Lürsen in Love und Selbstjustiz auf dem Vormarsch

Tatort aus Bremen, „Königskinder“, Sonntag 7.2.2010 um 20.15 Uhr, 3-4

Inga Lürsen (Sabine Postel) – die bärbeißige Bremer Kommissarin – wird mal wieder von ihrer Tochter vor den Kopf gestoßen und dann fällt sie auch noch auf selbigen, weil sie ganz in Rage – wie immer eben – die Treppe runterstürzt. Leider hat dies furchtbare Auswirkungen! Zwar ist sie auf den härtesten Teil ihres ausgesprochenen Dickschädels gefallen und somit der Querschnittslähmung von der Schippe gesprungen, doch diese quasi Nah-Tod-Erfahrung macht die sonst so toughe Granddame ganz weich in der Birne. Sie möchte die ach so kurze Lebenszeit nicht mehr in Wut und Aufregung verbringen und schwebt deshalb fortan als personifizierte Sanftmut durch die Ermittlungen. Everything ZEN- Inga genießt ausgiebig ihre Frühstücksorange, lässt verträumt Sand durch die Finger laufen und grinst dabei beseelt wie Buddha persönlich.

HILFE! Ich will meine Inga zurück, die mit dem Zorn der Gerechten die Übeltäter jagt und voller Leidenschaft ausflippt, wenn es darum geht die Missstände dieser Welt anzuprangern. Stattdessen muss ich mir jetzt auch noch mit ansehen wie sie dem Süßholzgeraspel eines Arztes nachgibt, der sogar zugibt, dass er eine ganz alte Masche aus Studentenzeiten anwendet – „ich bin noch nicht tot“ sagt Inga und tauscht Säfte mit dem attraktiven Medikus. Na gut, denke ich mir, natürlich kann die Inga nicht immer nur mürrisch von einem Tatort zum anderen gehen und ein bisschen Lebenslust hat jeder verdient!

Also konzentriere ich mich nur mit einem Auge auf den Krimi, um den Würgreiz zu unterdrücken, der mich wegen der weichgespülten Inga überfällt, und lasse mich prompt von den falsch gelegten Fährten hinters Licht führen. Ich dachte doch tatsächlich, diese verzehrt und verbittert dreinblickende Chefsekräterin Edith (furchtbar, unheimlich, beängstigend: die großartige Bibiana Beglau) war die Strippenzieherin hinter den Morden – falsch getippt!

Vor lauter Ärger über die Lovestory der Lürsen ist mir doch beinahe entgangen, was für ein ausgeklügelter Fall hier ausgeheckt wurde. Dabei wurde der Zuschauer nämlich ordentlich reingelegt: In der Anfangssequenz sahen wir einen Einbruch und den Mord an der Unternehmergattin Sonja Mesenburg vor den Augen ihres Mannes  durch die vermummten Räuber. Der Bruder des Opfers, Bernd, ist Polizist – ein alter Kumpel von Lürsens Kollege Stedefreund – und macht sich wie die Bremer Ermittler auf die Suche nach dem Mörder. Dabei kommt die Story des verkorksten Lebensweges der Stedefreundschen Ex-Clique zu Tage. Stedefreund hatte nämlich was mit der emordeten Sonja, bis die ihn fallen ließ, weil sie lieber reich heiraten wollte und zwar den Mesenburg, eine Idee, die ihr viel Pech bringen sollte. Edith, die Ex von Sonjas Bruder, wurde Angestellte der Fast-Schwägerin und glühende Verehrerin des Mesenburg, der von Sonja wegen des Geldes geehelicht und ansonsten verachtet wurde. Bruder Bernd blieb Single und der festen Überzeugung, Mesenburg sei nicht gut genug für seine Schwester. Alle gemeinsam nahmen dem Stedefreund übel, dass er den tollen Freundeskreis im Stich gelassen hatte und bei seinem Auszug in die große weite Welt vor ihnen von Bremerhaven bis nach Bremen geflüchtet war. Aääähh – ja.

Es gibt ein hin und her, warum ist dieser Einbruch brutaler gewesen als die anderen der Serie? Wer hatte was davon, reicht eine Entlassung als Motiv dafür und wieso vertickt der Penner, der sicher nicht zu Einbruch und Mord fähig war die Beute? Was ist bloß mit dem Bruder des Opfers los, der so grobschlächtig die Ermittlungen stört?

Ein selbstloser Lockvogel Einsatz der verliebten Inga bringt die überraschende Wahrheit zutage: Der Mörder war der Ehemann. Leider konnte man darauf schwer kommen, denn auf eine Schilderung seines Psychogramms wurde verzichtet, wie gesagt, die bittere Edith lief die ganze Zeit mit einem solchen Hass im Gesicht herum und hatte Texte drauf, die sie ganz klar als Mörderin auszeichnen könnten.

Spannend an der ganzen Sache ist die Auflösung: Täter lügen und das können Fernsehbilder auch. Die Überfall-Szene die eingangs zu sehen war, entsprach nicht dem wirklichen Tathergang, sondern war nur die Version des mörderischen Ehemanns, der hatte die Räuber angeheuert um ihnen den Mord, den er genüsslich selbst beging, in die Schuhe zu schieben. Da denkt man natürlich nicht dran, als Zuschauer, der gewöhnt ist mehr zu wissen als die handelnden Personen – wirklich ein schicker Kniff! Das war aber auch fast das einzig Gute an diesem Tatort.

