SpreeSee-WG: Chloe und der „Optimizer“

Von ihrem eigenen Wecker wacht Chloe eigentlich nie auf. Den schlägt sie einfach mundtot. Aber wenn Mayas Wecker durch die Wand zirpt, springt Chloe in nur drei Schritten unverzüglich ins Bad. Damit sich die Damen in der Porzellanabteilung nicht ins Gehege kommen, geht Chloe schnell rechtzeitig duschen, bevor Maya nach ihrem ersten Kaffee in der Lage ist, einen Duschkopf gefahrlos zu bedienen. Meistens ist Maya aber sehr viel später dran als Chloe. Dann sehen wir uns morgens gar nicht. So konnte ich neulich erst abends ein Rätsel lösen…

Morgens griff ich also mit übermüdeten Augen nach der elektrischen Zahnbürste (meiner neuen Lieblingsanschaffung mit Ladeglas!!). Plötzlich sah ich auf meiner rechten Hand braune Flecken. Aber nur auf den Knochen von Mittel- und Zeigefinger, oberen Handrücken und unterer Handinnenseite. Maya und ich hatten nachts noch Nogger auf dem Balkon verdrückt. War ich bei meiner Katzenwäsche so nachlässig gewesen? Ich versuchte die vermeintlichen Eisspuren mit Wasser und Seife wegzuwaschen. Nichts! Es kam nichts herunter. Jetzt wurde ich doch nervös. Was ist das?

Bei der Arbeit starrte ich beim Tippen derart besorgt auf die rechte Hand, dass meine Kollegin nachfragte, was denn los sei. Ich zeigte ihr das Desaster. Nach ihrer Vermutung handelte es sich aufgrund des Rotstichs um einen Henna-Unfall. Ich solle mir keinen Kopf machen, das gehe schon wieder weg. In meinem Kopf ging der Film jedoch nun richtig ab: Wo sollte ich mir das denn zugezogen haben? Henna?!?!

Apropos Kopf… Als ich dann das erste Mal im Büro auf Toilette lief, sah ich – die vorher völlig von der Hand abgelenkt – noch zusätzliche Verfärbungen: Auf meiner linken Wange war ich fleckig wie die Milka Kuh! Ich ersparte es mir, nach Hautkrankheiten zu googeln. Der Tag war für mich gelaufen. Und Maya bekam ich erst um 19 Uhr zum Yeah Yeah Yeahs Konzert zu Gesicht.

Abends kam dann die Erleuchtung mit Frau von Spree….

Chloe völlig aufgelöst: „Maya, Maya! Der Tag hat ganz schrecklich angefangen…“

Maya: „Ja, klar! Du hast Deine Konzertkarte zuhause liegen lassen und ich musste für Dich nochmals den ganzen Weg zurücklaufen.“

Chloe fast den Tränen nahe: „Weil ich so durch den Wind war. Schau Dir mal meine Hand an!“

Mayas Gesicht entgleist vollkommen bei Chloes Anblick. Seit kurzem kämpft Chloe mit der schlimmen „Tangostirn“. Und nun noch ein weiterer Ausschlag? Ob das nicht der Bote einer unheilbaren Krankheit ist? Was wäre Spree ohne See? WG ohne Chloe? Wer taucht dann in einer ollen Bootcut Jeans plötzlich unerwartet vor Maya auf und bringt sie damit wochenlang zum Lachen? Oder wessen neue elektronische Einkäufe könnte Maya sonst im Bad als Vibrator fehlinterpretieren?

