Das Jahrzehnt ist jung – die Dekadenz schreitet voran

Du musst ihn ab und zu gießen!

Mit diesen Worten –  sehr ernst und langsam gesprochen, als wollte sie mir eine komplizierte mathematische Formel eintrichtern – übergab mir Chloe kurz nach unserem Einzug einen Ficus Benjamini in Pflege, der nicht mehr in ihr Zimmer passte.

Hallo – Ich weiß schon, dass Pflanzen Wasser brauchen!

entgegnete ich lachend. Zwar bin ich für maynen Mangel an Enthusiasmus was Zimmerpflanzen angeht bekannt, dass mir aber die Grundbegriffe an Botanik fehlen sollten, wollte ich nicht auf mir sitzen lassen. Also schwor ich mir insgeheim, es besser zu machen als als Teenager. Mayn Bruder und ich bekamen damals regelmäßig Ärger von den Eltern, da wir offensichtlich keinerlei Einfühlungsvermögen und Gespür für den Durst des Gestrüpps im Hause hatten.

Wie konntet ihr das nur ignorieren – die lässt doch alles hängen!!!

Hieß es damals recht häufig. Ehrgeizig hege und pflege ich nun also das Bäumchen und tatsächlich wirkt es immernoch einigermaßen gesund, ich würde fast behaupten, dass es besser aussieht als beim Einzug:

Mayas ganzer Stolz - der Ficus, der es mit mir aushält!

Mayas ganzer Stolz - der Ficus, der es mit mir aushält!

Während ich über die Feiertage durchs Schneechaos in den Süden der Republik flog, um dort den Familienstammbaum zu pflegen und seinen neuesten Trieb zu begutachten, überließ ich das SpreeSee-Domizil samt seiner Pflanzenwelt der Teilzeit-Mitbewohnerin. Natürlich war ich nicht gegangen ohne Chloe vorzuwarnen, der Weihnachtsstern, den sie gekauft hatte, hat mayne Obhut weniger gut überstanden. Das tat mir sehr Leid, schließlich war es das einzige Stück saisonalen Flitters, das ich der im kargen bayram-dekorationsfreien muselmanischen Haushalt aufgewachsenen Chloe erlaubt hatte, sie verspürte einen viel größeren Nachholbedarf. Aber die unglaubliche Geschwindigkeit, in der die Pflanze ihr Leben ließ, kann unmöglich allein auf mayne Unfähigkeit zurückzuführen sein. Das war eine wahrhaftige Blume des Bösen. Stündlich purzelten die Blätter. Was für ein jämmerliches Bild! Selbst ein Standortwechsel – weg vom zugigen  Küchenfenster, hinein ins wärmste Zimmer des Domizils – konnte den Verfall nicht aufhalten. Chloe – die nach eigenen Angaben Pflanzen liebt – scheint diese beim ersten Anblick verloren gegeben zu haben, denn bei mayner Rückkehr fand ich sie so vor:

Das jähe Ende des Weihnachtssterns - Tod durch Verwelken binnen kürzester Zeit!

Das jähe Ende des Weihnachtssterns - Tod durch Verwelken binnen kürzester Zeit!

Ein Mahnmal! So schnell kann es gehen. Allerdings stellte ich schnell fest, dass nicht nur der im Januar ohnehin obsolete Weihnachtsstern hinüber war, die gesamte Wohnung schien vom Verfall heimgesucht worden zu sein: Die Halterung des Duschkopfs war aus der Wand gerissen und im Südflügel klaffte gar ein Loch im Fenster:

 

Angriff auf die SpreeSee Behausung - oder Vorzeichen für Schlimmeres?

Doch das größte Chaos herrschte im Innenhof vor. Schnell überlegte ich noch, ob er kurzfristig in eine Kunst-Ausstellungsfläche umgewidmet worden war.