Ganz dramatisch wirds zum Schluss, denn die verliebte Inga und der um die Ex trauernde Stedefreund haben den rachsüchtigen Bruder Bernd nicht im Griff und in ihrer Nachsicht völlig übersehen, dass  der die Ermittlungen sabotierte, um den Mörder seiner Schwester selbst und endgültig zu richten.

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Vorweihnachtliche Tatort-Nachlese – Die guten ins Bayern-Töpfchen, die schlechten ins Sachsen-Kröpfchen

Lange, lange haben wir die Tatort-Rezensionspflichten vernachlässigt und zwar sogar so lange, dass ich mir jetzt vorkomme wie Aschenputtel in SpreeSees liebstem Weihnachtsfilm: vor mir hat die böse Stiefmutter ARD den Inhalt zweier Schüsseln ausgeschüttet und gesagt:

Faule Maya – jetzt aber hurtig, klaube das mal auseinander…und zwar so schnell wie gründlich.

Nun sitze ich hier und versuche mich zu erinnern, was so los war an den letzten Sonntagen, zum Glück war es fast so einfach und schwarz-weiß wie im Märchen, also schaffe ich es womöglich ohne die Hilfe von Federvieh. Los gehts mit „die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen„:

1. Tatort aus Leipzig, Falsches Leben, 6.12.2009, Note 4
Am Nikolaustag kamen Maya und Charly berauscht von Bratapfel und Glühwein vom Adventstreffen mit Freunden und stöhnten verzweifelt auf. Ein Leipziger Tatort stand auf dem Programm, mit unserer meistgehassten Ermittlerin Eva Saalfeld, gespielt von Simone Thomalla, die derart verzweifelt auf jugendlich macht, dass man Mitleid bekommen könnte, würde sie nicht so nerven. Zum Glück gibt es da aber einen Lichtblick im sächsischen Team, der mich davon abhält, mich in Zukunft diesem Tatort völlig zu verweigern: Kai Schumann als äußerst ansehnlicher Rechtsmediziner ist auf jeden Fall ein Pro für den Leipziger Tatort, leider war er viel zu kurz im Bild…

Zur Story: Pünktlich zum ausgehenden Mauerfalljubiläumsjahr wurde hier mal versucht, ordentlich DDR-Geschichte aufzuarbeiten. Dabei weist schon der Titel daraufhin, dass sich hier kaum die Suche nach dem eventuellen richtigen Leben im falschen anbietet, sondern vielmehr lauter falsche Leben im falschen aufgetan um nicht zu sagen „aufgeklärt“  werden.

Ein abgebranntes Jugendhaus in dem sich eine Leiche befindet ist der Ausgangspunkt, die Ermittlungen führen zu einem Knäuel voller verschiedener Spuren, die alle einen gemeinsamen roten Faden in der Vergangenheit haben. Eine Rose aus Gold (haben die Tatortschreiberlinge etwa kürzlich einen Opernbesuch beim Rosenkavalier gemacht? die Reinkarnation Hugo von Hofmannsthals sind sie nämlich sicher nicht, der war millionenmal besser!- aber das nur nebenbei-) wird nämlich am Tatort gefunden. Das Knäuel an Menschen ist wirr, mögliche Schuldige sind zunächst die Antiquitätenhändler Kleeberg, denen das Grundstück gehört, auf dem das Jugenhaus steht. Schließlich laufen die Geschäfte nicht mehr so blendend und da wäre ein lukrativer Immobilienverkauf womöglich die Rettung. Und Huch – auch die Kleebergs sind Rosenbesitzer. Heiße Spur, sag ich mal. Weiterlesen

Unter Pennern

Tatort aus Köln „Platt gemacht“, Sonntag 4.10.2009, 20.15 Uhr

Gut gedacht, schlecht gemacht – Trivial, überzeichnet, fehlbesetzt, bisschen spannend 3-4

dietmar bär hat coole mütze im tatort

so uninteressant war der Tatort, dass die Menschen vor lauter Langeweile die Mütze des Kommissars googleten. Chloe und ich sind uns nach kurzer Lagebesprechung einig: die Mütze war echt nichts besonderes. Während die Madame am See sich an die 90er Kangoo-Caps erinnert fühlte, fiel mir Heinz Beckers Kappe ein, COOL – lieber Googler – ist anders.

Allerdings sagt die Anfrage doch einiges über die Qualtität des Tatorts aus Köln aus. Der trat zwar ambitioniert mit einem sozialkritischen Thema und einem spannenden Fall an – zwei Tote mit Glykolvergiftung im Pennermilieu – machte den Ansatz aber durch ganz platte Nebenhandlungen und schreckliche Überzeichnungen nieder. Wer sich mit dem Leid von Obdachlosen auseinandersetzen und etwas darüber erfahren möchte, der lese den Erfahrungsbericht von Günther Wallraff in der Zeit. Hätten sich die Tatort-Schreiber mal lieber davon inspieren lassen anstatt vom Lokalkolorit-Song „Alles verlore“ der unerträglichen Karnevalsband Höhner.

