Ich bin ein Berliner und wir sind alle Schlampen

Politischer Samstag bei SpreeSee. Schließlich ist heute der 50. Jahrestag des Mauerbaus und in der studentischen Texterschmiede berichte ich bereits seit Wochen über das Thema. Vom Chef zum Auffangen der Stimmung an einen beliebigen Bahnhof geschickt, suchte ich also pünktlich zur Schweigeminute um 12 Uhr unsere Heimatstation, die Warschauer, auf. Die wenig ambitionierte Durchsage erreichte die Fahrgäste jedoch nicht. Die Bahn blieb kurz stehen, das tut sie aber sonst auch. Glockengeläut von der einzigen Kirche in der Nähe konnte ich nicht vernehmen, dafür bemerkte ich einen neuen Seitenhieb auf uns Berlin-Bewohner mit schwäbischem Migrationshintergrund:

Immer auf die Schwaben

Die Gedenkminute zum Mauerbau interessiert hier keinen - vielleicht alles Schwabylon-Gegner, die uns Zugereiste gerne weiter mit dem Antifaschistischen Schutzwall ferngehalten hätten?

Hier war keine angemessene Stimmung zu erspüren, mal sehen was ich mir dazu am Montag aus den Fingern sauge. Maynen persönlichen Gedenktag zur deutschen Teilung beging ich dann einfach, indem ich die schöne Oberbaumbrücke und damit die ehemalige Wassergrenze zwischen Ost und West zweimal überschritt. Wo vor genau 50 Jahren der Stacheldraht hochgezogen wurde, befinden sich heute massenhaft Touristen auf Motiv- und Souvenirsuche.

Oberbaumbrücke

Auf dem Rückweg entdecke ich, dass unser Kaisers Supermarkt an der Ecke jetzt nach Umbauphase wiedereröffnet hat. Nun ist er mit 24-Stunden-Öffnung zurück. Wir können hier ab sofort von Montag um 7 Uhr bis Sonntag 24 Uhr einkaufen. Gummibärchen und Wein rund um die Uhr – nie mehr Späti-Preise bezahlen, was für eine Freude!

Irgendwie passend, dass ich das neue Konsum-Angebot heute am Geburtstag der eingerissenen Mauer entdecke, schließlich erklärte mir mayn einziger echter Ostberliner Bekannter Hörnchen vor Jahren, dass der Wunsch nach Konsum der entscheidende Grund für die Friedliche Revolution war. „Wir wollten auch die ganzen Sachen kaufen können, darum haben wir die Mauer eingerissen!“ Hörnchen ist das mit dem Konsum inzwischen zu viel geworden, er hat als Asket in Südostasien sein Glück gefunden.

Ich gehe dann weiter zum zweiten politischen Abschnitt des Tages. Und der wird deutlich bunter.

Slutwalk

Let's go to the Slutwalk...

„Wo gehst du hin? Wie klingt das denn? Da fällt mir was dazu ein, das sage ich jetzt aber besser nicht!“ grunzt der Regisseur am Telefon, weil ich ihn mit Hinweis auf den nächsten Termin, den Slutwalk, abwimmle. „Nicht was du denkst! Das ist politisch, Mann!“ schimpfe ich zurück. „Ja, ja – everything’s political…“ feixt der Unwissende.

OK – es scheint wohl doch erklärungsbedürftig, warum selbsternannte Schlampen (über die Umdeutung des Begriffs hat sich Bascha Mika hier Gedanken gemacht) organisiert durch die Großstadt marschieren.  Kompliziert ist es jedoch nicht. Ein besonders fürsorglicher Polizeibeamter aus Toronto hat Anfang des Jahres während eines Vortrags zur präventiven Verbrechensbekämpfung den hübschen Einwurf mit folgendem Wortlaut gebracht:

women should avoid dressing like sluts in order not to be victimized

Fürsorge der Art des Polizisten mit seinen Tipps für sichere Garderobenplanung ist seit Jahrhunderten der Deckmantel für die Unterdrückung von Frauenrechten. Im 19. Jahrhundert, als Frauen begannen, sich den öffentlichen Raum der Stadt zu erobern, erzählte man ihnen die Geschichte von Jack the Ripper und erklärte, warum man als anständiges Mädchen besser nicht alleine das Haus verlässt. Selbst schuld, wer sich in Gefahr begibt, die These der Vergewaltigungsmythen hat sich seit dem kaum verändert.

