Wenn der Postbote durch die Wand kommt

Borowski und der stille Gast, Tatort aus Kiel, 9. September 2012, bekommt von mir ne glatte 1.

Das war mayn persönlicher Beginn der neuen Tatort-Saison! Nachdem ich den echten Start mit den Schweizern verpasst habe und den Kölner Fall letzte Woche trotz toller Schauspieler und wichtigem Thema eher mittelmäßig fand, bin ich jetzt als Fan wieder völlig im Fieber.

Gut – als passionierte Schaubühnen-Gängerin war ich natürlich schon positiv eingestimmt, als ich las, dass Lars Eidinger mitspielt. Klar kann bei so einer Besetzung auch kein klassischer Whodunit-Plot rauskommen, es steht ja außer Frage, wer der Täter ist. Wie die ganze Sache – das stille „Einziehen“ des Postboten in die Wohnung seiner schneewittchenhaften Opfer –  inszeniert  und  gespielt war, hat mich ständig hin- und hergerissen zwischen Widerspruch („das gibt´s doch nicht“) und dem Impuls, jetzt mal schnell im Nebenzimmer nachschauen zu müssen.

Zwischen dem Notruf des ersten Opfers „Er ist in meiner Wohnung. Er kommt einfach durch die Wand“ und den (vorerst?) letzten Worten des Täters „Ich bin kein schlechter Mensch“ hat mich der Film gestern so furios mit Ekel- und Gruselwellen gebeutelt und in gemischte Gefühle versetzt, dass ich eigentlich eine Fortsetzung will. Dank offenem Ende kann man ja darauf hoffen.

Nur ob ich mayne positive Grundhaltung gegenüber all unseren Paket-Bringern, die mich auch in den unterschiedlichsten Lebenslagen antreffen und immer einen Kommentar zu Lieferung und Lebensumständen parat haben, aufrechterhalten kann, weiß ich noch nicht.

Sicher ist: Angebissene Brezeln kommen mir so schnell auf gar keinen Fall mehr in den Mund.

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Kriminal-Kiez

Auch wenn wir diese Leidenschaft nicht mehr so pflegen wie zu den Zeiten der regelmäßigen Rezension, wir bei SpreeSee lieben den Tatort. Doch heute musste ich bei mayner Rückkehr feststellen: wir wohnen auch an einem Tatort. Kleinere Delikte, die das öffentliche Ärgernis hervorrufen haben wir schon häufiger erwähnt. Neben ständigen Anschlägen auf die Mülltonnen der Hausgemeinschaft war neben den stark „schweindelnden“ Kochkünsten der Nachbarschaft der absolute Tiefpunkt erreicht, als einmal zwei große Haufen Fäkalien das Treppenhaus zierten. Chloe war kurz davor wieder einen ihrer berühmten „Was sind denn das für Zustände?“-Beschwerde Anrufe bei der Hausverwaltung abzusetzen, allein dass Sonntag war, hielt sie davon ab. Es wäre wohl keiner rangegangen und zu wulffen entspricht einfach nicht ihrem Format.

Als ich heute von maynem Ausflug ins Süddeutsche zurückkam, war ich bereits sensibilisiert. Hatte ich doch in den Nachrichten gelesen, dass es auf unserer zwar turbulenten aber doch sonst so herzallerliebsten Brücke in der Nacht von Samstag auf Sonntag zu einer Messerstecherei gekommen war. Wenn ich einmal nicht nach dem Rechten sehe, läuft der Warschauer Strand schon aus dem Ruder. Das gefällt mir allerdings ganz und gar nicht, ich möchte gerne weiterhin unbewaffnet durch den Kiez gehen. Dem nicht genug fand ich an unserer Haustür mal wieder einen Zettel vor:

Kriminalität im Kiez - der Piratenbäcker vermisst sein Mobiliar

Der alteingesessene Bäcker vermisst sein Mobiliar. Eine Sauerei ist das! Geruchsbelästigung, Sachbeschädigung, Diebstahl und Körperveletzung in unserem Kiez, wenn das so weitergeht, muss Chloe umschulen, vom argentinischen auf den Kriminal-Tango …

Im Zweifel für den Zweifel

Tatort aus Wien: „Glaube Liebe Tod“. Sonntag, 29.8.2010, 20.15 Uhr ARD.