Was wir hier geboten bekommen ist ein fein nach dem Rezept des Trivialromans zusammengemanschtes Kriminalragout.

Man nehme einen Haufen Gegensätze:

die ärmsten der Armen – eine Horde Obdachlose inklusive einer jungen schönen Stricher-Leiche

die reichsten der Reichen – Plastische Chirurgen, Anwälte, Elektromarkt-Imperien-Besitzer

zwei aufrechte und einen gefallenen Helden – die Kommissare Ballauf und Schenk sowie ein ehemaliger Kollege und jetzt Privatdetektiv

eine große Portion Schicksalschläge – hier eine HIV-Infektion, da ein tötlicher Autounfall, der die Familie des Ex-Polizisten zerstörte. Dieser griff aus Trauer zur Flasche und musste den Polizeidienst quittieren. Der Unfallverursachers tut nun seine Buße, indem er als Obdachloser lebt und dauernd jedem, der es hören mag oder nicht, ein situationsbezogenes Zitat aus der Hochliteratur  hinwirft.

eine große Aufregung, die alle Beteiligten zusammenbringt – unter den Obdachlosen treibt ein Mörder sein Unwesen, er killt die Leute perfide mit Frostschutzmittel in teuren Weinflaschen – wer sollte da widerstehen können…

Jung und alt, reich und arm, Betroffenheitsgeschwafel, schwere Schuld und Läuterung, Selbstjustiz, Undercover-Obdachlosen-Einsätze, böse Kioskbesitzerinnen, gierige Erbschleicherei, seltsame Kommissarhintergrundstorys

Alles klar? Dieser Eintopf ist eindeutig überwürzt.

Am Ende hat man einiges Sodbrennen und muss sich erstmal sortieren und zusammenreimen, was einem da alles serviert wurde.

Verdauliche Bestandteile:

Die Aufklärung der verschiedenen Fälle verlief einigermaßen spannend. Der junge Stricher hat sich selbst vergiftet, der zweite Tote fiel einer Verwechslung zum Opfer, weil er dem wahren Ziel des Anschlags – dem Buße-Penner Beethoven – den Mantel geklaut hatte. Der zweite und dritte Mordversuch an Beethoven durch den Detektiv, dessen Familie er damals in einem Unfall getötet hatte und durch die Anwältin, die seine Cousine ist und das Elektro-Imperium alleine erben möchte, konnten verhindert werden. Der Penner Beethoven ist nämlich in Wahrheit steinreich. Da waren schon ein paar irreführende Fährten gelegt, denen man hätte auf den Leim gehen können, wäre da nicht die andauernde Empörung über

die unverdaulichen Bestandteile:

Ich liebe Udo Kier, aber an der Darstellung einer derart fehl-konstruierten Figur muss auch er scheitern. Ich nehme ihm das nicht ab, dieses selbstauferlegte Leben auf der Straße, wo er natürlich allen Anfeindungen standhält, weder schnorrt noch trinkt, noch stinkt, denn als Erbe einer Unternehmerfamilie gehört er ja gar nicht hier her und das Schnorren, Saufen und Stinken, davor schützt einen natürlich die bei Elektromarkt-Betreibern übliche hochkulturelle Bildung (Mediamarkt – „Ich bin doch nicht blöd“???). Ich finde das ziemlich zynisch. Unverständlich ist auch, dass er dann plötzlich am Ende des Films doch wieder aus der Gosse auftaucht und im schnieken Anzug einen Großteil des Erbes an eine Obdachlosenstiftung spendet. Genug gebüßt – ab jetzt gibt er seine Orgelspielkünste und literarischen Anspielungen wieder der vornehmen Gesellschaft zum Besten.

Ebenfalls indiskutabel ist der Plastische Chirurg, der ein Verhältnis mit dem suizidalen Stricher hatte und dem Kommissar Ballauf bei jeder Gelegenheit eine neue Nase aufschwätzen möchte – Klischeealarm hoch zehn.

Dass der fette Mützenträger Schenk ausgerechnet die mörderische Anwältin anheuert, um den besagten Schönheitsdoktor auf Schadenersatz wegen des missglückten Facelifts seiner Frau zu verklagen, hat mir den Eintopf endgültig vergällt.

Kölner Tatort bestelle ich nicht so bald wieder!

Rache und Grauburgunder – beides besser kalt serviert

S‘ Burli und die Weinkönigin

Wenn die Tuba klingt an der Saar
und der Weinkönigin blinkt das Haar,
einen übern Durst trinkt der Kommissar,

dann bleibt er gleich vor Ort
und klärt ein wenig zäh den Mord.

Der Tatort aus Saarbrücken „Bittere Trauben“, 26.4., kommt in der Bewertung über ein „ganz nett“ nicht raus: 3+.

Wieviel Lokalkolorit verträgt der Tatort? Das ist gar nicht einfach zu beantworten, denn wenn es schon Kommissare aus den verschiedenen Heimatflecken der ARD-Sendeanstalten gibt,  dann sollte ja auch die Vielfalt des Landes und das Typische der jeweiligen Gegend zur Geltung kommen. Aber muss der Sonntagabend-Krimi gleich zum Heimatfilm verkommen?