 

Müllexplosion in Friedrichshain

Nein – das war keine Installation als Kritik an der Dekadenz der modernen Wegwerfgesellschaft, das war einfach eine zerstörte Mülltonne.

WAS IST HIER LOS???

Um mich herum Chaos, Zerstörung und Verfall – sind das etwa die ersten Vorzeichen auf das im nächsten Jahr mal wieder erwartete Ende der Welt?

Oder ist es einfach – jetzt da mayn Heimweg von Bahnhof und Flughafen keinen Kontakt zu mich anschnauzenden Busfahrern mehr enthält – der morbide Charme Berlins, der mir zuraunt

Willkommen zu Hause

 

Unter Barbaren…

Sollte ich jemals einen Schlaganfall bekommen, dann wird das mit Sicherheit in einem Supermarkt sein. Lebensmitteleinkäufe zählen nicht wirklich zu meinen Stärken. Alles an diesem Prozess – von der Parkplatzsuche bis zu lahmen Kassiererinnen – stresst mich ungemein. Bevor ich also durch das Schiebetor des Grauens schreite, speichere ich mir im Kopf den optimierten Laufweg ab, um in kürzester Zeit an die maximale Zahl meiner Grundnahrungsmittel vorbeizurennen.

Für andere scheint im Gegenzug das Shoppen mit mir eine Qual zu sein. Als wir letztes Jahr mit den Seemännern und –frauen die Zutaten für unsere Feuerzangenbowle einkauften, war ich in fünf Minuten fertig (sogar die Zuckerhüte hatte ich auf Anhieb richtig geortet!). Robbi meinte nur kopfschüttelnd: „Was hetzt Du denn so. Lass uns in Ruhe schauen, was es sonst so gibt! Man kann doch mal etwas stöbern.“ Stöbern? Helloooo? Wir haben hier eine Mission, der Soldat lässt sich im Konsumkrieg nicht von Werbesirenen ablenken !!!

Noch schlimmer als Einkaufen ist Einkaufen vor Feiertagen! Die Marschtruppen werden größer! Gestern musste ich mit meinem Bruder in die Krisengebiete namens „Costco“ & „Walmart“ vordringen. Bei Costco wollten wir lediglich Mineralwasser kaufen. Bevor ich das feindliche Territorium betrat, wurde ich nochmals an die angemessene Kampfkleidung erinnert:

Was haben die gegen barfüßige Konsumenten?

Plötzlich pirschte aus der Elektrosonderfläche eine Frau hinterlistig an meinen Bruder heran: „Is this my shopping cart?“. Ich konnte die feindliche Einkaufswagen-Übernahme noch rechtzeitig verhindern, indem ich aus der Kosmetikecke mit einem tödlichen Blick hervorsprang. Mein Bruder vermutete dahinter lediglich eine Anmache. Auf so was falle ich aber nicht rein!

Auf dem Schlachtfeld wurde mir sehr schnell klar, worum es hier eigentlich ging: Erdöl ! Die Amerikaner haben so viel davon, dass sie es gerne für unsinnige Verpackungen verschwenden:

Wozu eine derart überdimensionierte Verpackung für eine Shampooflasche?!?! Wahrscheinlich braucht man sogar eine Kettensäge, um durch den Plastikgürtel hindurchzukommen. Mein Bruder kicherte lediglich und machte mich darauf aufmerksam, dass der Name „Chi“ für den albanischen Markt nicht geeignet sei (frei übersetzt „ficken“).

Nachdem wir die Wasserflaschen ins Auto geladen, wurde der Einkaufswagen –  „Pfandmärkle“ gibt es hier nicht – direkt auf dem Rasenstück zu den anderen ausgesetzten Kollegen abgestellt.

