Teil 2: Tanguera Püppi

Mein erster Auftritt auf einer Milonga in der Puppenkiste war ja nicht wirklich erfolgreich gewesen. Dennoch hatte ich ein paar Flyer der umliegenden Tanzschulen in die Handtasche gestopft. Aufgeben ist nicht drin! Ein paar Tage später besaß ich auch den Mut, die Tanzlehrerinnen anzurufen. Begeistert schienen sie nicht. „Alles voll!“. Und aufgelegt. Chloe aufgegeben.

Dann meldete sich jedoch eine Tanzlehrerin, dass sie im Anfängerkurs – richtiges Laufen kann man immer nochmals auffrischen – einen begabten Mann übrig hätte. Ich nutzte die Gelegenheit, um der Tangoszene in der Puppenkiste noch eine Chance zu geben. Der Kurs fand im Flur einer privaten Wohnung hinterm Dom statt. Lauter Ehepaare im besten Rentenalter. Ich ungelogen zwei Minuten zu spät und schon mit den Augen von allen in der Luft zerrissen. Dabei hatte ich mir extra nur Jeans und T-Shirt angezogen, um nicht aufzufallen. In der Pause mussten wir die Gläser des Vorgängertanzkurses abspülen. Als ich einer Frau anbot, die Gläser abzutrocknen, riss sie schnell das ihrige an sich. Okay, die haben es hier wirklich nicht mit Fremden… Der Aushilfslehrer fragte mich dann zumindest danach woher ich komme. Oooooh. Ein Raunen ging durch den Saal! Berlin! Das Milonga-Mekka Deutschlands! Mein Aushilfslehrer erzählte mir auch gleich, dass er im Clärchens Ballhaus einmal sieben Absagen an einem Abend einstecken musste.

Der Einstieg wollte mir nicht gelingen. Ich heulte mich also wieder bei Maya aus.

Maya am Telefon: „War der Tanzpartner nix?“

Chloe: „Viel zu klein.“

Maya: „Geh halt nach München! Da geht bestimmt mehr.“

Chloe: „Ein Ortswechsel macht die Partnersuche nicht leichter!“

Maya: „Vielleicht solltest Du Deine Strategie komplett überdenken? Überleg doch mal. Heterosexuelle Männer tanzen eh nicht so gerne. Vielleicht solltest Du Dich in der Schwulenszene umschauen?“

Chloe: „Klingt gut und vernünftig. Dann brauche ich mir auch keinen Kopf darüber zu machen, dass der Typ sich mit jedem Schritt mehr in mich verliebt. Ich will einfach tanzen lernen. Mehr nicht! Aber wo bekomme ich einen Homosexuellen in der Puppenkiste her? Die letzten Vertreter sind sicherlich schon nach Berlin gezogen…“

Ich gab der ganzen Sache noch einen Anlauf. Eine Practica sollte es richten. Eine Gudrun bietet das einmal die Woche an. Fester Partner nicht notwendig. Jedoch kam bei meinem Telefongespräch mit Gudrun heraus, dass sie einen potentiellen Tangopartner für mich hätte. Er würde mich an dem Abend gerne kennen lernen, um abzuschätzen, ob er sich mit mir eine feste Tanzpartnerschaft vorstellen könne. Sein Name: Olaf.

Vor meinem dritten und letzten Versuch musste also ein Schlachtplan her. Ich übte an einem Kompaktwochenende nochmals in Berlin in meiner alten Tanzschule und kaufte mir extra flache sowie asexuelle Tangotreter. Bloß nicht ob meiner Absatzhöhe wieder ins Gerede kommen! Die Engländerin war so nett und begleitete mich in Berlin Mitte auf der Suche nach den burschikosen Tangoschuhen. Während ich gefühlte 20 Paar anprobierte, schaute sie sich nebenher die Tangobekleidung an und war schockiert über Style, Material und Preis: „Das ist so billig und stillos. Das erinnert mich an die Sachen am Türkenmarkt. Die kosten wenigstens nix und sind besser verarbeitet!“

Und so war der Keim für die Tangokollektion gesetzt. Maya stieß auch noch hinzu und bei einem Glas Wein gaben die SpreeSee-Damen der Geschäftsidee ihr Ja-Wort. Seitdem arbeitet die Engländerin fleißig an der modernen und bequemen Tangorobe.

Chloe fühlte sich nun gewappnet. Als ich den Veranstaltungsort nachgoogelte, bekam ich jedoch fast wieder kalte Tangofüße! In einem J U G E N D Z E N T R U M?!?! Dafür bin ich wirklich zu alt! Sicherlich wird es nicht wie hier ablaufen:

Ob ich mir dort auch etwas Hasch kaufen kann, um die Chose zu verkraften? Ich lief also aufgeregt ins Jugendzentrum, um Olaf, mein letzte Karte in Sachen Tango, kennen zu lernen. Ich saß alleine auf einem Stuhl und beobachtete die Tangojünger, die alles andere als jung waren. Alle begrüßten und beknutschten sich in der Szene aufgesetzt freundlich-herzlich. Als Olaf, der Mann mit dem geflochtenen Silberhaar, vor mir stand, sagte ich nur: „Ich bin Chloe! Schön Dich kennen zu lernen.“ Er schüttelte mir die Hand und ging schnurstracks auf das einzig junge und süße Mädchen im Raum zu, die mir bereits das letzte Mal auf der Milonga aufgefallen war. Ich war beleidigt! Da stand ich in meinen neuen Tangoschuhen im Jugendzentrum und werde von den Alten missachtet!

Gudrun leitete zu den Aufwärmübungen ein. Rentner mit Hüftschaden mussten sich auf einem Fuß um ihre eigene Achse drehen… Und mit welch Ernsthaftigkeit, die das durchzogen!!! Aufgewärmt ging es an die Partnerwahl. Ich blieb die einzige ohne Mann! Wie erbärmlich. Doch plötzlich tauchte einer von Hinten auf. In meiner Verzweiflung erschien er mir wie ein Gott! Knackige 45 Jahre alt und ein verwegenes Gesicht. Der Tangogott heißt Friedemann. Und wir tanzten wunderbar!

Gudrun lief an uns vorbei und nickte anerkennend: „Das sieht schon richtig gut aus.“

Friedemann verträumt: „Ja. Sie liegt wirklich gut in der Hand!“

Chloe stolperte bei dem Spruch sofort über seine Schuhe. Liegt wirklich gut in der Hand? Hab ich das gerade wirklich gehört?!?!

Gudrun: „Ja, dann seid nett zu ihr und vergrault sie nicht. Damit sie wiederkommt!“

Endlich hat mich jemand verstanden! Empathie!