Gestern Abend fehlte ganz eindeutig die ironische Brechung, das war eine Heimat-Schmonzette in reinster Form,

hier gab es ein traditionelles Setting: Weinfest mit Winzern, Weinkönigin und ehrgeizigem Bürgermeister,

mit einem ganz ollen Fall: ein Weinprüfer wurde ermordet, Wein wurde gepanscht, Verwechslungen dürfen nicht fehlen, alte offene Rechnungen und Gezänke um einen Weinberg zermürben die Winzerfamilien, die vom Schicksal arg gebeutelte rachsüchtige Winzertochter will sich zurückholen was ihr einst gehörte und dabei gleich den ehemaligen Liebhaber, der am Ruin und Tod ihres Vaters schuld war, richten

und einer äußerst herkömmlichen Ermittlung: bisschen Befragung, bisschen Kombination, Feingefühl beim Umgang mit dem Chemiker und wenn ein Kommissar bei der Ermittlung mit der Weinkönigin versackt, dann hat diese zwangsläufig einen entscheidenden Hinweis und ist am Fall beteiligt, so will es das Tatort-Gesetz

garniert mit üblichen Nebenhandlungen: Kompetenzgerangel zwischen den Kommissaren Kappl und Deininger (der inzwischen mit großem Kugelbauch und grotesker Gesichtsfrisur eher Karikatur als Figur ist) und zwar beruflich wie privat, Einweihung des „orstfremden“ Kommissars in saarländische Sitten und Langsamkeit und ein Besuch des bayerischen Papas (Konstantin Wecker), der gar noch Verständigungsprobleme mit der Sekretärin hat. Selbst der gute Mosel-Wein kann die Zungen da nicht angleichen und zu einem vorgezogenen Pfingstfest führen, stattdessen landet Kappl-Vater zum Ausnüchtern in der Zelle (was für ein Gag, weil doch der gute alte Wecker auch schon im Gefängnis…na ja, ich sags ja: Schenkelklopfer!!!). Zu einer ordentlichen Aussprache mit dem Sohn kommt es auch nicht, zum Glück vertragen die beiden Kommissare sich aber immer wieder und der Deininger ist am Ende stets viel weniger dumm als er aussieht.

Wären die Schauspieler – allen voran die Kommissare Kappl/Deininger (Brückner/Weber) – nicht wirklich gut und lieferte die Kameraarbeit nicht den letzten Rest an feiner Distanz, indem sie zeigt, dass die Kommissare hier eigentlich im falschen Bild sitzen, sich aus Versehen und Frust in den Heimatfilm hineingesoffen haben und ihn nun bis zum Ende der Ermittlung mitspielen müssen, hätte mein Urteil noch viel übler ausfallen können. So mayne ich, irgendwie wars doch ganz nett. Demnächst wünsche ich mir aber einen spannenderen Fall, etwas weniger weinselige Gemütlichkeit und mehr Kühlung.

Katakomben-Krimi kackt ab !

Tatort aus Berlin „Oben und Unten“, 19.04.2009, 20.15 Uhr

Oh, ein Tatort aus Berlin? Und den überlässt mir Maya einfach mir nichts, dir nichts? Eigentlich bin ich beim Ermittlerduo Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) generell voreingenommen und kann niemals eine objektive Rezension schreiben. Warum? Chloe ist völlig in Stark verschossen. Dem Charme diesen kleinen Mannes mit der Nase eines Gerard Depardieus bin ich seit Jahren erlegen. Umso mehr kränkt es mich, dass Ritter ihn immer blöd mit Witwen, Mörderinnen, Täterinnen, Zeuginnen und sonst was verkuppeln will ! Finger weg! Stark ist mein! Beim Anblick des süßen Starks im Anzug schmachtete ich also schon in den ersten Sekunden…

Und dann: Eine Leiche in der Berliner U-Bahn ! Chloe ward entzückt. Wie Klayn-Maya weiß, chann Chloe in ihrer

individualmotorisierten Welt […] gar nicht genug kriegen von den Geschichten aus dem ÖPNV

Aufgeregt schlug ich meinem Gucknachbarn auf den Oberschenkel: „Der wird gut, der wird gut!“ Enttäuscht schaute ich bereits nach einer halben Stunde auf die Uhr. Vorneweg also die Note 4- ! So einfallslos wie der Titel „Oben und Unten“ war auch das ganze Drehbuch (Natja Brunckhorst) gestaltet. Lediglich die schönen Aufnahmen (Regie Nils Willbrandt) von Mayas Wahlheimat retteten über die Note Sechs hinweg.

Von allen Seiten rasten Schienenfahrzeuge an Chloes begeisterten Augen vorbei. Im Nachhinein fällt auf, dass das Ermittlerduo – ganz Tatort untypisch – nicht ein einziges Mal mit dem Auto unterwegs war. Handelte es sich um eine Werbedauersendung für die Bahn? Es fehlte nur noch, dass Insassen den Tipps der Punkt 3, der Verkehrszeitung der S-Bahn-Berlin GmbH und DB Regio, folgten, und in die nächste Kletterhalle, nach Belzig zum Wandern oder an den Reichstag fuhren…

Ferner hatte ich den ganzen Film hinweg den Verdacht, dass das „Oben“ einer einzigen Stadtführung glich. Maya maynt auch immer, es gäbe kein Industrie in Berlin. Wahrscheinlich versucht die Hauptstadt deshalb über perfideste Mittel das Geld aus dem reichen See-Süden abzuschöpfen? Erst fungierte der Tatort als Konjunkturpaket für die Automobilindustrie und nun soll er den Berlintourismus ankurbeln? Und siehe da (Chloe choogelte mal wieder): Auf stattreisenberlin.de gibt es in der Tat eine Tour für Tatort-Fans, die „den Spuren der Berliner Tatort-Kommissare Till Ritter und Felix Stark zu den Orten des Verbrechens folgen“ können.