Die erste Schlacht ward überstanden, der Krieg jedoch noch nicht gewonnen. Für die deutsche Weihnachtsbäckerei (siehe Kommentar) mussten noch Keksdosen besorgt werden. Die nicht gerade aufbauenden Worte meines Bruders flößten mir Angst ein: „Chloe, wenn Du denkst, es kann nicht schlimmer werden, dann hast Du Dich geirrt. Mach Dich gefasst darauf, dass wir jetzt bei Walmart vorbeischauen!“

Natürlich dachte ich, mein Bruder übertreibt (liegt in der Natur dieser Familie). Aber wie es der Zufall so wollte, liefen direkt vor uns gleich drei Fleisch gewordene Lady Gagas in Minikleidern herum, die sie andauernd nach unten ziehen mussten, damit der schwarze Slip nicht unterm hellen Stoff hervorstach. Beängstigt bat ich meinen Bruder darum, dass er mir stets Rückendeckung geben sollte. Außerdem hatte ich mein Handy im Auto liegengelassen. Sollten wir uns im fernen Laden verlieren, bestünde kaum noch eine Hoffnung auf ein Wiedersehen. Im selben Moment wurde mir bewusst, dass ich auf dieser Insel ohne Shopping- Bodyguard verhungern würde, da ich niemals den Mut hätte, hier alleine einkaufen zu gehen.

Die Keksdosen fielen größer aus als gedacht und wir hatten keinen Einkaufswagen zur Hand… Bevor ich es fassen konnte, hatte mein Bruder die Dosen in den leeren Wagen einer wohlgeformten Amerikanerin gestellt und rief mir auf Deutsch zu: „Lauf, Chloe, lauf. Die Frau ist so fett, die kann uns eh nicht einholen !“

Vermarktyourself !

Ich hatte Maya versprochen, dass ich unsere SpreeSee-Leser über die aktuellen Übersee-Trends auf dem Laufenden halte. Was geht also an Weihnachten auf der Insel?

Auf dem Weg zur Arbeit fahren wir jeden Tag an einer Kirche mit der riesigen Leuchtreklame „Jesus is the reason for the season“ vorbei. Manchmal packt es uns und wir würden am liebsten für „Jesus“ ein Dollarzeichen einsetzen. Der X-Mas-Kommerz um einen herum ist nämlich – trotz Palmen, Meer & Strand – unerträglich. An der Supermarktkasse werde ich von Frauen im Rentierhaarreif oder Christkugel-Halsketten abgefertigt. Gestern kauften wir das letzte Geschenk in einem Surferladen. Da ich absolut keinen Bock mehr hatte, nochmals zum Geschenkeeinpackservice mit meinem Bruder zu fahren, fragte ich leise nach:

Chloe: „Do you mind wrapping the gift?“

Surfladenbesitzer entsetzt: „Are you insane? This is a surf shop! Imagine us dudes wrapping a gift. It would look like shit!“

Immerhin der einzige Ort, an dem die Menschen noch normal ticken.

Und was tut sich in der virtuellen Welt? Täglich werden wir von den Kindern der Hawaiianischen Verwandt- und Bekanntschaft mit Elfyourself-Animationsvideos bombardiert. Ein geschickter Schachzug von Office Max. Mehr virales Marketing geht nicht! Ist das Video kreiert, kann man es super easy über Twitter, Email, Blog, Facebook an alle Freunde raushauen. Netzwerkprofile können direkt auf der Elfyourself-Seite eingeloggt werden. Wow! Fast publishing, posting, whatever!… Und schauen die Freunde das Video an, werden sie gleich zum Kauf von Weihnachtsgeschenken animiert…

Als Highlight habe ich Maya und Chloe auch das Tanzbein schwingen lassen. Natürlich als Diskoelfen. Einfach auf das Bild klicken, um zum Video zu gelangen:

SpreeSee Elfyourself

SpreeSee Elfyourself

Diese Werbeaktion ist ein Bilderbuchabbild des „Mitmachnetzes“. Der Konsument wird Teil der Werbung. Er kann dank des „großzügigen“ Konzerns – das sein Marketingbudget nicht für Celebrities, sondern Programmierer ausgibt – für sich was schaffen. Im Endeffekt hat sogar die Natur etwas davon…

