Der verlorene Sohn

Tatort aus Ludwigshafen: Tödlicher Einsatz. Sonntag, 10. Mai 2009
Mittelmaß: Note 3

Kaum konnte ich gestern Maya am Telefon zum Geburtstag gratulieren, schrie Charly ketzerisch aus dem Hintergrund: „Tatort! Tatort! Tatort!“. Charly fand ihn anscheinend nicht schlecht. Ich bin mir hingegen noch etwas unschlüssig.

Die erste Szene gewann zwar kurzzeitig mein Herz (eine ARAL-Tankstelle, die mich an die „Blaue Lagune“ in Kressbronn erinnerte), aber dann zog sich alles so hin… Der Drogenjunkie Florian (wirklich überzeugend gespielt vom fantastischen Mirco Kreibich) überfällt eine Tankstelle, um sich Stoff zu kaufen. Beim Treffen mit seinem Drogendealer, der bei den ersten Schüssen herrlich hysterisch in Angst ausbricht, taucht plötzlich das SEK auf. Ganz schön teurer Einsatz für so ne kleine Nummer. Also müsste dem schlauen Zuschauer von Anfang an klar sein, dass einer aus den SEK-Reihen dem Junkie den Mord an dem SEK-Beamten Andreas Ziegler anhängen will. Selbstverständlich müssen die nächsten 80 Minuten jedoch noch mit vermutlichen Verdächtigen gefüllt werden.

Wer war es nicht gewesen: der schwule SEK-Beamte; der SEK-Beamte, der den Junkie laufen ließ, da er ein Schulfreund von ihm war und der trinksüchtige SEK-Beamte.

Wer hat’s erfunden? Der Fisch stinkt natürlich vom Kopf: Es war der Chef Thomas Renner (Heikko Deutschmann), der die Scheinwelt (seine starken Männer seien schließlich geschult für den harten Einsatz und hätten keine psychischen Probleme!) seiner Ersatzfamilie nicht zerstören wollte. Andreas Ziegler hatte bei einem Routineeinsatz vor einem halben Jahr die Nerven verloren und jemanden grundlos erschossen. Um seine SEK-Truppe nicht in Verruf zu bringen, inszenierte Renner eine Notwehr-Situation. Ziegler kommt jedoch nicht gegen sein Gewissen an und steckt Renner, dass er auspacken will. Damit riskiert Renner nun auch noch einen verdeckten Mord. Was ist schon das Leben eines Drogenjunkies wert? Renner sieht seine große Chance und hängt dem Jungen den Mord an Ziegler an. Nur zu Schade, dass der eigene Schwiegersohn versagt und nicht auf den Drogendealer schießt, da er rechtzeitig seinen guten Schulkameraden erkennt. Renner feuert daher die ganze SEK-Gruppe heroisch dazu an, an der Mordkommission vorbei, den Junkie zu finden und den Tod an den Kollegen zu rächen. Dabei geht es Renner lediglich darum, dem Junkie die Tatwaffe unterzuschieben. Das fliegt natürlich alles auf.

Die Spannung ließ also stark zu wünschen übrig. Dafür wurde endlich mal der Fokus auf das Psychogramm eines runden Charakters gerichtet! Der Junkie Florian weiß sich nämlich aus seiner Not heraus an niemand anderen als an seinen verhassten Vater zu wenden. Beide haben sich seit zwei Jahren nicht gesehen. Das gefühlvolle Spiel sowie die gereizten Dialoge zwischen den beiden berühren sehr stark. Florian macht seinem Vater zum Vorwurf, dass er seine Mutter und somit auch ihn verlassen habe. Der spießige Rechtsanwalt kann zwar seinen Sohn vor der Polizei wegsperren, aber wegschauen geht nicht mehr. Die Folgen des Entzugs schmerzen den Vater zutiefst. Der Anblick des eignen Sohnes beim Kotzen lässt sämtliche väterliche Zuneigung wiedererwachen. Als Florian seinem Vater erneut vorwirft, er habe sich nie für ihn interessiert, gibt dieser hingegen offen zu, dass er in sämtlichen dunklen Ecken der Stadt verzweifelt nach ihm gesucht habe. Beide bekommen, nachdem nun auch Florians Unschuld am Mord bewiesen ist, eine neue Chance. Hm, ich revidiere! Denn diesbezüglich baute sich in der Tat eine gewisse Spannung auf. Man wünscht Vater & Sohn innigst, dass der Schuss nicht im Eifer des Gefechts aus der Waffe des Sohnes gelöst wurde.

