Die Geschichte von der serbischen Birne

Chloe hat sich für das Neue Jahr vorgenommen mehr zu bloggen. Die Zeit verfliegt schneller als dass die guten Vorsätze fruchten… Rechtzeitig zum Start des zweiten Monats möchte ich zumindest eine kleine Fallobstgeschichte aufschreiben, die ich vor zwei Wochen beim Besuch des Journalisten in Berlin erzählte. Wir saßen zu Dritt mit Maya bei Wein und Mahl in der Turnhalle.

Meine Einwanderereltern sind vor zwei Jahren in die alte Heimat zurückgewandert und leben nun in einem neuen modernen Viertel der Kosovarischen Hauptstadt. Als mich der Journalist einst im Wohnzimmer meiner Eltern für einen Wochenendtrip nach Tirana abholte, zwinkerte er mir zu: „Deine Eltern leben im Beverly Hills von Prishtina.“

Ich verstand! Meine Eltern, die pensionierten Schwabovaren, sind Teil einer Gentrifikationsbewegung. Ihr Reihenhaus mit Buchsbaum und deutschen Stiefmütterchen steht ferner im vormals stark serbisch besiedelten Bereich der Stadt. Ein Investor hat nach dem Krieg das begehrte Grundstück – fernab von der lauten und dreckigen Innenstadt – gekauft, um den zurückgekehrten Albanern in einer Gated Community einen Hauch von bekannter westlicher Sicherheit und Ordnung zu schenken. Mit Erfolg! Diese Wohnanlagen sprießen nun wie Pilze aus dem Boden. Inklusive Schranken vor dem Häuserwald natürlich…

In der Gegend meiner Eltern leben weiterhin ein paar serbische Mitbürger. Sie halten auch einen eigenen Wochenmarkt ab. Mein Vater ging – da der Markt gleich um die Ecke – eines Tages mit meiner Mutter und meinem Onkel zum Einkaufen hin. Was er vorfand war bitterlich erbärmlich anzusehen. Uralte Greise knieten auf Hosen mit mehreren Schichten aufgenähten Flicken vor ihren Habseligkeiten. Ausgelegt auf Tüchern oder Decken lagen einzelne Knoblauchzehen, Eier oder mickriges Obst. Mehr schien ihr Land nicht zu erwirtschaften. Mein Vater war von dem Anblick erschüttert und fragte seinen Bruder was wohl für ein Geldwert hinter all den Waren auf dem gesamten Markt stecke.

„Neunzig Euro“, vermutete mein Onkel.

„Lass uns alles aufkaufen!“, schrie mein Vater enthusiastisch bei dem Spottpreis auf.

Mein Onkel belächelte seinen älteren Bruder: „Und was willst Du in Deinem Zwei-Personen-Haushalt mit dem ganzen Kram anfangen?“.

Mein Vater – der selbst noch seinen neu aufkeimenden Altruismus verdauen musste, entgegnete, „Ach, wir können das doch alles dahinten in den Fluss schmeißen. Das sieht doch keiner.“

So weit kam es aber nicht, da plötzlich ein Häufchen Birnen seine komplette Aufmerksamkeit auf sich zog. Meine Mutter liebt Birnen. Und statt Lebensmittel für den Fluss zu kaufen, erschien es meinem Vater durchaus sinnvoller, seiner Frau die begehrten Früchte zu schenken. Die steinalte Verkäuferin hatte tatsächlich für nur drei Kilo Birnen den ganzen weiten Weg zum Markt auf sich genommen. Mein Vater fragte nach einem Kilo. Die Greisin flehte ihn an, dass er doch für zwei Euro den ganzen Stand aufkaufen solle. Das butterweiche Herz meines Vaters konnte natürlich nicht Nein sagen. Er legte ihr zehn Euro hin. Sie schaute ihn verzweifelt an: „Ich kann auf so viel Geld nicht herausgeben. Bitte wechseln sie da hinten die zehn Euro in Serbische Dinar ein.“

Mein Vater erzählte mir, dass die Kosovarischen Serben noch finanziell von Belgrad aus im Sinne ihrer Identitätswahrung mit der eigenen Währung unterstützt werden.

Kurz vorm Ziel wollte er nun nicht aufgeben und wechselte die zehn Euro in Dinar um. Den Sack Birnen nahm er in die Hand und das Restgeld schob er dem Schatzmeister, meiner Mutter, unter.