Gudrun: „Friedemann! Hast Du keinen Sohn für das junge Mädchen?“

Friedemann: „Doch schon. Aber der ist zu uncool. Der tanzt nicht!“

Auch hier verschluckte ich mich wieder fürchterlich…

Kurz vor Schluss erbarmte sich Olaf mit mir zu tanzen. Ich war besser als er. Ferner hatte er einen schrecklichen Stil und wollte mir andauernd Filme und Komponisten empfehlen. Er lief danach jedoch ein Stück mit mir nach Hause und bot mir an, mit ihm einen Tanzkurs zu belegen. In der Not tanzt Chloe auch mit Fliegen… Ich sagte ja.

Fünf Tage später, fünf Stunden vor dem Tanzkurs, rief er mich panisch an.

Olaf: „Ich kann nicht!“

Chloe: „Wie?“

Olaf: „Ich kann das jetzt nicht sagen. Es hat nix mit Dir zu tun, aber ich kann einfach nicht. Falls Du magst, können wir aber morgen zu Martina, das ist eine andere Tanzlehrerin hier in der Puppenkiste.“

Chloe: „Nein. Es tut mir Leid! Am Wochenende bin ich immer in Berlin. Das wird nix mit uns beiden.“

Ich legte auf und träumte von Friedemann. Ob ich mich traue ihn zu fragen?

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Folge 1: Tanguera Püppi

Wer unser „SpreeSee vor einem Jahr“-Widget brav verfolgt, dem ist sicherlich wie Maya bereits aufgefallen, dass sich die Tanguera Chloe-Serie inzwischen gejährt hat. Und vielleicht fragt sich der neugierige Leser auch, ob die Tango-Euphorie wirklich so schnell bei der Madame vom See verblasst ist. Nach dem Verbrechen auf der Tanzfläche gab es ja einigen Anlass für ein Tango-Trauma.

Tatsächlich war Chloe sehr lange sehr schlecht auf dieses Hobby anzusprechen. Kalli, ohne dessen Flehen nach noch mehr Tangos es bis zum Raub wohl nie gekommen wäre, traute sich in meiner Anwesenheit nicht einmal mehr das böse Wort mit dem „T“ auszusprechen. Nur ein einziges Mal schaffte er es mich nach dem Vorfall nochmals zum „Ango“ zu überreden. Und prompt ging wieder etwas schief… wir tanzten so lange, bis keine S-Bahn mehr fuhr und ich mir ein teures Taxi nach Hause nehmen musste. Kalli steht nun vor jedem Treffen mit mir unter erheblicher Anspannung, da mir in seiner Anwesenheit anscheinend immer Schaden droht. Aber die aufgeklärte Chloe glaubt nicht an Verschwörungen. Es bleibt wohl reinste Ironie, dass mich das Schicksal beruflich an Kallis Geburtsort verschlagen hat.

Und so versuche ich mich mit Kalli und mit dem Tango auf eine ganz besondere Art und Weise zu versöhnen. Ich fing vor ein paar Wochen wieder mit dem Tango an. Als Gastarbeiterin in Bayern. Ab und zu erzähle ich Familie und Freunden von den Begebenheiten auf der Tanzfläche. Nun baten sie mich darum, allen voran Maya, dass ich das doch unbedingt für den Blog aufbereiten solle. Dafür nutze ich nun die vielen Stunden im Zug… Und da mein Kollege mich immer Püppi nennt, soll dies nun der neue Titel zu meiner Tango-Serie werden.

*** Mein erster Auftritt auf einer Milonga in der Puppenkiste ***

Aus der ganzen Kacke mit den Tanzpartnerbörsen hatte ich in Berlin eines mitgenommen: Never ever again!

Daher gab es nur einen Weg zum Anschluss an die Tango-Szene: Eine Milonga!

Kurzer Exkurs: Was ist eine Milonga? => Eine Milonga ist eine „Tanzveranstaltung“. Dort treffen sich Tangotänzer, um zu den drei Rhythmen Tango, Vals und Milonga (Musik) zu tanzen.


Beim Googeln musste ich mit Erstaunen feststellen, dass es in der Puppenkiste sogar mehrere Milongas in der Woche gibt. Neues Jahr, neues Glück! Im Januar nahm ich daher meine Tango-Schuhe mit in den Süden. Zögernd saß ich eines Abends vor den Tretern und postete noch auf Facebook:

Chloe: „Lektion Selbstüberwindung: Should I go or should I stay now?”

Maya kontert: “If you go there will be trouble, if you stay there will be double…GO!”

Maya brachte es mal wieder auf den Punkt! Mit meinem iPhone als Navigator in der Hand irrte ich daher durch die mittelalterlichen Gässchen bis zum Veranstaltungsort. Als ich vor diesem stand, musste ich kurz schlucken: Das war eine kleine Gaststube. Die Wirtshaus-Fassade mit dem kitschigen Emaile-Schild wäre der perfekte Ort für die Eröffnungsszene eines Tatorts gewesen. Durch das Fenster hindurch sah ich zünftige Bayern in der Stube mampfen. Soll es das gewesen sein? Lauf, Chloe, Lauf! Rief eine Stimme in mir. Aber so kurz vorm Ziel aufgeben? Nein! Ich lief also rein.

Die chinesische Bedienung führte mich in den hinteren Bereich der Gaststätte. Ah! Tatsächlich gab es einen separaten Raum. Der war jedoch noch zu, da ich zu früh und die Practica noch im Gange. Ich blieb im Gang stehen.

Kurzer Exkurs: Was ist eine Practica => Das sind Übungsstunden, um das Erlernte nochmals einzustudieren. Diese Kurse finden oft vor einer Milonga statt.

Ein sportliches Pärchen Mitte Fünfzig gesellte sich ein paar Minuten später dazu. Ich versuchte krampfhaft Anschluss zu finden. Da ich die Tangoschuhbeutelchen in deren Händen erkannte, packte ich den miesesten Small Talk aus.

Chloe: „Tanzt Ihr auch Tango?“

Mann trocken: „Ja.“

Chloe verzweifelt nach Small Talk ringend: „Schon lange?“

Mann trocken: „So ähnlich.“

Plötzlich ging die Schiebetür auf und ich sah einen Raum voll gepackt mit tanzenden Pärchen. Überall hingen Tangoplakate als Deko an der Wand. Der Mann, mit dem ich mich gerade unterhalten hatte, steuerte schnurstracks aufs DJ-Pult zu. Das war der DJ !!! Wahrscheinlich sind er und seine Frau Profitänzer!

Kleine Pause. Auf der Tanzfläche lösen sich Schüler und Tanzlehrerin auf.

Die Unruhe nutze ich und laufe auf die andere Seite des Parketts, um mich in Ruhe an einen Tisch zu setzen sowie die Schuhe umzuziehen.