Note: 2-3

Moritz Eisner wurde von seiner Tochter zur ZEN-Meditation geschleppt, gerade spannt er den Bogen, da klingelt sein Telefon – die Erleuchtung bleibt ihm verwehrt, er muss zum Tatort. Das junge Mordopfer kann dank Anhänger schnell als Sektenzugehörige  identifiziert werden. Der Film verfolgt nun hauptsächlich der Zeichnung dieser hier Epitarsis getauften „Glaubensgemeinschaft“, die alle Merkmale von Scientology trägt. Der Krimi muss sich unterordnen. Schaurig ist die eiskalte Leistungsorientierung der Gläubigen allerdings schon: „Trauer ist kein produktives Gefühl.“ heißt die lapidare Reaktion auf den Tod des jungen Mitglieds Ann. Und auch der Grad der Unterwanderung – die Staatsanwaltschaft ist ebenfalls schon auf Epitarsis – macht frösteln.

Die Ehe der Eltern der Ermordeten ist offenbar daran zerbrochen, dass die Tochter sich der Sekte zu- und und von den Eltern abgewendet hat. Die Mutter trauert still um das verlorene Kind, der Vater hat sich in die Aufgabe gestürzt, die Tochter aus den Fängen von Epitarsis zu befreien, koste es was es wolle, mit legalen und illegalen Mitteln. Sein Scheitern im Kampf um seine Tochter erträgt er nicht, er vernichtet all sein Recherchematerial und erhängt sich.

Hilfe erhielt er beim Rettungsversuch der Tochter von der Leiterin der Beratungsstelle für Angehörige von Sekten-Angehörigen, Maria Levin. Sie hat ein Programm für Ausstiegswillige entwickelt. Woher sie die Strategien und Taktiken der Epitarsis so genau kenne, will der Kommissar wissen. Man ahnt es, die Dame ist ein abtrünniges Mitglied. Ann, die ermordete junge Frau wurde vom Vater mit Geld in eine leerstehende Bauruine gelockt und dort von Levin zum eigenständigen Nachdenken über Epitarsis angeregt. Auf Euphorisierungs-Entzug wurden die Zweifel größer.

Doch Zweifel haben keinen Platz in dieser Glaubensgemeinschaft, besonders nicht bei denen die hineingeboren sind und die Welt außerhalb der Maschine ignorieren. Am Ende hat die Tochter der bekehrten Levin nicht nur ihre beste Freundin Ann für die Zweifel bestraft, sondern auch ihre abtrünnige Mutter endgültig getötet. Die war für sie ohnehin schon seit dem Ausstieg gestorben. Leider kann die Sektenchefin die junge Inquisitorin nicht mehr rechtzeitig ins amerikanische Headquarter schaffen und angesichts ihres fanatischen Geständnisses vor dem Kommissar, das sie mit den Statuten der Sekte rechtfertigt, wird sie sofort von Epitarsis fallen gelassen. Nur sich selbst darf sie kein Ende bereiten – das erlaubt der Eisner nicht, er sei schließlich kein Erlöser.

Fazit: solide, gemächlich, wenig Spannung trotz zweier Morde, schöne Zeichnung der Sekte mittels Ausstattung, die Psychologie der Mörderin kam leider erst in den letzten Minuten zum Tragen.

Zum Finnischen Tatort & Tango verdonnert

Tatort aus Kiel: “Tango für Borowski”. Ostersonntag, 4. April 2010, 20:15 im Ersten.
Note: Unterstes Unterholz !

Nach Mayas Ansage ist im Hinblick auf unsere miese Tatort-Arbeitsmoral die Ein-Satz-Rezension eingeführt worden. Ich konnte mich gar nicht dagegen wehren! Dabei war ich gerade dabei ein Pamphlet zu erfassen, in dem ich die Tatort-Kolumne abschaffen wollte…
Warum: Weil ich mich jedes Mal durch den Film quäle. Tausendmal auf die Uhr schaue und sicherlich nicht noch mehr Zeit für die Reflektion verschwenden mag. Die Qualität lässt echt zu wünschen übrig. Dabei haben Maya und ich gerade erfahren, dass man als Drehbuchautor für einen Tatort-Plot bis zu 40.000 Euro verdient. Hallo??? Dafür arbeiten andere ein ganzes Jahr. Und wir werden zu Millionen in 90 Minuten gelangweilt.