Chloe wird bei Mayas traurigem Blick erst recht panisch: „Ja! Als erstes dachte ich auch, dass ich über Nacht Altersflecken bekommen hätte!“

Mayas kurzer Ausflug ins Dramatische weicht bei diesem Schwachsinn sofort ihrem gewohnten Pragmatismus: „Chloe! Seit wann kommen die in Schlieren!“

Chloe redet einfach weiter: „Jedenfalls glaube ich jetzt, dass der Perser daran Schuld ist!“

Maya verwirrt: „Was?“

Chloe völlig sachlich: „Naja. Meine Kollegin meinte, dass das sehr nach Henna aussähe. Und gestern war ich doch auf der Museumsinsel Tango tanzen. Vermutlich hatte mein persischer Tanguero Henna in der Hand! Schau mal, wenn Du Dein linke Hand in Tanzhaltung in meine rechte legst, kommen genau die Hennaspuren raus!“

Maya bei vollkommen klaren Verstand: „Chloe! Kranker als Deine Flecken sind gerade Deine abgesponnen Erklärungen. Zeig nochmals die Hand!“

Maya wirft nun endlich einen kühlen Blick auf die Hand und fängt tierisch an zu lachen: „Chloe! Also wenn Du mich fragst, sieht das nach einem klassischen Unfall mit einem Selbstbräuner aus!“

Chloe in Abwehrhaltung: „Niemals! So etwas benutze ich nicht! Habe ich auch noch nie benutzt! Zu viel Chemie, vergiss es!“

Maya: „Bist Du Dir ganz sicher? Hast Du vielleicht eine Creme umgestellt?“

Und da schämt sich Chloe nun ganz arg. Hatte sie doch in ihrer Argumentationskette gar den unschuldigen Perser zum Hennaattentäter ernannt.

Chloe: „Doch! Ich habe eine Probe von meinem Kosmetiker aus der Puppenkiste benutzt. Aber da stand mit keinem Wort drauf, dass es ein Selbsttöner sei!“

Maya schüttelt den Kopf: “Sei froh, dass es kein billiger Töner war, sonst wärst Du jetzt orange! Mensch, Chloe! Solche Erfahrungen macht man mit seiner Zeit. Als Teenager zum Beispiel und nicht mit Mitte Dreißig!“

Chloe vehement: „Ich lüge doch nicht! Vor Dir verheimliche ich doch keine Selbsttönerexperimente und verleumde im gleichen Atemzug einen persischen Tanguero!“

Erst als wir wieder in der WG waren und ich Maya die Verpackung zeigen konnte, schenkte sie mir Glauben.

Maya: „Unfassbar! ‚Optimize – Verfeinert & Mattiert’. Mehr steht hier nicht. Die müssen das mit dem Selbstbräuner doch draufschreiben! Du solltest Dich bei denen beschweren. Stell Dir mal vor, Du wärst so vor Deinen Kunden aufgetaucht!“

Dr. Grandel Optimize - Eine Probe mit Folgen

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SpreeSee-WG: Zweiraumwohnung für Zwei

Zwei Jahre lang führten Maya und Chloe also eine „Fern-WG“. Daher waren beide doch etwas aufgeregt, ob mit Chloes Wiedereingliederung an der Spree die WG auch den Alltag überleben würde. Und nicht nur die beiden, sondern auch alle um sie herum sind überrascht, wie harmonisch die 24/7 Druckbetankung verläuft. Bei jedem Telefonat fragen Chloes Eltern besorgt: „Streitet Ihr beiden Euch auch nicht? Versteht Ihr Euch weiterhin gut? Wie läuft das gemeinsame Zusammenleben?“

Das neue Umfeld reagiert auch oft verstört, wenn ich erzähle, dass ich mit über dreißig Jahren mit „meiner besten Freundin“ zusammenwohne.

Chloe und Maya – der Inbegriff der Deutsch Albanischen Freundschaft (DAF) – tauchten vor kurzem gemeinsam auf einem albanischen Konzert in Berlin auf.

Albaner: „Oh! Deine Freundin ist Deutsch. Woher kennt Ihr beiden Euch eigentlich?“

Chloe: „Wir wohnen zusammen.“

Albaner zählt unsere Falten und hakt nach: „Und warum?“

Chloe nutzt die Vorlage: „Weil wir ein Paar sind!“

Albaner versucht die Contenance zu wahren: „Ja. Ja, das ist gut für den Verein, wenn er auch soooolche Leute hat. Das zeigt wie offen wir sind. Aber dahinten in der Ecke solltet Ihr es nicht zu laut sagen.“

Neulich wurden wir auch gefragt, ob wir eine Zweck-WG seien. Schließlich sei das oft ein finanzielles Kalkül. Maya stellte überrascht fest: „Ja, am Anfang war das tatsächlich irgendwie so. Aber inzwischen verdienen wir beide und sind aus freien Stücken zusammen. Es ist tatsächlich schön, jemanden um sich herum zu haben. Das hat sich so entwickelt.“ Chloe stimmt dem zu. Manchmal tut es einfach gut, auf dem Weg zur Küche einen Menschen zu sehen, der sich in seinem Bett mit hochgestreckten Beinen und Laptop auf dem Bauch über eine Sitcom krank lacht. Ein Stück Seelenfrieden.

