Nix WM – Nix GNTM – TDDL ist angesagt!

Schluss mit dem TV-Marathon in Sachen Karten, Ball und Männerschenkel. Ab übermorgen geht es endlich wieder um die wirklich schönste (Neben)Sache der Welt: Literatur.

Die Tage der deutschsprachigen Literatur sind seit Jahren mayn sommerlicher TV-Pflichttermin – auch in diesem Jahr bestimmt wieder garantiert Vuvuzela-frei, aber eigentlich doch eine der grausamsten Fernsehveranstaltungen der Welt. Da kann noch so schönes Wetter sein – ich bleib zu Hause und lasse mir vorlesen. Am schönsten ist es natürlich wenn absolute persönliche Favoriten dabei sind, so wie dieser hier vor drei Jahren:

Und noch viel schöner aber eben auch blanker Horror sind die anschließenden Diskussionen. Da müssen dann die Autoren, nachdem sie ihren eigenen Text vorgetragen haben, nämlich die Ausführungen ein paar ziemlich schlauer oder als ziemlich  schlau geltender Leute über das gerade Gehörte ertragen. Das ist hart und manchmal furchtbar, manchmal fruchtbar, oft ärgerlich aber auch mal überraschend und sehr amüsant und klingt zum Beispiel so:

Das ist immer als wär man im NDL-Seminar und alle die vom Institut, die sich am liebsten reden hören, sind gleichzeitig da. Eine absolute Potenz der Kuriositäten unserer Zunft.

Dieses Jahr fehlt mir Ijoma Mangold in der Jury – der beweist zwar in dem ZDF-Witz „Die Vorleser“ regelmäßig seine TV-Untauglichkeit, er schreibt aber in der Zeit meistens ganz hervorragend und in Klagenfurt war er auch immer eine Bereicherung. Jetzt müssen es halt die verblienen sieben Juroren richten – Hauptsache sie lassen die grauenhafte Moderatorin Clarissa Stadler (schlimmer als Heidi Klum ist sie allerdings auch wieder nicht) nicht zu viel zu Wort kommen.

TDDL 2010-  am 24.6. um 10 Uhr geht es los. 3sat überträgt. Ich bin dabei!

Im schlechtesten Fall hat man sich bestens unterhalten gefühlt, manchmal sogar einen neuen Autor entdeckt.

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Die milchgläserne Kundin

Ich bin ein Fan von Amazon, nicht so ein Hardcorefan wie Chloe, die den Online-Buchhändler gerne mal besingt, aber doch eine treue Kundin. Meine Wunschliste ist gut gefüllt und so freue ich mich, ab und an über auf Käufen und Wünschen basierende Empfehlungen. Selbst behält man ja kaum den Überblick.

Doch was mussten meine schlaftrunkenen Augen gerade eben sehen, als ich mich mal eben einloggte um ein bisschen digitales Window-Shopping zu betreiben?

Eine aufdringlich große pinkfarbene Schrift auf schwarzem Buchdeckel: SEX.

Was ist denn das? rief ich sofort entrüstet Chloe zur Hilfe und klickte auf die Kurzbeschreibung. Amazon legt mir tatsächlich einen Taschenbuch-Ratgeber für die weibliche Sexualität ans Herz:

Some like it hot!

Keine Lust mehr auf Sex ohne Orgasmus? Endlich mal die geheimsten Fantasien ausleben? Oder auf der Suche nach dem perfekten Vibrator?Antworten auf diese und viele andere Fragen gibt es in diesem exklusiven Ratgeber. »SEX. So machen’s Frauen« ist das ultimative Handbuch für eine neue Generation von Frauen, die selbstbewusst herausfinden will, was sie richtig anmacht. Frech und forsch vermitteln die beiden Autorinnen Tipps und Tricks, wie frau ihren Weg zur Lust findet. Ob allein, zu zweit oder zu dritt, mit Hilfsmitteln oder ohne – hier gibt es keine Tabus. Erfahrungsberichte und Anregungen von Leserinnen runden das Thema ab. Ein amüsanter und informativer Ratgeber, der Frauen ermutigt: Sagt, was euch gefällt, lebt eure Fantasien und habt genau den Sex, der euch anmacht!