Die pure Anwesenheit der Dinare in ihrem Geldbeutel machte meine Mutter völlig nervös: „Ich fühle mich, als seien die Serben in meine Hosentasche gekrochen! Ich will deren Geld nicht an meinem Körper wissen.“

Mein Vater erbost: „Das sind auch nur Menschen. Auch sie haben unser Mitleid verdient!“

Meine Mutter weiter eingeschüchtert: „Die haben uns im Krieg umgebracht!“

Mein Onkel mit funkelnden Augen: „Ha! Deine Frau ist eine größere Patriotin als Du, Bruder!“

Mein Vater genervt: „Ihr Nationalisten!“

Meine Mutter gab dann in Rage alle Dinare auf einmal aus. Mein Onkel, der Nutznießer der süßlichen Trauben und sonstigen Lebensmittel, aß brav alles auf.

Nun ist es so, dass zusätzlich eine uralte Serbin mit ihren Eiern bei meinen Eltern hausieren geht. Mein Vater, der felsenfest behauptet, dass serbische Eier besser, ja fast wie Fleisch!, als die albanischen Eier schmecken kann sich nicht gegen die Hausherrin auflehnen. Meine aufgescheuchte Mutter scheucht die Serbin immer weg.

Bei dieser Erzählung bitte auch ich meine Mutter um Nachsicht: „Sei bitte kein Unmensch!“

Meine Mutter: „Aber manchmal versucht sie auch Rosen zu verkaufen! Stell Dir mal vor!!! Blumen! Ich soll Blumen von einer Serbin kaufen?“

Tja, Liebesboten vom Klassenfeind zu erstehen ist für meine Mutter ein Konflikt, den sie moralisch nicht lösen kann.“

Mein Vater, der gute Esser, zu meiner Mutter: „Ja, ja, Blumen. Hach! Aber die guten Eier! Was haben Dir denn die Eier getan? Und die serbischen Birnen erst!“

Meine Mutter einsichtig zu mir: „Ja, die Birnen waren in der Tat sehr lecker. Aber weil es so viele waren, sind sie am Schluss doch alle verfault.“

Maya antwortete auf meine Erzählung mit einem schlichten Bonmot:

„Es liegt in der Natur des Menschen, sich Feinbilder zu schaffen. Deine Mutter sorgt sich darüber, ob die Birnen serbisch sind. Hier in Berlin sorgt man sich darüber, ob die Birnen ökologisch sind. So hat jeder seine eigenen Probleme.“

Freie Bahn für Chloes Reise in den Migrationshintergrund

Was bin ich doch erleichtert, dass die Regierung rechtzeitig vor Chloes Reise in den Kosovo den Gesetzesentwurf zur Integration auf den Tisch gebracht hat!

Nicht, weil ich sie nach ihrer Rückkehr wegen ihrer steten Weigerung, sich doch bitte endlich mal richtig zu integrieren, zum Sprachkurs schicken möchte. Nein, diese sind hier in Berlin ja eh überfüllt und Chloe würde ohnehin nur die Unterrichtsvorlagen des Kursleiters optimieren.

Endlich ist nun das grausigste Schreckgespenst rund um die Reise ins Land der Eltern gebannt: die Zwangsehe erfüllt in Zukunft einen eigenen Straftatbestand. Wer im Ausland gegen den Willen verheiratet wird, dem soll außerdem die Rückkehr erleichtert werden. Alle von Chloes Angstphantasien rund um das Wurzelland hängen schließlich mit ihrem größten Makel aus kosovarischer Sicht zusammen: sie ist unverheiratet und auch eine Verlobung steht nicht in Aussicht. Die konservative Verwandtschaft betet täglich für sie, auch abergläubische Rituale werden abgehalten – alles ohne Erfolg. Chloe steht unter starkem Druck!