Aber viel lieber als Maya anzuschauen, quatsche ich sie natürlich mit frischerlebten Geschichten voll! Nach einem Date kam ich zur Berichterstattung in die Küche.

Maya: „Und?“

Chloe: „Ich glaube, ich habe es verbockt!“

Maya: „Wie geht das denn so schnell?“

Chloe: „Ich lachte an der falschen Stelle.“

Maya: „Komm zum Punkt!“

Chloe: „Also… Wir saßen so zusammen und er erzählte mir, dass er mit Ende dreißig immer noch mit seinem besten Freund zusammenwohne. Ich fand das natürlich total sympathisch und schrie freudig heraus, dass auch ich dieses Lebenskonzept teile. Er meinte dann jedoch, dass er gerade auf Wohnungssuche sei. Ich bestätigte, dass auch wir beide uns vergrößern wollen, da uns die Wohnung zu klein wird. Er meinte, dass…“

Maya: „Dass, dass, dass… komm zum Punkt!“

Chloe: „Dass es bei ihm anders sei! Beide haben beschlossen auseinanderzuziehen, um frei für die große Liebe zu sein, die im Jahre 2013 kommen könnte! Ich prustete laut heraus: ‚Du glaubst an die große Liebe?’ Dumme Reaktion meinerseits…“

Maya: „Autsch! Aber auch selten dämlich, präventiv eine WG aufzulösen!“

Chloe: „Ebend!“

Maya etwas nachdenklich: „Aber vielleicht hat er doch irgendwie recht. Vielleicht blockiere ich Dich auch? Vielleicht lernst Du deshalb niemanden kennen?“

Chloe: „Ich war zwei Jahre quasi von Dir getrennt und habe dennoch niemanden kennen gelernt. Da habe ich doch lieber Spaß und belaste mich nicht mit falschen Hoffnungen in einer einsamen Wohnung!“

Nur ein einziges Mal gab es einen kleinen Zwist… Chloe kam spät von der Arbeit nach Hause und sah ihre Pflanze im Zimmer leblos durchhängen.

Chloe: „Ui. Ich muss mal gießen.“

Maya völlig außer sich, als hätte ich auf einen Knopf gedrückt: „Ja! Ja! Ich habe dieses verwahrloste Mahnmal extra so stehen lassen, damit Du siehst was Du ihr antust. Ich habe doch nicht zwei Jahre lang für Dich die Pflanze liebevoll gehegt und gepflegt, damit Du sie in nur zwei Wochen Anwesenheit umbringst! Schau bloß hin was Du ihr angetan hast.“

Chloe: „Ach, Du kennst sie doch. Einmal ordentlich gießen und am nächsten Morgen steht sie wieder wie eine Eins! Kein Grund zum Drama.“

Maya: „Du Barbar!“

Ich glaube, ich muss mal etwas Blumenerde von unserem Balkonnachbarn stibitzen…

SpreeSee-WG newborn: Chloe fehlt der Schatten!

Ich bin wieder hier! Seit zwei Monaten ist Chloe nun zurück. Zurück in Berlin! Somit konnte ich auch endlich ruhigen Gewissens Charlys bissigen Kommentar von vor 2,5 Jahren freischalten…

Am Anfang musste Maya jedoch erst meinen Abschiedsschmerz von der Puppenkiste ertragen. Bei -20 Grad Ankunftstemperatur froren mir die kullernden Tränen über der Warschauer Brücke fest. Als wäre das nicht genug, wurde ich in meinem neuen Lebensabschnitt als „Beraterin“ zusätzlich ins eiskalte Wasser geworfen.

