Loriot ist tot

…aber im SpreeSee-Kosmos ist er allgegenwärtig. Ich kann mir ein Leben ohne Loriot gar nicht vorstellen.

Immer wenn Jos Lars von seinem Chef erzählt, frage ich:

Heißt er wirklich H O P P E N S T E D T ?

Und dann ist der ganze  Arbeits-Ärger fast schon vergessen, weil wir grinsen müssen. Kaum einer hat sich so vielfältig und grandios im kulturellen Lexikon verewigt wie Loriot. Fast für jede Lebenslage findet sich ein passender Kommentar in seinem Werk. Und die großartige Qualität daran ist, dass der Humor immer treffend aber nie verletzend oder derb ist.

Schon von frühester Kindheit an war ich mit verschiedensten Figuren und Redewendungen des wohl größten deutschen Humoristen unserer Zeit umgeben.

Das mag daran liegen, dass mayne Eltern als Einzelhändler an Loriot-Sketchen geschult wurden, wie man nicht verkauft. Ich sage nur: „Das trägt sich noch ein.“ Auch an der Uni haben wir lehrreiche Stunden mit der Kommunikationsanalyse der „Szenen einer Ehe“ verbracht.

Aber auch außerhalb von Arbeitsalltag und akademischen Betrachtungen ist Loriots reiche Text-Hinterlassenschaft anschlussfähig und permanent  im Einsatz.

Wenn Charly nicht weiß für welchen Schal er sich entscheiden soll, ärgere ich ihn mit der Empfehlung „nimm doch zur Abwechslung den im frischen Steingrau“.

Mayne Mutter pflegte, wenn mir beim Essen etwas im Mundwinkel hängen blieb,  gerne mit „Sie haben da was!“ zu beginnen, um dann prustend den kompletten Nudelsketch zu rezitieren. Beim Lotto Spielen, prophezeite sie mir den Schein wedelnd eine glänzende Zukunft: „Wenn ich gewinne, eröffnet im Herbst der Papst mit meiner Tochter eine Herren-Butikke in Wuppertal.“

Mayn Vater leitet seit ich mich erinnern kann gerne das Weihnachtsfest mit Frau Hoppenstedts „So Kinder und jetzt machen wir es uns gemütlich“ ein und hat die Lesung der biblischen Weihnachtsgeschichte längst zugunsten eines Vortrags der mörderischen Ballade „Advent“ aufgegeben.

Selbstverständlich besaßen mayn Bruder und ich Wum- und – Wendelin-Figuren. Eine alte Flamme bediente sich sogar um mich zu parodieren gerne der piepsigen Stimme des Elefanten und Wums Gesang ist Abbinder auf zahllosen Mixtapes aus dieser Zeit:

MoMa verglich einmal Chloes Date mit dem „blauen Klaus“, was uns tagelang amüsierte.

Die Wahlkanadierin ist unschlagbar, wenn es um Loriots Familienstorys geht. Den kompletten Film „Pappa ante Portas“ kann sie aus dem Stehgreif aufsagen. Bei allzu absurden betriebsblinden Handlungen des Umfelds reagiert sie mit einem routinierten „die Welt geht unter aber wir haben Senf, Wurzelbürsten und Badeszusatz“.

Mit Loriots Tod geht zwar die Welt nicht unter, aber ein ganz Großer verlässt die Welt und wird uns fehlen. Er hinterlässt uns einen unbezahlbaren Schatz von Zitaten und Einsichten in die unendliche Komik des menschlichen Daseins.

Bye bye Liz

Gerade noch haben wir sie beim SpreeSee Schnulzenabend als „Cleopatra“ bei Schminkübungen, großer Politik und tiefer Leidenschaft bewundert und nun ist ihr Leben, das selbst Stoff für mehr als einen Film bietet, leider beendet.

Nach 8 Eheschließungen, einer beispiellosen Karriere und diversen Exzessen mit einem „Je ne regrette rien“ abtreten zu können, halte ich für eine absolut beneidenswerte Leistung. Respekt!

Ich schau mir heute Abend zu ihren Ehren noch mal „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ an.

Der König ist tot…

Gestern Nacht, gerade hatte mich noch Penelope Cruz`Gesang in Almodovars Volver zum Heulen gebracht, da lieferte das Nachtmagazin mir eine schockierende Nachricht: Michael Jackson sei mit Herzstillstand ins Krankenhaus eingeliefert worden, manche US-Medien berichteten sogar, er sei tot.