Langsam wird wieder getanzt. Ich sitze und sterbe zugleich. Die Tanzfläche füllt sich kontinuierlich Keiner fordert mich auf! Fünf Minuten. Zehn Minuten. Fünfzehn Minuten. Plötzlich läuft der DJ auf mich zu und meint: „Du solltest Dich auf die andere Seite setzen. Hier sitz für gewöhnlich niemand. Falls Du aufgefordert werden willst ist das recht ungünstig.“

Mir steigen fasst die Tränen vor Scham und Fremdelei in die Augen. Ich schleiche mich also an den tanzenden Paaren vorbei auf die andere Seite. An meiner Situation ändert das nichts. Keiner fordert mich auf. Ich beobachte die Tanzfläche. Ein ungewöhnliches Paar fällt mir besonders auf, da es mir – im Vergleich zu den anderen verbissenen Tänzern – auf Anhieb sympathisch ist. Er ist um die 65 Jahre alt und trägt einen weißen Bart. Klein und rund gebaut. Sie ist vermutlich 20 Jahre alt und recht zierlich. Er zeigt ihr andauernd neckisch neue Figuren und sie lacht dabei die ganze Zeit. Wahrscheinlich ist sie seine Nichte, denk ich mir so. Schließlich war sie mit Abstand die jüngste. In der Puppenkiste scheint die Tangoszene nämlich erst ab 45 Jahren loszugehen.

Nun erbarmt sich die Vereinsvorsitzende und setzt sich zu mir. Wir fangen einen Small Talk an. Dabei steckt sie mir direkt, dass ich als Anfängerin in der Puppenkiste nicht so hohe Tanzschuhe tragen sollte. Das sei Verschwendung. Die Männer seien es, wie man sieht, nicht unbedingt Wert. Und sie gibt mir den Tipp, dass heute Abend noch ein „jüngerer alleinstehender Mann“ im Raum anwesend ist, der sich über eine Tanzpartnerin sicherlich freut. Der „jüngere“ Mann steht an der Wand gelehnt. Er ist 45 Jahre alt, hat struppiges Haar und trägt so ein besonderes Holzkreuz. In meiner Verzweiflung laufe ich direkt auf ihn zu und fordere ihn auf. Der ganze Saal dreht sich nach mir bzw. uns um.

Der Mann heißt Uwe und tanzt seit einem Jahr. Als ich wissen will, warum er gerade Tango tanzt, bereue ich es noch im selben Moment, die Frage gestellt zu haben. Er hat einmal mit seiner Ehefrau angefangen, ist jetzt aber geschieden. Bäm! Chloe! Volltreffer!

Uwe hat jedenfalls sehr viel Spaß mit mir. Klar, wer so schlecht tanzt, der kann sich neben so einer blutigen Anfängerin mal ganz groß fühlen. So groß, dass er übermütig wird und nicht aufpasst und mich in ein anderes Paar reinführt. Ich trete der Frau hinter mir mit meinem hohen Hacken schmerzhaft auf den blanken Zeh. Sie schreit durch den ganzen Saal: „Passen Sie doch auf! Immer diese jungen Dinger!“. Dabei ist das gar nicht meine Schuld! Der Mann hat das zu verantworten. Ich kann nicht mehr. Die Puppenkiste mit ihren Einwohnern macht mich fertig.

Uwe und ich legen daher eine Pause ein. Wir setzen uns an einen Tisch. Überall stehen Gläser. Kaum will ich mich setzen, rennt eine Frau auf mich zu. Ich frage zögerlich: „Ist das ihr Platz?“ Sie nickt und scheucht mich weg. Uwe ist die Situation sehr unangenehm: „Normalerweise ist das nicht so. Man darf sich überall hinsetzen und nimmt sein Glas einfach an den nächsten Platz mit, wenn man vom Tanzen zurückkommt.“

Ich habe keine Kraft mehr. Frage Uwe nur noch, wo man hier am besten lernen könne und stecke ein paar Flyer ein. Genug ist genug. Völlig verschwitzt und müde renne ich mit Heimweh im Herzen durch die Puppenkiste zur Zweit-WG. Ich habe einen großen Durst. Jedoch kein Späti weit und breit in Sicht. Ich vermisse Berlin…

Am nächsten Tag heulte ich mich am Telefon bei Maya aus. Ich war total entrüstet darüber, wie in der Puppenkiste mit Neulingen umgegangen wird. Maya haut drauf: „Die sind halt Fremde nicht gewohnt! Vielleicht dachten die, dass Du klaust? Wahrscheinlich ist die Frau deshalb an ihren Stuhl.“

Meinem Kollegen, einem Einheimischen, erzählte ich ebenfalls meine Erlebnisse nach. Er zog mich auf: „Hast Du denen etwa Deinen ganzen Namen gesagt? Bei dem Nachnamen!!!“

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Teil IV: Chloe und Maya auf Verbrecherjad!

Der Raub und die Tangomänner.

SpreeSee hatte lange genug hitzefrei. Chloe schreibt zwischen Melonenmahlzeit und Eiskaffee schnell ein Resümee: Bisher nix gefunden!

Immerhin habe ich mein Tango-Trauma langsam überwunden. Neulich schwitzte ich wieder auf einer Milonga. Dabei fällt mir ein, dass ich nie auf die Frage meiner Isar-Piratin geantwortet habe:

Hach je. Was sagt eigentlich der Tanzpartner, der das Unglück ja so ein bisschen mit heraufbeschworen hat? Aber im Moment ist das wahrscheinlich nicht so wichtig.

Tatsächlich war das an dem Abend im Hinblick auf die Männer recht dramatisch. Ich hatte mich lose mit meinem Tanzkurstanzpartner Jürgen zu der Milonga verabredet, wusste jedoch, dass auch ein Freund vom Freund einer Freundin da sein wird. Nennen wir ihn Kalli. Kalli hatte beim Karneval der Kulturen noch gemeckert, dass er diese Tango-Klischees nicht mehr sehen kann. Wir witzelten darüber, ob ich nicht im Dirndl im Clärchens Ballhaus auftauchen sollte. Hatte jedoch keines zur Hand.

Auf der Milonga tanzte ich im schlichten Empire Kleid erst mit Jürgen. Der eröffnete mir, dass er in Zukunft noch mehr üben möchte. Wir sahen uns schon 4x Woche ! Wie geht da NOCH mehr? Außerdem fühlte ich zunehmend die unterschiedlichen Lernkurven… die klassische Tragödie war eingetreten: Ich hatte meinen Tanzpartner großen Tanzschrittes überholt. Seit zwei Wochen suchte ich nach einer guten Taktik ihn loszuwerden. Und nun wollte der noch mehr!