Mit hängenden Schulten saß ich in der Küche.

Maya irritiert: „Chloe! Was ist denn los? Gefällt Dir der neue Job nicht?“
Chloe verwirrt: „Naja. Die arbeiten mit anderen Methoden!“
Maya: „Aber Du kannst doch Scrum!“
Chloe: „Ja, ja. Aber, aber… die wollen, dass ich male!“
Maya mit großen Augen: „M A L E N?“
Chloe: „Ja… Kein Power Point! Ich soll meine morgige Präsentation komplett auf Flipchart halten.“
Maya völlig verständnislos: „Aber warum?“
Chloe erschöpft: „Das scheint wohl gerade der neueste Beraterschick zu sein. Weg von Digital, zurück zum Papier. Mit Zeichnungen statt mit Worten sollen die Kernbotschaften ausgedrückt werden. Gedanken visualisieren… Ach, was weiß ich! Aber alle meine Kollegen waren auf ganztätigen Schulungen, um diese Präsentationstechnik zu lernen!“
Maya besorgt: „Du kannst…“
Chloe: „… gar nicht malen!“
Maya: „Was hast Du jetzt gemacht?“
Chloe: „Naja. In der Küche lag so ein Ringbuch mit Skizzen-Vorlagen herum. Bikablo heißt das „Trainerwörterbuch der Bildsprache“. Ich setzte mich dann hin und suchte passende Motive zu meinem Inhalt heraus. Links mit dem Buch in der Hand und rechts mit einem Edding bewaffnet traute ich mich an mein erstes Flipchart-Blatt heran.“
Maya: „Ist es was geworden?“
Chloe: „Meine Kollegin trat prüfenden Blickes neben mich heran. Und dann kam das vernichtende Urteil: Es fehle der Schatten!“
Maya entsetzt: „Der S C H A T T E N?!?“
Chloe: „Ja! Der Schatten! Schließlich falle das Licht von O B E N!“
Maya trocken: „Von oben!“
Chloe: „Ich sag Dir, da steckt die Büromaterial-Mafia dahinter! Mit der Digitalisierung werden immer weniger Ordner und Klarsichthüllen verkauft. Das muss ja irgendwie kompensiert werden. Also redet man den Leuten ein, dass sie noch mehr White Boards, Flipcharts, Post its in allen Farben der Welt, Klebepunkte zum Auswerten von Ideen…“
Maya bremst aus: „Was ist jetzt mit dem Schatten??“
Chloe: „Und dann gibt es diese speziellen Stifte mit einem besonders großer Keilspitze, um auf Flipchart-Zeichnungen Schatten einzumalen. Wirkt perspektivischer. Aber natürlich nicht irgendwelche Stifte! Die müssen dann schon von der Marke „Neuland“ sein.“
Maya: „Und?“
Chloe: „Ich habe jetzt auch nen Schatten!“
Maya: „Wahnsinn! Diese ganze Industrie. Vielleicht springt dabei auch mal ein Job für MoMa heraus? Die Printmedien zahlen doch immer weniger für Karikaturen. Das wäre quasi eine sichere Investition in MoMas Zukunft! Er könnte Kurse anbieten wie ‚Merkel oder Manager: Bei uns lernen Sie wie Sie vor einer großen Gruppe sicher und mit ruhiger Hand Führungspersönlichkeiten aufs Flipchart bringen!’
Chloe: „Nette Idee, Maya. Aber ich muss jetzt ins Bett. Und vielleicht sollte ich vorher noch ein paar Stimmübungen wie unser nerviger neuer Nachbar machen. Wer weiß, ob ich nicht in naher Zukunft die Gitarre auspacken und mit den Schulungsteilnehmern die Prozesse nachsingen muss!“
Maya: „Du kannst doch nicht einmal…“
Chloe: „.. ich weiß: Gitarre spielen! Für diese zahlreichen ‚Coaches’ bin ich wohl eine Goldgrube!  Die Visual Facilitators reiben sich schon die Hände… Der vom See muss alles noch beigebracht werden! Malen, singen… “
Maya: „… tanzen kannst Du doch aber schon ganz… „
Chloe: „Naten e mire!“

Am nächsten Morgen schaute Maya der traurigen Chloe verständnisvoll hinterher, als diese mit einer riesigen Papierrolle unterm Arm aus der Tür watschte.