Der Ort des Verbrechens befindet sich dieses Mal in der Unterwelt Berlins. Was wohl die Katakomben-Tour kostet? Darf man auch mit der original Taschenlampe aus dem Tatort durch die Berliner Gedärme wandern? Bekommt man ein selbstgemaltes Portrait vom Katakomben-Künstler?

Wer der Mörder des Bauunternehmers Baumann (der Nachname ist wieder sehr einfallsreich gewählt!) ist, das habe ich mich ehrlich gesagt nicht eine Minute lang gefragt. So doof fand ich alles. Marode Bauunternehmen haben sich für mich inzwischen als Sujet noch mehr ausgelutscht als Ehrenmorde. Der Berliner Baumann haut zumindest nach seinem Bankrott nach Lateinamerika ab, hinterlässt eine Frau und einen Sohn. Heiratet wieder die bissige Muriel Baumeister (nein, die heißt wirklich so im echten Leben!) und kommt über diverse Fördergelder an das Großprojekt „Schindlerhöfe“. Es wurde jedoch geschlampt, der Hohlkörper ist nicht wirklich zum Einzug bereit. Frau Baumeister weigert sich daher zur Eröffnungsfeier zu erscheinen. Das eingeschüchterte Au Pair Mädchen weigert sich als Alibi missbraucht zu werden. Ritter startet natürlich wieder seine Kuppelungsaktionen bei meinem Stark. Als ich entsetzt bemerke: „Warum führen die denn plötzlich so ein Au Pair Mädchen ein, das eindeutig zu alt für die Rolle ist?!?!“, setzt mein Gucknachbar einen drauf: „Weil sie süß ist!“

Chloe ist für fünf Minuten beleidigt. Der Sitznachbar wird von der Couch gehauen und die schöne Maja Schöne von choleric Chloe verteufelt: Au Pairs haben in Berlin gefälligst aus Polen zu kommen und sind nicht halb Deutsch, halb aus Luxemburg!

Nebenher taucht noch ein Herr auf, den Baumann mit in den Bankrott gerissen hat und der es nicht erträgt, dass Baumann nun einfach wieder in Deutschland walten darf während seine Existenz vernichtet ist. Immerhin hat mich ein Satz aus dem Drohbrief höllisch zum Lachen gebracht: „Baumann, ich werde Dich aus dem Genpool der Menschheit löschen!“ Das nenne ich Authentizität.

So, nun tief Luft holen: Im „Unten“ wird ein T-Shirt der Einrichtung „KIDS“ für (ich habe schon wieder vergessen, wofür das Akronym stand) schwererziehbare Kinder gefunden. Praktisch, so können in das Berliner Klischee-Potpourri neben fiesen Managern und Obdachlosen noch ein paar Ausländer gemixt werden. Der KIDS-Betreuer Daniel führt Stark in die Katakomben Berlins ein. Erlebnispädagogik im Kanal statt in der Natur!
Dort treffen sie auf den verrückten Künstler Gregor (Harald Schrott) und sein Atelier. Es ist der Künstler, der schon in der ersten Szene (ah, stimmt, die fahren doch Auto!) für einen Stau sorgt, da er das Lösegeld aus dem Koffer in die Menschenmenge wirft. Frau Baumann findet indes eine DVD mit der Aufnahme einer verwahrlosten Frau, die Pfandflaschen einsammelt. Kurz: Daniel ist natürlich der erste Sohn Baumanns, der den Absturz seiner Mutter rächt. Zum Selbstmord auf den Gleisen fehlt ihm aber der Mumm.

Warum der Underground-Künschtler auftaucht, weiß kein Mensch. Wahrscheinlich soll er dem Tatort im wahrsten Sinne des Wortes Tiefe verleihen. All das Geschwätz von den Gedärmen…

Immerhin hartzt Frau Ex-Baumann nicht herum. Die schrullige Gestalt verdient ihren Unterhalt lieber selber mit dem Einsammeln von Pfandflaschen. Achtung Maya, vielleicht sitzt Dir die Berliner Bekannte bei Deinem nächsten Supermarkteinkauf zwischen den Regalen im Nacken…

Rache, Schach und Skipetaren

Tatort aus Hamburg, „Häuserkampf“, 13.4. 20.15 Uhr

Spannend, gut konstruiert, bissiger Humor, ich habe kein einziges Mal auf die Uhr geschaut, dafür gibt es eine 1

Die Rochade [rɔˈxɑːdə, auch rɔˈʃɑːdə] ist der Spielzug im Schach, bei dem König und Turm einer Farbe bewegt werden, sie stellt eine standardisierte Abkürzung für eine Reihe von Einzelzügen dar. Indem ein Spieler die Rochade ausführt (rochiert), verfolgt er das Doppelziel, den König in eine sichere Position zu bringen und die Türme zu verbinden. Die Rochade darf von jedem Spieler pro Spiel höchstens einmal ausgeführt werden. Ihre Zulässigkeit ist an eine Reihe von Bedingungen geknüpft.