Radikale Onkel und Cousins werden da imaginiert, die – kaum dass die Madame den Fuß aufs  Heimatland gesetzt hat – den deutschen Pass einsacken und einen Heiratskandidaten aus dem Hut zaubern. Auch wenn ich bei jeder dieser Panikattacken versichere: „Chloe, ich hol dich da raus, wenn sie dich nicht mehr gehen lassen!“, wiegelt sie mit Verweis auf ihre doppelte Staatsbürgerschaft ab: „Das geht nicht, die dürfen gar nichts machen, ich bin da unten Kosovarin.“

Maynen Plan, mit wehenden Fahnen und einem ganzen Dokumentar-Filmteam die Rettung aus der Zwangsheirat zu organisieren, quittierte sie immer mit Kopfschütteln. Das mag daran liegen, dass man in dem Balkan-Binnenland noch ein sehr viel engeres Verhältnis zu Schusswaffen hat. Angesichts von Chloes Verwandtschaft, die sich auf Facebook-Profilbildern auch gerne mal mit der Uzi in der Hand präsentiert, scheint mayne mediale Armada für diese Befreiungsaktion zumindest kurzfristig ungeeignet. Aber ich war mir ziemlich sicher, durch internationale Aufmerksamkeit ließe sich da einiges machen… Die Frage blieb, wie vielen Kindern Chloe in der Zwischenzeit das Leben schenken müsste, bevor ich sie – nicht mehr ganz heil – zurück in der Berliner WG hätte.

Das ganze Szenario gehört dank des neuen Gesetzes nun der Vergangenheit an. Wie läuft das wohl? Ich zeige vielleicht einfach direkt bei Chloes Abflug schon mal pro forma eine Zwangsverheiratung an…

Währenddessen hat die Schwab&ovarin ganz eigene Probleme. Nicht nur, dass sie Präsente für die gesamte Mischpoke besorgen muss. Sie benötigt auch eine ausgeklügelte Planung, um ständige Besuche von Bekannten und Verwandten im neuen Elternhaus zu vermeiden. Dies bedeutet nach dem alten Ritus nämlich jede Menge Stress und außerdem hüpft hier ebenfalls der Heirats-Springteufel aus dem Kasten. Es muss ja nicht immer eine Zwangsehe sein. Auch die hoffnungsfrohe Vorstellungsrunde lauter heiratsfähiger Kandidaten klingt nicht gerade nach Urlaub. Wieder wünsche ich mir ein kleines Filmteam, das diese Szenen für die Ewigkeit festhält:

„50 Arten einen Bräutigam abzulehnen“ – ein Film über und mit Chloe vom See.

Auch wenn Chloe daraufsetzt, zumindest hässliche Bewerber mit dem Segen ihres Vaters in die Flucht schlagen zu können, da diese der Maynung ist, die Tochter hätte nur die schönsten Männer des Landes verdient, wird das Eis auf dem die ledige Frau steht, immer dünner. Das Schutzschild „Bildung“, das während Magister und MBA so wirksam gegen eine Hochzeit war, lässt sich nur noch zweimal aktivieren: Promotion und Habilitation. Auf diesen Verzweiflungsakt hat Chloe aber keine Lust. Neue Ausreden müssen her, auf die Kreativität mayner lieben Freundin in diesem Bereich wäre ich dann doch sehr gespannt. Leider hat sie vor, sich ganz passiv-aggressiv durch tagelange Ausflüge zu entziehen. Aber sicher wäre sie im Vertrösten der Männer mindestens so schlau wie das berühmte Role Model aus der griechischen Mythologie. Penelope, die lieber auf ihren Odysseus warten wollte, der sich ein bisschen verfahren hatte,  als einen neuen Mann zu akzeptieren, webte einfach ein paar Jahre lang.

Chloe sollte es notfalls ähnlich halten, am liebsten aber in der Küche. Schließlich lautet mayn Auftrag an sie: Komm mit neuen Fertigkeiten zurück!

Die perfekte Ausrede aus mayner Sicht lautet also:

„Ich kann nicht heiraten, bevor ich nicht die perfekte Pide und den perfekten Passoul koche.“

Und dann üben, üben, üben – bis zum Rückflug.

Essen für 1 Euro

Seit Chloe die Brennnesselpide ihrer Mutter gebloggt hat, liegt ihr Maya in den Ohren: „Ich will das auch. Ich will das auch. Du musst das unbedingt mal für mich machen!!!“

Eigentlich absurd, dass sich die Digitale Boheme das Armeleuteessen von mir aufgetischt wünscht. Da versuche ich mich an Dessertkreationen wie einer Charlotte (die leider ob streikender Gelatine zum Tipi zusammenfloss – Nein, Tim, dieses Mal war kein Gin mit im Spiel!) und Maya will immer nur diese eine Pide!

