Theatersaison wird radikal eröffnet! Teil 1 – Die Entscheidung für ein Stück

Die Masse und die Menge aller durchschnittlichen Menschen, die verstehen uns nicht.

Diesen Satz sagt (laut Nachtkritk) Ibsen-Figur John Gabriel Borkmann des aktuellen „Skandal-Theaters“ im Prater wiederholt. Damit nimmt die Inszenierung ihre Rezeption bereits vorweg, sehr viel Hellsichtigkeit brauchte es für diese Einschätzung wohl nicht, wenn man sich ein wenig näher damit beschäftigt. Das Geschehen auf der Bühne scheint die traditionellen Funktionen des Theaters zu erfüllen, zumindest das von Aristoteles geforderte Hervorrufen von Jammer (eleos) und Schaudern (phobos) ist wohl gegeben, wie es um die Reinigung besteht, wissen wir noch nicht. Jedoch kennen wir das Phänomen, im Theater zu sitzen und ganz im Gegensatz zur Masse ein Stück, das uns zutiefst berührte, einsam zu beklatschen während der Rest schon geht und dafür bei enorm erfolgreichen Produktionen  (mayn Problem mit der Musical-Gattung z.B.) irgendwie den Zugang nicht zu finden. Und so wird auch die Suche nach dem passenden Drama manchmal schon zum Drama, oder auch zur Tragikomödie…

Prolog

Jos Lars und Maya suchen schon seit Wochen nach dem geeigneten Theaterstück mit dem sie die Theatersaison eröffnen könnten. Diverse Planungen platzten aus Termingründen und Ticketverfügbarkeit. Zudem ist das Angebot in diesem Herbst nur teilweise verlockend. (Der talentierte Mister Ripley in der Schaubühne ???!!!)

Szene

Am Küchentisch der SpreeSee WG

Beim gemütlichen Kaffee und hervorragendem Apfelkuchen werden digitale Spielpläne gewälzt und man kommt einem würdigen Favoriten für den Saisonstart auf die Spuren. Der Prater der von der Volksbühne bespielt wird, lieferte schon einige tolle Abende. Nun hat er seit ein paar Tagen „John Gabriel Borkmann“ den 4. Teil der Ibsen Saga im Programm. Mal beiseitegeschoben, dass die ersten drei Teile irgendwie an ihnen vorbeigelaufen sind, suchen beide neugierig nach einer Beschreibung. Die fällt von der Theaterseite her eher mager aus. Eine ellenlange Liste der Beteiligten sowie die Bemerkung „Jede Vorstellung ist anders!“ wecken das Interesse, der Hinweis „Eintritt ab 18 Jahren.“ wirkt gar wie ein Gütesiegel. Informationen zu Thematik und Stil der Inszenierung fehlen, aber man ist trotzdem schon angefixt.

Bei der Terminauswahl kommt die Frage auf, wie lange das Stück wohl dauern könnte: Ist es abendfüllend oder kann man danach noch auf eine private Feier gehen, etc.? Auch der für den Spielort relativ hohe Ticketpreis wirkt verdächtig.

Also konsultiert Maya Kritiken. Es scheint ein Stück zu sein, das nahezu die gesamte Breite der Medienlandschaft beschäftigt. taz und BILD äußern sich. Nun gerät Maya – nur weil  die BILD-Kritik mit einer Zeitangabe beginnt, unglaubliche 11 Stunden (ok, und die Schlagzeile ist auch recht griffig) – zum ersten Mal in den Genuss einer Theaterkritik des nicht für seinen Feuilleton bekannten Blattes.

Kritik in Bild Online

Kritik in Bild Online

Maya: Ich muss sagen, da ist mir bisher doch eine Menge Amüsement entgangen!

Maya trägt Jos Lars den vehementen Artikel  vor und kann sich vor Lachen über die rückständig-spießige Diktion der Empörung kaum halten. Es klingt fast wie die Satire auf einen Bild-Artikel der 60er Jahre. Vielleicht sind das aber auch nur die einzigen, die sie kennt, als historische Quellen in der Auseinandersetzung mit der Studentenbewegung. Sollte es wirklich war sein, dass sich da in der Mentalität seit 50 Jahren so wenig verändert hat? Anscheinend schon.