Wie groß die Weltgeltung eines Menschen ist, zeigt meistens die mediale Aufmerksamkeit und die ist wie zu erwarten riesig. Seine Bedeutung für das eigene Leben zeigt sich im Bedürfnis die Nachricht mit anderen zu teilen, tatsächlich habe ich zur nächtlichen Stunde noch überlegt, Charly anzurufen, dabei war ich nicht mal ein Fan des King of Pop, hatte nie ein Album und mag vielleicht 5 seiner unzähligen Songs – aber der Einfluss Michael Jacksons auf die Popkultur und damit auf mein eigenes Leben ist natürlich unbestreitbar.

Was ich mir dann doch verkniffen habe, holte Charly (der gerne mal die Jackson 5 auflegt) morgens nach, allerdings nicht ohne geschäftstüchtigen Hintergrund:

Ran an den Blog! Michael ist tot…

Ich war immer noch ganz betäubt und wusste gar nicht, was ich zu diesem Tod sagen soll:

tragisches Ende eines verkorksten Lebens?

deshalb war meine Antwort erst einmal abschlägig. Aber irgendwie kann man dieses Weltereignis ja nicht ignorieren, schließlich geht im Moment sogar die grauslige neue Moderatorin (Clarissa Stadler – wer hat die nur da hingesetzt?) der „Tage der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt darauf ein. Also hoffte ich auf meine Blogpartnerin, die manchmal weniger von Grübeleien gelähmt ist als ich, ein bisschen Scham war auch dabei, beim Senden der trockenen Mail an Chloe:

Morgen!
Michael Jackson ist tot, fällt dir dazu was ein? Wäre eigentlich was für den Blog, aber ich bin irgendwie uninspiriert…
Grüße

Binnen Minuten kam die Antwort:

ich hab es gerade gelesen! bin schockiert. als wäre snoopy oder eine andere figur unserer kindheit plötzlich weg…

Damit trifft es die Madame vom See ziemlich genau, eine Figur – und Bestandteil unserer Kindheit. Mein seltsames Gefühl, rührt von dieser Wahrnehmung. Dieser Mann, war für mich gar kein Mann, sondern  immer nur eine absolute Kunstfigur (und wahrscheinlich für den Großteil der Menschen), niemals gab es ein Fünkchen Authentizität in seinem Auftreten. Ich konnte hinter der enormen Selbststilisierung den Menschen gar nicht mehr erkennen, und wer eigentlich gar kein Mensch war, soll jetzt tot sein? Kann so einer überhaupt sterben? Snoopy stirbt schließlich auch nicht. Das scheint mir genauso unwirklich, wie damals Anfang der Neunziger die Aussage meines Vaters:

Den Jackson, den kenn ich doch schon, da ist er noch als kleiner Junge mit seinem Brüdern aufgetreten, damals war er noch ein putziger kleiner schwarzer Bub, der konnte ganz schön singen!

Mit Verlaub, Klayn-Maya maynte damals, der Herr Papa würde ordentlich spinnen – schwarz und ein Kind? Die menschliche Realität dieser Pop-Persona war für mich schlicht unvorstellbar. Genauso wie jetzt der Tod, denn die Sterblichkeit ist der Beweis, das hinter der Kunst tatsächlich ein menschliches Wesen steckte und das war, wie die einst perfekte und später zur grusligen Maske verkommene Hülle dann doch vermuten ließ, ziemlich kaputt. Wäre ich keine Atheistin, würde ich diesem humanen Kern des geplagten Menschen wünschen, dass er im Jenseits sein Neverland findet, das er auf dieser Welt trotz heftigen Suchens nicht finden konnte.

Der King of Pop ist tot – es lebe die Illusion, der Mensch möge in Frieden ruhen.

Tod eines Schimpfers

Mensch Chloe – vor lauter selber schimpfen hätte ich beinahe verpasst, den 20-jährigen Todestag eines der elaboriertesten Hater der deutschsprachigen Literatur zu begehen. Dabei ging es ihm doch oft genau wie uns, allerhand schlimme Dinge entdeckte er in seinem Umfeld und permanente Mordgelüste brannten ihm unter den Nägeln:

Ein Glück, dass er das poetologisch lösen konnte. Ein Glück, dass wir den Blog haben. So muss keiner von uns in den Knast, das überlassen wir doch lieber den Tatort-Mörderinnen.

Dank meines echten Valentins, das virtuelle Präsent war ja – wie du gut erkanntest – nur Teil eines Netzwerk-Apokalypsen-Wunsches, konnte ich eine bisher unbekannte Seite am Dauer-Nörgler entdecken: in der Erzählung über die Grillparzer Preisverleihung lobt er die kulante Rücknahme-Politik eines Wiener Herrenausstatters.