Ich erinnere mich allzu gut daran, wie heiß wir in den Achtzigern auf „Sticker“ & „Poster“ waren. In jedem Laden fragten wir nach Aufklebern von Firmen, deren Brands wir dann stolz in unseren Kinderzimmern drapierten. Heute laden wir kostenlose Apps auf unsere „Walls“ und iPhones. Und wird eine Marke uncool bzw. deren App zu langweilig, packen wir die Software einfach in unseren virtuellen Mülleimer. Die Halbwertszeit der Marke im Zeitalter der Web2.0-Ära wird immer geringer. Der persönliche Nutzen für den Endverbraucher aber immer größer.

Oh what a gay night!

Moskau, Moskau – Russland ist ein schönes Land und Wien, Wien lieben Maya und Chloe eh – wegen des Schmähs, der Reparaturseidl und überhaupt!

Warum ich das sage? Weil heute der schwule Mann beziehungsweise die Trash-Queen in mir völlig hin- und hergerissen ist, in welche der beiden Städte er/sie virtuell reisen soll. Schließlich finden die beide Großereignisse der TV-Saison, die diesen Maya-Persönlichkeitsanteil überhaupt entstehen ließen, heute statt:

Wenn es glitzert, glänzt, funkelt und quietscht und vor lauter Windmaschinen, Glitterregen, sülzigen Streichern und eingeölten Tänzern kein Halten mehr gibt – dann ist wieder Grand Prix …äääh Verzeihung: Eurovision Song Contest angesagt.

Für mich der queere TV-Pflichttermin des Jahres, wenn Tatort der Sonntagsbraten ist, ist Eurovision die Weihnachtsgans des Fernsehprogramms, nichts und niemand konnte mich jemals stoppen mir dieses Event reinzuziehen, seit ich denken kann. Es ist einfach zu abgefahren.

Ein Abend voller Trash-Überschuss und Fremdscham, bei dem mir stets ganz aristotelisch zumute wird: hier wird das Höchste erniedrigt und das Niedrigste erhöht, phobos und eleos (Schrecken und Jammer) jagen mir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken – nur ob mir und dem größten Teil der Zuschauergemeinde dabei tatsächlich eine Reinigung von den Affekten gelingt, halte ich für fragwürdig. Ich denke es ergibt sich vor allem eine Menge Lästerstoff für die nächsten Wochen.

Keine Frage also, ich freue mich auf diese absurden Lieder und die noch absurderen Sänger, die übertroffen werden von völlig abwegigen kitschigen überladenen Bühnenoutfits und -performances – ein Wahnsinn!

Und nach den Auftritten folgt das allerbeste und unglaublichste – eine langwierige und häufig unfreiwillig komische Punktevergabe aus allen teilnehmenden Ländern, bei denen alle Nationen von ihren Nachbarn Punkte zugeschustert bekommen, nur Deutschland nicht!

Wobei man natürlich gespannt sein darf, was dieses Jahr passiert. Fest steht, dass es nach der „Blamage von Belgrad“  im letzten Jahr nicht tiefer gehen kann. Zur Erinnerung, die No Angels holten den allerletzten Platz:

Musikalisch ist vom deutschen Beitrag auch diesmal nicht viel zu halten.

Ich mayne: Hiheiho? Haben die sie noch alle????

Aber weil das mit der Musik beim Contest schon lange nicht mehr im Vordergrund steht und die Jungs das wohl auch selber wissen, haben sie sich die zauberhafte Dita von Teese ins Champagnerglas geholt – und darauf freue ich mich jetzt schon. Sie wird wahrscheinlich die Eurovisions-Einschaltquoten im Bereich der männlichen heterosexuellen Bevölkerung in bisher ungeahnte Höhen (mindestens Champions-League-Niveau) treiben.