Ferner geht mir der Tatort-Kult völlig auf den Nerv! Diese deutsche Neo-Gemütlichkeit der spießig verlobten Öko-Pärchen oder die Metro-Spargeltarzane im Prenzlauer Berg regen mich alle einfach auf. Und: Ich mag nicht dazugehören. Ich will nicht mit dieser Massenbewegung gleichgesetzt werden. Mein guter Freund Kino-Woody spielte mir neulich einen genialen Blog-Eintrag zu, der alles sagt, was ich hier in der Hauptstadt bezüglich der Public Tatortler denke. Ich fasse die schönsten Passagen zusammen:

Über das Tatort-Publikum

Or, if that sounds too hard, attend a Tatort party. Elite German people at one point found out that they can gain the same amount of respect and interestingness that a true artist receives without putting in any effort. You simply have to redefine whatever painfully normal things you crave to do as being totally edgy, artistic, and non-conformist. Take some guidance from the masters: Attend a Tatort party. It’s the perfect blueprint of how elite German people take a mainstream thing they secretly crave, witlessly yet homogeneously change their attitude towards it, and call it the edgiest and most avant-garde thing ever. Attending a Tatort-Party means learning about the inner workings of the elite German mind.

Besser hätte ich es nicht treffen können. Maya und Chloe gehören ja auch zur Elite ! Hahaha.

Über die Austragungsorte

So where do these elitists meet? Just walk around your trendy neighborhood on a Sunday evening. Tatort-Parties are usually held at “young” bars and cafes. Once you find a flock of German people wearing black, thick-rimmed glasses and T-Shirts with somewhat witty slogans, who are hanging out in a demonstratively relaxed “Sunday pose,” clutching on to bottles of ironic beer or Club Mate, while staring at a small, makeshift cinema screen, then congrats, you found a Tatort-Party. Enter and find a seat, then wait until the creepy, blatant staring at the new guy (you) ceases, then prepare yourself for the things to come by ordering the strongest coffee available. You’re just about to experience the longest 90 minutes of your life.

Maya und ich schauten den letzten Tatort – tatsächlich zum ersten Mal in unserer SpreeSee-Geschichte! Also gemeinsam! – in einer Berliner Tatort Kneipe. Wenn die Filme schon betäubend sind, wollten wir uns nun zumindest beim Public Viewing vom Publikum inspirieren lassen.

"Du tanzt Tango, also schreibst Du die Rezension!" Mayas harte Worte @Roberta.

Die von uns auserkorene Raucherkneipe Roberta war jedoch mehr als öd (und wir beide Nichtraucher!). Immerhin verfügte der schmächtige Kellner – der so dünn wie die Salzstangen war, die er zur Durststeigerung reichte, aber dann vergaß uns mit Getränken zu versorgen – über eine hohe Medienkompetenz und bekam rechtzeitig zur Tagesschau Bild und Ton an. Neben Maya und Chloe saßen zwei ziemlich schräg grunzend lachende Typen, die sich nach jeder lustigen Szene mit einem auffälligen Blick in unsere Richtung rückversicherten, ob wir nicht auch lachten. Nächsten Sonntag müssen wir einen weiteren Austragungsort begutachten. Das kann es doch nicht gewesen sein!

Über die Dramaturgie mit Chloes Anmerkungen zum Tatort „Tango für Borowski“

A new episode of Tatort is aired every Sunday. It is Germany’s longest running crime drama, a bit like a teutonic version of “Law & Order,” just a lot slower and less exciting. That’s the reason Tatort didn’t have a huge following among young Germans until about 10 years ago.

Hm… in meinem Freundeskreis bin ich weiterhin eine von wenigen, die den Tatort schaut. Tatsächlich schwärmen alle immer nur für die amerikanischen Serien.

In fact, Tatort is so slow, tedious, and deliberately low-key that one 1.5 hour episode feels like a whole day going by. Halfway into it, you’ll want to inject caffeine into your eyeballs just to make it through the next minute.

Stimmt! Ich habe dieses Mal schon nach zwanzig Minuten auf meine Uhr geschaut sowie Mails & Facebook gecheckt.

In good German film-making tradition, everything about it feels painfully over-endeavored and every single character is stock beyond the worst stereotype.