Man muss erwähnen, dass Maya sterben würde, bevor sie nur ein einziges Smiley irgendwohin malen oder gar in einer E-Mail einsetzen würde! Neuerdings bietet sie auch auf eine ganz perfide Art und Weise den Emoticons die Stirn:

Maya ist gegen Emoticons

Maya schreibt die Emoticons einfach aus! Mit der Begründung: „Unsere Sprache bietet so viele schöne Möglichkeiten sich auszudrücken, da braucht es keine Bilder!“

Nachbarn kommen und gehen…

Ein halbes Jahr ist die SpreeSee WG jetzt schon alt. Die Wohnung wird allgemein als eingerichtet betrachtet, auch wenn Chloe an manchen Stellen noch nachbessert. Was beim Umzug verkramt wurde, taucht spätestens jetzt mit der Umstellung der Garderobe auf Frühling wieder auf.  Vieles hat sich eingespielt, einiges wurde zerstört. Neben Gläsern, Tischplatten und Duschköpfen zum Beispiel auch Illusionen. Ich weiß jetzt: Wände in Altbauten sind nicht zwingend dick und schalldämpfend. Auch die Ankündigung unserer Vormieterin, der Nachbar mit dem wir den Balkon teilen und Chloe eine Zimmerwand, höre lediglich einmal die Woche einen Shakira-Song, ansonsten sei er ganz unauffällig, hat sich  als völlig frei erfunden herausgestellt. Er ist viel zu Hause, hört Musik von Oper bis Massive Attack, liebt Action Filme und läutet gerne den Freitag mit lautem Sex ein. Das  alles kann ich über ihn sagen, nur wie er aussieht weiß ich nicht, ich höre ihn immer nur wenn ich mal bei Chloe auf dem Sofa sitze.  Praktischerweise macht er sich auf dem Balkon weniger breit, außerdem vermischt sich dort sein Lebenssound mit der Geräuschkulisse der Straße.

Ein ganz anderes Soundproblem besteht in meinem Zimmer. Hier ist der Fußboden der Schwachpunkt. Chloe berichtete schon in ihrem ersten Post aus der WG von mayner Provokation der unter mir lebenden Menschen durch nächtliches Staubsaugen. Ich quittierte damals prompt ein Besenstielklopfen. Dieses wiederholte sich gelegentlich noch bei lauter Musik nach 12 und einmal sogar beim Vorglühen und Film Schauen mit Chloe. Ich reagierte stets brav und reduzierte die Lautstärke oder griff zum Kopfhörer. Umgekehrt vernahm ich nie einen Laut.

You get what you give – oder wie es zum unteren Nachbarn hinunterschallt, so schallt es hinauf: Jetzt ist das anders! Die ganze Woche schon höre ich ein Möbelrücken, Bohren, Hämmern und Gesprächsfetzen bis zum ausgelassenen Kichern unter mir. Dorthin waren also die Umzugshelfer en masse, die wir am Wochenende im Treppenhaus getroffen hatten unterwegs. Heute hing die Bestätigung im Flur.

Einladung zur Einweihungsparty

No sleep on friday

Liebe Chloe: No sleep on friday. Unsere Planung, die Blessuren der Woche am Freitag rauszuschlafen dürfte schwer umzusetzen sein. Ich habe einen Blick auf zwei der drei Mädels geworfen. Die sind noch genau so verdammt jung, wie dieser niedliche unbedarfte handgeschriebene Zettel vermuten lässt, die werden sicher einiges abkönnen – partytechnisch. Vielleicht sollten wir alten Tanten mal runtergehen und ihnen ein paar Weisheiten über das Leben erzählen…zum Beispiel dass Nachbarn kommen und gehen und man erst weiß, was man hatte, bis es weg ist. Na ja. Ruhe in oder her,  den Besenstiel werde ich wohl nicht vermissen. Jetzt muss ich wenigstens  kein schlechtes Gewissen mehr haben.