War trotz der außergewöhnlichen Form köstlich !

Jetzt, da tatsächlich wir beide ausgeraubt worden sind, die Bargeldreserven sich dem Ende hin zuneigen und wir ausgehungert auf EC-Karten sowie PIN-Nummern warten, heißt es tatsächlich: Essen für Low Budget!

Chloe machte sich am Dienstag zum orientalischen Markt am Maybachufer auf. Jedoch kein Türke verkaufte Brennnesseln. Nur ein ganz verschrobener Deutsch-Öko hatte ein kleines Bündchen herumliegen. Aber bei den überteuerten Preisen rief ich patzig: „Da geh ich doch lieber selber pflücken. Das ist doch Unkraut und wächst überall umsonst!“

Ich rief sofort Maya an, sie solle bitte eine Stunde früher zum Pflücken erscheinen. Alleine mache ich das nicht. Prompt erschien folgender Status auf Facebook:

Maya macht sich mit Chloe auf zum Brennnesselpflücken. Jetzt, da wir bestohlen wurden, nähren wir uns von dem, was die Erde uns schenkt und kochen folkloristisch!

Bevor wir loszogen, informierte ich noch MoMa über unsere neueste Aktion. Seine Antwort folgte zugleich:

Na, dann wünsche ich meinen beiden Naturkindern eine erfolgreiche Suche und ein leckeres Abendessen. Und laßt Euch nicht auch noch die Fahrräder, die selbst geflochtenen Weidenkörblein oder sonst was klauen.

Der Mann denkt halt in Bildern. Wir amüsierten uns köstlich darüber. Von unterwegs sandten wir ihm schnell ein Bild unseres „Weidenkörbleins“ zu.

Unser Weidekörblein

MoMa begeistert:

Ikea-papiertüte, sicherlich irgendwo gefunden oder erbettelt, ist auch super!

Den wichtigsten Tipp meiner Mutter: „Niemals ohne Handschuhe!“ befolgten wir natürlich auch. Maya lief gar mit Handschuh und Schere in der Hand durch die Stadt. Mir war das schon etwas peinlich mit ihr an meiner Seite, oder wie wir unter nach Urin duftenden U-Bahn-Brücken die größte Brennnesselausbeute ernteten. Manchmal waren wir uns auch etwas unschlüssig darüber, ob es sich bei unserem Grünzeug wirklich um Brennnesseln handelte. Aber wer nicht wagt, der hungert!

Zu Hause angekommen rupfte Maya die Brennnesseln und Chloe kümmerte sich um den Teig. Hier zum Nachkochen das Rezept anbei.

Für den Teig mischt man 350 Gramm Mehl und 1 TL Salz mit ca. 200 ml warmen Wasser zu einem Teig zusammen. Die richtige Konsistenz hat man im Gefühl. Den Teig kurz unter einem Tuch gehen lassen und dann 18 kleine Kügelchen daraus formen. Die Kügelchen auf die Größe einer Untertasse ausrollen.

Der erste Schritt zum Blätterteig.

Irgendwann davor sollte man viel Butter in einer Pfanne geschmolzen haben. Aus den 9 Untertassen schichtet man zwei Türme. Zwischen die Teigfladen kommt natürlich je ein Esslöffel Butter.

Der Butterturm.

Zum Schluss rollt man den Butterturm zu einem großen Fladen aus und belegt damit die berühmte Tepsija (Pideform gibt es für 5 Euro beim Türken) aus.

Für die Füllung war Maya zuständig: Brennnesseln waschen, blanchieren und kleinhacken. Eine gehackte Zwiebel in der Pfanne anbraten und die Brennnesseln mit etwas Gemüsebrühe dazugeben. Alles fünf Minuten kochen lassen. Mit Salz, Pfeffer und Muskatnuss würzen. Am Schluss Schmand reinhauen. Fertig!

Die Füllung großzügig auf den Teigfladen verteilen. Deckel drauf!

Der Teigschwung liegt bei Chloe wohl in den Genen.

Den Rand nun kunstvoll einschlagen und auf den Deckel noch eine ordentliche Portion Butter drüber!

Feinschliff.