Stimmt, die Zwote! Die Finnen sind alle betrunken, wortkarg oder tanzen Tango. Selbst der Wald wird in seiner schlimmsten Stereotype dargestellt. Borwoski verläuft sich natürlich in der finnischen Weite. Und wie in einem schlechten Martin Suter Roman ist er nach einem Pilz-Konsum auch noch „druff“. Statt Trolle halluziniert er seine Psychologin in nem Handtuch…

But that’s, like, sooo not the point, Auslander. German people love Tatort for its realism and dedication to pick up controversial topics and social developments to base its stilted plots on in a really contrived way.

Und klar, der unter Verdacht stehende Junkie Ralph Böttcher war es natürlich nicht. Der Massenmörder auch nicht. Der Alkoholiker war es! Total kontrovers…

Example: If someday, somewhere in Germany a guy who works at a bakery and whose day job is to make spongecake would kill another guy who makes, for example, danish pastry, then the producers of Tatort would waste no time to come up with an episode of Tatort which took a pretentious shot at „unmasking“ the immoral aspects of the spongecake business and „illuminating“ its „hidden dark side“. The spongecake chef would be borderline psychotic and overweight, and there would be long-winded shots of him in a white spongecake chef’s apron, wielding a palette knife in a sleazy, dark bakery back room, with the cameras slowly panning up from his palette knife-wielding hands, up and up, past his meaty chin, to finally reveal, to much “ooh” and “ahh”-ing on part of the Tatort party’s members, he wasn’t really making spongecake, but staring into nothingness with his totally crazy, murderous, psycho spongecake chef eyes, but the scene doesn’t stop, and we can hear, but never get to see, him stabbing at the cutting board in an increasingly aggressive way, all mounting in a wild crescendo of staring and stabbing, staring and stabbing, staring and…you get the idea, it’s an extremely powerful scene because of the things we don’t get to see.

Dieses Mal durfte zur Abwechslung der Finne durchdrehen und haute die Gedärme des Hechts ins Feuer. Denn die Gedärme des Hechts stehen in Finnland für das Totenreich! Zuvor wird der Finne natürlich noch dabei erwischt, wie er beim Sex zuschaut und sich einen wichst.

Don’t blame that poor spongecake chef though. Because Tatort is at heart a very German show, each episode takes plenty of time exploring the „social conflicts“ and „circumstances“ that lead to a crime.

Ebend! Dafür reist Borowskis Psychlogin extra nach Finnland. Sie ist ja die Meisterin für Psychogramme… oder doch einfach nur gut im Bett?

Mirroring the German society, in Tatort, everybody is a victim. Even the detectives.

Hey, am Schluss darf Borowski doch noch in die Sauna. Dem geht’s ganz gut da oben in Finnland.

That’s because German people love to come up with far-flung excuses for any wrongdoing that wasn’t committed by a well-off person, and go to great lengths to construct a theory which serves to blame all the usual things they fear or disapprove of: Capitalism, environmental pollution, and being identified as Germans when traveling.

Oder es liegt tief in der Kindheit verwurzelt. Der finnische Massenmörder musste im zarten Alter von zwölf Jahren seinen Vater für seine Mutter töten. Seitdem rächt er sich an Liebespaaren und sägt denen den Kopf ab.

In the above example, the spongecake chef’s murder would be explained by the brutal, dog-eat-dog world the spongecake making business has evolved into. There would be a huge, faceless, spongecake-making corporation that aims to rule the spongecake marketplace with cheaply made, but bland products, rendering life for the loveably privately kept, romantically small spongecake-shops extremely competitive and impersonal. The murderer’s deed would be explained by the unbearable fear of the future those evil capitalists brought to this simple, down-to-earth spongecake chef, yet, and this is very important, Tatort wouldn’t take all the guilt off him, leaving the audience at your Tatort-Party in an ambivalent state, resulting in statements like “I’m not exactly sure who’s to blame here, and I think nobody should jump to conclusions. All we can say is, capitalism brings out the worst in people, right? Right??”

Am Schluss „jumped“ nur der Mörder. Und der Zuschauer hat tatsächlich etwas Mitgefühl. Man wünscht sich, dass Borowski den Finnen vom Hang zurückhält.