Der Schwaben erste Woche im Schwellenland

Die SpreeSee-WG hatte also heute vor einer Woche endlich ihren „go live“. Davor galt es noch den Umzug zu überstehen…. irgend etwas geht ja immer schief.

Während sich die Umzugswagen auf der Autobahn stauten, hielt Chloe in der leeren Wohnung alleine die Stellung und bandelte mit dem Nachbarn an, der ihr daraufhin den Parkplatz mit einem Bistro-Stuhl für die Sprinter freihielt. Auch besorgte Chloe für die Umzugstruppe Alkohol und Butterbrezeln im Kaisers an der Ecke. Im völlig versifften Getränkemarkt stand ein riesiger Rastafari-Mann verpeilt vor ihr. Bevor er Chloe ansprechen konnte, lief die genervte Henne schnell an dem Typen vorbei.

Zwischendrin klingelte das Telefon. Der Mann mit dem Billy-Regal, den ich über Ebay Kleinanzeigen angeschrieben hatte, wollte die Übergabe mit mir klären.

Verkäufer: „Wie schaut es bei Dir aus?“

Chloe: „Du kannst das Regal wie abgemacht einfach vorbeibringen. Ich bin in der Wohnung.“

Verkäufer: „Gerne. Aber ich brauche jemanden, der mir dabei hilft, das Regal runterzutragen. Ich ziehe heute aus und dann kannst Du das Regal nicht mehr abholen.“

Chloe: „Kein Problem. Ich komme sofort vorbei. Sag mir einfach wo ich klingeln soll.“

Verkäufer: „Alles klar. Ich bin die nächsten zwanzig Minuten auf alle Fälle noch zu Hause. Klingel einfach bei XY.“

Chloe düst also gen Warschauer Straße und klingelt nach zehn Minuten an. Sie hört über die Lautsprecheranlage einen Mann auf Englisch sprechen. Er scheint mit jemanden zu telefonieren. Nix passiert. Chloe ruft den Billy-Typen übers Handy an. Nix passiert. Chloe wartet. Nix passiert. Plötzlich reißt der Rastafari-Mann, den sie vor zwei Stunden im Kaisers gesehen hatte, die Tür auf.

Rastafari: „Hello! You klingelt me.“

Chloe: „Ja?“

Rastafari: „Do you speak English?“

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Der Countdown läuft…10 Tage bis zur großen SpreeSee-WG

Der Mietvertrag ist längst unterschrieben, die Umzugshilfen sind eingeladen, die Fahrzeuge bestellt und die Aufregung ist groß…nur noch wenige Tage bis zur großen Zusammenführung des Lebensraumes von Chloe und Maya.

Was gab es nicht alles für seltsame Reaktionen auf den Plan!

„Nice! Ist das die neue weibliche Unabhängigkeit von der man(n) so liest? ;-)“ oder „MAYA, DU ziehst eine WG?“ waren ja noch verhältnismäßig wohlwollende Kommentare, Charlys „Ihr könnt es ja mal versuchen“ fiel nicht gerade motivierend aus. Der Regisseur hielt mit seiner Maynung wie üblich nicht hinterm Berg und warnte:

„Du weißt schon, dass ihr dann schrullig werdet! Also – NOCH schrulliger.“

Mayn Vater fand den Hinweis auf den doch stark veränderten Wohnungsmarkt sowie den ökonomischen Faktor einigermaßen einleuchtend, den schönsten aller Einwände brachte aber Chloes werter Erzeuger hervor:

Was ist wenn Maya sich verlobt, Chloe?