Maya deklamiert: „Jedes Jahr haben Hunderte Theaterstücke Premiere in der Hauptstadt, viele sind umstritten.
Doch was die Volksbühne im Prater aus Ibsens Klassiker „John Gabriel Borkman“ gemacht hat, ist das Widerlichste, was Berlins Theaterpublikum seit Langem zu sehen bekommen hat. Im Zehn-Minuten-Takt gehen Leute aus dem Saal.“

Jos Lars ruft: Das ist was für uns!

Maya entdeckt weitere Hinweise auf die enorme Länge des Stücks: „Zum Beispiel wenn sich der Vater den Intimbereich rasiert und die Haare seiner Ehefrau an den Kopf klebt – vor dem Hintergrund einer riesigen Vagina. Die Gewalt- und Ekel-Orgie geht stundenlang weiter.“

Jos Lars beschließt: Danach kann man nicht auf eine Geburtstagsfeier gehen, es  startet um 19 Uhr, dann bleiben wir (er rechnet nach) na sagen wir mal bis ca. 4 Uhr, dann können wir in nen Club gehen.

Maya (weiterhin fassungslos in die Kritik vertieft): Hör dir das an!  „Krasser Tiefpunkt: Vier Soldaten vergewaltigen 30 Minuten lang Mutter Gunhild.“ So lange müssen wir auf jeden Fall bleiben!

Jos Lars: Aber natürlich. Nach dieser Kritik ist entschieden: wir müssen dahin. Wo es für die Bildzeitung aufhört, da fängt doch für uns der Spaß erst an, da fühlen wir uns wohl, da packen wir den Picknick-Korb aus.

Ich: Ja – Verpflegung muss sein, bei so einer Mammutshow. Und auf die Intimrasur stoßen wir an! Wie das wohl mit der Getränkeversorgung ist?

Jos Lars: Kein Ding, wir nehmen Sprudelwasser und die Winnieh the Pooh Becher von unserer letzten S-Bahnfahrt mit.

Vorhang

Epilog

Der Plan steht: 8 Stunden Theater – was für ein Saisonauftakt!

Bleibt nur die Frage, ob die BILD-Redaktion so einem dämlichen Satz wie diesen:

Übrigens: Die Kosten für das Mammut-Stück (43 Mitwirkende) werden vom Steuerzahler mit getragen.

bei jeder Theaterkritik einfügt, denn der ist ja quasi immer gültig, auch bei jeder verschlafenen Inszenierung und (maynes Erachtens völlig überflüssigen) Wiederaufnahme der ewigen Spielplandauerbrenner, die es natürlich auch geben soll, für Schulklassen und Abo-Publikum und alle anderen auch, die sich mal wieder einen Klassiker in klassischer Inszenierung geben möchten. Aber Vielfalt und nicht ausschließlich Mainstream bleibt erstrebenswert.

Kunst muss frei sein, auch welche die dem Bild -Schreiber oder Leser nicht passt, deshalb wird sie in diesem Land auch aus Steuern finanziert, weil nicht alles, das wichtig, gut, bewegend ist auch gleichzeitig gefällig sein kann. Und wenn Sex, Blut und Massaker auf der Welt vorkommen, dann dürfen sie das wohl auch auf der Bühne. Wem’s nicht passt, der findet bei den – ebenfalls durch öffentliche Gebühren-Gelder finanzierten – zeitgenössischen Heimatfilmen von ARD und ZDF genügend Unterhaltung im Wohlfühlbereich.

Teil II: Muse Chloe & die Wut des Verstehens

Eine halbe Stunde vor ihrer ersten Wohnungsbesichtigung mit Maya kam eine SMS von Maya rein:

Rate wo die Ausstellung mit dem Bild von dir sein wird…

Ich scherzte:

Haha! Liest Du wieder Amtsblätter Korrektur? Bis gleich.