When the Tatort is finally over, the Germans around you feel obliged to start an orderly debate discussing the “important questions asked„ by this Sunday’s Tatort. The majority of German people will agree that the evil, faceless pastry company should take 100% of the guilt. It is highly recommended for you to always join the anti-capitalist side of the argument and actively take part in this discussion to secure your role as a knowledgeable media commentator. Discussing a substantially boring, run-of-the-mill crime drama gives your German acquaintances the warm, fuzzy feeling of being critical, self-determined people who are aware of the dangers of blind media consumption, because they are way too intellectual to just watch TV for its entertainment value, which, in the case of Tatort, is close to zero.

Unsere Sitznachbarn haben den Tatort auch nicht verstanden. Bevor sie uns um Hilfe bitten konnten, sind wir schnell geflüchtet. Denn Maya bringt es auf den Punkt: Der war nix!

Ich weiß, es gehört sich nicht, so viel am Stück zu zitieren. Aber ich finde es einfach schön geschrieben und kann es nicht lassen.

Maya, war doch mehr als ein Satz. Ich breche immer alle Regeln….

Spione in Glaskästen

Tatort aus Hamburg, Sonntag, 28.3.2010, 20.15 Uhr

Solide 2-3

Charly und ich sind beim Public Viewing im Galao, der Übertragung scheinen zunächst einige technische Probleme im Weg zu stehen, die Linsensuppe ist trotzdem lecker und dann harmonieren auch noch Bild und Ton.

An der Brezel-Deko, die über des Kommissars Kopf schwebt, erkennt man deutlich: das Public Viewing findet im Schwabenland statt. Zum Glück ist es ein Hamburger Tatort, dann bekommt man auch um 20.10 Uhr noch einen Platz

Cenk Batu ist mal wieder in verdeckter Mission unterwegs, er bezirzt einen innovativen älteren Erfinder, der bald tot ist und eine seltsame Zettelwirtschaft hinterlässt –

Bestimmt Alzheimer oder Demenz

raunt Charly mir zu – im Galao herrscht nämlich absolute Schweigepflicht während des Tatorts – und schon geht die Jagd nach der Pandoradatei und durch die verworrenen Personalien los.

Morgen Jetzt gibt es dann hier die vollständige Ein- oder Mehrsatz-Kritik: Weiterlesen

Tatort-Schulden

Chloe – ich schäme mich! Unsere Arbeitsmoral im Bezug auf den Tatort ist quasi nicht mehr vorhanden – und das obwohl wir doch regelmäßig gucken. Jetzt hat sich schon die gratis-Popkultur-Gazette intro des Themas angenommen. In einem ausführlichen Special wird das Krimi-Phänomen zu seinem 40. rundum beleuchtet:

40 Jahre Tatort

Wir sollten nachziehen!

Vielleicht führen wir einfach die 1-Satz-Rezension ein?

Lürsen in Love und Selbstjustiz auf dem Vormarsch

Tatort aus Bremen, „Königskinder“, Sonntag 7.2.2010 um 20.15 Uhr, 3-4

Inga Lürsen (Sabine Postel) – die bärbeißige Bremer Kommissarin – wird mal wieder von ihrer Tochter vor den Kopf gestoßen und dann fällt sie auch noch auf selbigen, weil sie ganz in Rage – wie immer eben – die Treppe runterstürzt. Leider hat dies furchtbare Auswirkungen! Zwar ist sie auf den härtesten Teil ihres ausgesprochenen Dickschädels gefallen und somit der Querschnittslähmung von der Schippe gesprungen, doch diese quasi Nah-Tod-Erfahrung macht die sonst so toughe Granddame ganz weich in der Birne. Sie möchte die ach so kurze Lebenszeit nicht mehr in Wut und Aufregung verbringen und schwebt deshalb fortan als personifizierte Sanftmut durch die Ermittlungen. Everything ZEN- Inga genießt ausgiebig ihre Frühstücksorange, lässt verträumt Sand durch die Finger laufen und grinst dabei beseelt wie Buddha persönlich.