Seltsam, was ist denn da los? Wie kommt dieser Schmöker auf meine Liste? Weder interessiere ich mich für Ratgeber im Allgemeinen, noch hat mich (bei aller Bibliophilie) je ein Buch zum Orgasmus gebracht.  Außerdem finde ich die Idee sich sowas anzulesen eher spießig. Ganz im Gegensatz zum The Guardian – Rezensenten, der versucht dem Buch mit seiner Bemerkung

Die Wohlfühl-Bibel für das 21. Jahrhundert! `SEX. So machen’s Frauen´ enthält heiße Passagen, in denen Frauen von ihren ultimativen sexuellen Fantasien erzählen. Wahrscheinlich tut man gut daran, es nicht gerade in der U-Bahn zu lesen

eine verbotene schlüpfrige Aura zu geben, als sei Sex in unserer Zeit noch in irgendeiner Form tabuisiert.

Das Amazon-Prinzip hat völlig versagt! Zum Glück gibt es jedoch die Möglichkeit diesen Lapsus zu beheben. Ich klicke auf „Diese Empfehlung korrigieren“ und schon lacht mich der verantwortliche Wunsch an, den den Frauen-Heimwerker-Sex-Buch-Vorschlag auslöste:

Unsere Empfehlungen für Sie

Sex: So machen's Frauen Sex: So machen’s Frauen
von Melinda Gallagher (Autor), und andere
Preis: EUR 14,95
Gebraucht & neu ab EUR 9,95

Denn Ihr Wunschzettel enthält:

Female Trouble: Die Kamera als Spiegel und Bühne weiblicher Inszenierungen Female Trouble: Die Kamera als Spiegel und Bühne weiblicher Inszenierungen (Broschiert)
von Elisabeth Bronfen (Autor), und andere

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Liebe Amazon-Leute. Mein Interesse an gendertheoretischen Kunstbetrachtungen soll euch ein Hinweis sein, mir alberne Sexratgeber zu empfehlen? Was habt ihr euch dabei nur gedacht?

Sag zum Abschied leis‘ Ahoi

Und ich hatte schon Angst, Harald Schmidt würde bald den Quotenwächtern zum Opfer fallen, seit er am 17.9. in Höchstform zurückgekehrt ist! In seiner ersten Show ohne Pocher – dafür mit mehr Bart, Anspruch, neuem Ensemble und einem Wahnsinnstempo sowie eindeutig Theater-geschultem Timing – ging es schließlich hoch her mit dem geisteswissenschaftlichen Namedropping.

Ob sie ihn das so weitermachen lassen? Mit Foucault, Groys, Andrea Breth und Co. kann doch nun wirklich nicht jeder was anfangen!

äußerte ich meine Befürchtungen nach der Premiere, die ich zwar großartig fand, aber eben auch einen gigantischen Sprung zu weniger Massenkompatibilität denn je, schließlich war die zwar schon immer gering, aber zuvor hatte Pocher mit Boulevard und Fußball eben einfach gestrickte Hauptthemen in der Show groß gehalten.

Ach was – da ist schon noch genug drin, auch für Leute, die nicht mit Poststrukturalismus- und Medientheoriebüchern ins Bett gehen.

suchte Charly – dem es ebenfalls gefallen hatte – mich zu beruhigen.

Die Kritiken fielen gemischt aus, einer mag die neue Truppe, der andere nicht und das Phänomen Bauerfeind – die die einen für die Rettung des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens und andere für ein einziges Missverständnis (mehr dazu im Tagesspiegel) halten – steht nochmal auf einem ganz anderen Blatt. Ich hab auch noch nie so ganz verstanden, was die Leute soooo toll an dieser alles in allem recht durchschnittlichen NETTEN Erscheinung finden. Ihr einziges Pro, die authentische Natürlichkeit, wirft sie bei Schmidt auch noch über Bord – wir werden sehen, wo das hinführt.

Insgesamt war doch einhellig eine Hinwendung zur politischen Satire, zur Inszenierung nach Theaterregeln verzeichnet worden, genauso wie alle Rezensenten sich gemeinsam wunderten, dass kein einziges Mal der ehemalige Partner erwähnt wurde.

Wann kommt denn nun der Abschiedsgruß an den Ex? Wann wenigstens ein kleiner fieser Seitenhieb?

fragte ich mich auch gestern, den Großteil der zweiten Sendung über. Nichts – außer dass der selbsternannte Kultur-Opi Peymann (von dem ich übrigens im Fernsehen zu Recht überhaupt nichts erwartete, da er seit Jahren am BE seinen Status Quo nur innovationslos verwaltet) seine Befürchtung äußerte, Schmidt wolle ihn zum neuen Pocher degradieren.