Und was kommt nach der Weihnachtsgans? Die Silvesterparty.

Leider ist diese in diesem Jahr terminlich viel zu nahe an den Grandprix-Schnickschnack gerutscht, wenn ich noch ganz trash-satt und glitzer-trunken auf dem Bett liegen werde um das fette Vieh zu verdauen, kommt schon der Life-Ball mit seinem völlig überladenen Party-Buffet an und überrollt mich. Der findet nämlich ausgerechnet auch heute statt!

Nicht ganz so traditionsreich im Hause von der Spree, doch ebenfalls ein Must-See – nicht nur weil wir ja selber immer wieder feststellen, dass HIV und Aids Themen sind, die ständig den Kampf um vordere Aufmerksamkeitsplätze verlieren, sondern weil diese Feier des Lebens in ihrer ganzen schrill-glamourösen Aufmachung einfach enormen Spaß macht. Modisch und musikalisch gesehen dürfte es ohnehin die vielversprechendere Veranstaltung sein. Auch wenn zu erwarten ist, dass die nach dem Motto „Let Love Flow“ verkleideten Gäste sowie die unvermeidlichen salbungsvoll-betroffenen Reden ähnlich drüber sind wie der Schlager-Wettkampf, werden immerhin Dirk Bach moderieren und Kate Perry auftreten.

Abgesehen davon muss man nach dem Nicht-Boykott der schwulenfeindlichen Russen-Eurovision sowieso einiges fürs Karma tun und da fange ich am besten gleich mit der Unterstützung des weltoffenen und wohltätigen Events an. Ich werde also Partyhopping betreiben.

Oh je Chloe,

drück mir die Daumen,

dass ich die Überdosis durchsteh…


Ein Tannenbaum auf Weltreise

Liebe Chloe, wenn du schon nichts über Indien schreibst, dann lass ich eben meiner Fantasie mal freien Lauf und übernehme das…

Tja- da verfolgt dich die Adventszeit doch tatsächlich über die Erdteile hinweg. Ich kann es nicht fassen, dass dein indisches Weather Pixie neben dem gleichen Tannenbaum steht, wie deine See-Elfe und mein Berliner Ebenbild!

Eine Reminiszenz an den Weihnachtsjunkie in dir oder ein Missionsauftrag?
Vielleicht könntest du – entgegen deiner letzten Nachrichten – doch noch auf den spirituellen Hippie Trail aufspringen und eine neue Sekte begründen:

Chloe, der Tannenbaum-Guru

Inhaltlich stelle ich mir das so vor:
Einfach nur an den Händen fassen und dann mit dem Fahrer und anderen Reisenden rund um den Baum tanzen und folgendes Mantra singen:

Hare Tannenbaum, Hare Tannenbaum, Tannenbaum Tannenbaum, Hare Hare/Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare

Opfergaben gehen in Form von bunt verpackten Geschenken direkt unter den Baum und von dort an dich.

Schöne Sache, oder?

Darüber hinaus leuchten auch schon die Lichter an deinem Baum – wobei mir einfällt, dass hier in Europa bald nur noch Energiesparlampen erlaubt sind. Was deine ökologischen Sorgen bezüglich des Lichtmülls in Schwaben vielleicht lindern mag könnte zum Problem für die indische Tannenbaum-Sekte werden, hier sind ja noch die bösen alten Glühlampen im Einsatz. Man stelle sich vor, ganz Indien schaltet plötzlich die Lichtlein am Baum an, die Durschschnittstemperatur würde weltweit wohl direkt um 1 Grad pro Woche steigen, bei all dem Co 2. Und das wollen wir natürlich nicht.

Sollen die Inder lieber weiter Kühe verehren – die Energiebilanz von brennenden Kuhfladen, wie ist die eigentlich? Könnte man die an den Baum hängen?

Na ja – jetzt wirds zu albern und ich höre auf.