„Treib dich nicht auf der Straße herum und ziehe dich nicht wie eine Schlampe an.“

Vielen Dank für diesen weisen Ratschlag! Abgesehen davon, dass es keinen erwiesenen Zusammenhang zwischen aufreizender Kleidung und Vergewaltigung gibt, selbst wenn ich mit einem bauchfreien T-Shirt mit der Aufschrift „Rape me“ auf die Straße trete, habe ich ein Recht auf körperliche Unversehrtheit und sexuelle Selbstbestimmung, egal wohin ich gehe. Der Vegewaltiger ist der Kriminelle. Die Schuldzuweisung, Frauen würden mit Kleidung sexuelle Gewalt provozieren, ist falsch. Darum geht es.

we can go where we want, we can wear what we want...

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Versorgungsnotstand in der Berliner-Bananenrepublik

Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien! Schaut auf diese Stadt und fragt Euch mit Maya:

Was soll denn eigentlich noch alles passieren im gebeutelten Berlin?

Erst brechen im S-Bahn-Chaos entscheidende Teile des ÖPNV in der Hauptstadt völlig zusammen und nun steige ich aus der überfüllten Bahn um prompt vor gähnend leeren Supermarktregalen zu stehen:

Foto0515

"Aus technischen Gründen zur Zeit kein Verkauf kühlpflichtiger Artikel"

Eingeschränkte Mobilität und kein frischer Käse: Bei solchen Zuständen werde ich doch glatt zur Manic Maya!

Was ist hier eigentlich los, ist ein Krieg ausgebrochen und ich habe es nicht mitbekommen? Wird die Mauer wieder hochgezogen und ich befinde mich wieder im real existierenden Sozialismus samt Mangelwirtschaft?

Kommt jetzt nach Notfahrplan auch noch die Notversorgung? Sollte ich etwa beginnen Kommissbrot, Dauerwurst und haltbaren Analogkäse zu hamstern?

Soll ich am besten auch gleich ein paar Kanister Wasser und Kerzen einlagern, falls auch Strom- und Wasserleitungen gekappt werden?

Was eignet sich wohl als beste Währung, wenn der Schwarzmarkt rund ums Brandenburger Tor wieder aufgemacht wird? Vielleicht tausche ich zur demnächst stattfindenden Leichtathletik WM mit den Marathonläufern – ich könnte ihnen eventuell gegen ein Blasenpflaster hochkonzentrierte Kraftriegel und Bananenstückchen abluchsen.

Die prophetische Kraft des ARD Tatorts

Mich würde es nicht wundern, wenn demnächst ein Schülerpärchen seine Klassenkameradin per Insulin um die Ecke brächte. Nicht nur weil die Spreesee Besucher schon fleißig diese „Mordsidee“ googeln, sondern weil sich die Handlungen des geliebten Tatorts in letzter Zeit so oft als Prophezeiungen und Kommentare des tatsächlichen Geschehens darstellen.

Eine kleine Zusammenfassung:

– erste Parallelen entdeckten wir zwischen Bayerischer Politik, Bayerischer Kommissaren-Potenz und dem allgemeinen gesellschaftlichen Verfall bereits im September.

– im Januar dann wurden einem echten Polizisten nach dem Vorbild der rückenschonenden Leichenverwertung aus dem Leipziger Tatort  „Schwarzer Peter“ durch seine Ehefrau posthum die Beine amputiert.

– die Sache mit den Ehrenmorden und muslimischen Zwangsehen ist sicher nicht völlig aus der Luft gegriffen. Das behaupte ich jetzt einfach mal so, hat man ja doch schon mal in der Zeitung gelesen.

Und nun der neueste Beweis für die Zuverlässigkeit des Tatort-Orakel-Spruchs: Genau wie im „Kassensturz„, der Anfang Februar lief, wurde in Berlin eine Kassiererin wegen der Unterschlagung minimaler Pfandbeträge gefeuert. Heute hat das Landesarbeitsgericht die Rechtmäßigkeit der Kündigung bestätigt. Im Tatort war der Vorwurf der Untreue übrigens eine Finte, um eine unbequeme Mitarbeiterin loszuwerden, die sich um die Schaffung eines Betriebsrates bemühte. Ähnliches wird auch den Arbeitgebern im realen Fall unterstellt.

Langsam wird es seltsam – gehört der Tatort tatsächlich nach Delphi? Oder nimmt er einfach nur aktuelle Strömungen auf und verarbeitet sie?