Und dann kam es – ganz am Ende – verpackt in eine Neuauflage des Grass-Klassikers „Die Blechtrommel“, der ultimative Abschiedsgruß und die Rückkehr des Boulevards!

Die berühmte Brause-Szene sollte nachgestellt werden, Schmidt als Oskarchen und eine Zuschauerin als Kindermädchen. Das können sie doch nicht machen, dachte ich mir, irgendeine Frau dazu nötigen, sich von Schmidt den Bauchnabel lecken zu lassen…mussten sie auch nicht, denn in die Fußstapfen von Katharina Thalbach, die in Schlöndorffs Film als Maria das Brausespiel erfand, trat doch glatt Monica Ivancan.  Die harmlos sympathische Blondine müsste man jetzt nicht kennen, wenn Pocher sie nicht medienwirksam für die Karikatur einer publicitygeilen Tennisspieler-Exfreundin verlassen hätte, mit der er gerade eine Familie gründet.

Die Szene wurde nachgestellt, alles andere als originalgetreu natürlich, dennoch ist die intellektuelle Einbettung des Grußworts an Pocher gewährleistet und ausgerechnet für die boulevardaffine Berliner Morgenpost aus dem Hause Springer, war die Nummer gar so subtil, dass sie in der heutigen Kritik den Hintergrund nicht einmal erwähnen:

… erreichte ihren Höhepunkt, als anlässlich des 50-jährigen Jubiläums von Günter Grass’ „Blechtrommel“ berühmte Szenen der Verfilmung nachgestellt werden sollten. Schmidt selbst schlüpfte in die Rolle des kleinen Oskar und leckte einer auf seinem Schreibtisch liegenden Zuschauerin Brausepulver aus dem Bauchnabel.

Maya maynt: was für ein Spaß – der Herbst kann kommen, zumindest am Donnerstag ist für Abendunterhaltung gesorgt!

Ich glaub das funktioniert Charlotte…

Zeit einen alten Gassenhauer umzuwidmen:

Man denke sich eine kleine Textänderung – du wirst die Nana Mouskouri des deutschen Talk… und schon klingt es, als hätte Dirk von Lowtzow schon immer für Charlotte Roche gesungen.

Nach dem Ausflug in die Niederungen der Feuchtgebiete, über die wir hier kein Wort verlieren möchten,  taucht diese Charlotte heute Abend nämlich wieder auf und steigt in die Höhen der etablierten – man könnte fast schon sagen spießigen – Abendunterhaltung. Sie wird nämlich Talk-Moderatorin bei 3 nach 9. Heute um 22 Uhr(*) gibt sie ihr Debut  und ersetzt die altgediente Amelie Fried. Die war mir persönlich schon immer viel zu fad und verhärmt und auch in der neuen Bücher-Sendung „Die Vorleser“ rockt sie gemeinsam mit dem wortgewandten aber nicht sehr fernsehaffinen Ijoma Mangold nicht so richtig das Haus.

Ganz anderes und viel mehr darf man da doch von Charlotte Roche erwarten. Die wird zwar jetzt von allen Seiten schon mit fürchterlichen Adjektiven bedacht, die immer fallen, wenn’s um die Verjüngung der Zielgruppe geht: „flippig und unkonventionell“ , da fehlen eigentlich nur noch pfiffig und flott. Aber wer sich – wie Chloe und Maya – noch an die guten alten Tage des real-existierenden Musikfernsehens mit Stil (fast forward) erinnert, der weiß auch was Charlotte kann. Neben großartigen Reportagen wie dieser hier in Wien machte sie bei Viva und später bei Pro 7  bereits hervorragenden Talk. Ich fand, dass ihre große Stärke als Interviewerin schon immer die Natürlichkeit und Authentizität waren, mit der sie den Gesprächspartnern begegnet. Roche schafft es einfach mit jedem soager mit Mick Jagger, wie mit dem normalen Menschen zu reden, der er ja auch ist.

Das gefällt mir – und der Schuss Anarchie, den sie reinbringt natürlich auch. Das deutsche Fernsehen braucht mehr solche Frauen. Schön, dass sie wieder da ist.

Charlotte – ich glaub das funktioniert.

(*) Für alle, die wie ich heute um 22 Uhr eher nicht fernsehen werden, hier die Wiederholungszeiten:

12.09. – 10.00 Uhr hr-Fernsehen

21.09. – 10.15 Uhr 3sat

Völlig unerwartete „Enthüllungen“ über King Karl

Seit ich auf SpreeSee die neue Schublade „Dinge die die Welt nicht braucht“ gezimmert habe, kann ich mich kaum retten vor Sachen, die geradezu danach schreien, in diese gestopft zu werden.

