 Restaurant  einen Absacker nach einer Vernissage trinken. Ich war die einzige Frau im ganzen Laden! Selbstverständlich hatte ich meine Chloe-Großstadtgewänder an. Nach nur zwanzig Minuten hielt ich es ob der vielen Blicke nicht mehr aus und verließ die Bar. Mir wurde eines klar: die sind nicht anders! ICH bin nicht normal. Aber hier hört nun definitiv mein Assimilationswille auf! Ich kauf mir definitiv keine Hemden mit Diamanten-Muster drauf! Anbei ein visueller Ausschnitt der Kleinkariertenhemden-Kolonie:

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Der Migrationshintergrund ist oft der einzige Trost, der uns hier noch bleibt. Meine Freundin Viola peppt die Partys gerne mit dem selbstgebrannten Kirschschnaps ihrer Oma auf. Aufgrund von Sparmaßnahmen (tja, die Finanzkrise geht an keinem vorbei!) gießt Violas Oma das Hochprozentige in trashigen West-Pfandflaschen ab. Damit sich keiner ausversehen ins Koma säuft, müssen wir daher das Flüssige mit „Nix Cola“ labeln.

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Und das bringt uns alle wieder zum Lachen und macht das Leben schön. Von wegen Alkohol ist keine Lösung! Alkohol ist sehr wohl in vielen Dingen ein „Lösungsmittel“. Sogar in meinem Nagellack.

Friedrichshafen – Wien

Gestern verabschiedete ich mich von meinem Dad am Telefon. Ich maynte, dass ich ja gespannt sei, wie Wien mir so gefallen wird. Ist ja immerhin mein erstes Mal. Mein Vater korrigierte mich:  „Stimmt nicht! Du warst als Kind schon mal in Wien!“ Chloe unchläubisch: „Wann?“ – „Zwischenlandung nach Tirana als Du vier Jahre alt warst.“ Das war mir nicht bewusst. Anfang der 80er Jahre nach Tirana zu Zeiten Enver Hoxhas zu fliegen ist eh so ne Sache für sich. Mein Vater erwähnte ferner, dass er schon drei Mal in Wien auf Demos war. Der alte Marxist-Leninist… seine Tochter fliegt heute aus rein kapitalistischen Gründen nach Wien. Dank eines Prozessoptimierungsseminars darf ich nun in der Tat diese mir aus Literatur, Kunst und Musik bekannte Stadt endlich zu Gesicht bekommen.

Die Anreise war schon ein Erlebnis für sich! Morgens um 5.45 Uhr stand mein lieber Chauffeur bereits bereit, mich die vier Kilometer zum Flughafen zu fahren. Ich wohne seit vier Jahren am Bodensee und bin noch nie von Friedrichshafen aus geflogen. Was habe ich da verpasst! Dies war mit Abstand einer meiner schönsten Flüge. Zum ersten Mal sah ich mein Schwabenmeer von oben! Welch lieblicher Anblick. Im knuffeligen Propeller-Flieger mit höchsten fünfzehn Passasiergen ging es bildschön gen Osten.  Die in Zucker getünchten Bergspitzen entzückten mich zutiefst! Natürlich schoss ich hunderte von Fotos, die ich auch beizeiten hier einstellen werde. Der InterSky Pilot namens Hans kommentierte den ganzen Flug über – wie in einem Stadtrundfahrtbus – die Landschaft: „Rechts sehen sie den Bregenzer Wald. Die Stadt links ist Kempten etc.“ Und dann kam die unglaubliche Aufforderung: „Wenn sie wollen, können sie zu mir vor ins Cockpit und ein Foto schießen.“ Nein, ich war mir nicht einmal dafür zu Schade. Ich fand’s toll! Hans war auch ob des Föns, der uns eine fantastische Aussicht bescherte, extrem gut gelaunt. Und dank des Rückenwinds landeten wir eine ganze halbe Stunde früher in Wien. Pilot Hans stieg aus und verabschiedete seine Gäste am Fuße der Treppe. Was für ein putziger Pilot.

Ich musste nun jedoch eine halbe Stunde auf meinen edlen Gastgeber warten. Ich nutze die Zeit für Feldforschung. Maya maynte mich nämlich schon im Voraus vor eventuellen Culture Clashs warnen zu müssen und sandte mir folgende Fashion Studie zu:

Die Typen hier glauben an traditionelle modische Werte, die zuallererst mal darauf aufbauen, dünn wie eine Zigarette und schüchtern wie ein zehnjähriges Mädchen am ersten Tag im Ferienlager zu sein.

Maya,  besser hätte ich es nicht beschreiben können! Seit Tokyo habe ich nicht mehr so viele Männer in Röhrenjeans gesehen. Generell ist der Wiener Mensch eine komische Mischung aus osteuropäischer Grobschlächtigkeit mit italienischer Extravaganz. Völlig abgefahren!

In der Stadt mussten wir für das Auto so komische Parkzettel ankreuzen. Drei Stück für 1,5 Stunden. Welch absonderliche antiquierte Art, sich einen Parkplatz zu sichern. Es gibt in ganz Wien keine Automaten! Man kauft diese rosa Zettel in der Traffic, die natürlich nicht immer offen hat. Als Ausländer ist man generell völlig aufgeschmissen, da keinerlei Hinweisschilder darauf hinweisen…

Zeit für weitere Studien hatte ich auf dem Naschmarkt. Dort frühstückten wir bereits um 9 Uhr und beobachteten das wilde Treiben. Mein Gastgeber hatte einen lustigen Abend und wünschte sich einen angemessenes „Reparatur-Seidl“. Juhu, ein neues Wort für mich! Den Kater gaben wir einen Prosecco zum Fraß.