Pide im vorgeheizten Ofen bei 250 Grad goldbraun backen. Trick meiner Mutter, damit die Kruste nicht zu dunkel wird: Kurz vor Schluss die Pide im Ofen mit einem Papierküchentuch abdecken. Die duftende Flade aus dem Ofen nehmen, die Kruste locker einstechen sowie mit Wasser beträufeln und für zehn Minuten unter einem Geschirrtuch abkühlen lassen. So wird die Kruste herrlich weich. Warm servieren! Reste können am nächsten Tag den Kindern zur Schule mitgegeben werden.

Das war Chloes allererste Pide!

Günschtig, gell? Und die Brennnesseln wirkten bei Chloe und Maya noch besser als Spinat: Am nächsten Tag meisterten die kleinen Frauen 27 km auf der Spree ohne Muskelkater! Natürliches Doping.

Postkarten-Genossen

Web 2.0-Boheme hin oder her, Chloe, der Widerspruch in Person, liebt Postkarten! Mit ihre Neigung zur anachronistischen Kommunikationsplattform bombardiert sie bei jeder noch erdenklichen Gelegenheit Mayas Briefkasten. Ob auf Mailändischen Toiletten oder überteuerten Schweizer Bergstationen, in der Regel findet sich immer ein Motiv, das nur darauf wartet, auf der Rückseite von mir bis zum Äußersten mit Worten vollgekritzelt zu werden. Manchmal male ich auch oder lasse – seit eine blöde Tabakladenbesitzerin in Leipzig meinen Filmstreifen als Bahngleise interpretierte – besser für mich zeichnen.

Als ich beim letzten Besuch bei meinem Bruder 37 Briefmarken kaufte, schüttelte dieser nur den Kopf über meinen Fetisch. Chloe chonnte das so nicht stehen lassen und chonterte:

Und wenn ich eines Tages sterben sollte, dann habe ich zumindest tausende von Postkarten in aller Herren Schubladen hinterlassen! Das ist mein Lebenswerk !!!

Aber auch in meinen Schubladen liegen diverse Zeitreisezeugen. Letzte Woche bekam mein Haufen Ansichtskarten abenteuerlichen Zuwachs! Und da ich immer noch so begeistert bin von Text und Reiseort, anbei die Worte.

Tung Chloe,

natürlich helfen wir der KFOR dabei die letzten kommunistischen Zellen zu reaktivieren, denn nach dem Crash der Finanzmärkte haben selbst die Vereinten Nationen begriffen, dass der einzige Weg in eine blühende Zukunft nur über den Sozialismus führen kann. „Leute hört die Signale / auf zum letzten Gefecht / die Internationale / erkämpft das Menschenrecht“ (gezeichnete Note im Anhang).

Grüße aus Prizren

Da lacht doch mein marxistisch-leninistisches Herz! Dies ist ferner die zweite Postkarte, die ich aus meinem Migrationshintergrundssprachraum erhalten habe. Die erste sandte mir MoMa aus der albanischen Stadt Vlore. Auch er war weltverbesserisch unterwegs und brachte in Tirana zukünftigen Störenfrieden das Karikieren bei. Vermutlich bastelt einer seiner Jünger schon an Miss Schkipetäria.

Der eingebildete Albaner

Mayas „Ätsch!“ war nicht unbegründet. Chloe fror über Ostern tatsächlich in Barcelona, während am Schwabenmeer Hochsommertemperaturen aufwarteten (den Bikini brauchte ich in Spanien erst gar nicht auszupacken!). Der Wind, der Regen und die Kälte hielten die zwei deutschen Touristinnen aber nicht vom Sightseeing & Feiern ab. Die Rache kam nach der Ankunft in Deutschland – vor dem Flug gab es noch Tomatensaft am Flughafen gegen den Kater. Höllische Kopfschmerzen, kratzender Hals und verdichtete Nase. Direkt nach dem traditionellen Spargelessen mit meinen Stuttgarter Freundinnen schlief ich vor Ort auf der Couch ein. Der Martini wurde auf dem Balkon ohne mich getrunken. Chloes sonore Nase untermalte den lauen Sommerabend mit einem leichten Soundtrack für die Freunde…

Am Ostermontag begab ich mich mit dröhnendem Schädel auf die Heimreise. Ich hatte mir extra eine Zugverbindung „ohne Umsteigen“ herausgesucht. Dann diese Konversation mit dem Schaffner:

Schwäbischer Schaffner: „Ihre Fahrkarte bitte!“
Chloe reicht die Fahrkarte.
Schwäbischer Schaffner: „Wie lautet denn Ihre Endstation?“
Chloe in ein Taschentuch trotzend rotzend: „Meckenbeuren.“
Schwäbischer Schaffner eiskalt: „Dann müssen Sie nun in Göppingen aussteigen. Mit dem Baden-Württemberg-Ticket dürfen Sie nicht im InterCity fahren.“

Der Schädel pochte und ich kochte innerlich! Die Chose hatte ich schon auf der letzten Berlin-Rückreise. Aber da handelte es sich um einen ICE. Das versteh ich ja noch. Aber warum darf ich nicht mit dem popeligen IC an den See??? Eine Stunde stand ich ohne Aspirin am Bahngleis und sehnte mir die Bummelbahn herbei. In „Mekka“ wartete mein Chauffeur in FlipFlops auf mich. Am See hatte während meiner Abwesenheit alles zu blühen begonnen! Der Frühling ist rosa-weiß-rot eingebrochen!

Durch den Mund atmend schrie ich entsetzt bei all der wohligen Wärme um mich herum: „Fuck, Barcelona!“ Und in dem Moment lief auf FM4 ironischerweise „Blue Period Picasso“ von Peter Bjorn and John. Nein, Barcelona war natürlich toll, nur habe ich mir die Erkältung meines Lebens zugezogen. Vor Kopfschmerzen liefen mir sogar die Tränen… Zum Glück konnte mein Chauffeur eine Bouillon für die nicht eingebildete Kranke kochen. Das öffnete mir etwas die Augen und ich vermochte doch, den Tatort anzuschauen. Zwischenzeitlich musste ich mich ob fiebriger Hornhaut vom Bildschirm wegdrehen und mir die Szenen vom Chauffeur nacherzählen lassen.

Trotz massiven Immunsystemeinbruchs habe ich jedoch mitbekommen, was gleich zwei Tatort-Rezensenten entgangen ist! Nicht ein einziger waschechter Albaner war im Tatort als Rolle niedergeschrieben. Maya! Deine Rezension war zwar wie immer genial und traf auch meine Rezeption, aber wie konnte Dir dieser Fehler unterlaufen??? All die Politikseminare während unseres Studiums? Maya, alles ignoriert? Die schöne Systemtheorie, unsere Referate mit Dokumenten von Zeitzeugen, meine niemals vollendete Hausarbeit… Stepan Istjevic ist doch der Feind der Kosovaren! Wie kann der ein Skipetar sein? Istjevic will als Anhänger des Großreichs Serbiens lediglich das Amselfeld zurück.

Aber Dir, liebe Maya, verzeihe ich ja alles. Beim zweiten Rezensenten kommen mir jedoch fast die Lachtränen. Wie kann ein Slave den Serben „Istjevic“ mit einem Skipetaren verwechseln?

Ebenso wie der böse Vermittler Stepan Istjevic (ein grotesk geschminkter und alles andere als albanisch wirkender Victor Choulman) irgendwo doch noch einen Funken Anstand besitzt. Istjevic geht es eigentlich nicht um Geld, sondern ums „Vaterland“.

Oh, hier scheint ein Kenner unterwegs zu sein. Ein moderner Anhänger der Physiognomie! Wie sieht denn ein echter Albaner aus? Und welches Vaterland rechnen wir diesem Phänotyp zu? Ist das Vaterland eines Kosovaren Albanien? Tja, das passiert, wenn man seine Bildung aus dem Fernsehen hat. Allein über die Famija Moderne oder den Tatort erklärt sich die Welt nicht… etwas Menschenkenntnis und Empathie kommt immer gut.

Und seit wann hat das „Vaterland“ nicht auch was mit Geld zu tun? Jedes Hektar Land bedeutete von jeher Macht und Geld. Manche opfern gar ihre eigenen Kinder dafür… und ob das Amselfeld das „Vaterland“ eines Serben ist, ist so oder so ein spannender Diskurs. Diese Metaebene scheint allen entgangen zu sein. Chloe ist zumindest die zivilisierte Generation der iPod-Jünger lieber als die mit Hass gegen Ethnien erfüllten Teenager auf dem Balkan. Jede Münze hat zwei Seiten!