Der Schachausdruck Rochade und das damit verknüpfte Bild einer komplizierten gleichzeitigen Bewegung zweier (mehrerer) Figuren wird darüber hinaus in übertragener Bedeutung verwendet. Gemeint ist dann etwa ein politisch bedingter Personen- und Funktionswechsel („politische Rochade“) oder der situationsbedingte Positionswechsel von Fußballspielern während des Spiels. Es ließen sich zahlreiche weitere Beispiele für eine übertragene Bedeutung anführen. (Wikipedia)

Cenk Batu (Mehmet Kurtulus), der neue Hamburger ist verdeckter Ermittler und das heißt, gängige Tatort-Erzählmuster dürfen draußen bleiben: kein Revier, wenige Kollegen, kein Mord, keine Leiche, keine Verhöre im Präsidium.

Dafür gibt es Gewissensbisse und Identitätsfragen beim einsamen Wolf, der mit enormer Physis, bestechender Brillianz, rasanter Kombinationsgabe immer noch menschlich und sympathisch bleibt – ein wahrer Held mit Abgründen. Amüsantes Ping-Pong-Spiel mit seinem stets über-ehrgeizigen aber letzendlich doch moralisch integrem Vorgesetzten, das Fernschach mit dem Baba und die nette Nachbarin sind die einzigen menschlichen Konstanten im Leben dieses detektivischen Chamäleons, das sich immer wieder beherzt mitten unter die Bösen begibt und deren Vertrauen erringt, um sie bald darauf zu überführen. Ein Held ist der Batu also, der sich um das Richtige zu tun in der moralischen Grauzone des Verrates bewegt.

Das ergibt schon von vornherein eine spannende Konstellation, auf der dieser Film sich keine Sekunde ausruht. Der Nervenkitzel setzt von der ersten Minute an ein, denn zur üblichen „Verrats“-Arbeit eines verdeckten Ermittlers kommt bei diesem Fall eine besonders unangenehme Komponente hinzu: Batu muss unter Kollegen im Trüben fischen, denn das SEK steht unter Verdacht Waffen und Nahkampf-Wissen an Kriegstreiber im Ausland zu verkaufen. Das ist zwar ein übles Vergehen, aber ein Nestbeschmutzer ist keiner gerne. Kurz vor dem Abschluss der Ermittlungen – Batu hat dem Kollegen/Verdächtigen Jansen bei der Ausrichtung einer Schnitzeljagd zum Geburtstag der Tochter geholfen und bekommt zum Dank nicht nur die Patenschaft für das Mädchen, sondern auch die lukrative Beteiligung am schmutzigen Geschäft angetragen – wird der Hobby-Schachspieler zu einer Rochade im echten Leben und einer Schnitzeljagd für Erwachsene genötigt.

Das SEK wird zu einer Entführung in einem Hamburger Hotel gerufen, doch der Entführer Zoltan Didic (im Theater meistens eine Enttäuschung, aber hier grandios und eiskalt: Stipe Erceg) will kein Geld, sondern Rache. Rache an Jansen, der bei einem Häuserkampf-Einsatz im Kosovo in Folge ungeklärter Umstände Didic niedergeschossen und dessen Frau und Sohn getötet hat. Er erschießt sich vor den Augen des SEK, und hinterlässt Jansen die Botschaft, er habe drei Stunden, um seine Familie zu retten – immerhin eine Chance, Didic selbst hatte gar keine.

Die Rochade setzt ein, denn Jansen wird durch einen Verkehrsunfall außer Gefecht gesetzt und Batu übernimmt (schließlich ist er Patenonkel) die Suche nach Mutter und Kind in einer fulminanten Handy-Schnitzeljagd durch Hamburg und die Psyche der Skipetaren. Gemeinsam mit seinem Vorgesetzten (großartig chefig und trotzdem loyal mitfiebernd Peter Jordan) der permanent um die Tarnung seines Schützlings besorgt ist, klärt er dabei drei Fälle:

1. Was ist im Kosovo passiert?

2. Rettung von Jansens Frau und Kind

3. Das Leck im SEK, das Waffen und Know-How unter der Hand verkauft

Am Ende hängt natürlich alles zusammen – die einzige Frage bleibt: wer hat denn hier NICHT rochiert oder irgendwas verwechselt? Aber ich bin die letzte, die sich über ein konsequent durchgezogenes Motiv beschweren würde, wenn es nicht zu gesucht ist.

Also: Jansen sollte im Kosovo einen Waffenschieber verhaften, in Rückblicksequenzen sehen wir ihn immer wieder mit der Waffe im Anschlag durch ein Haus laufen „Sniper – forth floor..“ lautet sein Auftrag, aber hinter der angegebenen Tür ist nicht der Waffenschieber Istjevic, sondern die Familie Didic. Es stellt sich heraus, Istjevic ist AUCH der Auftraggeber der SEK-Jungs auf Abwegen und er ist AUCH der Schwiegervater des rachsüchtigen Didic. Durch seinen verbissenen Kampf fürs Vaterland hat er bei den Waffengeschäften das Leben der Familie aufs Spiel gesetzt und deshalb hat der Schwiegersohn den Plan so ausgefeilt, dass auf jeden Fall einer büßen muss. Er inszeniert ein Duell Jansen (für den aber Batu kommt) – Istjevic, wenn Jansen siegt, ist seine Familie frei und der Alte, der sich an der Familie schuldig gemacht hat, büßt. Gewinnt Istjevic, heißt es Frau um Frau, Kind um Kind.