Wir bleiben auf jeden Fall dran und beobachten diesen seltsamen populärkulturellen Auswuchs, der mich irgendwie an das Verhältnis vom Ideal zur Natur in Hegels Vorlesungen über die Ästhetik erinnert. So – damit ist der Tatort-Bogen ordentlich überspannt und wir warten ab, was als nächstes passiert…

Heiße Eisen zu Discount-Preisen

Tatort aus Ludwigshafen: „Kassensturz“, 1.2.2009, 20.15 Uhr

Gesamturteil: solide 2+

Um alle Spannung auf die Wertung schon mal völlig vorwegzunehmen hier ein zufriedener Seufzer: Das war doch mal ein schöner Tatort aus Ludwigshafen, den ich lange zu Unrecht verschmäht habe! Maya maynt dass sie sich gut unterhalten fühlt.

Nicht zuletzt weil der Tatort in diesem Tatort ein gerade erst von uns kontrovers besprochener  Schauplatz ist: ein Supermarkt und zwar einer von der bösen Sorte – ein Discounter! Hier hat das Ding den Namen billy – es steht aber stellvertretend für all die uns bekannten realen Übeltäter, die ihre Mitarbeiter bespitzeln, trietzen und daran hindern einen Betriebsrat zu gründen oder auch nur ein normales Leben zu führen.

Der getötete Gebietsleiter Blaschke wird auf der Mülldeponie gefunden und schnell sind die ermittelnden Kommissare Odenthal und Kopper mittendrin im täglichen Alptraum der billy-Mitarbeiter. Die eiskalte Atmosphäre des Supermarktes in der ein enormer Druck auf den Mitarbeitern liegt und Arbeitsbedingungen herrschen wie man sie aus den diversen Schwarzbüchern kennt, erscheint nicht einmal übertrieben. Gerade das jagt dem Zuschauer aber einen ordentlichen Schauer über den Rücken. Besonders dann, wenn von verschiedenen Seiten die Anklage ertönt:

Wer derart billig einkaufen will, der macht mit bei dieser Ausbeutung.

Diesen Satz schleudern die gleichermaßen zynischen Insider – die billy-Führungskräfte und der Herr von Gewerbeaufsichtsamt, der mit einer seltsamen Begeisterung alle Details der üblichen Missstände und Machenschaften aufzählt – den verstörten Gesichtern der Kommissare entgegen. Bei diesem Wirtschaftskrimi sind wir alle ein bisschen Täter.

Im billy-System wurde selbst die Sprache rationalisiert, hier gibt es MAs die Produkte nach MHD sortieren und GLs, die das WWS im Griff haben. Der Mensch zählt nichts, soziale Kontakte, firmen-in- wie -extern werden systematisch untergraben. Kein Wunder, dass es da einmal knallen muss. Weder kann ein liebender Mann dabei zusehen, wie seine Frau sich andauernd dieser Hölle aussetzt um ihm den Lebenstraum vom Popstar-Dasein zu finanzieren, noch eine Filialleiterin die permanenten Trittattacken ihres Chefs – Typ Radfahrer – dauerhaft ertragen und den Druck nicht weitergeben, gerechterweise gibt sie – offensichtlich keine Radfahrerin- ihn aber zurück. Nicht wirklich heldenhaft, aber doch folgerichtig und nachvollziehbar kommt da der Totschlag, der nur ein Rädchen dieser widerlichen Maschinerie trifft. Bringen wird das alles natürlich nichts, der Nachfolger (grandios: Jan Henrik Stahlberg bekannt aus Muxmäuschenstill) des Ermordeten hat bereits ein noch schäbigeres Regime aufgezogen und verträgt das System auch nur- wie man in der letzten Szene sieht – im betäubten Zustand.

Die Arbeit der Kommissare  in diesem sehr bedrückenden Fall wird zur Auflockerung von einer parallelen Ermittlung in ganz eigener Sache kontrastiert. Frau Keller – die Bürokraft im Präsidium – nimmt mit der Hilfe aller Polizikräfte und -mittel an einem Gewinnspiel des lokalen Radiosenders teil und kann sich nun auf ein Treffen mit George Clooney freuen. Was ein wenig an der Grenze zur Albernheit schrammt, tut bei diesem heißen Eisen allerdings ganz gut und sorgt für etwas heitere Entspannung, genauso wie der Stromausfall, der mit Kopplers Ermittlungsklettertour an einem Strommast korreliert.

Ein nachvollziehbarer Fall in einer völlig authentisch gezeichneten Umgebung mit spannender Suche nach dem Täter und einem Schuss Erleichterungshumor – was will man mehr?