In der zu vermietenden Wohnung traf ich auf Maya und vierzig weitere Interessenten. Ein beklemmendes Gefühl überkam uns, als wir wie in einem vollgestopften Käfig von der Masse von einem bewohnten Zimmer zum nächsten zum intimen Einblick in die Privatsphäre einer Familie geschubst wurden. Auf dem Notenständer lag noch das letzte Stück ausgefaltet, im Wohnzimmer stand der leere Stubenwagen. Um uns herum kritische Pärchen, junge aufgeregte Erstsemesterinnen und gut betuchte Bildungsbürger. „Ich habe Hunger. Lass uns gehen.“, chlagte Chloe angewidert vom Szenenbild. Fünf Minuten später saßen wir schon im „Kaffee am Meer“.

Chloe neugierig: „Nun erzähl! Woher weißt Du schon wieder mehr als ich?“

Maya begeistert: „Das alles findet in meiner Straße statt! Ist das nicht lustig? Da lauf ich so an einem Schaufenster vorbei und sehe ein Bild von Nino, Deinem Künstler. Die Ausstellung läuft im September. Und weißt Du, wer just in dem Moment vor mir mit ein paar Einkäufen aus dem Netto herlief? Dein Über-Ex! Der wohnt doch in der Gegend. Was habe ich mir einen ins Fäustchen gelacht beim Gedanken daran, dass er womöglich bald völlig unvorbereitet vor Deinem überdimensionalen Portrait steht. Hihihi!“

Chloe: „Wie verrückt das alles ist. Aber das mit dem Über-Ex finde ich weitaus weniger krass als die Vorstellung, dass mein Antlitz irgendwann im Wohn- oder Schlafzimmer neureicher Russen hängen soll… Nino ist übrigens wirklich nett. Wir haben jetzt schon einen entzückend intellektuellen Email-Verkehr. Für einen Spanier schreibt der wirklich gut Englisch.“

Chloe liest Maya eine Mail vor. Nino ging darauf ein, dass Chloe das Adjektiv „Ocker“ als sehr beleidigend für ihre Augen empfindet:

well, I was being teased once because of the color of my skin, a friend was saying .- nino’s skin is yellow, but then a teacher said .-no, his skin is golden ochre. hence I don’t find that adjective undermining, you know, a question of perspective.

it’s very spooky the way your texts vanish when I reply your mails.

Chloe: „Eine schöne Geschichte. Bin ich gespannt auf das Shooting!“

In dem Moment lief eine Freundin an uns vorbei und gesellte sich spontan auf ein Glas Weißwein dazu. Aus einer Schorle wurden schnell drei und wir natürlich lustig und laut. Plötzlich mischte sich ein älterer Herr neben uns am Tisch in unser Gespräch ein: „Was sucht Ihr denn für eine Wohnung? Ich ziehe in zwei Wochen hier um die Ecke aus. Vier Zimmer Altbau mit Balkon.“ Chloe fängt für zwei Sekunden an an Wunder zu glauben. Sollten ihre Probleme wirklich an einem Abend im Café gelöst sein? – Leider nein. Der Preis war zu hoch.

Maya und ich saßen so lange quatschend zusammen, bis wir nochmals Hunger bekamen. Im „Bergmann Köfte“ gab es dann mit dem lustigen Spruch „FESTHALTEN !“ einen leckeren Junior Köfte in die Hand.

Mittwoch wachte Chloe mit einem kleinen Kater auf und malochte bis Donnerstag Abend mit drei Stunden Schlaf durch. Abends machte sie sich völlig übermüdet fürs Shooting bereit. Nach Anweisung packte sie drei Outfits und ein paar Schals ein. Kurz bevor sie mit dem Rad losfahren wollte, spürte sie ein paar Tropfen auf dem Gesicht. Maya hatte Chloe auch schon am Telefon gewarnt, dass das mit dem Radfahren eine dumme Idee sei. Die Wettervorhersage hatte heftigen Regen vorausgesagt. Chloe chlaubte das nicht. Aber nun machte sie sich doch Sorgen um das Augen-Make-up. Es ging also über die Unterwelt zum Künschtler gen Wedding – dem Montmartre Berlins.