Maya sendet weihnachtliche Grüße ins wilde Rajasthan

Advent, Advent – die Maya flennt

Von drin von Mitte komm ich her und muss euch sagen: es weihnachtet sehr

Chloe ist geflohen, auf den Straßen riecht es nach billigem warmem Wein und  es sind noch viel mehr Musiker in der U-Bahn als gewöhnlich. Nicht nur im tiefen Süden werden extra Kraftwerke angeworfen, um all den Lichtmüll zu produzieren, auch Friedrichstraße, Kudamm und das Büro, in dem sich meine studentischen  Textschmiedereien abspielen, haben sich in bunte und meistens völlig geschmacklose Lichterketten gehüllt. Mein Vater betreibt zu Hause wenig repräsentative Testessen mit Lebkuchen unterschiedlicher Hersteller und Preiskategorien, überhaupt häufen sich die familären Anrufer und Charly hat seine Kauf- sowie Harmoniesucht ins Unermessliche gesteigert.

All diese Zeichen lassen sich nicht anders deuten – Weihnachten rückt immer näher, auch für nicht-Besitzer des ein oder anderen Adventskalenders ist das nun offensichtlich.

Und heute ist auch noch einer der Meilenstein-Tage auf dem Weg durch den Advent: Nikolaus.

Ich möchte jetzt nicht wieder mit der Nostalgie-Nummer beginnen und dem echten Nikolaus nachweinen, der durch den Coca-Cola-Onkel ersetzt worden ist, denn mein Verhältnis zu dieser Figur war schon immer etwas gespalten.

Die Gnade der späten Geburt und die Bürde eines älteren Bruders haben mir den Glauben an diese gestrenge Person ordentlich erschwert. Während der Erstgeborene meiner Eltern auf Kinderfotos noch mit angsterfüllten großen Augen und starrem Gesicht dem Vortrag des Rutenmannes lauscht, ist für meine frühe Kindheit keine glaubhafte Nikolaus-Erfahrung belegt.

Ich kann ich mich nur erinnern, dass es mir schon immer unwahrscheinlich erschien, dass der Nikolaus meine Vorliebe für Tabaluga-Schallplatten teilte. Außerdem war spätestens nachdem ich im zarten präpubertären Alter einen durchaus zotigen Nikolaus-Witz  vor meinen damals schon erwachsenen Cousinen und deren Anhang zum Besten gegeben hatte klar: diesen Mann kann es nicht geben.

(Die Zweideutigkeit des Witzes war mir zwar nicht verborgen geblieben, aber so richtig verstanden hatte ich sie nicht, tatsächlich hatte ich nur den Papagei meines Bruders gespielt, allerdings mit dem Effekt, auf Jahre hinaus auf Familientreffen nach dem neuesten dreckigen Witz gefragt zu werden. Ich hatte meiner Mutter aber versprochen sie und ihre – eigentlich sehr ordentliche – Erziehung nicht weiter zu beschämen und verlegte mich dann auf altkluge Besserwissereien, um bei den „Großen“ mitzuhalten.

Die einmalige Zote hatte jedoch ein Gutes für sich: ich durfte von da an im Ski-Urlaub abends mit in die Dorfdisco gehen und Holger, der Mann meiner Cousine, rechtfertige das so: „Wenn sie Klein-Maya nicht reinlassen wollen, lassen wir sie einfach den Witz erzählen“, Holger ist Anwalt und hielt das für ein besonders lustiges Plädoyer gegen den Jugendschutz)

Verständnis  hin Schleier der Unwissenheit her: Ein Teil meiner Unschuld war verloren, denn eines war ja klar, in irgendeiner Form hatte ich den Nikolaus beleidigt und wenn es ihn wirklich gegeben hätte, wäre doch nun wirklich ein Einsatz der Rute fällig gewesen und nicht die nächste Tabaluga-Platte. Mein ohnehin vager Nikolaus-Glaube war damit für immer erschüttert.