HILFE! Ich will meine Inga zurück, die mit dem Zorn der Gerechten die Übeltäter jagt und voller Leidenschaft ausflippt, wenn es darum geht die Missstände dieser Welt anzuprangern. Stattdessen muss ich mir jetzt auch noch mit ansehen wie sie dem Süßholzgeraspel eines Arztes nachgibt, der sogar zugibt, dass er eine ganz alte Masche aus Studentenzeiten anwendet – „ich bin noch nicht tot“ sagt Inga und tauscht Säfte mit dem attraktiven Medikus. Na gut, denke ich mir, natürlich kann die Inga nicht immer nur mürrisch von einem Tatort zum anderen gehen und ein bisschen Lebenslust hat jeder verdient!

Also konzentriere ich mich nur mit einem Auge auf den Krimi, um den Würgreiz zu unterdrücken, der mich wegen der weichgespülten Inga überfällt, und lasse mich prompt von den falsch gelegten Fährten hinters Licht führen. Ich dachte doch tatsächlich, diese verzehrt und verbittert dreinblickende Chefsekräterin Edith (furchtbar, unheimlich, beängstigend: die großartige Bibiana Beglau) war die Strippenzieherin hinter den Morden – falsch getippt!

Vor lauter Ärger über die Lovestory der Lürsen ist mir doch beinahe entgangen, was für ein ausgeklügelter Fall hier ausgeheckt wurde. Dabei wurde der Zuschauer nämlich ordentlich reingelegt: In der Anfangssequenz sahen wir einen Einbruch und den Mord an der Unternehmergattin Sonja Mesenburg vor den Augen ihres Mannes  durch die vermummten Räuber. Der Bruder des Opfers, Bernd, ist Polizist – ein alter Kumpel von Lürsens Kollege Stedefreund – und macht sich wie die Bremer Ermittler auf die Suche nach dem Mörder. Dabei kommt die Story des verkorksten Lebensweges der Stedefreundschen Ex-Clique zu Tage. Stedefreund hatte nämlich was mit der emordeten Sonja, bis die ihn fallen ließ, weil sie lieber reich heiraten wollte und zwar den Mesenburg, eine Idee, die ihr viel Pech bringen sollte. Edith, die Ex von Sonjas Bruder, wurde Angestellte der Fast-Schwägerin und glühende Verehrerin des Mesenburg, der von Sonja wegen des Geldes geehelicht und ansonsten verachtet wurde. Bruder Bernd blieb Single und der festen Überzeugung, Mesenburg sei nicht gut genug für seine Schwester. Alle gemeinsam nahmen dem Stedefreund übel, dass er den tollen Freundeskreis im Stich gelassen hatte und bei seinem Auszug in die große weite Welt vor ihnen von Bremerhaven bis nach Bremen geflüchtet war. Aääähh – ja.

Es gibt ein hin und her, warum ist dieser Einbruch brutaler gewesen als die anderen der Serie? Wer hatte was davon, reicht eine Entlassung als Motiv dafür und wieso vertickt der Penner, der sicher nicht zu Einbruch und Mord fähig war die Beute? Was ist bloß mit dem Bruder des Opfers los, der so grobschlächtig die Ermittlungen stört?

Ein selbstloser Lockvogel Einsatz der verliebten Inga bringt die überraschende Wahrheit zutage: Der Mörder war der Ehemann. Leider konnte man darauf schwer kommen, denn auf eine Schilderung seines Psychogramms wurde verzichtet, wie gesagt, die bittere Edith lief die ganze Zeit mit einem solchen Hass im Gesicht herum und hatte Texte drauf, die sie ganz klar als Mörderin auszeichnen könnten.

Spannend an der ganzen Sache ist die Auflösung: Täter lügen und das können Fernsehbilder auch. Die Überfall-Szene die eingangs zu sehen war, entsprach nicht dem wirklichen Tathergang, sondern war nur die Version des mörderischen Ehemanns, der hatte die Räuber angeheuert um ihnen den Mord, den er genüsslich selbst beging, in die Schuhe zu schieben. Da denkt man natürlich nicht dran, als Zuschauer, der gewöhnt ist mehr zu wissen als die handelnden Personen – wirklich ein schicker Kniff! Das war aber auch fast das einzig Gute an diesem Tatort.

Ganz dramatisch wirds zum Schluss, denn die verliebte Inga und der um die Ex trauernde Stedefreund haben den rachsüchtigen Bruder Bernd nicht im Griff und in ihrer Nachsicht völlig übersehen, dass  der die Ermittlungen sabotierte, um den Mörder seiner Schwester selbst und endgültig zu richten.