Kurzer Stopp in der großzügigen Mezzanine-Altbauwohnung im 6. Bezirk. Ein entgangener Anruf von Maya? Was ist passiert?? Chloe wird nervös! Hat eventuell Peter Licht auf unserem Blog kommentiert? Ist die Statistik in den sechsstelligen Bereich? What happened??? Ich muss sofort anrufen und erwische Charly. Maya ist under der Dusche. Charly: „Wir haben gerade Dein Wiener Reise-Weather Pixie eingerichtet. Ein nettes 20er Jahre Madel. Maya war nur schockiert, dass es bei Dir schon 17 Grad hat und wollte wissen, ob das stimmt.“

STIMMT ! Hier ist der Frühling spontan ausgebrochen. Naja, so spontan auch wieder nicht. Es liegt an Chloe. Immer wenn sie verreist, bringt sie die Sonne mit. Ob Schneeschuhtour oder Tessin: Der Wolken verschwinden und königsblauer Himmel ragt empor. So artete die erste Stadtbesichtigung in ein ein „nur von außen“ aus. Albertina, Leopold & Co.  also nur als Fassade. Die Innereien nehme ich am Montag alleine ins Visier. Nun gut, im Museumsshop der Albertina waren wir doch kurz drinnen. Ein freudscher Neurosen-Spülschwamm (auch hier folgt noch das Foto) begeisterte mich. Der Spaß war aber keine 6,95 Euro wert.

Mittags gabs Gulasch und danach einfach herumflätzen im Burggarten. Bier holten wir in der Kantine nebenan. Und auf dem Rasen genoss ich eine skurille Gestalt, die ich im Museum sicherlich nicht live erlebt hätte. Ein Wiener im Mercedes Benz Service-Blaumann übte Protest! Er lief durch die Menge und schrie: „Dies ist keine Demo. Das ist gewaltfreier Protest. Gewaltfreier Protest!“ In der Tat fand auf dem Burgring eine große Demo statt. Der Kerl war jedoch ganz alleine unterwegs. Sang auch zwischendrin „Allein, Allein!“ Und – es mutete fast an Aktionskunst – zum Schluss verbrannte er den Typenschein seines Autos. Sein Führerschein wurde ihm nämlich vor zwei Tagen abgenommen. Dabei waren es doch nur zwei Schlucken Bier… Aus Protest verbrannte er den Typenschein lichterloh. Ab und zu lief er wieder tanzend durch die Menge und sang bei strahlendem Sonnenschein „I wear my sunglasses at night“. Zwischendrin der Satz: „I bin net deppert!“ – Ach, Wien! Wie wunderschön Du doch bist. Kein Wunder, dass mein Revoluzzer-Dad sich heute noch so gern an Dich und die Demos erinnert. Anti, Anti !

Gleich geht’s ins Burgtheater… Adieu und bis später!

Bodensee West-Coast Rockers

Nachtrag zum Konzerterlebnis am 6. März 2009

Konzerte am Bodensee sind in meiner Erinnerung stark von Cover Bands geprägt. Kein Wunder also, dass Friedrichshafen in voller Aufruhr ist, wenn sich ein echter Weltstar wie Pink ans Schwabenmeer begibt. Die musikalische Alternativveranstaltung „Esha Ness“ im Atrium fernab von Security Guards und Schwarzmarktkarten konnte jedoch mit der frechen Sängerin aus Amerika mehr als mithalten.

Esha was? Wer bei Ness an ein schottisches Seeungeheuer denkt, liegt hier nicht ganz falsch. Der Name der 2005 gegründeten Band stammt wie die Vorfahren des sympatischen Sängers Kevin Paterson von der Steilküste auf den Shetland Inseln. Bei den musikalischen Einflüssen bedienen sich die vier Jungs sowie die mit allen Instrumenten gewappnete Janina Walter (Akkordeon, Geige, Trommel, Keyboard etc.) jedoch nicht nur keltischer Einflüsse. Wer Vulkangestein im Blut hat, der rockt und reißt in den buntesten Tönen mit. Die spanischen Stücke und sanften Balladen passen zwar nicht ganz ins Konzept und zu Kevins Stärken, sind aber ob ihrer Authentizität (im Urlaub mit dem Lexikon geschrieben) noch zu verzeihen. Vom Talent der Unbekannten war das gesamte Publikum überzeugt. Janina, die sich hauptberuflich der Musiktherapie widmet, könnte ruhig auch zur Trompete greifen, um die teils skurrilen Tarantino-Elemente zu unterstreichen. Wenn die Band zu einem einheitlichen Stil findet sollte, steht einer großen Karriere sicherlich nichts im Wege. Zeit haben sie ja dafür auf ihrer zweiwöchigen Tour, für die alle fünf Urlaub nehmen mussten. Und obwohl sie am nächsten Tag um 6 Uhr gen Jena fuhren, ging das hautnahe Konzerterlebnis sagenhafte drei Stunden lang und endete mit einer spontanen Jam Session auf dem Boden für das begeisterte Publikum. Beim Gänsehaut-Stück „Neverland“ musste einfach melancholisch mitgesummt werden.

Es bleibt zu hoffen, dass die Band selbst niemals an den Titel ihrer ersten CD, den „Point of no return“, kommt. Denn für uns augehungerte Musikfans darf die umwerfende Mannschaft, deren aller Wurzeln am westlichen Bodensee liegen, ruhig öfters in ihrer Heimat rocken. Wer hätte das gedacht: Das Gute liegt doch so nah!