Jawoll! Da sieht man es mal wieder, der Satz der häufig mit einem anderen Großereignis, das sich heuer zum 20. Mal jährt, in Zusammenhang gebracht wird, kann hier ebenfalls (und mit deutlich mehr Berechtigung) angewendet werden:

Es war nicht alles schlecht!

Der Autor ist tot !

Und schon wieder verlässt uns ein großartiger Mann! Mayn grandioser amerikanischer Schriftsteller John Updike verschied gestern. Erst vor einer Woche regte mich eine kleine feine Shortstory zu diesem Diskurs mit einem Freund an. Ich widme den Briefwechsel dem Verstorbenen Short-Story-King.

Meine Vorlage:

Hi Tabangan Allstars,

ich war am Wochenende mal wieder im Supermarkt. Dabei ging mir durch den Kopf: „Wo kaufen eigentlich all die hübschen Menschen ein?“ Ich sehe immer nur diese schrecklichen adipösen Jogginganzugsbewohner. Und dann sagen alle, dass man den Traummann an der Käsetheke trifft. Schmarrn! Dann lieber ein paar Psychos. Go for it! Eine meiner Lieblingskurzgeschichten spielt in einem Supermarkt. Ich liebe Updike!

Die Antwort:

he ösi-chloe! 🙂

ich zitiere:
…as „deftly narrated nonsense…which contains nothing more significant than a checking clerk’s interest in three girls in bathing suits.“
ey, ich wußte es – da hat jemand meine story geklaut, oder wie mein alter ego sagen würde: haaaaa haa!

ne, aber ernst beiseite.. ich find supermärkte hammer-spannend! und was ich da alles schon erlebt hab, ich sags dir.. mit flauschigem bepinkeln hat das nix mehr zu tun! 😉
un je später der morgen desto lustiger das gewusel..
un berlin ist eh ne welt für sich, wobei ich mir hier teilweise schon als ausländer vorkomm, gerade im supermarkt!
wußtest du eigentlich, dass es hier „schwaben raus“-kampagnen gibt! nettes völkchen…

Wieder ein schöner Mann weniger auf der Welt…

Verluste über Verluste – der Sensenmann geht um, erst Kindler, dann Dörflein und jetzt der atemberaubende Paul Newman. Sein Anblick in „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ ließ meine Hormone schon im Teenageralter Karussel fahren und wie ich finde, ist er auch in Würde gealtert und stets attraktiv geblieben.

Leider weiß ich nicht wer das Bild geschossen hat, ich danke dem Urheber aber ausdrücklich für diesen Augenschmaus!

Leider weiß ich nicht wer das Bild geschossen hat, ich danke dem Urheber aber ausdrücklich für diesen Augenschmaus!

Deshalb hier ein weiterer Vorschlag an die Kids, die auf der Suche nach dem bescheuerten Jamba – Kram zu uns kommen (ich bin furchtbar schockiert, weil es so viele sind und entwickle irgendwie ein Sendungsbewusstsein):

Schaut doch im Gedenken an diesen großartigen Schauspieler der alten Schule ein paar gute Filme an. Ich empfehle besonders die Tennessee-Williams-Verfilmungen, das sind Südstaaten-Dramen und menschliche Abgründe vom Feinsten.

Knut beats Kindler!

In welchem Land leben wir? In dem der Tod des knutschen Ziehvaters eine derart überdimensionierte Schlagzeile wert ist, während der Verlust unseres werten dahingeschiedenen Kindlers – der mayachloe’sche Literaturziehvater – klang- und sanglos an dieser Welt vorbeigeht!

Die wollen mir doch einen Bären aufbinden! Welche Kitsch-Epidemie wird wohl auf uns einbrechen, wenn unser Volksbär Knut mal stirbt? Chloe bastelt schon prophylaktisch an einem Chanson (Wink mit dem Zaunpfahl an Elton John!):

Deine Seele so rein
Dein Fell so weiß
Lass uns nicht allein
Auf dem Abstellgleis

Wo schleppen wir nun
unsere Kinder hin
Was sollen wir tun
ohne Dich im Sinn?

Kein Kuscheltier
ersetzt Dein Herz
wir weinen hier –
gekrümmt vor Schmerz!

Knut. Knut. Knut.
So weiß und rein.
Mut. Mut. Mut.
Trauer muss sein.