Kaum kam Chloe aus der U-Bahn-Station raus, inszenierte Zeus eine unerbittliche Show aus Regen, Blitz und Donner. Ich stand da mit meinen offenen Schuhen und wartete unterm Dach einer Bank auf Besserung. Da rief mich Nino an, ob er mich abholen solle, da „it is pouring!“. Als er mich fragte, wo genau ich stehe, hatten wir übers Telefon ein kleines Kommunikationsproblem. Ich verstand ihn nicht ganz. Machte mir aber keine weiteren Gedanken dazu, da das sicherlich am lärmenden Regen lag. Fünf Minuten später stand ein kleiner Flitzer mit Portugiesischem Nummernschild vor mir. Ich stürmte ins Auto.

Teil I: Muse Chloe & die Wut des Verstehens

SpreeSee verpennte letzte Woche den eigenen Jahrestag. Hoch soll er leben, der Blog! Denn ohne diese Plattform wären gewisse Koinzidenzen niemals aufgetreten. Wo hätte Chloe sonst ihr Erlebnis mit Borello, dem massierenden Wohnraumbeischlafbetrüger, niederschreiben können? Wie hätte Paloma im anderen Falle, die „Borello Ansbacher Straße 61“ googelte, auf Chloes Blog-Eintrag stoßen und mich später persönlich kennen lernen sollen? Ohne diese Verbindung wäre Chloe letzte Woche nicht zur Ink and Movement Ausstellung der Spanischen Botschaft geladen gewesen. Als ich Maya fragte, ob sie mich begleiten möge, maynte sie: „Botschafts-Partys sind die besten! Die haben Geld. Das wird der Hit! Wir – Student und Arbeitslos – gehen hin!“ Ich war aufgrund einer schlimmen Sommergrippe seit Tagen nicht mehr aus dem Haus gewesen und sah eigentlich total beschissen aus. Ich war vom Fieber gezeichnet. Tapfer radelte ich hustend gen Schöneberg. Maya empfing mich mit einem Piccolo ganz spezieller Art: Rotbäckchen !

Rotbäckchen auf die Gesundheit statt Rotkäppchen !

Und sie hatte wie immer Recht. Der spanische Wein war unschlagbar gut und vor allem umsonst! Dazu gab es herrliche Oliven, Käse und Schinken. Kunst & Publikum waren ebenfalls ein Augenschmaus. Maya und Chloe munden dionysische Zustände besonders gut im Hinblick auf Kreativität und Tatendrang. Wie damals beim Gründungswein am Bodensee, als vor zwei Jahren die Idee zu SpreeSee geboren, setzten die Mädels einen neuen Grundstein: Sie beschlossen zusammenzuziehen. Jetzt ist Chloe also zum dritten Mal auf Wohnungssuche. Mit Schrecken gedachte sie der Borello-Geschichte… nicht, dass sie schon wieder so einen Scheiß durchleben muss. Aber man weiß ja nie wofür etwas, was zuerst schrecklich erschien, im Nachhinein gut ist. Ohne Borello wäre sie nie auf dieser Ausstellung gelandet.

Als um zwei Uhr der Alkohol ausging, fuhren die Organisatoren zum nächsten Späti und kauften Bier. Man munkelt, dass die Quittung mit „Wasser für den Techniker“ zur Abrechnung ausgestellt wurde. Sehr sympathisch.

Maya und ich waren eine der letzten Gäste und unterhielten uns mit einem Freund von einem Freund von einem Freund. Plötzlich stand ein Mann vor mir, der Flyer verteilte. Als er mir in die Augen schaute, fror er augenblicklich vor Ehrfurcht ein. Chloe wusste, was nun folgen würde: Lustiges Farbenraten.

Mann mit Akzent: „Wow. Du hast tolle Augen! Sie sehen aus orange.“

Chloe genervt: „Ja, ja. Danke.“

Mann plötzlich sehr ernst: „Darf ich Dich malen?“

Chloe völlig verwundert: „Was?“

Mann erklärt sich: „Ich bin Maler. Ich fotografiere meine Models zuerst und male dann. Würdest Du für mich Modell stehen?“

Chloe wird schrecklich verlegen und errötet.

Maya wie ein Troll neben mir auf und ab hüpfend: „Hihihi. Du wirst ja ROT. Ich habe Dich noch nie erröten sehen. Hihihi.“

Mann steckt mir seine Visitenkarten zu: „Überleg es Dir und melde Dich bei mir!“

Mann verlässt die Bühne.