Die Kommissare Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Mario Kopper (Andreas Hoppe) wirkten neben dieser schauspielerischen Höchstleistung wie gefühlslose Laien. Etwas Kompetenzgerangel (SEK gegen Kripo) und ein paar blöde Nebenhandlungen (Herzleiden & Verwandtschaftsbesuch aus Italien) gaben beide noch mehr der Lächerlichkeit preis. Bei der Verfolgungsjagd bekommt Odenthal einen Stromschlag und fällt ohnmächtig um. Die Herzdruckmassage Koppers wurde sofort von meinem Sitznachbarn, einem Ex-„Schülersanitäter“, fachmännisch bemängelt: „Der reißt ihr ja gar nicht die Bluse weg!“. Chloe entsetzt: „Du Sexist!“. Der Ex-Schülersanitäter: „Das gehört sich so!“. Heimlich choogelte Chloe daher mal wieder auf der Toilette auf dem iPhone nach… naja, man lernt ja nie aus. Der Kerl hatte Recht. Aber beim Nachgoogeln stieß ich auf eine völlig absurde Geschichte: Da hat sich doch tatsächlich eine Neuseeländerin „Nicht wiederbeleben“ auf die Brust tätowiert. Der verklemmte Kopper hätte das also nie gelesen und die arme Frau gerettet!

Jedenfalls glaube ich, dass Maya sicherlich mit mehr Spannung am Bildschirm geklebt wäre. Bei jeder pathetischen Herzrhythmusstörung der leidenden Lena O. hätte sie mit dem finalen Ausstieg dieser von ihr am wenigsten gemochten Tatort-Kommissarin gehofft. Hoffen wir weiter…

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Rache, Schach und Skipetaren

Tatort aus Hamburg, „Häuserkampf“, 13.4. 20.15 Uhr

Spannend, gut konstruiert, bissiger Humor, ich habe kein einziges Mal auf die Uhr geschaut, dafür gibt es eine 1

Die Rochade [rɔˈxɑːdə, auch rɔˈʃɑːdə] ist der Spielzug im Schach, bei dem König und Turm einer Farbe bewegt werden, sie stellt eine standardisierte Abkürzung für eine Reihe von Einzelzügen dar. Indem ein Spieler die Rochade ausführt (rochiert), verfolgt er das Doppelziel, den König in eine sichere Position zu bringen und die Türme zu verbinden. Die Rochade darf von jedem Spieler pro Spiel höchstens einmal ausgeführt werden. Ihre Zulässigkeit ist an eine Reihe von Bedingungen geknüpft.

Der Schachausdruck Rochade und das damit verknüpfte Bild einer komplizierten gleichzeitigen Bewegung zweier (mehrerer) Figuren wird darüber hinaus in übertragener Bedeutung verwendet. Gemeint ist dann etwa ein politisch bedingter Personen- und Funktionswechsel („politische Rochade“) oder der situationsbedingte Positionswechsel von Fußballspielern während des Spiels. Es ließen sich zahlreiche weitere Beispiele für eine übertragene Bedeutung anführen. (Wikipedia)

Cenk Batu (Mehmet Kurtulus), der neue Hamburger ist verdeckter Ermittler und das heißt, gängige Tatort-Erzählmuster dürfen draußen bleiben: kein Revier, wenige Kollegen, kein Mord, keine Leiche, keine Verhöre im Präsidium.

Dafür gibt es Gewissensbisse und Identitätsfragen beim einsamen Wolf, der mit enormer Physis, bestechender Brillianz, rasanter Kombinationsgabe immer noch menschlich und sympathisch bleibt – ein wahrer Held mit Abgründen. Amüsantes Ping-Pong-Spiel mit seinem stets über-ehrgeizigen aber letzendlich doch moralisch integrem Vorgesetzten, das Fernschach mit dem Baba und die nette Nachbarin sind die einzigen menschlichen Konstanten im Leben dieses detektivischen Chamäleons, das sich immer wieder beherzt mitten unter die Bösen begibt und deren Vertrauen erringt, um sie bald darauf zu überführen. Ein Held ist der Batu also, der sich um das Richtige zu tun in der moralischen Grauzone des Verrates bewegt.

Das ergibt schon von vornherein eine spannende Konstellation, auf der dieser Film sich keine Sekunde ausruht. Der Nervenkitzel setzt von der ersten Minute an ein, denn zur üblichen „Verrats“-Arbeit eines verdeckten Ermittlers kommt bei diesem Fall eine besonders unangenehme Komponente hinzu: Batu muss unter Kollegen im Trüben fischen, denn das SEK steht unter Verdacht Waffen und Nahkampf-Wissen an Kriegstreiber im Ausland zu verkaufen. Das ist zwar ein übles Vergehen, aber ein Nestbeschmutzer ist keiner gerne. Kurz vor dem Abschluss der Ermittlungen – Batu hat dem Kollegen/Verdächtigen Jansen bei der Ausrichtung einer Schnitzeljagd zum Geburtstag der Tochter geholfen und bekommt zum Dank nicht nur die Patenschaft für das Mädchen, sondern auch die lukrative Beteiligung am schmutzigen Geschäft angetragen – wird der Hobby-Schachspieler zu einer Rochade im echten Leben und einer Schnitzeljagd für Erwachsene genötigt.