Die Rettung ist in diesem Fall die Rochade, dennn Istjevic hat naturgemäß gar kein Interesse, Batu zu töten, er will Jansen, den Mörder seiner Tochter. Also wird er geschnappt, als er im Krankenhaus seine Rache verüben will und von seinem Handy aus lässt sich der Verbindungsmann im SEK bequem per Anruf ermitteln.

Auch die Geschehnisse im Kosovo, die dieses elaborierte Blutrache-Schachspiel begründen (der gemeine Albaner, Chloe weiß das und den Zuschauern wird es auch noch durch eine Szene im Kulturverein verdeutlicht, greift ganz profan zum Messer und geht die Sache direkt an) werden mit Hilfe moderner Technik und den Sprachkenntnissen Batus aufgelöst. Im Tonprotokoll des Einsatzes war es ein Amerikaner, der die Ansage machte:  „forth floor“, damit meinte er den 3. Stock, die Amis zählen das Erdgeschoss nicht, dumm gelaufen. Istjevic war also einen Stock tiefer und das sind auch Frau Jansen und Kind, denn Didic hat den Fall genau nachgestellt. Batu hatte zum Glück von seinem Vater die Rochade und in seiner Ausbildung die Empathie gelernt, auch wenn er im Brettspiel nicht so ein Ass ist, im Leben schafft er es gerade noch alle Züge der diversen Kontrahenten vorauszuberechnen und steht damit am Ende erfolgreich aber ganz alleine (mit der Nachbarin wird es nicht so richtig, wohl weil ihm die Möglichkeit offen zu sein durch seinen Beruf versaut ist und er halt zu gut ist, um eine Frau anzulügen) vor seinem Spiegelbild – Lacan lässt grüßen und ich bin völlig begeistert!

Der Hamburger Tatort hat es mit der Einführung des Thrillers gewagt, die ausgetretenen Pfade zu verlassen und uns einen Kommissar völlig neuen Typs geschenkt – Danke dafür! Das ist eine willkommene Gabe und schöne Abwechslung, wenn wir an all den mal netten mal nervigen Klamauk denken, der uns in letzter Zeit vorgesetzt wurde, haben wir das wirklich verdient. Florian Baxmeyer als Regisseur, Johannes W. Betz und Peter Braun als Autorenteam – davon möchte ich mehr sehen!

Der Erbschleicher von Wahnmoching – oder – War das überhaupt ein Tatort?

Tatort aus München: „Der Gesang der toten Dinge“, 29.3., 20.15 Uhr

Gesamturteil ist mal wieder schwierig, da die altbekannte Genre-Frage für Verwirrung sorgt.

Als Krimi ne 3 als mundartlicher Erbschleicher-Klamauk ne 1- ergibt zusammen eine gnädige 2-.

Die Esoterik gehört zu München wie das Suizidale zu Wien – es ist ein ewiger Mythos und ein stets gern genommener literarischer Topos. Den besten Roman zu dieser transzendentalen Spinnerei und den illustren charismatischen Figuren, die sich an der Isar tummeln, hat Franziska zu Reventlow bereits 1913  geschrieben. (Unbedingt nachlesen: Herrn Dames Aufzeichnungen…) Sie war als Königin der Schwabinger Bohème mitten unter den „Enormen“ und hat an Faschingsgelagen sowie spiritistischen Sitzungen mit den Kosmikern teilgenommen. Der Hang zur Esoterik, erschien ihr wohl damals schon albern und pathetisch und deshalb schuf sie den Namen „Wahnmoching“ für Schwabing – mehr als ein Ortsteil sei es, vielmehr eine geistige Bewegung, ein Niveau, eine Richtung, ein Protest, ein neuer Kult oder vielmehr der Versuch, aus uralten Kulten wieder neue religiöse Möglichkeiten zu gewinnen“.

Der gestrige Tatort zeigt uns: Wahnmoching erfreut sich auch 100 Jahre später noch bester Gesundheit. Die Esoteriker-Familie, die im Münchener Tatort ihr Unwesen treibt, hängt allerdings nicht den antiken dionysischen Kulten an, sondern wurschtelt sich mit einer Mischung aus altkatholischer Marien- und Engelverehrung, Astrologie, germanischem Runenlesen und pseudowissenschaftlichen Methoden durch. Die neuen Möglichkeiten, die sie aus diesen uralten Kulten gewinnen, sind dabei weniger religiös als materiell. Sie nutzen ihre „Gaben“ (zum Beispiel den direkten Kontakt zu den Erzengeln Gabriel und Uriel) um den weniger übersinnlich ausgestatteten Menschen das Geld über telefonische Beratung bei ihrem Astro-Fernsehsender aus der Tasche zu ziehen. Kein Wunder, dass es da auch mal Ärger mit dem verlassenen Ehemann gibt, wenn man der Ratsuchenden klipp und klar sagt: „Sein Mars in deinem Aszendenten, das geht einfach nicht!“ Aber ob das gleich für einen Mord reicht? Nein – tut es nicht, der Geschädigte hat lediglich die Katze der ätherischen Familie entführt. Dieser Nebenstrang ist allerdings so halbherzig eingeführt, dass kein Zuschauer wohl ernsthaft in Erwägung gezogen hat, es könne sich hier um den Mörder handeln. Ist aber auch egal, denn dieser Münchener Tatort ist von seiner Genre-Heimat Krimi nun wirklich meilenweit entfernt.