Rache, Schach und Skipetaren

Tatort aus Hamburg, „Häuserkampf“, 13.4. 20.15 Uhr

Spannend, gut konstruiert, bissiger Humor, ich habe kein einziges Mal auf die Uhr geschaut, dafür gibt es eine 1

Die Rochade [rɔˈxɑːdə, auch rɔˈʃɑːdə] ist der Spielzug im Schach, bei dem König und Turm einer Farbe bewegt werden, sie stellt eine standardisierte Abkürzung für eine Reihe von Einzelzügen dar. Indem ein Spieler die Rochade ausführt (rochiert), verfolgt er das Doppelziel, den König in eine sichere Position zu bringen und die Türme zu verbinden. Die Rochade darf von jedem Spieler pro Spiel höchstens einmal ausgeführt werden. Ihre Zulässigkeit ist an eine Reihe von Bedingungen geknüpft.

Der Schachausdruck Rochade und das damit verknüpfte Bild einer komplizierten gleichzeitigen Bewegung zweier (mehrerer) Figuren wird darüber hinaus in übertragener Bedeutung verwendet. Gemeint ist dann etwa ein politisch bedingter Personen- und Funktionswechsel („politische Rochade“) oder der situationsbedingte Positionswechsel von Fußballspielern während des Spiels. Es ließen sich zahlreiche weitere Beispiele für eine übertragene Bedeutung anführen. (Wikipedia)

Cenk Batu (Mehmet Kurtulus), der neue Hamburger ist verdeckter Ermittler und das heißt, gängige Tatort-Erzählmuster dürfen draußen bleiben: kein Revier, wenige Kollegen, kein Mord, keine Leiche, keine Verhöre im Präsidium.

Dafür gibt es Gewissensbisse und Identitätsfragen beim einsamen Wolf, der mit enormer Physis, bestechender Brillianz, rasanter Kombinationsgabe immer noch menschlich und sympathisch bleibt – ein wahrer Held mit Abgründen. Amüsantes Ping-Pong-Spiel mit seinem stets über-ehrgeizigen aber letzendlich doch moralisch integrem Vorgesetzten, das Fernschach mit dem Baba und die nette Nachbarin sind die einzigen menschlichen Konstanten im Leben dieses detektivischen Chamäleons, das sich immer wieder beherzt mitten unter die Bösen begibt und deren Vertrauen erringt, um sie bald darauf zu überführen. Ein Held ist der Batu also, der sich um das Richtige zu tun in der moralischen Grauzone des Verrates bewegt.

Das ergibt schon von vornherein eine spannende Konstellation, auf der dieser Film sich keine Sekunde ausruht. Der Nervenkitzel setzt von der ersten Minute an ein, denn zur üblichen „Verrats“-Arbeit eines verdeckten Ermittlers kommt bei diesem Fall eine besonders unangenehme Komponente hinzu: Batu muss unter Kollegen im Trüben fischen, denn das SEK steht unter Verdacht Waffen und Nahkampf-Wissen an Kriegstreiber im Ausland zu verkaufen. Das ist zwar ein übles Vergehen, aber ein Nestbeschmutzer ist keiner gerne. Kurz vor dem Abschluss der Ermittlungen – Batu hat dem Kollegen/Verdächtigen Jansen bei der Ausrichtung einer Schnitzeljagd zum Geburtstag der Tochter geholfen und bekommt zum Dank nicht nur die Patenschaft für das Mädchen, sondern auch die lukrative Beteiligung am schmutzigen Geschäft angetragen – wird der Hobby-Schachspieler zu einer Rochade im echten Leben und einer Schnitzeljagd für Erwachsene genötigt.

Das SEK wird zu einer Entführung in einem Hamburger Hotel gerufen, doch der Entführer Zoltan Didic (im Theater meistens eine Enttäuschung, aber hier grandios und eiskalt: Stipe Erceg) will kein Geld, sondern Rache. Rache an Jansen, der bei einem Häuserkampf-Einsatz im Kosovo in Folge ungeklärter Umstände Didic niedergeschossen und dessen Frau und Sohn getötet hat. Er erschießt sich vor den Augen des SEK, und hinterlässt Jansen die Botschaft, er habe drei Stunden, um seine Familie zu retten – immerhin eine Chance, Didic selbst hatte gar keine.