Das SEK wird zu einer Entführung in einem Hamburger Hotel gerufen, doch der Entführer Zoltan Didic (im Theater meistens eine Enttäuschung, aber hier grandios und eiskalt: Stipe Erceg) will kein Geld, sondern Rache. Rache an Jansen, der bei einem Häuserkampf-Einsatz im Kosovo in Folge ungeklärter Umstände Didic niedergeschossen und dessen Frau und Sohn getötet hat. Er erschießt sich vor den Augen des SEK, und hinterlässt Jansen die Botschaft, er habe drei Stunden, um seine Familie zu retten – immerhin eine Chance, Didic selbst hatte gar keine.

Die Rochade setzt ein, denn Jansen wird durch einen Verkehrsunfall außer Gefecht gesetzt und Batu übernimmt (schließlich ist er Patenonkel) die Suche nach Mutter und Kind in einer fulminanten Handy-Schnitzeljagd durch Hamburg und die Psyche der Skipetaren. Gemeinsam mit seinem Vorgesetzten (großartig chefig und trotzdem loyal mitfiebernd Peter Jordan) der permanent um die Tarnung seines Schützlings besorgt ist, klärt er dabei drei Fälle:

1. Was ist im Kosovo passiert?

2. Rettung von Jansens Frau und Kind

3. Das Leck im SEK, das Waffen und Know-How unter der Hand verkauft

Am Ende hängt natürlich alles zusammen – die einzige Frage bleibt: wer hat denn hier NICHT rochiert oder irgendwas verwechselt? Aber ich bin die letzte, die sich über ein konsequent durchgezogenes Motiv beschweren würde, wenn es nicht zu gesucht ist.

Also: Jansen sollte im Kosovo einen Waffenschieber verhaften, in Rückblicksequenzen sehen wir ihn immer wieder mit der Waffe im Anschlag durch ein Haus laufen „Sniper – forth floor..“ lautet sein Auftrag, aber hinter der angegebenen Tür ist nicht der Waffenschieber Istjevic, sondern die Familie Didic. Es stellt sich heraus, Istjevic ist AUCH der Auftraggeber der SEK-Jungs auf Abwegen und er ist AUCH der Schwiegervater des rachsüchtigen Didic. Durch seinen verbissenen Kampf fürs Vaterland hat er bei den Waffengeschäften das Leben der Familie aufs Spiel gesetzt und deshalb hat der Schwiegersohn den Plan so ausgefeilt, dass auf jeden Fall einer büßen muss. Er inszeniert ein Duell Jansen (für den aber Batu kommt) – Istjevic, wenn Jansen siegt, ist seine Familie frei und der Alte, der sich an der Familie schuldig gemacht hat, büßt. Gewinnt Istjevic, heißt es Frau um Frau, Kind um Kind.

Die Rettung ist in diesem Fall die Rochade, dennn Istjevic hat naturgemäß gar kein Interesse, Batu zu töten, er will Jansen, den Mörder seiner Tochter. Also wird er geschnappt, als er im Krankenhaus seine Rache verüben will und von seinem Handy aus lässt sich der Verbindungsmann im SEK bequem per Anruf ermitteln.

Auch die Geschehnisse im Kosovo, die dieses elaborierte Blutrache-Schachspiel begründen (der gemeine Albaner, Chloe weiß das und den Zuschauern wird es auch noch durch eine Szene im Kulturverein verdeutlicht, greift ganz profan zum Messer und geht die Sache direkt an) werden mit Hilfe moderner Technik und den Sprachkenntnissen Batus aufgelöst. Im Tonprotokoll des Einsatzes war es ein Amerikaner, der die Ansage machte:  „forth floor“, damit meinte er den 3. Stock, die Amis zählen das Erdgeschoss nicht, dumm gelaufen. Istjevic war also einen Stock tiefer und das sind auch Frau Jansen und Kind, denn Didic hat den Fall genau nachgestellt. Batu hatte zum Glück von seinem Vater die Rochade und in seiner Ausbildung die Empathie gelernt, auch wenn er im Brettspiel nicht so ein Ass ist, im Leben schafft er es gerade noch alle Züge der diversen Kontrahenten vorauszuberechnen und steht damit am Ende erfolgreich aber ganz alleine (mit der Nachbarin wird es nicht so richtig, wohl weil ihm die Möglichkeit offen zu sein durch seinen Beruf versaut ist und er halt zu gut ist, um eine Frau anzulügen) vor seinem Spiegelbild – Lacan lässt grüßen und ich bin völlig begeistert!

Der Hamburger Tatort hat es mit der Einführung des Thrillers gewagt, die ausgetretenen Pfade zu verlassen und uns einen Kommissar völlig neuen Typs geschenkt – Danke dafür! Das ist eine willkommene Gabe und schöne Abwechslung, wenn wir an all den mal netten mal nervigen Klamauk denken, der uns in letzter Zeit vorgesetzt wurde, haben wir das wirklich verdient. Florian Baxmeyer als Regisseur, Johannes W. Betz und Peter Braun als Autorenteam – davon möchte ich mehr sehen!