Als mich Kalli zum Tanz aufforderte, war ich ob seines Rhythmusgefühls derart begeistert, dass ich Jürgen links liegen und mich eine Stunde am Stück von Kalli führen ließ. Das sollte ja auch kein Problem sein, da man gerade auf einer Milonga sich unabhängig vom Tanzpartner die Zeit vertreibt. Plötzlich sah ich jedoch wie Jürgen erbost nach seiner Tasche griff und zackig an mir und Kalli vorbei schritt ohne sich zu verabschieden. Dieser lächerliche Pathos ärgerte mich (Ich bin doch nicht Jürgens Tanzeigentum! Ferner ist der doch nach eigenen Aussagen frisch verliebt. Was gebart er sich also mir gegenüber so eifersüchtig!). Meine Stimmung verschlechterte sich zunehmend. Ich wollte ebenfalls gehen (zu dem Zeitpunkt war meine Tasche noch im Raum). Kalli bat aber noch um ein paar Tänze. Bang! Seinetwegen blieb ich noch eine halbe Stunde und verlor mein Hab und Gut. Jedoch sollte man nicht in „Was wäre gewesen, wenn…“-Gedanken abschweifen. Das führt zu nix. Kalli war zumindest sehr beeindruckt von meiner recht gefassten Reaktion auf den Raub. Einer Bekannten von ihm wurde ebenfalls mal eine Handtasche geklaut und die sei daraufhin hysterisch geworden. Jedenfalls begleite mich Kalli noch ein Stückchen in meine Richtung. Auf dem Weg fiel mir dann plötzlich ein, dass ich noch meinen Füller und meinen 15 Jahre alten, durch zwei Studien begleitenden, heiß geliebten Minenbleistift in der Handtasche hatte. Plötzlich rollte mir doch noch ein Tränchen die Wange herunter.

Chloe leicht schluchzend: „Och, ich vergaß. Scheiß aufs iPhone und den restlichen ersetzbaren Rest. Aber meine Schreibgeräte klauen!! Das ist, als würde man mir die Zunge rausreißen.“

Kalli verlegen: „Hör lieber auf darüber nachzudenken, was noch in der Tasche drin war…“

Natürlich war es mir schrecklich unangenehm, dass dieser mir recht fremde Mann gleich einen Einblick in meinen weichen Kern gewann. Mit den Tangoschuhen in der Hand entschwand ich schnell in die Tiefe der Nacht und nahm mir vor, mich nie wieder zu melden. Er rief noch hinterher, ob er meine Telefonnummer haben könnte. Ich entsetzt: „Hallo? Die bringt Dir jetzt gar nix! Mein Handy ist weg, vergessen?“

Tags drauf kam jedoch schon eine Mail von Kalli. Er wolle mich zumindest zur Wiedergutmachung, er fühle sich teils Schuld an meinem Unglück, auf ein Essen einladen. Ich wehrte ab: Keine Zeit und in meiner Wohnung eingesperrt, da ich keinen Schlüssel mehr habe!

Kalli ließ nicht locker. Schrieb noch eine Mail. Ich übte mich in Ignoranz. Dann kam eine SMS mit „Chloe! Hab dir neulich ne süße Mail geschickt… Hast du mich nicht mehr lieb?“. Was soll Frau davon halten? Süß…

Nachdem Maya auch noch beraubt wurde, versuchte ich Kalli zumindest um sein schlechtes Gewissen zu erleichtern und erzählte ihm davon. Das gab ihm natürlich die Chance zu antworten:

Dank fürs Lebenszeichen – sehr bedauerlich, dass der Kohlhaas’sche Rachefeldzug nicht zu mehr Recht und Ordnung führte, sondern nun auch noch die arme Maya Opfer skrupelloser Verbrecher wurde.

Ich bin mittlerweile in die Open-Air-Tango-Saison eingestiegen, z.B. in der Strandbar im Monbijoupark – nicht ohne dabei jedes handtaschentragende Wesen auf die kriminellen Energien in dieser Stadt hinzuweisen (was sich aber als kolossaler Fehler entpuppte, denn erhebliche Nervosität und Unkonzentriertheit der Tanzdamen waren die Folgen…). Ich überlege nun als clevere Start-up-Geschäftsidee, einen mobilen Garderobeservice zu eröffnen – du könntest noch mit einsteigen…

Also, wenn du mit meiner Person künftig nicht prinzipiell Unglück, Leid, Ärger, Frust und Niedergang in Verbindung bringst (denk an die Erfolgserlebnisse beim Ango!), dann lass es uns mal wieder versuchen, gerne umsonst und draußen (mit Rucksack).

„Ango“ schrieb Kalli, da ich ihm das böse Wort mit „T“ verboten hatte. Ich versuchte mich immer noch in Abwehrhaltung. Meine Antwort per Mail:

Du hast mich wie ein kleines Mädchen weinen sehen – wie kann ich da jemals wieder die toughe Tanguera mimen?

Er konterte prompt mit einem alten Klassiker:

Über „Tränen sind heute sehr modern…“ musste ich so lachen, dass ich ihm also doch eine Chance gab und zum Tango-Stelldichein schnell durchklingelte.

Chloe peinlich berührt: „Und trotz des Tränen-Tangos bleibt es mir weiterhin unangenehm, dass Du mich hast weinen sehen… Das ist eigentlich gar nicht meine Art!“

Kalli euphorisch: „Oh! Entschuldige Dich bitte nicht dafür. Mich hat das Ganze derart berührt, dass ich auf dem Heimweg ebenfalls ein paar Tränen verdrücken musste. Wo findet man denn noch so etwas in dieser herzlosen Großstadt, in der alle Frauen immer nur verdammt cool sein wollen? Eine Frau, die echte Tränen weinen kann! Keine Hysterie, sondern reines Gefühl! Ach, das gibt es wahrscheinlich wirklich nur noch bei einem Mädel vom Lande!“

Ich? Chloe! Ein Mädel vom Lande? Über diese verklärte Romantik sah ich dann doch ob meiner Tango-Schuhe, die noch amortisiert werden müssen, hinweg und ging mit Kalli zur Milonga. Ha, so eiskalt berechnend können Mädels vom oberschwäbischen Lande sein!

Und zumindest hatte der Raub auch was Gutes: Ich konnte ihn als perfekte Entschuldigung ausschlachten, um meinen Tanzpartner Jürgen loszuwerden. In einer schlichten Mail kündigte ich ihm die Tanzpartnerpartnerschaft aufgrund meines Tango-Traumas. Es hat funktioniert. Wir sind erfolgreich separiert. Ich muss jetzt bloß in dieser kleinen Berliner Tango-Welt aufpassen, dass ich Jürgen nicht über den Tanzfuß laufe…

Teil I: Chloe und Maya auf Verbrecherjagd!