Wir haben für diesen Ausnahme-SuperGAU noch keine Klausel in den Vertrag eingefügt, vielleicht hat irgendein juristisch versierter Leser ja einen Tipp, wie wir dieses unglaublich verzwickte Problem lösen könnten – im unwahrscheinlichen Fall des Falles…

Und hier kommt der Soundtrack zum Umzug … allen Bedenkenträgern sei gesagt:

Hush now child, and don’t you cry
Your folks might understand you by and by
Move on up towards your destination
You may find from time to time complications

Bite your lip and take a trip
Though there may be wet road ahead You cannot slip

Just move on up and peace you will find
Into the steeple  of beautiful people
Where there’s only one kind

So hush now child and don’t you cry
Your folks might understand you by and by
Just move on up and keep on wishing
Remember your dreams are your only schemes
So keep on pushing
Take nothing less – not even second best
And do not obey – you must have your say
You can pass the test

Move on up!

SpreeSee WG wird very Berlin

Keyser Soze, Donnerstagabend 22 Uhr, Jos Lars Soederbaum und Maya von der Spree trinken Rioja und beobachten eine fleißige Prostituierte, die im 20-Minutentakt Freier am Fenster der Bar vorbeiführt. Die spätsommerlichen Temperaturen scheinen die Geschäfte noch einmal ordentlich anzukurbeln.

Jos Lars Soderbaums Augen weiten sich mit Entsetzen als ich ihm eröffne:

Der Mietvertrag ist unterschrieben, Chloe und ich ziehen in die … die … die REVALER STRASSE.

Er ringt nach Fassung, schmunzelt dann aber:

Na super Mädels, mit 30 zieht ihr noch mal mitten auf den Kiez – das kann ja was werden. Wo denn, vor der Simon-Dach-Straße oder danach? Ich hätte einiges darauf gewettet, dass ihr nach Kreuzberg zieht.

Ich in Erklärungshaltung:

Wollten wir ja auch, aber die Wohnung war ein Überraschungsfund. Außerdem gucken wir direkt rüber nach Kreuzberg, haben das Schlesische Tor in Laufnähe und die U-Bahn-Station ist dann auch schon in Kreuzberg. Nur wir, wir sind dann halt – äääh – Friedrichshainerinnen. Daran muss ich mich auch noch gewöhnen.

Jos Lars tröstend:

Na das ist doch auch ganz schön, in ein paar Läden kann man da schon gehen. Den Touristenströme weicht ihr einfach aus und wenn ihr euch in die Party-Tram setzt, seid ihr auch ganz schnell an der Weinerei.

Ich berichte vom Wohnungsfundabend:

Ja – wir haben auch schon einen hervorragenden Dönerladen gefunden und eine kleine schöne Bar. Außerdem haben wir einen Späti unten im Haus und ein Tattoo-Studio!

Jos:

Super – dann passt mal auf, dass zur Partywohnung nicht auch noch das Tattoo als verspätete Jugendsünde kommt. Hm – Ob wir dann noch so oft hier unsere obligatorische Rotweinflasche leeren werden?

Ich werde plötzlich ganz unruhig und der Abschiedsschmerz nach 7 Jahren Leben in Mitte bricht durch:

Aber natürlich – ich brauche noch einen Koffer in Mitte. Wir müssen weiter herkommen!!! Diese Tradtion darf nicht enden.

Auf meinem Heimweg – zu Fuß durch die Auguststraße, vorbei an Tom’s Fritten und den völlig überdekorierten indischen Restaurants auf der Oranienburger, weiter durch die heißgeliebte Chausseestraße packt mich die Wehmut und ich fotografiere jeden Baum, die Post, die Hausnummer 106 in dem das Rio war und jetzt schicke Appartements auf Mieter warten und mayn Klingelschild. Das Ende einer Ära!

Am nächsten Morgen klingelt es an der Tür und ich nehme vom Postmann mayn ultimatives Mittekind-Kennzeichen entgegen: eine riesige Brille, die Clark Kent tragen könnte.

Genau rechtzeitig für den Absprung kommt dieses Accessoire. Chloe wischt mayne Bedenken schon seit Tagen mit dem Rat weg:

Dann findest du eben deine neue Mitte!

Da hat sie natürlich recht. Und Mitte hin – Friedrichshain her, WG mit 30 und der SpreeSee Beat, Bass und Stil ist zwar nicht mehr Retrocool in Mitte, aber immer noch Very Berlin…

Ob es so wie im Video auch bei uns aussehen wird?