Auch das „Christkind“, das laut meinen Eltern am 24. die Geschenke brachte, hielt vor meiner angeborenen Skepsis übrigens nicht lange stand. Mir wollte einfach nicht einleuchten, dass dieses Baby, das als Gottes Sohn ganz oben auf der spirituellen Leiter zu stehen schien, zwar alle Menschen zur gleichen Zeit beschenken konnte, aber es nicht in unser Haus schaffte, ohne dass meine Mutter ihm die Tür öffnete. Denn mit dieser Argumentation verteidigten meine Eltern ihre Abwesenheit beim Kirchenbesuch, den mein Vater alleine mit uns Kindern absolvierte.

Genug von den Erinnerungen an meine kindliche Weihnacht – alles in allem war es doch schön, wie meine Mutter und ich uns stets gegenseitig versichern, nachdem wir alle Jahre wieder gestanden haben: „Irgendwie kann ich damit nichts mehr anfangen“ und uns darauf geeinigt haben, dass es halt doch ein Kinderfest ist.

Warum also Advent, Advent – die Maya flennt?

Regressionswünsche, um endlich wieder unbeschwert durch Wolken von zerknülltem Geschenkpapier toben zu dürfen und ungestraft schlimme Witze zu erzählen? Könnte man meinen, aber der tatsächliche Grund ist – neben der bereits früher erwähnten Sinnentleerung und den horrenden Geschmacksentgleisungen, die alle mit Weihnachten einhergehen – mein letzter Besuch im „Center“, der einige traurige Wahrheiten über den Bildungsstand der Berliner Jugend preisgab.

Das Center ist das Gesundbrunnencenter – eine Shopping-Mall im Berliner Wedding – das ich regelmäßig aufsuche, wenn ich einen Reality-Check brauche. Ähnlich wie Chloe, die am lieblichen See wohnt, „wo andere Urlaub machen“, geht es auch mir und ich muss manchmal echte Menschen sehen, um nicht zwischen Städtereisenden und dem „Wir nennen es Arbeit“ Mitte-Volk, das je zu einem Drittel aus Studenten, Digitaler Bohème und Regierungsmitarbeitern besteht,  völlig auszuflippen.

Im Center ist immer was los und das Publikum besteht aus einer ganz anderen Mischung: Hartz IV und echte harte Arbeit, jede Menge Kinder und viele Mitbürger mit Migrationshintergrund, die sich vor ihrer traurigen perspektivlosen Situation in schlimme Tanorexie flüchten.

Auch wenn 45 Prozent der Kunden sicher muslimischen Glaubens sind und weitere 45 Prozent wegen fortgeschrittenem Alkoholismus keinen Kalender mehr richtig lesen können, hatten die Center-Manager es sich nicht nehmen lassen und den Nikolaus her bestellt. In schönster Uniform thronte der stark berlinernde Alte auf einem goldenen Stuhl und ein bedrohlich aussehender Sicherheits-Typ im Anzug und mit Knopf im Ohr (ein moderner Knecht Ruprecht?) führte ihm die schlangestehenden Kinder zu.

Zuerst war ich erfreut, denn es standen vor allem kleine arabisch und türkisch aussehende Kinder an und ich dachte so bei mir: „Von wegen mangelnde Integration und Abwehrhaltung gegenüber der abendländischen Kultur – die türkischen Eltern sind ja total offen und feiern wie es sich gehört mit ihren Kindern nicht nur Zuckerfest, sondern machen auch dem Nikolaus die Ehre.“

Weit gefehlt – leider -schnell stellte sich heraus:

Integration ist, wenn alle sich beim Nikolaus auf den Schoß setzen und keiner weiß, wer der Mann überhaupt ist. Weiterlesen