Ob Brechts Unterwelt, Döblins Franz Biberkopf oder Kästners „Emil und die Detektive“ – ich hatte immer einen Faible für die Schattenseiten Berlins. In der Fiktion versteht sich. Aber bei Chloe ist ja die Realität sowieso wie ein nie endend wollender Film… Deshalb werde ich nun schon zum zweiten Mal Opfer eines Betrugs.

Beim ersten Mal handelte es sich um den massierenden Hochstapler Borello. Mir war zum Glück außer etwas Gänsehaut nicht viel passiert. Nach meinem Blogeintrag landeten aber mehrere Mädchen über den Suchbegriff „Borello Ansbacher Straße“ auf SpreeSee. Sie schilderten mir, dass ihnen exakt das gleiche bzw. Borello widerfahren war (sogar die Nummer mit den tanzenden iPhone-Apps hat er jedesmal gebracht!). Ein Mädchen ist leider „weiter gegangen“. Ich hatte natürlich direkt nach meinem Blogeintrag WG gesucht alarmiert. Aber nun erstatte ich endgültig Anzeige bei der Polizei. Ich sehe mich in der Pflicht, diesem Wicht keine weiteren Opfer zuzuspielen! Seit dem 10. Mai 2010 warte ich jedoch auf Antwort von der Polizei. Dabei hatte ich ordnungsgemäß das schicke Onlineformular auf der Internetwache ausgefüllt und die Bearbeitungsnummer fünf Mal auf positiven Eingang hin geprüft. Bisher nix gehört. Heute will mich jemand zurückrufen.

Die gestrige Konfrontation mit den Berliner Schurken überstand ich leider nicht schadensfrei! Am Dienstag fand Tanguera Chloes Debüt im Clärchens Ballhaus statt. Direkt am Eingang fragte ich nach einer Garderobe. Es gäbe keine, antwortete man mir. Da hatte ich schon ein schlechtes Gefühl. Wie Maya weyß, lasse ich meine Wertsachen und vor allem ideellen Begleiter ungern irgendwo herrenlos stehen. Mein Tanzpartner maynte jedoch, dass ich das ruhig alles unterm Tisch stellen kann, da passiert nix. Als ich dem jähen Tangotreiben ein Ende bereiten wollte, war plötzlich meine komplette Handtasche verschwunden. Der Kellner zuckte nur lächelnd seine Schultern:

Dienstags kommt das eigentlich so gut wie nie vor. Eher samstags. Machen Sie sich da bloß keine Hoffnungen, die ist für immer weg! Da man für diese Milonga keinen Eintritt bezahlen muss, kann Hinz und Kunz hier ein und ausgehen.

Klare Ansage! Die übervorsichtige Chloe, die immer Angst vor den Mädchenbanden in Neukölln und Kreuzberg hat, wurde also in Mitte beraubt.

Ob fehlender Monatskarte und Bargeld lief ich die ganze Strecke von Mitte nach Kreuzberg zu Fuß nach Hause. Im Morgengrauen riss ich meine Mitbewohnerin aus dem Schlaf. Mein Schlüssel war och wech! Sofort sperrte ich alle Karten und rief natürlich die 110 an. Kommentar des Polizisten: „Handtasche? Nee, da können wir nix machen. Melden Sie das online oder gehen Sie morgen zu ihrer zuständigen Bezirksdirektion.“ Online? Dachte ich mir, nee, das hat schon beim ersten Mal nicht geklappt. Ich recherchierte die Öffnungszeiten und nahm mir vor, in aller Herrgottsfrüh Strafanzeige zu erstatten.

Parallel kam mir noch eine andere Idee… Ich rief mich selber an. Freizeichen! Keiner hob ab. Hm, dachte ich mir, dann kann ich doch mein Handy über meinen Netzbetreiber orten! Und siehe da, nach nur zwei Minuten poppte folgende Karte auf:

Handyortung: Finde den Dieb !

Mir klopfte das Herz und ward schlecht. Da sitzt also der Verbrecher mit allen meinen persönlichen Sachen in seiner Wohnung und ist zu dumm oder high, das Handy auszuschalten? Und die Polizei hilft mir nicht! Welch Ohnmacht.

Mit aufgequollenen Lidern tauchte ich ca. vier Stunden später bei der Polizei auf. Ich erwartete ein volles Wartezimmer und war völlig überrascht, dass eigentlich keiner da war. So kam ich schnell dran und konnte meinen Fall schildern.

Der furchtbar junge Polizist notierte alles brav auf einen Zettel. Als ich von der Handyortung erzählte, riss er sich aus seiner Lethargie und witterte eine spannende Verbrecherjagd: „Das ist toll! Wir haben schon mal jemanden so auf frischer Tat ertappt. Aber dabei handelte es sich um einen Taxisender. Die Polizisten haben das Gerät zu dritt geortet und eingekreist. Mensch, ist Ihr Handy noch an?“ Chloe genervt, da die kompetenten Kollegen bei der 110 das ja nicht in Betracht gezogen hatten: „Nein, die Karte ist natürlich inzwischen wie alles andere gesperrt!“ Der Polizist unermüdlich: „Dann entsperren Sie wieder! Ich gebe Ihnen die Telefonnummer von den Kollegen in Friedrichshain. Wenn man das Handy immer noch orten kann, dann können wir die stellen!“

Nun musste ich aber zuerst schwarz zum Arbeitsort meiner Mitbewohnerin fahren, um wieder an einen Schlüssel zu kommen bzw. in die Wohnung zu gelangen. Ohne Rechner (O-Ton Polizist: „Bei der Polizei kann man nicht online gehen!“) kam ich nicht an meine Daten…

Zur Sicherheit rief ich zu Hause als erstes bei den Kollegen in Friedrichshain an. Inzwischen war es schon 12.12 Uhr. Der nächste Spruch schockierte mich:

Kein Eintrag auf ihren Namen bzw. die Bearbeitungsnummer, die Sie gerade durchgegeben haben!

Mein Polizist in Kreuzberg hat wohl bisher seine schriftlichen Notizen nicht ins System eingetragen! Darüber war auch der Kollege in Friedrichshain entrüstet.

Nun sitze ich hier. Habe meine SIM-Karte wieder entsperrt. Leider scheint das Telefon inzwischen aus zu sein. Soll ich jetzt doch wieder sperren? Ich will verdammt noch mal HILFE!

Der einzige Mensch, der mir jetzt zur Seite steht ist wie immer Maya. Wir drucken nun Flugblätter aus und verteilen die in der Umgebung des georteten Handys. Vielleicht finden wir auch vor Ort zumindest meine Ausweise und meinen Hausschlüssel. Am liebsten würde ich jede einzelne Wohnung persönlich betreten und dem Verbrechen den Hals umdrehen. Ich habe aber meiner Mitbewohnerin versprochen, mich nicht in Gefahr zu bringen.