Die Rochade setzt ein, denn Jansen wird durch einen Verkehrsunfall außer Gefecht gesetzt und Batu übernimmt (schließlich ist er Patenonkel) die Suche nach Mutter und Kind in einer fulminanten Handy-Schnitzeljagd durch Hamburg und die Psyche der Skipetaren. Gemeinsam mit seinem Vorgesetzten (großartig chefig und trotzdem loyal mitfiebernd Peter Jordan) der permanent um die Tarnung seines Schützlings besorgt ist, klärt er dabei drei Fälle:

1. Was ist im Kosovo passiert?

2. Rettung von Jansens Frau und Kind

3. Das Leck im SEK, das Waffen und Know-How unter der Hand verkauft

Am Ende hängt natürlich alles zusammen – die einzige Frage bleibt: wer hat denn hier NICHT rochiert oder irgendwas verwechselt? Aber ich bin die letzte, die sich über ein konsequent durchgezogenes Motiv beschweren würde, wenn es nicht zu gesucht ist.

Also: Jansen sollte im Kosovo einen Waffenschieber verhaften, in Rückblicksequenzen sehen wir ihn immer wieder mit der Waffe im Anschlag durch ein Haus laufen „Sniper – forth floor..“ lautet sein Auftrag, aber hinter der angegebenen Tür ist nicht der Waffenschieber Istjevic, sondern die Familie Didic. Es stellt sich heraus, Istjevic ist AUCH der Auftraggeber der SEK-Jungs auf Abwegen und er ist AUCH der Schwiegervater des rachsüchtigen Didic. Durch seinen verbissenen Kampf fürs Vaterland hat er bei den Waffengeschäften das Leben der Familie aufs Spiel gesetzt und deshalb hat der Schwiegersohn den Plan so ausgefeilt, dass auf jeden Fall einer büßen muss. Er inszeniert ein Duell Jansen (für den aber Batu kommt) – Istjevic, wenn Jansen siegt, ist seine Familie frei und der Alte, der sich an der Familie schuldig gemacht hat, büßt. Gewinnt Istjevic, heißt es Frau um Frau, Kind um Kind.

Die Rettung ist in diesem Fall die Rochade, dennn Istjevic hat naturgemäß gar kein Interesse, Batu zu töten, er will Jansen, den Mörder seiner Tochter. Also wird er geschnappt, als er im Krankenhaus seine Rache verüben will und von seinem Handy aus lässt sich der Verbindungsmann im SEK bequem per Anruf ermitteln.

Auch die Geschehnisse im Kosovo, die dieses elaborierte Blutrache-Schachspiel begründen (der gemeine Albaner, Chloe weiß das und den Zuschauern wird es auch noch durch eine Szene im Kulturverein verdeutlicht, greift ganz profan zum Messer und geht die Sache direkt an) werden mit Hilfe moderner Technik und den Sprachkenntnissen Batus aufgelöst. Im Tonprotokoll des Einsatzes war es ein Amerikaner, der die Ansage machte:  „forth floor“, damit meinte er den 3. Stock, die Amis zählen das Erdgeschoss nicht, dumm gelaufen. Istjevic war also einen Stock tiefer und das sind auch Frau Jansen und Kind, denn Didic hat den Fall genau nachgestellt. Batu hatte zum Glück von seinem Vater die Rochade und in seiner Ausbildung die Empathie gelernt, auch wenn er im Brettspiel nicht so ein Ass ist, im Leben schafft er es gerade noch alle Züge der diversen Kontrahenten vorauszuberechnen und steht damit am Ende erfolgreich aber ganz alleine (mit der Nachbarin wird es nicht so richtig, wohl weil ihm die Möglichkeit offen zu sein durch seinen Beruf versaut ist und er halt zu gut ist, um eine Frau anzulügen) vor seinem Spiegelbild – Lacan lässt grüßen und ich bin völlig begeistert!

Der Hamburger Tatort hat es mit der Einführung des Thrillers gewagt, die ausgetretenen Pfade zu verlassen und uns einen Kommissar völlig neuen Typs geschenkt – Danke dafür! Das ist eine willkommene Gabe und schöne Abwechslung, wenn wir an all den mal netten mal nervigen Klamauk denken, der uns in letzter Zeit vorgesetzt wurde, haben wir das wirklich verdient. Florian Baxmeyer als Regisseur, Johannes W. Betz und Peter Braun als Autorenteam – davon möchte ich mehr sehen!