Genau wie Chloe schon letzte Woche, muss ich konstatieren, hier steht der Klamauk an erster Stelle. Lediglich eine touristisch wirksame Verfolgungsjagd durch den Nymphenburger Schlosspark kam bei der Suche nach dem Catnapper raus und ein retardierendes Moment, denn wären die Kommissare nicht dem Falschen hinterhergerannt, hätten sie von der guten Hexe Fefi ja gleich erfahren, was passiert ist und der Tatort hätte nur eine Stunde gedauert, dann wären aber noch so viele komödiantische Einfälle rund ums Esoterik-Thema und so viele bunte Bilder übrig gewesen.

Der Fall ist kurz gesagt der Freitod einer sterbenskranken Frau, die sich ohnehin nicht heimisch auf dieser Welt fühlte, der Suizid wird vom habgierigen Stiefvater zum Mord ummanipuliert und dem Ehemann in die Schuhe geschoben. Schließlich gibt es eine Villa und ein Esoterik-Imperium zu erben. Der fälschlich Belastete hat leider nur die Fürsprache der Jungfrau Maria als Alibi zur Verfügung und das ist nicht juristisch wirksam. Trotzdem begeht der Stiefvater, um das Komplott zu decken, zwei Mordversuche, die beide ohne die gewünschte Folge bleiben. Eine Schnitzeljagd mit der charmanten Kräuterhexe Fefi (zauberhaft gespielt von der großartigen Irm Hermann), die die Vertraute der Selbstmörderin war und alles von Anfang an gewusst hat, bringt die Kommissare Batic und Leitmayr auf die richtige Spur und schließlich gelingt die Überführung des Stiefvaters mittels einer kleinen Intrige.  That’s it, der Rest ist Mundart-Boulevard auf höherem Niveau.

Eine nette kleine Erbschleicherkomödie ist herausgekommen mit allen guten Zutaten der Trivialliteratur: Eine dicke Villa, eine gute Portion Exotik (die Esoteriker sind halt komplett durchgeknallt mit ihren Räucherstäbchen, wallenden Gewändern und Trance-Zuständen), ein Ehedrama (der Mann der Selbstmörderin hatte was mit ihrer besten Freundin) und lauter schöne Gegensätze: Die guten und die bösen Hexen, Aura-Gläubige und Skeptiker, Jogger und Nordic-Walker, alte Kommissare mit existenzialistischer Vorgehensweise und junge Kollegin mit pragmatischer schweizer Präzisionsarbeit und nervtötendem Akzent (den unvergessenen Karlo wünscht man sich da wirklich zurück, aber offensichtlich brauchen die beiden Grantler eine Frischzellenkur). Bei so einem dienstalten Ermittler-Paar ist wahrscheinlich einfach schon jede mögliche Krimihandlung auserzählt und deshalb weicht man jetzt mit den alternden Helden aufs komische Fach und auf ein erweitertes Rollenspektrum aus.

Heraus kommt dabei ein verspieltes vollgestopftes Etwas, das ich wahrscheinlich furchtbar gefunden hätte, wäre da nicht die gute Kräuterhexe, deren Figur ein wenig komplexer angelegt ist als der Rest. Die spleenige gut gelaunte Alte hat so etwas wie „das zweite Gesicht“, nützt es aber nicht finanziell aus und verwahrt sich gegen allzu übersinnliche Deutungen. Ihre kauzigen Hobbys sind aus Geräuschen von quietschenden Türen Musik zusammenzuscheiden (daher der Titel „Gesang der toten Dinge“) und von ihrem Hund begleitet nachts (selbst singend) durch den Park zu radeln. Kräuter sammelt sie auch, aber wenn jemand wirklich krank ist, schickt sie ihn zum Arzt, den Mordanschlag auf die Gretl-Tante im Altenheim verhindert sie gemeinsam mit einer Armee von Siechen und Alten. Und dann hat sie noch eine Eigenschaft, die die liebe Chloe in absolute Verzückung versetzen wird: sie spricht am liebsten in Reimen!

Wenn ich mir das so überlege, den nächsten Batic und Leitmayr Tatort würde ich liebend gerne gegen einen Film mit dieser bayerischen Hexe Marple eintauschen, fasst schon schade, dass diese Figur für einen Tatort verbraten wurde, ich würde davon gerne mehr sehen, das liegt natürlich vor allem an der Schauspielkunst von Irm Hermann, aber schon auch am Konzept der Figur.

Fefi for President!

P.S.: Das mit den Hunden – ist das jetzt ein Running Gag? Muss jetzt in jedem Tatort ein Hund vorkommen, möglichst mit komischem Namen?