Das mit dem Tango lasse ich nun zumindest für eine Weile.

Teil III: Tanguera Chloe und die Männer

Ob Mayas Maultaschen musste ich meine Erzählung kurz abbrechen. Nun zurück zum Griechen. Zwei Tage bevor der Tango-Intensivworkshop anfangen sollte, schrieb er mir noch eine ellenlange E-Mail zu den „geschichtsträchtigen Hallen von Clärchens Ballhaus”. Mit dem Kommentar “übermotiviert” klickte ich die Mail einfach weg. Ja nicht mit einer Antwort auch noch Zeichen von Interesse zeigen.

Nach meiner durchzechten Nacht tauchte ich total verkatert aber pünktlich zum Kurs auf. Chloe chann in diesem Zustand ganz schön ungeduldig und zickig sein. Jeder Satztropfen auf ihren überstrapazierten Nerven macht aus der Frau vom See schnell eine Choleric Chloe. Der Grieche tat mir jetzt schon Leid und ich hoffte für ihn, dass er über Nacht dem Kloster der Trappisten beigetreten war. Aber von Schweigen war keine Rede! Kaum saß der Kerl neben mir, kam schon der erste Vorwurf: „Ist es nicht schön hier? Ich habe Dir ja Bilder vom Spiegelsaal in meiner letzten Email geschickt. Hast Du meine Email nicht gelesen?“

Chloe – zweiter Vorname „Delete“ – ignorierte die Bemerkung einfach und nickte nur mit dem blauen Kopf. Ich sprang vom Stuhl auf und sah ob dieser schnellen Bewegung nur noch Sterne vor mir. Bevor ich mich fangen konnte, hatte mich der Grieche schon fest im Griff und wir marschierten über die Tanzfläche. Zum Glück revoltierte zumindest nicht mein Magen. Es wäre doch all zu lustig gewesen, hätte ich mich beim Tanzen übergeben.

Qualvoll war es so oder so. Die nächsten drei Stunden sollten mir richtig in die Knie gehen. Bzw. voll auf die Kniescheiben. Sirtaki Moves beim Tango sind nicht nur unsexy, sondern auch schwer gefährlich.

Die O-beinigen Kniebeugen meines griechischen Gegenübers führten konstant zu Kollisionen. Da ich erst zwei Tage zuvor klettern war (mit einem coolen „oben ohne“ Kletterpartner, den ich danach nie wieder angerufen habe) und dabei meine Knie an der Kletterwand aufgerieben hatte, bildeten sich nun fette Hämatome um meine Kniescheiben.

Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so froh darüber sein könnte, wenn mir jemand beim Tanzen einfach nur auf die Füße tritt. Aber jeder Fußtritt entlastete meine Knie. Schlimmer als der physische Schmerz war jedoch der ästhetische. Das wankende Boot vor mir war so rhythmisch wie ein Rhinozeros. Es rollte einfach auf mich zu und ich war stets darum bemüht auszuweichen oder wegzudrücken. Genervt schrie ich: „Mach doch mal langsamer, aber dafür richtig!“ Mein Tanzlehrer lachte sich krank als Zeuge meiner zickigen Ausbrüche. Als ich nach einer Kniescheibenattacke mal wieder bösartig die Augen rollte, fragte mein Tanzlehrer nun aber besorgt, ob bei mir alles in Ordnung sei. Ich knirschte ein „Ja“ heraus. Kurz vor einem cholerischen Wutausbruch meinerseits – das Rhythmus-Genie hatte gerade schmachtend bemerkt, was das für eine schöne Musik sei – gab es zum Glück eine Pause. Ich hyperventilierte erstmal auf der Toilette. Contenance, Chloe! Meinem Tanzlehrer flüsterte ich noch entschuldigend ins Ohr, dass ich total verkatert sei.

Bei den Getränken wartete mein persönlicher Folterkörper auf mich. Prompt fragte er, was ich denn da dem Tanzlehrer ins Ohr geflüstert hätte. Außerdem sähe ich wirklich nicht gut aus. „Warst Du etwa gestern Abend aus?“, fragte er vorwurfsvoll. Ich hatte auf dieses ganze Verhör echt keinen Bock und brachte die Mega-Notlüge: „Ich habe Menstruationsschmerzen.“ Von da an ließ er mich peinlich berührt nun einigermaßen in Ruhe.

Meine Stimmung nach der Pause wurde jedoch nicht besser. Mein Rausch ließ nach und meine Wahrnehmung verschärfte sich leider. Plötzlich bemerkte ich all diese Tanzpärchen um mich herum, die sich sehnsuchtsvoll mit den Augen die Klamotten vom Leib rissen. Dabei ist es beim Tango streng verboten sich in die Augen zu schauen. Oder sich gar zu küssen (pfui)! War das eine Paartherapie in der ich gelandet war? Tanzen gegen die Trennung!

Und plötzlich sollten sich alle im Kreis aufstellen. Der Führende hinter die Folgende. Ich ahnte Furchtbares! Der Tanzlehrer wollte unsere Haltung mit einer Übung verbessern. Bevor ich mich wehren konnte, drückte der Grieche meine Hüften schon gen Boden! Ha! Ich konnte mich gar nicht daran erinnern, wann ein Mann zum letzten Mal meine Hüften angefasst hatte. Fuck! Maya hatte mich zwar gewarnt, aber ich hatte das mit dem „Körperlichen“ beim Tango echt unterschätzt!!! Die Rückrunde stand an und die Frauen sollten bei den Männern Hüfte und Rippen strecken. Mein Schrecken stand mir diesbezüglich wohl im Gesicht geschrieben. Mein Tanzlehrer sprang für mich ein, da das körperliche Verhältnis (David gegen Goliath) nicht stimmte. Ich spreche den Mann hiermit nachträglich heilig!

Beim letzten Tanz gab der Tanguero-Zorba-Mann alles. Meine Hand kam mir in seiner wie ein weißes Taschentuch vor, das er nach einer Flasche Ouzo glücklich hin und her wedelte. Ooooooopa ! Super – nach drei Stunden Tanz war ich zwar ausgenüchtert, dafür war meine Schulter nun komplett verkatert. Ich bedankte mich und verabschiedete mich gen Bahn. Aber weil ich so klein und gebrechlich bin, musste mich mein Tanzpartner natürlich zu meiner Haltestation begleiten. Hier offenbarte ich ihm dann auch, dass er mir zu groß für einen festen Tanzpartner sei. Er nahm es mit Fassung.

Der nächste und letzte Tag sollte von Ochos bestimmt sein.