Lichtmüll auf Landstraßen

Ich merke schon, dass Mayas Kontakt zur Außenwelt sich vermehrt in Berliner Kaufhäusern abspielt. Im August regte sie sich schon über Lebkuchen auf. Im September fotografierte sie Mode-Mäuschen in der Galerie Lafayette. Letzte Woche trieb dann eine harmlose Weihnachtsaktionsfläche die kleine November-Blues-Leidende in den Manic-Maya-Modus. Ich amüsierte mich köstlich über ihre Übertreibungen im Hinblick auf Adventskalender. Da Chloe auf dem Land keine Kaufhäuser kennt, kommt sie auch erst gar nicht in die Versuchung, neueste Abarten des Kommerz zu sehen. Als Kind der Straße bin ich hingegen anderen optischen Gefahren ausgesetzt. Nur einen Tag nachdem ich Mayas Artikel las, geriet ich selbst in den Choleric-Chloe-Modus! Warum zum Teufel muss man sein ganzes Haus derart aufpimpen?

weihnachtsbeleuchtung

In realiter kommt das schwäbische Häusle noch imposanter herüber (leider musste ich diese Aufnahme mal wieder wie beim Mega-Marker aus dem Auto heraus schießen). Auf der Vorderseite des Einfamiliendomizils verbergen sich noch weitere Kunstfiguren und Krippen in extravagantem Glühbirnenkleid. Wie passt bloß diese Stromverschwendungsmentalität zu den Millionen von Photovoltanikanlagen, die die öko-subventionierten Häuslebauer auf ihre Dächer stellen?

Nun gut, vielleicht wollen diese Bewohner mit dem Gorleben-Sondermüll-Happening lediglich ihre Kinder beruhigen: Der Weihnachtsmann kommt auch bis ans Ende der Welt mit seinem Schlitten angeflogen. Er kann dieses Leuchtsignal doch gar nicht übersehen! Stellt schon mal Milch und Kekse an den Kamin…

Rudolph the Red-Nosed Reindeer scheint inzwischen bekannter als Knecht Rupprecht. Über die Amerikanisierung in und um Deutschlands Stuben herum hat sich Maya ja bereits in ihrem Anti-Anti-Halloween-Beitrag geäußert. Aber ich muss nun doch noch was loswerden:

baumle-partynacht

Ist das die provinzielle Globalisierung einer USA-Ghetto-Disco/House/Black/Latino-Braut? Wie kann man nur – neben dem wohl ernsthaft positiv gemeinten Spruch „All mixed up“ –  mit so einem Plakat werben! Und gibt es dafür tatsächlich ein Publikum? Wahrscheinlich ist der hiesige Begriff „Seehase“ lediglich eine sehr freie Übersetzung von „Playboy Bunny“. In solchen Momenten wünsche ich mir immer, dass Alice Schwarzer mit einer Spraydose gewappnet an mir vorbeirennt und der blonden Männerphantasie die Hörner aufsetzt. Aber das wird wohl immer ein Tagtraum bleiben. Seit Maya und Chloe Herrinnen der Blogstatistik sind, wissen sie, dass zu dieser Jahreszeit auch mal gerne nach

schneee

gesucht wird. Hallo? Wisst Ihr überhaupt, wie schmerzhaft eine Blasenentzündung ist? Legt Euch doch und Eure Prostata in die Kälte. Mal schauen, wie erotisch Ihr die Nachuntersuchung „emp“findet!

Aber zurück zur Weihnachtsbeleuchtung. Inzwischen kann ich mich davor nicht einmal mehr in meiner eigenen Dachgeschosswohnung schützen. Gestern wurde ich auf dem Weg zur Dusche von zwei Männern auf einem Hubwagen überrascht, die mir direkt in die Augen schauen konnten. Die Jungs mussten die für die kleine Stadt völlig überdimensionierte Tanne mit Glühbirnen einkleiden. Ein anderer Feuerwehrtrupp war mit der festlichen Leuchtdekoration zwischen den Straßenlaternen beschäftigt. Und ich damit, mir schnell ein T-Shirt überzuziehen…