Aktuellster Fall:

Ein ehemaliger Mitarbeiter Karl Lagerfelds hat ein so genanntes Enthüllungsbuch über seinen früheren Chef geschrieben.

Der besonders kreative Titel lautet Karl Lagerfeld und ich: 15 Jahre an der Seite des Modezaren

Ich gebe zu es nicht gelesen zu haben und vielleicht fällt mein abschlägiges Urteil ja vorschnell aus, aber – cher Monsieur Arnaud Maillard – soll das nun ein Skandal oder eine Enthüllung oder auch nur eine Nachricht sein, dass Lagerfeld ein egozentrischer Narziss ist? Das wusste nun wirklich auch schon Tante Helga aus Castrop-Rauxel, schließlich enthüllt der ganz und gar nicht öffentlichkeitsscheue Designer bei jedem seiner Auftritte und Interviews seinen Narzissmus selbst und wirkt  dabei auf mich ehrlich gesagt ziemlich amüsant.

Wenn schon die Live-Selbstdarstellung für die Erkenntnis nicht genügt haben sollte, um den Narzissmus endgültig zu diagnostizieren, dann hilft das hier hoffentlich:

Was soll man denn bitte sonst von einem Mann halten, der einen Teddy-Bären nach seinem eigenen Antlitz gestaltet und diesen für 1000, in Worten eintausend, Euro anbietet?

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Auch die Aussage, dass Lagerfeld als Chef äußerst undankbar sei, die Mitarbeiter zum Beispiel für die H&M-Kollektion schuften ließ, ohne sie an den enormen Gewinnen paritätisch zu beteiligen, lockt doch wohl kaum jemanden hinterm Ofen vor. Ich jedenfalls hatte bereits nach dem Spiegel-Interview mit dem Enthüllungsschreiberling genug und halte sein Buch für ziemlich überflüssig!

Tod eines Schimpfers

Mensch Chloe – vor lauter selber schimpfen hätte ich beinahe verpasst, den 20-jährigen Todestag eines der elaboriertesten Hater der deutschsprachigen Literatur zu begehen. Dabei ging es ihm doch oft genau wie uns, allerhand schlimme Dinge entdeckte er in seinem Umfeld und permanente Mordgelüste brannten ihm unter den Nägeln:

Ein Glück, dass er das poetologisch lösen konnte. Ein Glück, dass wir den Blog haben. So muss keiner von uns in den Knast, das überlassen wir doch lieber den Tatort-Mörderinnen.

Dank meines echten Valentins, das virtuelle Präsent war ja – wie du gut erkanntest – nur Teil eines Netzwerk-Apokalypsen-Wunsches, konnte ich eine bisher unbekannte Seite am Dauer-Nörgler entdecken: in der Erzählung über die Grillparzer Preisverleihung lobt er die kulante Rücknahme-Politik eines Wiener Herrenausstatters.

Jawoll! Da sieht man es mal wieder, der Satz der häufig mit einem anderen Großereignis, das sich heuer zum 20. Mal jährt, in Zusammenhang gebracht wird, kann hier ebenfalls (und mit deutlich mehr Berechtigung) angewendet werden:

Es war nicht alles schlecht!

Der SpreeSee Ehrenpreis für die zickigste Diva geht an…

Marcel Reich-Ranicki, den Mann mit dem Literaturgeschmack aus dem vorletzten Jahrhundert, dessen Streitlust und Meinungsfreude im längst begrabenen „Literarischen Quartett“ durchaus mehr Spaß machten, als die grausige Betulichkeit der netten Tante Elke es je könnte.

Wir wussten es schon immer: Zickigkeit und Diven-Attitüde sind ein menschliches und nicht etwa rein weibliches Phänomen. Von Eitelkeit bräuchte man eigentlich gar nicht erst anzufangen!

Was haben wir da gestern von unserem Lieblingstroll erleben dürfen, der den Deutschen Fernsehpreis für sein Lebenswerk erst ablehnte, um ihn dann doch mit nach Hause zu nehmen?

Ein 1A- Diven-Auftritt. Egozentrisch, witzig, widersprüchlich, ein bisschen tuberkulös – nur die Erotik ließ zu wünschen übrig.

Natürlich gefällt es selbst ähnlich veranlagten Menschen zunächst, wenn einer sagt: Weiterlesen