Typische Merkmale des Tanzes sind neben dem engen Kreuzen der Beine („Kreuz“ oder „Cruzada“) die so genannten „Achten“ bzw. „Ochos“, die vor allem von den Frauen getanzt werden. Dabei beschreiben die Füße der Tänzerin – wie der Name sagt – auf dem Boden eine Acht. Diese Acht kann in Vorwärts- wie Rückwärtsrichtung getanzt werden; mehrere Ochos hintereinander sind durchaus üblich. Während die Frau solche – natürlich geführten – Ochos tanzt, begleitet der Mann sie in der Regel mit einfachen seitwärts gerichteten Schritten.

Ich musste mir nun von meinem Tanzadonis anhören, dass wenn ich nicht so arg auf meine Figur achten würde, das mit den Ochos sicherlich besser klappen würde. Hallo??? Ich war nur darum bemüht, bei der Torsion auf meine Bandscheiben zu achten! Bisher hatte ich mich wirklich arg zusammengerissen. Aber nun kannte ich auch kein Pardon mehr! Als der vom Tanzolymp gestürzte nun Rückwärts-Ochos zu improvisieren versuchte, stellte ich mich stur.

Chloe: „Ich tanze nur, was ich gelernt habe. Sonst schleichen sich Fehler ein. Und sich Gewohnheiten abzugewöhnen ist schwieriger als Neues zu lernen!“

Grieche: „Ach, das klingt ja so intelligent. Sag bloß, Du hast studiert?“

Chloe schnippisch: „Ja!“

Grieche beeindruckt: „Ach, wirklich?“

Chloe sich dumm stellend: „Nein, natürlich nicht.“

In der Pause gab es dann die große Aussprache.

Grieche: „Ich habe das Gefühl, dass Du mich nicht magst. Du läufst immer mindestens 2 Meter vor mir her und tust so, als würdest Du mich nicht kennen. Du bist immer so, so…“

Chloe: „Forsch!“

Grieche: „Ähm, ja. So wollte ich das jetzt nicht ausdrücken, aber das Wort trifft es wirklich gut.“

Chloe: „Ich bin zu allen so. Das ist meine Art. Nimm das bloß nicht persönlich. Ich danke Dir auch, dass Du mich erträgst. Ich weiß, dass ich keine leichte Frau für nen Tanzkurs bin. Danke, dass Du das mit mir durchmachst.“

Zum Abschluss begleitet er mich wieder zur Bahn. Da ich dieses Mal aber meinen Freunden zu einer Ausstellung nachfolgte, musste ich zu einer anderen Station. Das verwirrte ihn. Vielleicht glaubte er auch, dass ich das mit den Freunden nur erfunden hatte, um ihn loszuwerden. Wer so forsch ist wie Chloe, kann ja keine Freunde haben. Er verabschiedete sich mit der Floskel „Du weißt ja, man sieht sich immer zwei Mal im Leben.“ Für mich klang das fast wie eine Drohung. Vor allem, da wir uns doch schon drei Mal im Leben gesehen hatten. Und das kann auch mal einfach reichen!

Teil II: Tanguera Chloe und die Männer

Über meine Tanzpartnerbörse fand ich also tatsächlich noch einen potentiellen Kandidaten: Einen Griechen-Lulatsch. Ob meiner Not sah ich großzügig über die Migrationshintergrunds-Ressentiments hinweg. Ferner hatte sich auch mein Tanzlehrer für mich eingesetzt und einen gesetzten Mitte Vierziger namens Jürgen für mich aufgetrieben. So kam es, dass ich an einem Abend beide testete. Nach der ersten Stunde mit dem Griechen verabschiedete ich mich auf eine Runde um den Block und kehrte schnell wieder ins Tanzstudio zurück, um mit Jürgen die Rolle der Folgenden auszuprobieren. Das mit Jürgen war ein Volltreffer! Er tanzt eigentlich schon Mittelstufe, hat aber ein Jahr lang ausgesetzt und möchte nochmals von Anfang an anfangen. Sehr gute Bedingungen für mich. Der Kerl weiß was und vor allem wohin er will! Und mir war sofort klar, dass ich sonst nix von dem will. Eine rein sportlich platonische Angelegenheit.

Nun hatte ich aber dem Griechen schon zum Intensiv-Wochenendkurs zugesagt. Da musste ich jetzt durch. Zur Einstimmung lud mich meine Freundin Nisa freitags zur Tango-Show des Quinteto Angel in der Philharmonie ein. Für Gesang sorgte Sergio Gobi. Völlig elektrisiert von dessen übertriebener Gestik meinte ich zu Nisa: “So nen Mann brauch ich! Leidenschaft pur. Lecker, lecker, lecker.“ Beim Showtanz riss Constantin Rüger seiner Partnerin Judith Preuss ausversehen den Rock runter. Man sah die hautfarbene Buxe hervorblitzen. Für meinen Wochenendkurs beschloss ich somit, nur in Hosen zu tanzen. Man weiß ja nie…

Obwohl ich am nächsten Tag früh morgens um 8 Uhr Besuch erwartete sowie den Tango-Kurs zu meistern hatte, begleitete ich Nisa doch noch zu einer Abschluss-Feier eines Freundes. Aus „auf nur auf eine Cola“ wurde ob des freien Kontingents (welcher Schwabe kann da widerstehen!) plötzlich ein hochprozentiger Abend. Die abschüssige Location und der kauzige Barkeeper versetzten mich zurück in die Unterwelt eines Brechtschen Stücks. Berlin schmeckte mir plötzlich ganz fein. Darauf gab es den guten alten Hendrick’s Gin. Der Barkeeper führte mich gar an eine ganz neue Sorte Gin ran. Wer hätte gedacht, dass es in Dijon neben Senf derart vorzügliches gebraut wird?

Eine neue Gin-Sünde für Chloe !

Ich schwebte im Gin-Himmel. Aber die Hölle ist immer näher als man denkt: Ein Kerl neben mir versuchte mich den ganzen Abend mit Anekdoten rumzubekommen.