Chloe völlig verwirrt: „Was ist das denn für ne miese Nummer! Darauf fall ich doch nicht rein! Warum sagt er nicht gleich, dass er mit mir ins Bett will?“

Maya: „So abwegig finde ich die Idee gar nicht!“

Chloe erzürnt: „Was? Dass jemand mit mir Sex haben will?“

Maya trocken: „Nein! Dass Dich jemand malen will!“

Chloe schüttelt verständnislos den Kopf. Wir fahren trunken in entgegengesetzter Richtung in unsere Kieze.

Chloe ruft der in Schlangenlinien fahrenden Maya hinterher: „Bald können wir uns ein Taxi nach Hause in unsere WG teilen. Betrunken Fahrradfahren ist wirklich nicht gut! Es reicht, dass Jos Lars im Krankenhaus aufwachen musste… “

Wie der Flyer es wollte, waren wir zwei Tage später wieder auf einer Botschafts-Ausstellung. Ich betrat den ersten Ausstellungsraum und war sofort von einem überdimensionalen Frauenportrait gefesselt. Als ich den Namen des Künstlers las, glaubte ich meinen Augen nicht: Das war der Mann, der mich malen wollte! Ich hatte seine Visitenkarte in den Mülleimer geschmissen und nie seine Homepage betreten…

Nach dem Rundgang verewigte ich unseren Besuch natürlich im Gästebuch mit „SpreeSee ♥ to be“. Just in dem Moment sprach mich eine bekannte Stimme von Hinten an. Ich schmiss schnell den Stift aus der Hand… soll ja nicht jeder wissen, dass wir nen Blog haben. Es war der Künstler !

Mann: „Hast Du concidkadjfibjla…“

Chloe verstand kein Wort und schaute verzweifelt Maya fragenden Blickes an: „Was will der bloß von mir???“ Maya schüttelte nur den Kopf. Sie konnte mir auch nicht helfen.

Chloe daraufhin in ihrer Verzweiflung auf Englisch: „I saw your paintings. They are beautiful!“

Mann: „Thank you. Did you think about it?“

Chloe: „Äh. I don’t know yet. But I still have your business card.“

Chloe verlässt hektisch die Bühne.

In der U-Bahn auf dem Weg zum Keyser Soze schlägt Maya wieder einen ernsteren Ton an: „Chloe, mach das doch! Was ist so schlimm daran. Ich finde das gut!“

Chloe: „Nee. Also das ist gar nix für mich. Hast ja gesehen wie ich auf die erste Anfrage reagierte. Konntest Dich ja selber ob meiner Röte vor Schadenfreude nicht zusammenreißen. Hast lauthals geschrien ‚Chloe wird rot, Chloe wird rot’.“

Maya etwas kleinlaut: „Ja, in dem Moment in dem ich das ausgesprochen habe, ist mir auch schon aufgefallen, was für eine dumme Reaktion das meinerseits war.“

Chloe lachend: „Ach Quatsch! Ich fand es ja auch lustig. Schwamm drüber. Du darfst Dir bei mir eh einiges erlauben. Ich war selbst überrascht über meine Verlegenheit.“

Maya: „Eben. In den elf Jahren seit ich Dich kenne habe ich Dich noch nie erröten sehen!“

Auf dem Fußweg zum Keyser Soze konnten wir natürlich nicht ohne Halt an unserer liebsten Pommesbude – Go for „grüne Pfeffersoße!“ – auf der Oranienburger Straße vorbei.

Vor uns Frauen in der für die Oranienburger Straße typischen Arbeitsbekleidung.

Als ich nach dem gelungenen Abend wieder Dahoim war, kramte ich die Visitenkarte des Künstlers aus dem Altpapier heraus. Warum stellte ich mich bloß so an? Ein Foto hat noch niemanden getötet? Und plötzlich blendete sich wie in einem guten Hitchcock Film eine Szene aus meiner Vergangenheit ein.

Ich sitze mit dem Über-Ex bei einer Tasse Glühwein auf einem süddeutschen Weihnachtsmarkt. Es ist furchtbar kalt und meine Nase knallrot. Der Über-Ex versucht mit seiner neuen Digitalkamera ein paar Fotos von mir zu machen.