Kerl: „Ich war schon mal auf der Antarktis.“

Chloe besserwisserisch: „Ja, is klar! Ich stand auch schon kurz davor, als ich am Arsch der Welt in Ushuaia war. Jedoch fehlten mir einfach die letzten 5000 Euro für die Fähre gen Antarktis!“

Kerl: „Nein, im Ernst. Ich arbeite ein Jahr lang als Schiffsarzt. Ich war immer so besoffen, dass der Kapitän, der selbst stets einen sitzen hatte, auf mich zukam und meinte, ich solle doch zumindest den Whiskey in eine Cola-Flasche schütten. Die Passagiere beschwerten sich schon, dass der Arzt immer nach Alkohol riecht.“

Als er mir noch seine mieseste One-Night-Stand-Nummer erzählte – er wachte morgens auf und ward ausgeraubt – ging ich genervt auf Toilette. Auf der Damentoilette wurde jedoch munter gekokst, so musste ich auf die der Herren ausweichen. Um wenigstens eine Stunde Schlaf zu bekommen, machte ich mich auf dem Weg nach Hause. Kurz vor Ankunft beobachte ich ein Paar, das recht angetrunken aus dem Taxi stieg. Der Taxifahrer rief dem Typen noch keck hinterher: „Viel Erfolg!“ Die Berliner Schnauze hat was! Dem Mädel wünschte ich nur, dass sie hoffentlich im Besitz eines iPhones war. Am nächsten Morgen muss die sich in ihrem Zustand sicherlich erstmal zurechtgoogeln, wo sie da gelandet ist. Wie wäre es eigentlich mit einer App für Berliner Hinterhöfe? Ich stehe selbst jedes Mal völlig kafkaesk vor all diesen Türen und weiß nicht, welche mich wieder in die Zivilisation führt.

Später mehr. Ich muss jetzt zum Tango und Maya hat die Brühe für das Gründonnerstagsabendmahl mit Jos und Chloe schon fertig. Meinen Nachtisch habe ich bereits in meiner Handtasche blickdicht verstaut, damit mein Tanzpartner nicht auf falsche Gedanken kommt.

Teil I: Tanguera Chloe

Wie die Leidenschaft für den Tango erwachte.

Oft wird Chloe gefragt: „Warum gerade Tango?“

Einen konkreten Auslöser gab es hierfür nicht. Vielmehr diverse Verkettungen. Die Chansonniere vom See hatte zum Beispiel schon immer einen Faible für populäre jüdische Schlager aus den 20er/30er Jahren in Berlin sowie Wien. Einer ihrer größten Stars ist Curt Bois. Leider finde ich seine sprachartistische Interpretation von „Guck‘ doch nicht immer nach dem Tangogeiger hin“ nicht auf YouTube. Hier eine moderne Version:

Vor genau einem Jahr besuchte ich zum ersten Mal in meinem Leben Wien. Ich bloggte jedoch nur die lustige Anreise und schulde noch ein paar Erläuterungen zu meinem Abend im Burgtheater. Dank FM4 gewann ich ja Eintrittskarten zum „Abschieds-Kongress im Burgtheater“:

Herzstück des Kongresses bilden die Gespräche mit über 120 „Abschiedsexperten“, die in den Logen des Burgtheaters ihr Wissen, ihre Erfahrungen und Meinungen zu den Themen „Abschiede auf Zeit“, „Lebewohls“, „Suche nach dem Neubeginn“ und „Aufbruch“ mit den Besuchern teilen.

Im Burgtheater empfingen uns lauter Damen im Pagenschnitt.

Was für ein Happening im Burgtheater! Ich liebe Inszenierungen.

und ich buchte ein Gespräch mit DDR. Friedl Tisseau (Wenn ich tanze, bin ich nicht von dieser Welt). Ich muss zugeben, dass ich das vor allem aufgrund der Primzahl 7 tat. Der Rest fügte sich.

Mein persönlicher Abschiedsexperte.

Auf dem Weg zu meiner Loge durchschritt ich einen Raum, in dem Tango getanzt wurde. Der ganze Abend im Burgtheater war magisch wie eine Zeitreise in ein altes Jahrhundert. Ich fühlte den mondänen Lebensstil der 20er/30er Jahre. Chloe beschritt ihre Loge und wurde von dem Setting um sie herum in Trance versetzt. Das Stimmengewirr aus all den Logen heraus erfüllte das ganze Theater und wurde selbst zur Bühne.

Abschieds-Kongress im Burgtheater.

Vor mir saß eine Weltenbürgerin, die sicherlich zur Zeit der 30er Jahre eine junge Schönheit gewesen sein muss. Madame Tisseau war auch von mir entzückt: „Sie sind ja so jung!“ bellte sie euphorisch. Nun folgte ein halbstündiger Monolog. Chloe sagte nicht einen Satz (worüber alle, die sie kennen, erstaunt sein  müssen) und hörte völlig fasziniert zu. Madame Tisseau erzählte von ihren Männern. Dem Diplomaten mit dem sie verheiratet war. Beiläufig schaute sie mich nochmals genauer an und gab mir einen Rat mit:

Sie sind hübsch. Verschwenden Sie sich nicht!

Dieser Satz durchzuckte mich derart, dass ich in der Tat jeglichen Versuchen des Wiener Wochenendes widerstehen sollte!

Nun fing Madame Tisseau vom Tango an zu schwärmen. Wie sie in anderen Sphären schwebe, wenn sie auf dem Parkett tanze. Sie legte ihre Hand auf mein Knie und schaute mich ernst an:

Madame Tisseau: „Wissen Sie, wie Sie wirklich Tango tanzen lernen?“

Chloe wird, bevor sie nur einen Satz sagen kann, unterbrochen…

Madame Tisseau: „Sie kaufen sich einen! Sie kaufen sich einen Tangotänzer! Ich leiste mir immer echte Argentinier.“

Ich musste schmunzeln und dachte sofort an Billy Wilder, der sich in den 20er-Jahren als Eintänzer im Hotel Adlon die Brötchen verdiente.

Es folgen schmerzhafte Rückblicke auf all die unzuverlässigen, unpünktlichen jedoch leidenschaftlichen Carlos und Juans. Madame Tisseau ist nicht mehr zu stoppen. Sie überschreitet ihre Zeit, wir werden zwei Mal von den Damen im türkisen Kostüm darum gebeten aufzuhören. Madam Tisseau hat sich so in Rage geredet, dass sie mich spontan an sich reißt und drückt:

Sie gefallen mir! Sie gefallen mir! Lassen Sie sich meine Nummer von den Damen geben und besuchen Sie mich!

Ich versuchte es in der Tat! Aber mir wurde die Nummer nicht rausgerückt.

Seitdem schwirrt mir Madame Tisseau im Kopf umher. Als ich letzten November in Buenos Aires war, musste ich natürlich einen Tango-Kurs

Meine erste Tangolehrstunde.

sowie eine Tango-Show besuchen.

Was für ein Tango-Theater !

Nun saß ich Mitte Februar ob der grauen Großstadttristesse in Berlin im Seeweh fest. Ich vermisste Gewässer und Gebirge. Statt mich im Weltschmerz zu laben, packte ich mich jedoch am Schopf und gedachte der anderen Träume, die ich als Chloe „vom See“ nicht verwirklichen konnte: Ein Tango-Kurs !! Berlin ist die zweitgrößte Tango-Stadt der Welt nach Buenos Aires. Also ab aufs Parkett!

Ich bloggte ja bereits meine Suche nach dem Tango-Grundschritt sowie die Suche nach einem Tango-Partner. Nun wird daraus eine Serie…