Über-Ex: „Nee. Jetzt schau doch mal ordentlich. Ach, schon wieder nix. Also nochmal. Nee. Das gibt es ja nicht. Du bist halt einfach unfotogen. Es ist unmöglich ein schönes Foto von Dir zu schießen. Schieß Du lieber welche von mir!“

Ich setze mich an den Rechner und schreib eine Email an den Künstler mit dem Betreff „Amber eyes“.

Noch ein wenig kalter Truthahn?

Seltsam, seltsam, was da in meinem Postfach gelandet ist: „Cold Turkey – An Invitation“, versprach eigentlich die Einladung zu einer Vernissage zu sein…

Man freut sich ja schon über Einladungen – zur Kaffeetafel, wenn Jos Lars gebacken hat, an den Bodensee, wenn Chloe ihre (ehemaligen) Lebensumstände vorführt, zum Essen, wenn eine(r) lecker kocht, zu rauschenden Hochzeitsfeiern (dann hat man offiziell einen Grund sich ein absolut unnötiges Kleid + Schuhe zu kaufen), ins Kino, Theater oder anderen tollen Unternehmungen. Die Einladung verspricht eine tolle und kostengünstige Zeit mit netten Menschen (- wenn man nicht glaubt, dass die Einladung dazu führt, nimmt man sie einfach nicht an).
Und dann gibt es noch diese anderen – nervtötenden – Einladungen, die beginnen mit unerwünschten Anrufen oder Pop-Up Fenstern im Internet, lauten „wir möchten Sie zu einer Umfrage einladen“ und sind nur Datensammlungen oder die Veranstaltungseinladungen, die eigentlich nur Ankündigungen sind, denn zahlen muss man dabei selber.

Ganz schwierig wird es aber, so stellte es sich nach dem Öffnen der „Einladung“ heraus, wenn einer fragt: „Noch ein wenig kalter Truthahn?“ und man sich dafür auch noch bewerben soll:

COLD TURKEY – AN INVITATION

Vom 1. bis zum 30. April 2010 bietet das Hotel Marienbad einen Platz für einen Drogenentzug an.

Künstler, Kritiker und all diejenigen, die professionell mit der Kunst verbunden sind, sind eingeladen, sich hierfür zu bewerben.

Die Suite des Hotel Marienbad bietet einen vertraulichen Rückzugsort unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ihr Entzug findet unter therapeutischer sowie medizinischer Betreuung statt.

Privatsphäre und Anonymität werden während des gesamten Zeitraums gewährleistet.

Die medizinische und therapeutische Betreuung erfolgt durch das Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe, Berlin.

Bitte kontaktieren Sie uns bei Interesse bis zum 28. März 2010 unter contact@hotelmarienbad.com.

Die gesamte Korrespondenz wird vertraulich behandelt.

Ein Projekt von Benjamin Blanke und Claudia Kapp

KW Institute for Contemporary Art

Hotel Marienbad

Auguststr. 69

D-10117 Berlin

www.kw-berlin.de

www.hotelmarienbad.com

Ob die mich wohl auch von mayner Gewinnspielsucht befreien können?

Bekenntnis

„Thou shalt not worship pop idols or follow lost prophets!“

Vergib mir – ich habe gesündigt!

Mein absoluter Lieblingssatz:

„Thou shalt not use poetry, art or music to get into girls pants……use it to get into their heads“

Beim Besuch der Ringbahnlesung in der letzten Woche hatte ich den aus einem völlig wirren Manuskript lesenden Herrn Waldhauser (angetan mit einem weißen Muskelshirt) durchaus im Verdacht, gegen dieses Verbot zu verstoßen. Vermutlich will er aber in Hosen und Köpfe…

Auf jeden Fall wollen wir alle Besserung geloben und uns an das wichtigste Gebot von Scroobius Pip halten:

„Thou shalt think for yourselves!“

Hoffentlich hat ER auch selbst gedacht, als er das beim guten alten Immanuel Kant abschrieb.

So oder so: ich stehe total auf dieses Video.